Alleskönner Lieblingsrad
Die Räder, mit denen Menschen zur Arbeit und zum Einkaufen fahren, gelten in der Fahrradwelt selten als das aufregendste Thema. Vielleicht zu Unrecht. Schon ihre wirtschaftliche Bedeutung und die Bedeutung für den Alltag der Menschen sollte dafür sorgen, dass hier genau hingeschaut und positioniert wird. Weshalb Alltagsräder emotionaler werden sollten und welche Schwerpunkte von Industrie und Handel im nächsten Jahr gesetzt werden.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2026, September 2026)

Wie die Vielseitigkeit bei den Spezifikationen abgebildet werden kann, zeigt unter anderem Riese & Müller.
Wer im kommenden Frühjahr ein Alltagsrad kaufen will, wird womöglich Mühe haben, es einer Kategorie zuzuordnen. Was City, Trekking, SUV und Gravel voneinander trennt, lässt sich immer schwerer benennen, und die Hersteller beschreiben das übereinstimmend als den prägenden Vorgang der Saison. „Die Zeiten starrer Kategorien wie reinrassiges Citybike oder klassisches Trekkingrad sind zunehmend vorbei“, heißt es aus bei Raymon. „Statt immer neuer Segmente beobachten wir eine Konsolidierung.“
Jan Begemann, Geschäftsführer von Kettler Alu-Rad, führt das auf die Technik zurück. „Die Cityräder bekommen immer breitere Reifen, die Trekkingräder ebenfalls und SUVs gibt es immer häufiger mit Nabenschaltung und Riemenantrieb“, sagt er. „Diese Kategorien verschmelzen immer mehr, letztlich immer mit dem Ziel, dem Kunden ein Rad zu bieten, das möglichst wartungsarm ist und mit jedem Untergrund bestmöglich zurechtkommt.“ Möglich gemacht hätten das stärkere Antriebe und größere Akkus. „Dadurch sind andere Anforderungen, wie zum Beispiel Gewicht und Rollwiderstand, in den Hintergrund gerückt.“
Ob das ein Fortschritt oder ein Notbehelf ist, sehen die Beteiligten allerdings unterschiedlich. Alex Thusbass, Geschäftsführer von Hepha, hält die neue Vielseitigkeit für ein Symptom. „Kunden zweckentfremden Kategorien für die Stadt, da die angebotenen noch nicht deren Bedürfnissen oder Motivationen entsprechen“, sagt er. Benjamin Wenz, Pressesprecher von Riese & Müller, liest darin dagegen schlicht die Nachfrage. „Viele Menschen suchen heute kein Fahrrad mehr für nur einen bestimmten Zweck, sondern ein vielseitiges Bike, das den täglichen Weg zur Arbeit, Einkäufe, Freizeit und Wochenendausflüge abdeckt.“
Automatik ja, ABS eher nicht
Die Automatikschaltung ist im Alltagssegment angekommen, und zwar so deutlich, dass selbst die Skeptiker umgeschwenkt sind. „Ich selbst war lange Zeit kein großer Freund von automatischen Schaltungen, weil sie nicht vorausschauend und dadurch immer zu spät geschaltet haben“, sagt Begemann. „Dieses Problem haben die Hersteller aber immer besser in den Griff bekommen, so dass die heutige Schaltperformance bei Alltagsrädern wirklich hervorragend ist.“ Andrea Escher, Brand Communications Managerin bei Moustache, bringt das Ergebnis dieser Entwicklung auf den Punkt. „Die Automatikschaltung ist aus unserem Portfolio nicht mehr wegzudenken.“ Bei Riese & Müller reicht die Vorgeschichte weit zurück. „Automatikschaltung haben wir seit dem Jahr 2013 im Programm“, sagt Wenz.
Bei ABS herrscht nach wie vor starke Zurückhaltung im Markt. „Ich würde es mir wünschen, aber bisher sind die Zusatzkosten nur schwer zu vermitteln“, sagt Begemann. Riese & Müller ist das einzige Haus mit einer aktiven Position und stattet seit Einführung des Bosch eBike ABS zahlreiche Modelle optional damit aus, doch auch Wenz schränkt ein. „Funktionen wie automatische Schaltungen und ABS werden zunehmend konfiguriert, sind jedoch noch nicht bei allen E-Bikes selbstverständlich. Das liegt unter anderem an den zusätzlichen Kosten und daran, dass die Technologien bislang vor allem im Premium-Segment angeboten werden.“ Wer auf den flächendeckenden Durchbruch des Fahrrad-ABS gewartet hat, wird auch 2027 warten. Allerdings hört man etwa von Blubrake von deutlichen Kostensenkungen für das Fahrrad-ABS.
Dienstrad-Leasing, Förderprogramme, Radwege oder Abstellanlagen sind Markttreiber.
Das Schloss reicht nicht mehr
Einig sind sich alle beim Diebstahlschutz, jedenfalls auf der Ebene der Ausstattung. Das physische Schloss bekommt künftig überall eine digitale Ergänzung, bei Raymon über das Apple-Netzwerk oder aktives GPS- und LTE-Tracking, bei Riese & Müller über den RX-Chip, bei Moustache über Tracker und digitales Schloss. Wenz leitet den Bedarf aus dem Preisniveau ab. „Immer mehr Kundinnen und Kunden investieren heutzutage sehr bewusst in ein Premium-Produkt, mit dem sie ihr Auto zuverlässig ersetzen können. Damit steigt auch der Bedarf an effektivem Diebstahlschutz, der neben einem soliden Schloss auch eine digitale Sicherheitsebene umfassen sollte.“
Über die Marktreife gehen die Einschätzungen weit auseinander. „In Deutschland ist es immer noch ein untergeordnetes Thema. In den Niederlanden hingegen ist es vollkommen anders“, sagt Begemann. „Dort verlangen alle relevanten Fahrradversicherungen mittlerweile den Einsatz von GPS-Trackern. Die schützen genau genommen natürlich nicht vor Diebstahl. Aber im Fall des Falles wird man schneller darauf aufmerksam und kann entsprechende Maßnahmen einleiten und eine Rückholung organisieren.“
Thusbass macht aus der Ausstattungsfrage eine Grundbedingung. Nötig sei „ein wirklich funktionierender Diebstahlschutz als Voraussetzung für eine echte Integration im urbanen Alltag“. Dazu gehörten „aufbruchsichere, integrierte Wegfahrsperren sowie Versicherungslösungen“. Seine Perspektive orientiert sich am bisherigen Champion der Straße, dem Auto. „E-Bikes müssen parken lernen, wie die Blaupause Automotive in den 70er- und 80er-Jahren.“ Hochwertige E-Bikes sieht man, von der Ausnahme Lastenrad abgesehen, bis heute nicht am Laternenmast herumstehen. Sichere Abstellmöglichkeiten und die genannten Maßnahmen könnten einen großen Effekt auf die Alltagsmobilität haben. Dabei geht es nicht nur um die gefühlte Sicherheit. Auch auf allen anderen Ebenen spielen Emotionen eine Rolle.



Am Alltagsrad verschwinden die verschiedenen Kategorien. Die Menschen erwarten Räder, die für fast alles gewappnet sind.
Emotion als Differenzierungsfläche
„Alltagsräder müssen heute weit mehr leisten, als Menschen lediglich von A nach B zu bringen“, heißt es bei Raymon. „Eine cleane Optik mit vollständig integrierten Zügen, frische Trendfarben und sportliche Silhouetten machen aus einem funktionalen Alltagsrad ein echtes Lifestyle-Statement. Das tägliche Pendeln soll sich nicht nur praktisch, sondern auch gut anfühlen.“ Das „gute Gefühl“ auf dem Rad kommt nicht nur durch allerfeinste Technik zustande.
Escher meldet das Alltagssegment als die im Haus am stärksten wachsende Kategorie. „Typisch Moustache spielt der hohe Designanspruch bei uns schon immer eine große Rolle“, sagt sie. „Unsere Philosophie ist es, das Rad ganzheitlich zu denken und den Nutzer mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund zu stellen.“ Für Thusbass wird der Wert von Design besonders sichtbar, wenn man historische Parallelen zieht. „Ja, Mobility-E-Bikes können, müssen und werden emotionaler werden“, sagt er, „vergleichbar mit Kombis beim Auto oder dem Telefon, einst völlig emotionsloser Plastikhaufen im Gang, heute das Lifestyle-Accessoire überhaupt“.
Wenz sucht die Emotion weniger in der Silhouette als in der täglichen Erfahrung. „Gerade wenn ein Produkt täglich zum Einsatz kommt, sind die Ansprüche daran besonders hoch. Werden diese erfüllt, kann man sich jedoch auch jeden Tag aufs Neue daran erfreuen.“ Und weiter, „nur wer sich auf dem Bike wohlfühlt und gerne damit unterwegs ist, wird es regelmäßig und selbstverständlich nutzen“.
Ob ein Rennlenker am Trekkingrad das Alltagsrad aufwertet, hält Begemann schon für die falsche Frage. „Ich glaube, diese Frage würde nur jemand stellen, der selbst keine Alltagsräder fährt“, sagt er. „Nur weil ein Fahrrad Schutzbleche und Beleuchtung hat, ist es noch lange nicht langweilig zu fahren. Alltagsräder mögen im Auge des sportlichen Betrachters langweilig aussehen, aber sie sind in vielerlei Hinsicht in ihren Fahreigenschaften und ihrer Ergonomie perfekt auf ihren Einsatzzweck ausgerichtet und machen sehr viel Fahrfreude.“ Sein Bild dazu: „Eine Harley Davidson sieht viel cooler aus als ein langweiliges BMW-Motorrad. Aber wer schon mal versucht hat, sich mit einer Harley zügig durch enge Straßen und viele Kurven im Stadtverkehr zu bewegen, wünscht sich nach kurzer Zeit eine BMW.“
Bei Raymon sieht man beide Seiten der Dropbar-Medaille. Die gefällige Optik wird erkauft mit Eigenschaften, die vielleicht nicht jedem und jeder taugen. „Allerdings wird der ikonische Rennlenker von vielen Alltagsfahrerinnen und Alltagsfahrern unterschätzt. Er lässt sich nachträglich nur schwer umrüsten, und die damit verbundene sportliche Sitzposition kann auf längeren Alltagsstrecken zu anspruchsvoll sein.“
Nabenmotor als Taktgeber
Bei den konkreten Produkten laufen die Ankündigungen auf Gewicht und Preis zu, und auffällig oft auf einen einzigen Zulieferer. „Mit dem Veya bringen wir 2027 eine komplett neu entwickelte Modellreihe auf den Markt, die ein geringes Gewicht, eine hohe Fahrperformance und Alltagstauglichkeit in einer neuen Form vereint“, sagt Wenz und grenzt sich zugleich nach oben ab. „Dabei gehen wir deutlich über die am Markt übliche Kombination aus Bosch-Performance-Line-SX-Motor und 400-Wh-Akku hinaus.“
Am unteren Ende rückt dagegen eine Bauform zurück ins Zentrum, die im Alltagssegment lange als überholt galt. Moustache baut das neue Lundi 27 um einen Nabenmotor der Bosch Hub Line herum, 3,5 Kilogramm leichter als der Vorgänger und ab 2399 Euro erhältlich. Das Rad erleichtere „das Umsteigen aufs E-Bike und macht die Alltagsmobilität auf zwei Rädern auch jungem Publikum schmackhaft“, sagt Escher. Hepha setzt ebenfalls auf „kompakte, leichte, weniger starke Nabenmotoren, die in der Stadt und in der Ebene völlig ausreichen“, und kündigt Modelle unterhalb von 2000 Euro an. Dort kommt allerdings nicht Bosch, sondern der Shooting-Star Gobao zum Zug. Rekuperation, vollautomatisches Schalten und einfachste Bedienung inklusive. Nach mehr als einem Jahrzehnt Mittelmotor-Orthodoxie ist der Nabenmotor im Alltagssegment damit mit bemerkenswerter Macht zurück.
Auf die Frage nach dem Unterschiedsfaktor im Modelljahr 2027 antworten die meisten Häuser mit Produktargumenten, mit Sortimentsbreite, neuen Baureihen und Preispunkten. Begemann sieht daneben die Bedeutung der allgemeinen Lage im Fahrradmarkt. „Wir erleben seit einigen Jahren eine Marktsituation, in der es in erster Linie nicht um Technik geht“, sagt er. „Unser Problem ist, dass wir als Fahrradbranche uns im Corona-Wahn den Markt kollektiv selbst zerstört haben. Die wenigen guten Verkaufsjahre 2020 und 2021 haben zu Gier und Größenwahn auf allen Ebenen geführt, die dadurch resultierenden Überbestände zu Preisverfall.“ Und weiter, „die Gewinne sind längst aufgebraucht, wir bräuchten dringend wieder wirtschaftliche Margen, aber die Preisstruktur ist im Keller und keiner traut sich, seine Preise wieder auf ein wirtschaftlich notwendiges Niveau anzuheben“. Sein Schluss daraus fällt entsprechend aus. „Den Unterschied machen momentan finanzielle Reserven und die Frage, wer welche Preise am Markt erzielen kann.“
Schwierige wirtschaftliche Lage trotz Techniktrends
Diese Haltung ist am Sortiment ablesbar. „Wir haben nur geringe Veränderungen und an diversen Stellen Ergänzungen vorgenommen“, sagt Begemann. „Der eigentliche Fokus liegt darauf, dem Händler Konstanz zu bieten. Wir sind längst vom branchenüblichen Modelljahreszy-klus abgewichen und lassen unser Kernsortiment über drei bis vier Jahre praktisch unverändert.“ Der Nutzen liege beim Handel, nämlich „eine zuverlässige Planung über mehrere Jahre ohne erzwungenen Abverkauf, weil im nächsten Jahr ein vermeintlich neues Modell erscheint, das sich vom alten Modell darin unterscheidet, dass es eine andere Klingel hat“.
Bei der Betrachtung der Alltagsmobilität auf dem Fahrrad muss man sich zum Ende hin klarmachen, dass es hier um die Themen geht, die direkt im Einflussbereich der Industrie liegen. Dienstrad-Leasing, Förderprogramme, Radwege oder Abstellanlagen sind ihrerseits Markttreiber, die aber nicht mehr direkt mit der Produktentwicklung zusammenhängen. Vielleicht noch ein bisschen mehr als in anderen Segmenten entscheidet sich der Erfolg der Alltagsräder an Infrastrukturfragen. Aber bei so tollen Produkten werden sicher bald noch viel mehr Radwege gebaut. Man wird ja noch hoffen dürfen.
Bilder: Riese & Müller, Raymon, Hepha, Moustache

Hepha
Riese & Müller
Philipp Hympendahl
Lotte Ostermann
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