Billerbeck in Nordrhein-Westfalen: Dann bauen sie ihren Radweg eben selbst
In Billerbeck im Münsterland waren Bürger*innen es leid, auf einen neuen Fahrradweg zu warten. Schließlich fingen sie selbst an zu buddeln. Das Projekt macht einen Haufen Arbeit – aber offenbar auch glücklich.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)
Laurenz Wichmann, 19, sitzt im Traktor und drückt das Gaspedal durch. Auf dem Anhänger hat er tonnenweise Schotter. Der wird für den neuen Radweg gebraucht, den Wichmann und seine Mitstreiterinnen westlich von Münster bauen. Der helle Rohbau ist schon zu sehen, neben der Landesstraße nach Billerbeck, auf der Wichmann fährt. 5,6 Kilometer lang und 2,5 Meter breit schlängelt er sich durch Gräser und Getreidefelder. In den vergangenen zwei Jahren hat Wichmann mit anderen Mitgliedern des Vereins „Bürgerradweg Ost- und Westhellen“ viele Tage an dem Weg gearbeitet. Am Ortseingang von Billerbeck zieht Josef Kortüm, 74, zwischen der Landesstraße und einer Baumreihe die Schaufel durch Gras und Erde. Seit acht Uhr morgens buddelt er. Sobald die Mulde die Fläche eines Kinderzimmers erreicht hat, rangiert Wichmann den grünen Kipper an den Rand und hebt die Ladefläche an – der Schotter rauscht in die Grube. „Wir bauen unseren Radweg selbst, weil es sonst keiner macht“, sagt Christoph Ueding. In neongelber Arbeitsjacke, grüner Arbeitshose und robusten Arbeitsschuhen steht der 37-Jährige neben der Baustelle. Vor 20 Jahren haben die Anwohnerinnen von Ost- und Westhellen den Bau des Radwegs entlang der L 581 beantragt. Seitdem steht er beim Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen, Straßen.NRW auf der Liste der Radwegprojekte – ohne dass etwas passierte.
Die Einwohnerinnen im Münsterland packen an, sonst käme die Zweiradtrasse womöglich nie. Bundesweit geht der Radwegeausbau schleppend voran. Vielerorts klaffen Lücken in den Netzen. Fahrradverbände und die Verkehrsministerkonferenz fordern seit 2022 eine Milliarde Euro jährlich für den Ausbau des Radverkehrs. Doch das Bundesverkehrsministerium kürzte die Mittel: von 750 Millionen Euro im Jahr 2022 auf zunächst 442, mittlerweile 620 Millionen Euro im Jahr 2025. Dabei sind sich Wissenschaftlerin-nen und Verkehrsexpertinnen einig: Auch in kleinen Ortschaften und ländlicheren Regionen ist mehr Rad- und Fußverkehr möglich, wenn die Infrastruktur attraktiv und sicher ist. Forscherinnen vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) sehen unter optimalen Bedingungen sogar Potenzial für einen Radverkehrsanteil von durchschnittlich 45 Prozent.
Die Kosten-Nutzen-Analyse eines Radwegs falle in der Stadt aber stets besser aus als auf dem Land, sagt Tobias Klein, Radverkehrsexperte am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). „Dort werden oft nur einzelne Höfe oder kleine Ortschaften angebunden“, sagt er. Deshalb landeten diese Projekte meist weit unten auf den Prioritätenlisten. „Wenn der Radverkehr auch in ländlichen Regionen zunehmen soll, brauchen wir dort zukünftig mehr Bürgerradwege“, sagt Klein.
In Gegenden wie Billerbeck im Münsterland geht ohne Auto bisher fast gar nichts. 90 Prozent der Haushalte im ländlichen Raum besitzen mindestens einen Pkw und nutzen ihn für die meisten Wege. Laut Umweltbundesamt emittiert der Einzelne in den Regionen deshalb täglich 60 Prozent mehr CO₂ als in der Großstadt.
Dabei sind Wege zur Schule, zum Bäcker oder zur besten Freundin oft nur wenige Kilometer lang. Aber häufig sind Landesstraßen wie die L 581 von West- und Osthellen nach Billerbeck die einzige direkte Verbindung in den Nachbarort. Auf der schmalen, kurvigen L 581 wird Radfahren schnell zur Mutprobe.

Christoph Ueding hatte die Idee, den Bürgerradweg selbst zu bauen, und seine Nachbar*innen waren sofort dabei. Zwei Jahre haben sie fast jeden Samstag mit Bagger, Traktor, Kipper, Walze und Schaufel an dem Weg gearbeitet.
Münsteraner Verhältnisse
Die Voraussetzungen für mehr Radverkehr sind im Münsterland und rund um Billerbeck gut. In der Region mit ihren sanften Hügeln und den vielen alten Busch- und Baumbeständen waren 2022 mehr als eine Million Radfahrerinnen unterwegs, in der Urlaubszeit sind 65 Prozent davon Touristinnen.
Freizeitrouten wie die 100-Schlösser-Route führen direkt durch die schmalen Alleen Billerbecks und weiter in die Fahrradstadt Münster. Dort bestimmen Fahrradfahrerinnen das Stadtbild, 47 Prozent der Wege werden mit der Leeze zurückgelegt, so nennen viele dort das Zweirad. In Billerbeck sind es nur 14 Prozent. Die hiesige Verwaltung will den Radverkehrsanteil steigern, um die CO₂-Emissionen zu senken. Eine Verleihstation für E-Bikes und E-Lastenräder am Bahnhof soll Autofahrerinnen zum Umsteigen animieren. Im vergangenen Jahr wurde zudem ein neues Stück Radweg am östlichen Stadtrand eingeweiht. Seitdem können Pendlerinnen, Kinder und Jugendliche aus dem rund fünf Kilometer entfernten Ortsteil Beerlage auf einem durchgehenden Radweg zur Arbeit, zur Schule und ins Schwimmbad nach Billerbeck radeln. Doch anderswo ging nichts voran. „Ich war das Warten leid“, sagt Christoph Ueding, der für die CDU im Rat der Stadt Billerbeck sitzt. Er schaut den beiden Helfern zu, die mit Bagger und Rüttelmaschine den Schotter verteilen und verdichten. Ueding hat seinen Nachbarinnen 2020 vorgeschlagen, selbst loszulegen.
In Nordrhein-Westfalen geht das. Dort dürfen Vereine und Initiativen Radwege bauen, wenn die Kommune zustimmt und der Landesbetrieb Straßen.NRW den Bau organisatorisch und finanziell unterstützt. Fast 400 Kilometer Bürgerradwege sind in den vergangenen 20 Jahren auf diese Weise entstanden, 300 Kilometer davon allein im Münsterland, drei Radwege in Billerbeck. Der Bürgerradweg Ost- und Westhellen ist Nummer vier und einer der längsten im Bundesland. Das wird ein Haufen Arbeit, wusste Ueding. „Das A und O ist, die Leute abzuholen und alle gleichzeitig zu informieren“, sagt er. Außerdem brauchten sie das Land ihrer Nachbarinnen. Zu zweit gingen sie von Tür zu Tür. Alle waren bereit, zu verkaufen oder ihre Grundstücke zu tauschen – bis auf einen. „An der Stelle konnten wir den Radweg auf die andere Straßenseite verlagern“, sagt Ueding. Der Seitenwechsel war ohnehin ein paar Meter weiter vorgesehen. Vor dem Baubeginn bekamen sie grünes Licht von Stadt und Land sowie Geld. Straßen.NRW genehmigte den Bauplan und finanzierte neben dem Radweg eine Brücke mit insgesamt 2,28 Millionen Euro. Die Stadt Billerbeck gab Gutachten für den Naturschutz in Auftrag. Ein Mitarbeiter der Flurbereinigungsbehörde organisierte Tausch und Verkauf der Grundstücke entlang der Strecke. Währenddessen wuchs die Zahl der potenziellen Helferinnen auf über 50 Personen.
Über eine Spendenplattform sammelten sie Geld für den Diesel der Maschinen und die Verpflegung der Helfenden. Im Herbst 2023 trugen sie den Verein „Bürgerradweg Ost- und Westhellen“ im Vereinsregister ein. Dann begannen die Bauarbeiten.
Die Freiwilligen in den Bautrupps können Baupläne lesen und wissen, wie man die schweren Maschinen bedient. Laurenz Wichmann, Zimmererlehrling, fährt seit seinem 16. Lebensjahr Traktor. Sein Vater Lutz ist Maurer, Josef kann Bagger fahren, andere Vereinsmitglieder arbeiten im Straßenbau oder in der Landwirtschaft. Anfangs hatte er Sorge, dass es Streit geben könnte oder die Motivation nachlasse, sagt Ueding.
„Egal, was kommt: Der Radweg bleibt, und darauf können wir stolz sein.“
Christoph Ueding, Initiator des Bürgerradwegs





Bau in Eigenregie: Über 50 Freiwillige aus Ost- und Westhellen haben in den vergangenen Jahren ihren Radweg selbst gebaut – ein Projekt, das Gemeinschaft fördert und Lücken in der Infrastruktur schließt.
Selbst machen macht flexibel
Aber der Bau des Radwegs habe die Gemeinschaft gestärkt. „Für jeden Arbeitseinsatz melden sich genug Freiwillige.“ Wer einen Radweg wolle, müsse auch mit anpacken, ergänzt Wichmann. An ihrem besten Tag arbeiteten sie im Zweischichtsystem. Von 8:00 bis 22:30 Uhr, als es dunkel wurde. Anschließend waren 250 Meter Radweg fertig. Anfang Juli waren die Bürgerinnen mit ihrer Arbeit am Radweg fertig. Dann übernahm eine Straßenbaufirma: Sie entwässerte die Schotterpiste, asphaltierte sie und fasste alles ein. Inzwischen ist der Radweg eröffnet worden. 3,5 Meter breit ist die gesamte Trasse, der Radweg selbst 2,5 Meter. Vor einem Grundstück legten die Freiwilligen den Weg jedoch ein paar Handbreit schmaler an, damit eine Hecke stehen bleiben konnte. Solche Kompromisse sind bei Bürgerradwegen möglich. „Die Radfahrenden müssen die Straßenverkehrsordnung auf Bürgerradwegen einhalten können“, sagt Peter London, zuständig für Radverkehr im Verkehrsministerium NRW. Details wie die Breite der Wege oder der Aufbau des Radwegs seien aber Verhandlungssache zwischen den Initiativen und Straßen.NRW. Baut der Landesbetrieb selbst, muss er Standards einhalten, was oft das Entfernen von Hecken oder das Fällen von Bäumen erfordert – im Ex-tremfall sogar per Enteignung. Mit Freiwilligen werden Radwege an Landesstraßen schneller gebaut, und das Verfahren spart Kosten. Bis 2027 will Nordrhein-Westfalen 1000 Kilometer neue Radwege im ganzen Bundesland schaffen. Doch das Konzept stößt nicht überall auf Zustimmung. Kritikerinnen der Bürgerradwege werfen dem Land vor, beim Ausbau des Radwegenetzes selbst zu langsam zu sein und zu wenig Geld zu investieren. Zudem sei es nicht Aufgabe der Bürgerinnen, Radwege an Landesstraßen zu bauen. Länder wie Hessen oder Brandenburg zweifeln an der fachlichen Kompetenz der Freiwilligen, obwohl in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Vorhaben umgesetzt wurden. Das Vorzeigeprojekt unter den Bürgerradwegen gibt es in Wuppertal. Dort haben die Bürgerinnen die alte Nordbahntrasse in einen 22 Kilometer langen Rad- und Freizeitweg umgewandelt. Die Trasse mit ihren sieben Tunneln, vier Viadukten und 19 Brücken zieht mittlerweile Touristinnen und Planerinnen aus aller Welt an. Entlang der Strecke sind Cafés, ein Kulturzentrum und Spielplätze entstanden, eine Kletterhalle und mehr. Viele Menschen gehen dort einfach spazieren, joggen oder fahren Rad.
Ueding versteht die Bedenken in anderen Bundesländern nicht. Der Bau des Bürgerradwegs in Billerbeck sei reibungslos und unfallfrei verlaufen. „Vielleicht ist die Topografie anderswo anspruchsvoller als bei uns im Münsterland“, überlegt er. Er würde sofort wieder loslegen. „Egal, was kommt: Der Radweg bleibt, und darauf können wir stolz sein.“ Ende August wurde sein Sohn eingeschult. Später wird er allein mit dem Rad zur Schule fahren – auf dem Weg, den sein Vater gebaut hat.
Bilder: Andrea Reidl

Andrea Reidl
ADFC – Michael Handelmann