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7000 Kilometer Bikepacking-Tour: European Connection

Vom nordöstlichsten Rand Europas bis an sein südwestliches Ende. Auf dem European Connection Trail durchquerte Markus Weinberg auf seinem Gravelbike den gesamten Kontinent – mehr als 7000 Kilometer Bikepacking, ohne ein einziges Mal seinen Pass zu brauchen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)


Startpunkt Grense Jakobselv. Hier an der Barentssee beginnt der European Connection Trail, aber auch der Divide Trail und der EV13-Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs.

Am Morgen des 11. August 2025 stehe ich am Rand Europas, im norwegischen Grense Jakobselv. Vor mir die Barentssee, ruhig und salzig, als hielte sie den Atem an. Neben mir die Grenze zu Russland – eine unsichtbare Linie: militärisches Sperrgebiet, Geschichte, geopolitische Spannung. Doch hier auf dem Felsen im Meer, am nordöstlichsten Punkt der Landgrenze, wo zwei Welten aufeinandertreffen, beginnt Europa leise. Nur eine Möwe schwebt krächzend über der Szenerie und den Grenzen.
Kein offizieller Start, kein Applaus, nur der Moment, in dem sich eine Jahre alte Idee in ein leises Jetzt verwandelt. Hier schwinge ich mich aufs Gravelbike und beginne meine Bikepacking-Reise auf dem European Connection Trail. Nicht, um Rekorde zu jagen, sondern um Europa zu erfahren, zu spüren, das Verbindende zu erleben. Ich will zuhören. Ich will sammeln und erzählen: Geschichten, Stimmen, Stimmungen, Kilometer um Kilometer. Auch als Filmemacher, Journalist und ehemaliger Radprofi ist solch eine Tour eine Besonderheit, die mich auch dann noch begleiten wird, wenn ich längst wieder zu Hause sein werde. Auf dem kleinen Parkplatz am Ende der Welt stehen ein paar Wohnmobile aus halb Europa, um den Walen im abendrotschimmernden Wasser beim Spielen zuzuschauen. An diesem entschleunigten Ort starten zwei fixe Routen: der Iron Curtain Trail – der europäische Fernradweg EV13, der entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs bis ans Schwarze Meer führt und über den Anna Salentin das Buch ‚Iron Woman‘ geschrieben hat, sowie der Divide Trail, welcher mir bei der Planung als Orientierung diente. Anstelle des Wortes „divide“ (trennen, teilen, Wasserscheide) nutze ich jedoch lieber „connection“ (Verbindung), passe die Route an und erweitere sie auf 14 Länder statt der eigentlichen neun, inklusive der sechs Länder, aus denen sich später die erweiterte EU entwickelt hat: Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Italien, Deutschland. Eine Linie vom nordöstlichsten Punkt des Kontinents bis an sein südwestliches Ende, vom Rand der Barentssee bis zum Atlantik am Cabo de São Vicente in Portugal.
Mit dieser Route, dieser Vision im Gepäck, klicke ich am frühen Nachmittag in meine Pedale und starte in den längsten Trail meines Lebens. Mehr als 7000 Kilometer liegen vor mir. Was mich erwartet, weiß ich nicht. Und genau das macht diesen Moment so klar. Der nördliche Wind schiebt mich förmlich hinein in den Kontinent, als wolle er sagen: „Geh, schau, hör zu!“ Die Küste überrascht mich mit ihrem Grün, von Licht getränkt, weich und ohne Pathos. Bereits nach wenigen Metern bleibe ich stehen und komme ins Gespräch. „Ach, so einer bist du“, sagt eine Frau lächelnd – einer von jenen, die hier starten, um Europa der Länge nach zu erfahren. Sie strahlt eine Ruhe aus, einen Frieden, der selbstverständlich wirkt, als würde es keine Grenzen geben.
Schon auf den ersten Kilometern beginne ich, kurze Videos aufzunehmen. Keine Inszenierung, nur Fragmente. Meine Hände am Lenker. Der Blick nach vorne. Das Wasser hinter mir. Auf Instagram schreibe ich später: „Es ist schön, nicht sofort Vollgas geben zu müssen. Langsam anfangen. Sich nach und nach wieder an alles gewöhnen.“

7000 km auf dem Gravelbike – so entsteht ein einzigartiger Blick auf 14 Länder Europas.

Eine Reise, die bewegt

Die Reaktionen auf meine Posts und ersten Berichterstattungen kommen schnell, prägen fortan meine Reise und kosten auch viel Zeit. Ich erhalte Einladungen, manche wünschen mir Glück, andere erzählen von eigenen Grenzerfahrungen. Europa antwortet digital, fragmentiert, aber präsent. Ich merke, dass diese Reise nicht nur meine ist. Sie bewegt.
Während ich weiter entlang der geschlossenen russischen Grenze rolle, wird das Knirschen der Reifen mein gleichmäßiger Takt für die nächsten sieben Wochen. Landschaft, Weite, die erste Stille. Und zugleich das Gefühl: Europa beginnt nicht in Menschenmengen, sondern im Raum dazwischen.
Kirkenes empfängt mich bereits nach 60 Kilometern mit Regen und Erinnerungen. In seinem Sportgeschäft erzählt mir Theo vom Verlust der russischen Kundinnen und Kunden, als sei ihm ein Stück Alltag aus den Händen geglitten. Am sowjetischen Ehrenmal stehe ich als Deutscher vor der Soldatenfigur, die an die Befreiung Europas vom Faschismus erinnert und stehe gleichzeitig neben einem Auto mit der Aufschrift „Stop War – Stop Putin“. Die ganze Zerrissenheit der Vergangenheit und Gegenwart an einem Ort.
Ich treffe auf Fabian, der, staubig vom NorthCape4000, die Ruhe des Angekommenen in sich trägt. Sein Satz bleibt hängen: „Europa ist riesig und doch so klein.“ Ich merke ihn mir, ohne zu ahnen, wie oft er mir später begegnen wird.
Die Grenze zu Finnland überquere ich fast unbemerkt. Ein Schild – „Suomi, Suopma, Finland“ – sonst nichts. Und doch verändert sich das Gefühl. Die Wälder rücken näher, die Seen spiegeln ein Licht, das die Tage verlängert. Im Gebiet der Skolt-Sami lerne ich, wie viel Geschichte im Verborgenen lebt und vergeht. Ich bade in kalten Seen, zelte am Ufer, sammle die Stimmen der Menschen, denen ich begegne, in meiner Instagram-Serie „People of Europe“. Oft sind sie von der Frage nach Europa überrascht, dann nachdenklich, klare Antworten fallen vielen schwer. Mein Eindruck: Freiheiten merken wir oft erst, wenn wir beginnen, sie zu verlieren. Nicht laut, nicht pathetisch – aber wahr.
In Äkäslompolo wartet eine Überraschung. Alan, den ich vor 16 Jahren in Dresden beherbergt hatte, hat mich über Social Media wiedergefunden. Finnland schenkt keine halben Einladungen – also fahre ich vorbei. In der Sauna, zwischen Hitze und Schweigen, reden wir über Identität, Zugehörigkeit und die langen Schatten der Geschichte an der Grenze zu Russland. Es ist eine Begegnung, die nachhallt wie ein tiefer Atemzug.
Schweden begrüßt mich fast beiläufig. Keine sichtbare Grenze. Ich überquere eine kleine Brücke, davor ein Schild mit der Aufschrift „Ruotsi – Sverige“. Fast an der 1000-Kilometer-Marke, erreiche ich den Arctic Circle – den nördlichen Polarkreis. Ich mache ein Foto, nur ein kurzer Halt, dann geht es weiter. Skandinavien verlangt Geduld: Regen, Kälte, lange Straßen. Doch ich spüre wieder, dass Stille nicht Leere ist.

„Europa ist riesig und doch so klein.“

Berührende Begegnungen

Menschen kreuzen meinen Weg: Li mit ihrem Laden im Wald; Kari, Hüter der einzigen Tankstelle weit und breit; Jenny vom indigenen Volk der Samen, die deren Traditionen bewahrt und doch ein modernes Leben im Hier und Jetzt führt; Thomas aus Deutschland, der Europa radelnd begreift, oder die beiden Jungen mit dem Gewehr in der Hand – auf Bärenjagd. Aus diesen Begegnungen entsteht ein Mosaik, das mehr erzählt als jede Statistik. In Göteborg übernachte ich bei Robert und ahne, wie Europa sich verändert: steigende Preise, neue Skylines, anhaltender Wandel. Die Globalisierung frisst Arbeitsplätze, doch die Freiheit schafft Raum für Bewegung.
Mit der Fähre nach Dänemark wird Europa strukturierter. Wege, Hütten, Unterstände – ein Netz, das trägt.
Sinnbildlich dafür ist die „Shelter“-App, in der mehr als zweitausend freie Übernachtungsplätze verzeichnet sind. In Deutschland probiere ich die Übernachtungsplattform „1Nite Tent“ aus und stelle kostenfrei mein Zelt für eine Nacht auf die Wiese meiner Gastgeber*innen. Eine Suppe nach 160 Kilometern schmeckt im Kreis einer Großfamilie wie ein Zuhause auf Zeit. Auch Bargeld wird zum Thema bzw. dessen Fehlen. Bis hierher komplett bargeldlos, digital unterwegs, benötige ich nach fünf Kilometern in Deutschland 50 Cent in Cash für die Toilette. Ich poste einen augenzwinkernden Kommentar. Kleine Beobachtungen erzählen manchmal mehr über Europa als große Reden.
Hamburg schenkt mir einen Moment des Innehaltens und der Begegnungen. Bei Globetrotter spreche ich über meine Reise und auch mein Rad bekommt etwas Aufmerksamkeit. In Cloppenburg empfängt mich das Team meines Radsponsors Focus und begleitet mich in einem schnellen Feierabendritt 30 Kilometer weit Richtung Portugal. Realitäts-Check. Partnerschaften. Begegnungen wie diese sind kleine Knotenpunkte – Fäden, die sich kreuzen.

Eingeladen ins Europaparlament in Straßburg. Auf einer eigens anberaumten Pressekonferenz durfte Markus seine Idee, seine Erfahrungen und die Stimmen der Menschen, denen er begegnet war, präsentieren – und wieder-geben, was Europa bewegt.

Verdienter Abschluss: Am Ziel wartet an der bekannten Imbissbude die „Letzte Bratwurst vor Amerika“ – mit dem deutschen Inhaber Wolfgang Bald.

Montanunion bis Schengenraum

Dinslaken–Maastricht. Zwei ungleiche Etappenorte, die dennoch wie zwei Säulen der europäischen Idee wirken. Die eine unbekannt, steht für Kohle und Stahl, die andere ragt heraus für Verträge und Visionen. In Maastricht begreife ich deutlicher, was viele meiner Interviews andeuten: Europa wird oft gefühlt, selten erlebt und noch seltener neu gedacht. Als müsse erst eine Sprache gefunden werden, bevor die Idee wieder leuchten kann. Bildet 1957 die Montanunion für Kohle und Stahl einen ersten Pfeiler eines geeinten, durch Verknüpfung und Vergemeinschaftung befriedeten Europas, sorgt erst der Vertrag von Maastricht 1992 für ein organisiertes Europa, wie wir es heute kennen. Unfertig, suchend, ringend.
Über die belgische Eifel erreiche ich das hügelige Luxemburg und durchquere das Großherzogtum von Nord nach Süd, um es durch den kleinen Ort mit dem großen Namen, Schengen, ungebremst zu verlassen. Als wollte dieser Ort mit einem Beispiel für Reisefreiheit, offene Grenzen und dem Abhandensein von Kontrol-leur*innen und Hoheitszeichen mit gutem Beispiel vorangehen.
Dann beschleunigt sich der Takt. Ich muss Kilometer schaffen. Straßburg, eine Einladung ins Europäische Parlament. Pressekonferenz mit Matthias Ecke, SPD-EU-Abgeordneter aus Dresden. „What about Europe?“
Ich bringe die Stimmen der Menschen mit, ihre Wünsche, Sorgen, Hoffnungen. Die meisten Interviewten nehmen Europa wahr durch die offenen Grenzen, das freie Reisen. Wird diese Freiheit eingeschränkt, verliert Europa Vertrauen und Substanz. Dasselbe gilt für die freie Arbeitsplatzsuche im Unionsraum. Im Gespräch mit Christian Mangold, dem Generalsekretär für Kommunikation der EU, wird klar: Es gibt viel zu tun. Aber es lohnt sich, an die europäische Idee zu erinnern.
Noch am selben Abend rolle ich in die Schweiz, nach Basel, zum Grundeinkommen-Aktivisten Daniel Häni und verlasse kurz die EU. Ich suche verwundert die Grenze, wo niemand meinen Ausweis sehen möchte. „Willkommen im europäischsten Land, was es gibt“, sagt Daniel lachend und ich verstehe, wie breit Europa eigentlich ist. In seiner ehemaligen Volksbank spricht er von mutigen demokratischen Ideen wie andere von Möbeln.
Schweiz–Italien–Frankreich–Andorra–Spanien – eine Woche, die atemlos vergeht, im Schnitt knapp 190 Kilometer am Tag. Alpenpässe, Tunnel, unendliche Abfahrten, römische Steine in Aosta, Stierhatzen in der Camargue, Mittelmeerstrand, eine Kletterpartie über die Pyrenäen nach Andorra. Nicht in der EU, auch nicht Teil von Schengen und dennoch möchte niemand meinen Ausweis sehen. Ich bezahle meine Cola in Euro, auf dem 2408 Meter hohen Pass, Port d’Envalira. Auch das ist Europa.
Spanien überrascht mit neuen kulturellen Eindrücken, trocken, oft einsam. Ich halte einen Vortrag in Boltaña, auf der europäischen Mountainbike-Konferenz Connected by Trails der IMBA (International Mountain Bicycling Association). Europa wird als Netzwerk sichtbar, wenn Menschen sich begegnen.
Dann die Bremse: In Córdoba habe ich Corona, 550 Kilometer vor dem Ende. Zwei Tage im Hostelbett statt im Zelt, dann weiter, langsam, vorsichtig. 20 Kilometer, Pause. Wieder 20, den Puls unter 130 haltend. Eine andere Form von Ausdauer. Langsam und trotzdem komme ich dem Ziel meiner Reise immer näher.
Am 28. September 2025 erreiche ich das Cabo de São Vicente. Der Atlantik weitet sich, der Leuchtturm blinkt und an einer kleinen Bude wartet die versprochene „Letzte Bratwurst vor Amerika“. Ich werde langsamer, nicht, weil mir die Kraft fehlt, sondern weil ich nicht will, dass dieser Moment zu schnell endet.
Europa ist kein abstrakter Raum. Europa sind die Stimmen, die mir begegnet sind, versammelt in meiner Serie „People of Europe“: die Türen, die sich öffneten, die Grenzen, die nicht kontrolliert wurden, das „Komm rein“ nach einem langen Tag, die Stille am Morgen im Zelt, das Rauschen der Pässe, die Müden, die Hoffenden, jene, die bleiben, und jene, die unterwegs sind – alles das ist Europa. 7000 Kilometer. 14 Länder. 47 Fahrtage. Und das Gefühl, dass Freiheit ein zartes Gut ist – kostbar, solange sie da ist, schmerzlich, wenn sie zu bröckeln beginnt. Vielleicht braucht Europa eine neue Erzählung. Vielleicht beginnt sie nicht in Parlamenten, sondern am Straßenrand. Vielleicht entsteht sie, wenn wir weiterfahren, zuhören, erzählen – und die Fäden nicht loslassen.
Kurz nach diesem Artikel erscheint mein Buch über die Tour: „Fahrrad, Freiheit, Europa“. Bis dahin schreibe ich weiter – und trage die Stimmen mit mir.


Bilder: Tim Wessolleck, Daniel Rintz, Markus Weinberg, Javier Sobremazas, Christian Neumann

Grafik: Jana Marten