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„Bei Spezialrädern merkt man, ob Infrastruktur wirklich für alle gedacht ist“

Nicht erst seit die prominente Londoner Urbanistin Lucy Saunders 2023 zu Gast war, setzt sich Kirsten Hase von Hase Bikes am Unternehmensstandort Waltrop in Nordrhein-Westfalen dafür ein, den öffentlichen Raum umzugestalten. Wie sie im Interview mit Veloplan erzählt, hat das Team des Spezialradherstellers insbesondere auf den Radverkehr einen besonderen Blick.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2026, September 2026)


Die Spezialräder von Hase Bikes sind für Menschen mit körperlichen Einschränkungen als Mobilitätslösung gefragt. Für diese Fahrräder ist es besonders wichtig, dass Radwege breit genug sind.

Wie engagiert sich die Firma Hase Bikes politisch in der Stadt Waltrop?
Kirsten Hase: Seit unserem Einzug in die erste Halle, das alte Magazin der Zeche Waltrop, im Jahr 2001, haben wir immer wieder Aktionen gestartet, bei denen Menschen für einige Wochen ihr Auto gegen ein Fahrrad eingetauscht haben. Wir haben auch Fahrraddemos initiiert. Als Fahrradhersteller haben wir ein Interesse daran, dass Städte für Fahrräder, insbesondere auch für Dreiräder, gut nutzbar sind. Wenn man überall nur Parkplätze für Autos sieht und Radwege zum Teil im Nichts enden, motiviert das, sich einzubringen und Veränderungen anzustoßen. Mein politisches Engagement geht darüber hinaus: Vor ein paar Jahren bin ich den Grünen beigetreten, weil ich dort eine politische Schnittstelle gesehen habe, um etwas bewegen zu können.
Ich war im Stadtentwicklungsausschuss und habe gemerkt, dass Veränderungen Zeit brauchen, da Entscheidungen demokratisch getroffen werden müssen. Ich versuche dabei immer lösungsorientiert zu sein. Mir geht es nicht darum, Parkplätze zu beseitigen, denn dafür findet man häufig ohnehin keine Mehrheiten. Mir geht es darum, etwas für die Menschen zu tun. Deshalb hat mich der „Healthy Streets“-Ansatz von Lucy Saunders so überzeugt: Er richtet sich nicht gegen Autos, sondern stellt die Menschen in den Mittelpunkt. Ich kam auf die Idee, sie einzuladen, und fand es großartig, dass sie bereit war, nach Waltrop zu kommen. Sie spricht weltweit auf Fahrradkonferenzen, aber weil es ihr um die Sache geht, ist für sie auch eine Kleinstadt eine geeignete Bühne.

Auf Lucy Saunders kommen wir später zurück. Zunächst interessiert mich: Woher kommt bei Ihnen die persönliche Überzeugung vom Radfahren, aus der sich auch das Engagement vor Ort entwickelt hat?
Ich weiß nicht, ob bei jedem Fahrradhersteller die Menschen selbst viel Fahrrad fahren. Bei uns ist jedoch ein Kernpunkt, dass mein Mann Marec Hase, der die Firma gegründet hat, wirklich von der Sache überzeugt ist. Er fährt äußerst ungern Auto. Bereits mit zwölf Jahren hat er seine ersten Fahrzeuge aus Gartenstühlen gebaut.
Ich komme aus Hattingen, wo man eigentlich kein Auto braucht, weil die öffentlichen Verkehrsmittel sehr gut sind. In Waltrop ist man viel stärker auf das Auto angewiesen, auch weil es keinen Bahnhof gibt. Gleichzeitig ist die Stadt klein genug, um vieles vor Ort mit dem Rad zu erledigen. Insofern bin ich überzeugt davon, dass Radfahren eine attraktive Form der Mobilität ist.

Nicht nur am Unternehmensstandort in der Zeche Waltrop versucht das Team von Hase Bikes, die Gemeinde mitzugestalten.

Diese Überzeugung teilen Sie offenbar mit Lucy Saunders, die Sie 2023 in Waltrop zu Gast hatten und im Sommer 2026 gemeinsam mit dem Bürgermeister und der Stadtentwicklungsdezernentin Waltrops in London besucht haben. Wie ist die Verbindung zu Lucy Saunders entstanden, und was hat sie seither in Waltrop bewirkt?
Ich habe während der Corona-Zeit ein Youtube-Video von Lucy Saunders gesehen und ihr anschließend eine Mail geschickt, in der ich sie gefragt habe, ob sie sich einen Besuch in Waltrop vorstellen könnte. Sie hat sehr schnell geantwortet und wir haben zwei Stunden lang in einem Video-Call miteinander gesprochen. Mein Eindruck war: Sie kann sehr überzeugend vermitteln, worum es ihr geht. Wir haben sie zu uns nach Waltrop eingeladen und einen Rundgang durch die Stadt gemacht, an dem auch der Bürgermeister und die Stadtentwicklungsdezernentin teilgenommen haben – also die Akteure, die Veränderungen umsetzen können. Wir haben ihr kritische Punkte gezeigt, beispielsweise Plätze, an denen es für Menschen gefährlich ist, die Straße zu überqueren, oder Parkplätze, die sich an Stellen befinden, wo sich eigentlich Menschen aufhalten und zusammenkommen sollten. Lucy hat sehr schnell konkrete Vorschläge machen können, wie die Situation vor Ort für alle Beteiligten – Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer – verbessert werden könnte. Das müssen nicht immer große Veränderungen sein, manchmal reichen schon relativ kleine Änderungen.
Bei Lucy Saunders’ Vortrag in unserer Halle hatten wir Simultanübersetzer und weit über 100 Gäste da. Es waren auch viele Menschen aus der Lokalpolitik da, darunter Angehörige anderer Parteien, nicht nur der Grünen. Praktisch alle waren begeistert. Auf kommunaler Ebene kommt man nicht weiter, wenn man nicht zusammenarbeitet. Lucy gelingt es mit ihrer Art, Menschen zusammenzubringen – das zeigt sich auch in London.
Ursprünglich war geplant, drei Jahre nach ihrem Besuch in Waltrop gemeinsam mit ihr zu begutachten, was wir erreicht haben. Bislang ist das allerdings wenig: Zwei Plätze in der Innenstadt werden umgestaltet, fertig ist aber noch nichts. Deshalb haben wir die Initiative ergriffen. Wir sind zusammen mit dem Bürgermeister und einer Stadtentwicklungsdezernentin nach London und nach Herne Bay, einer Partnerstadt von Waltrop, gefahren, um uns dort anzuschauen, wie man Straßen nach dem „Healthy Streets“-Prinzip umgestalten kann.
Wir waren zwei Tage lang mit Lucy per Fahrrad in London unterwegs. Sie zeigte größere Bereiche, in denen man sich fragte: „Was, hier fahren nur noch Taxis und Busse?“ Zum Beispiel im Bankenviertel, wo man zunächst vermuten würde, dass die Menschen dort mit dem Auto zur Arbeit fahren wollen. Lucy hat mit dem Bürgermeister von London zusammen einen 20-Jahres-Plan entwickelt, der nach und nach umgesetzt wird. Sie ist damit sehr erfolgreich und zugleich ausgesprochen bodenständig.

Lucy Saunders, bekannt für ihren „Healthy-Streets“-Ansatz, war 2023 zu Gast in Waltrop. Mit dem Bürgermeister und einer Planerin haben Marec und Kirsten Hase sie in diesem Jahr in London besucht.

Was kann eine Stadt wie Waltrop von Ihren Erfahrungen in England übernehmen? Was würden Sie in Waltrop gern umgesetzt sehen?
Tatsächlich werden derzeit bereits größere Flächen umgestaltet. In Herne Bay gibt es die Waltrop Gardens, einen schönen kleinen Park. In Waltrop gibt es einen Parkplatz, der nach Herne Bay benannt wurde. Das ist grotesk. Wir wollen Menschen aus Herne Bay einladen, wenn dieser Parkplatz zu einem Ort umgestaltet wird, an dem Menschen sich wohlfühlen und gerne aufhalten. Statt Autos werden dann Bäume und Sitzgelegenheiten dort stehen.
Außerdem habe ich von Lucy Saunders mitgenommen, dass sie sehr pragmatisch denkt. Sie hat uns beispielsweise eine Stelle gezeigt, an der noch Autos fahren, die sich aber unmittelbar für den Fußverkehr umnutzen ließe, weil es dort keine hohen Bordsteinkanten gibt, die für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator ein großes Problem darstellen.
Mir ist noch etwas von unserer Tour mit Lucy in Erinnerung, das mich in London beeindruckt hat. Selbst in Straßen mit Parkplätzen für Autos gab es auf den Stellplätzen fast immer eine Fahrradgarage, in der Anwohner ihre Räder auf der Straße in einem abgeschlossenen Raum parken können. Meine Garage ist voller Fahrräder, obwohl dort eigentlich mein Auto stehen sollte. Fahrradabstellmöglichkeiten sind auch für Städte ein wichtiges Thema. Ich habe mich erkundigt, ob ich so etwas auch bei uns beantragen kann. Der Wirtschaftsförderer sagte, das sei möglich. Da habe ich wieder gemerkt: Entscheidend ist, konkrete Schritte anzustoßen. Dann sehen das auch andere Menschen und wollen es nachahmen.

Sie haben gesagt, Lucy Saunders zeichne aus, dass sie die Menschen in den Vordergrund stellt. Wie setzen Sie den Gedanken einer höheren Aufenthaltsqualität bei Hase Bikes und auf dem Zechengelände konkret um?
Wir haben im Schaltwerk, unserem Flagshipstore, ein kleines Café eröffnet und die Aufenthaltsqualität vor unserer Halle verbessert. Zu einem Café gehört die Möglichkeit, im Sommer angenehm sitzen zu können. Das gab es auf dem ganzen Zechengelände bisher nicht. Also haben wir Palettenmöbel und weitere Sitzgelegenheiten aufgestellt, die sehr gut angenommen werden. Hier verläuft die „Route Industriekultur“, sodass regelmäßig Menschen mit dem Fahrrad vorbeikommen. Bevor die Möbel dort standen, parkten in diesem Bereich Autos. Bislang hat die Stadt Waltrop nicht vorgesehen, das Zechengelände autofrei zu gestalten, wie es bei anderen Industriedenkmälern im Ruhrgebiet der Fall ist. Auch daran arbeiten wir.

Ist lokales Engagement für ein Unternehmen der beste Weg, sich für den Radverkehr einzusetzen?
Ich weiß nicht, ob es der beste Weg ist, aber es ist auf jeden Fall ein guter Weg. Darüber hinaus gibt es die AGFS NRW (Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V., Anm. d. Red.), die als Bindeglied zwischen den Kommunen und dem Verkehrsministerium NRW fungiert. Wir sind Partner ihres Bündnisses „Unternehmen FahrRad!“. Eine der Stellen, die wir 2023 mit Lucy Saunders zusammen angeschaut haben, ist eine Landstraße, die von vielen Fußgängern überquert wird. Das ist derzeit eine gefährliche Angelegenheit, denn es gibt keine Ampel, keinen Fußgängerüberweg. Lucys Empfehlung war eindeutig: „Hier muss eine Fußgängerüberquerung hin.“ Das kann die Stadt Waltrop jedoch nicht allein entscheiden und umsetzen. Dafür ist sie auf das Bundesland angewiesen. Eine Mitgliedschaft in der AGFS, um die sich die Stadt Waltrop derzeit bemüht, bietet bei solchen Fragen Unterstützung.

Was würden Sie sich von anderen Unternehmen und von der Fahrradbranche insgesamt wünschen?
Ich kenne andere Unternehmen, die ebenfalls sehr engagiert sind, etwa Riese & Müller oder Rose Bikes. Auch die Fahrradverbände ZIV (Zweirad-Industrie-Verband, Anm. d. Red.), VSF (Verbund Service und Fahrrad, Anm. d. Red.) oder Zukunft Fahrrad halte ich für wichtig. Sie arbeiten inzwischen teilweise zusammen, tun sich damit aber noch schwer. Ich weiß nicht, wie die Autolobby das organisiert. Sie scheint darin erfolgreicher zu sein. In der Fahrradbranche braucht es aus meiner Sicht mehr Zusammenhalt und damit mehr Durchschlagskraft. Dazu könnte auch ein stärkeres Engagement der Fahrradindustrie beitragen.

Wie entwickelt sich Hase Bikes derzeit im Vergleich zum übrigen Fahrradmarkt?
Ich weiß nicht genau, wie es dem übrigen Fahrradmarkt derzeit geht, höre aber häufiger, dass die Lage schwierig ist und einige Firmen schließen. Für uns war der vergangene Monat der beste unserer Firmengeschichte. Er hat sogar die Corona-Zeit übertroffen.

Was ist das Besondere an Ihren Spezialrädern und an der Kundschaft, für die Sie sie entwickeln?
Wir stellen zum Beispiel das Kettwiesel One her, ein dreirädriges, vollgefedertes Liegefahrrad. Das Kettwiesel bauen wir bereits seit Mitte der 90er-Jahre. Damals war es noch ungefedert, hatte keinen Motor und einen Stahlrahmen. Seitdem haben wir es kontinuierlich weiterentwickelt. Menschen, die zu uns kommen, sind von dieser Ingenieurskunst begeistert. Das Rad richtet sich besonders an begeisterte Fahrradfahrer, die nicht mehr wie gewohnt fahren können, etwa weil ihnen schwindelig wird, sie nicht mehr absteigen können oder Angst vor Stürzen haben. Wir haben auch Kunden, die mit 96 Jahren noch Kettwiesel fahren.

Die Kundschaft ist also eine andere. Welche besonderen Anforderungen ergeben sich daraus für die Infrastruktur? Wobei sollten Planer*innen Spezialräder da mitdenken?
Es gibt Stellen in der Infrastruktur, an denen alle Fahrräder an Grenzen stoßen. Für Dreiräder wird es aber besonders schwierig, wenn überhaupt kein Radweg vorhanden ist und man auf den Bürgersteig ausweichen muss – vor allem, wenn dort zusätzlich Fahrräder abgestellt sind oder Autos parken. Das gilt erst recht für das Kettwiesel Two, das wir gerade auf den Markt gebracht haben – ein Tandem, bei dem man nebeneinandersitzt und das natürlich entsprechend breiter ist.
Ein weiteres Thema ist die Sichtbarkeit. Wir werden oft gefragt, ob man auf einem Liegerad nicht übersehen wird. Unsere Dreiräder sind zwar etwas höher, aber nicht so hoch wie klassische Aufrechträder. Die meisten Kunden befestigen hinten eine neonfarbene Fahne. Gerade bei Spezialrädern merkt man, ob Infrastruktur wirklich für alle gedacht ist. Wenn Wege breit genug, sicher und frei von Hindernissen sind, profitieren davon nicht nur unsere Kunden, sondern alle, die mit dem Rad unterwegs sind.


Bilder: Lotte Ostermann, Hase Bikes