Kürzlich wurde die Zahl der getöteten Radfahrer*innen im deutschen Straßenverkehr veröffentlicht. Tendenz weiter steigend. In der medialen Berichterstattung wird primär die wachsende Zahl der Pedelecs als Verursacher dieser Entwicklung dargestellt. Da platzt dem Herausgeber dieser Fachzeitschrift der Kragen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)


Wenn es so etwas wie einen deutschen Nationalstolz gibt, dann ist ein zentraler Inhaltsstoff dessen wohl unser Selbstbild als ein Volk begnadeter Autofahrender. Schließlich haben wir das Auto erfunden, wir haben die schnellsten Autobahnen der Welt und die gründlichste (und außerdem wahnsinnig teure) Führerscheinausbildung. Und der Rekordweltmeister der Formel 1 ist – na klar – auch ein Deutscher. Da ist es logisch, dass wir uns alle für Halbgötter und Halbgöttinnen hinter dem Lenkrad halten.
Glauben Sie nicht? Dann machen Sie mal den Versuch und kritisieren den (Auto-)Fahrstil eines Ihnen nahestehenden Menschen. Herzlichen Glückwunsch, wenn Ihre Partnerschaft oder Freundschaft das überlebt.
Doch was macht gute Autofahrerin­nen aus? Ist das angestrebte Ideal, möglichst zügig von A nach B zu kommen? Durch den dichten Stadtverkehr wie ein motorisierter Aal zu flutschen? Und dann in Sekundenschnelle in die engsten Parklücken zu manövrieren? Zumindest unterbewusst sehen wohl viele Menschen die möglichst schnelle und ungestörte Fortbewegung immer noch als höchste Form des Autofahrens. Da erwische ich mich auch selbst, wenn ich hinter dem Steuer eines Autos sitze. Doch wenn ich die Perspektive wechsle und aufs Fahrrad steige, verschiebt sich meine Wahrnehmung dramatisch. Da fällt mir auf, wie überfordert die meisten Menschen beim Autofahren eigentlich sind. Oder um es als Radfahrer mal deutlich zu sagen: Die Deutschen sind ein Volk mehrheitlich grottenschlechter Autofahrerinnen.
Denn natürlich misst sich das Idealbild eines Autofahrenden nicht an der Geschwindigkeit, sondern an der Umsicht, an der Rücksichtnahme und an einem Fahrstil, der möglichst niemanden in Gefahr bringt. Und an diesen Kriterien scheitern in meiner Wahrnehmung gefühlte 90 Prozent der Lenkerinnen eines Autos spätestens dann, wenn Ihnen ein Mensch auf einem Fahrrad begegnet. Die regelmäßigen Radfahrerinnen unter Ihnen werden jetzt wissend mit dem Kopf nicken.

Wenn Sekunden schwerer wiegen als ein Leben

Als Radfahrerin haben Sie wahrscheinlich schon regelmäßig erlebt, wie Autofahrerinnen vor Ihnen rechts abbiegen, ohne darauf zu achten, dass Sie gerade auf dem Radweg geradeaus unterwegs sind. Oder wie sich ein Pkw an Stellen an Ihnen vorbeiquetscht, an denen das gefahrlos eigentlich unmöglich ist. Oder wie Sie auf einer Landstraße mit aufheulendem Motor – am besten noch unterstützt von einer warnenden Hupenbetätigung – mit wenigen Handbreit Abstand zum Lenker überholt werden. Länger als ein paar wenige Sekunden hinter einem Fahrrad abzuwarten, bis ein Überholvorgang gefahrlos und mit angemessener Geschwindigkeit möglich ist, scheint Menschen hinterm Lenkrad vor eine unlösbare Aufgabe zu stellen. Stresshormone werden dabei auf beiden Seiten im Übermaß ausgeschüttet.
Zugegebenermaßen ist dies die subjektive Wahrnehmung eines zunehmend gefrusteten Radfahrers, der zudem Herausgeber eines Fachmagazins für Radverkehr ist. Dass ich mit dieser Einschätzung aber nicht ganz falsch liege, zeigt ein Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Dieses hat vor wenigen Wochen die detaillierte Verkehrsstatistik 2025 veröffentlicht. Vor allem die darin enthaltene Aussage, dass Fahrradfahrende im Straßenverkehr hierzulande überproportional häufig tödlich verunglücken, hat ein großes Medienecho erzeugt. 462 Radfahr­er*in­nen sind im vergangenen Jahr infolge eines Unfalls ums Leben gekommen, das entspricht ungefähr jedem sechsten Verkehrstoten. Gemessen am Modal Split, also am Anteil am Verkehrsaufkommen, haben Menschen im Fahrradsattel ein überproportional hohes Todesrisiko im deutschen Straßenverkehr.

Zerrbild in den Medien

Entsprechende Meldungen, beispielsweise in der Tagesschau vom 27. April, vermittelten den Eindruck, vor allem Unfälle mit Pedelecs seien für die hohe Zahl ursächlich. Einerseits, weil diese tendenziell schneller unterwegs seien, andererseits weil sie mehr ältere Menschen zum Radfahren brächten. Eine von vielen Zeitungen aufgegriffene DPA-Meldung wiederum berichtet, dass die Zahl der Radverkehrstoten seit 2015 um rund 21 Prozent gestiegen sei. Ursache laut DPA-Meldung: ebenfalls die zunehmende Zahl an Pedelec-Nutzerinnen. Bekanntermaßen steckt in jedem Unsinn ein Körnchen Wahrheit. Natürlich ist die Zahl der Pedelecs seit 2015 deutlich gestiegen und somit nimmt auch deren Anteil an den Verkehrsunfällen zu, aber die eigentliche Ursache für die vielen getöteten Radfahrenden wird in fast allen medialen Berichten nur in einem Nebensatz erwähnt. Dabei hat das Statistische Bundesamt den wahren Grund für die vielen toten Radfahrerinnen in seiner eigenen Mitteilung klar benannt: „Gab es einen Unfallgegner oder eine Unfallgegnerin, trugen Fahrradfahrerinnen und -fahrer an knapp drei von zehn dieser Unfälle mit Personenschaden die Hauptschuld (28,6 Prozent). (…) Waren Autofahrerinnen oder -fahrer beteiligt, trugen die Radfahrenden in 25,3 Prozent der Fälle die Hauptschuld. Bei Fahrradunfällen mit Güterkraftfahrzeugen lag der Anteil noch darunter: Zu 21,4 Prozent wurde hier die Hauptschuld bei der Radlerin oder dem Radler gesehen“, heißt es dort. Oder anders ausgedrückt: Von den 462 im vergangenen Jahr getöteten Radfahrer*innen haben nur 129 ihr Leben selbst verschuldet in Gefahr gebracht. Die weit überwiegende Mehrheit wurde von anderen Verkehrsteilnehmenden, von Menschen hinter dem Lenkrad eines Autos oder eines Lkws getötet.

Ein tödlicher Cocktail

Wenn wir nun noch überforderte Menschen hinter dem Autolenkrad mit einer Verkehrsinfrastruktur kombinieren, die Radfahrende nur duldet, aber nicht schützt, erhalten wir einen besonders tödlichen Cocktail. Das ist auch der Grund, warum ich im Sattel immer einen Helm trage. Nicht weil, Radfahren per se gefährlich wäre (Alleinunfälle mit dem Fahrrad spielen in der Verkehrsstatistik nur eine untergeordnete Rolle), sondern weil ich mich als Radfahrer in einem Raum bewege, in dem weder meine Mitmenschen noch die Infrastruktur auf mein Leben genügend achtgeben.
Klingt zynisch? Ja, vielleicht. Es ist schwer, als Radfahrer angesichts solcher Zahlen nicht zynisch oder verbittert zu werden. Wer täglich erlebt, wie Autofahrende das Leben von Menschen auf dem Fahrrad leichtfertig aufs Spiel setzen, und wer den wachsenden Frust über eine autozentrierte Verkehrsinfrastruktur irgendwie aushalten muss, kann durchaus zum Schluss kommen, dass das Leben eines radfahrenden Menschen in Deutschland nicht viel wert ist. Zumal entsprechende Strafprozesse oft mit einem milden Urteil enden, wenn das Verfahren „wegen Geringfügigkeit“ nicht schon zuvor eingestellt wurde. In Gesellschaft und Politik wird die Schuld dann gerne auch mal umgedreht, auf den Radfahrer, der vielleicht von einem Lastwagen überrollt wurde und dabei keinen Helm trug.
Ist der gesellschaftliche Wille, daran etwas zu ändern, ebenfalls nur geringfügig? Solange jedenfalls die Freiheit des Autos schwerer wiegt als das Leben auf dem Fahrrad, bleibt die deutsche Straße das, was sie statistisch unverändert ist: ein Dschungel, in dem das Recht des Stärkeren gilt und die Schwächsten den Preis für den nationalen Autostolz mitunter mit ihrem Leben zahlen.


Bild: KI-generiert (Referenz: ADFC, Juliane Mostertz)

Gute Infrastruktur spricht Einladungen aus und vermittelt echte Sicherheit – gerade schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen. Wird man weiterhin nur träumen dürfen? Von einer gemeinsamen Anstrengung, die wirklich allen hilft? (erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2024, Dezember 2024)


Kennen Sie das Zitat in der Überschrift? Der Schlüsselsatz aus dem 1989er-Film „Feld der Träume“ sitzt mir schon lange wie ein Ohrwurm im Kopf. Dort im ländlichen Iowa ist mit „es“ ein Baseballfeld gemeint, das Kevin Costner als Farmer Ray Kinsella in seinem Maisfeld errichtet. Eine Stimme, die nur er hören kann, hat ihn davon überzeugt. Unter dem Spott seiner Nachbarn pflügt er einen Teil seines Ackers um und ruiniert so den familiären Frieden und beinahe seine Landwirtschaft. Als das Spielfeld jedoch fertig ist, erscheinen plötzlich „Geisterspieler“: Ihrerseits verdutzte, tote Legenden des Nationalsports, die durch das verbliebene Maisfeld ins Diesseits zurückkommen, um wieder Baseball zu spielen.
In meinem Mantra ist freilich „es“ das Radwegenetz und „er“ der Straßenverkehr einer lebenswerten Zukunft: unmotorisierter, umweltfreundlicher, platzsparender, gleicher, menschlicher und respektvoller. Denn gute Infrastruktur spricht ja ein Angebot aus, eine Einladung: Hier bist du Mensch, hier darfst du’s sein. Und zwar egal, welche Mobilitätsform man wählt. Dieses Privileg gilt hierzulande seit Jahrzehnten nahezu exklusiv fürs Kfz. So sehr, dass viele Menschen es als Anrecht leben. Höchste Zeit für eine Notbremsung! Und wenn der Film auch mit einer bis zum Horizont reichenden Autokolonne endet, so steht sie ja doch, die Hoffnung: auf eine Menge an Menschen, deren Erkenntnis oder Einsehen es benötigt, damit der verspottete Visionär am Ende recht behält.
Meine Vision, das ist eine Mobilität der Zukunft, die Fortbewegungsbedürfnisse von Menschen erfüllt, ohne zum Luxusgut zu werden, und gleichzeitig Natur, Gesundheit und Wohlergehen schützt, ohne sie zu gefährden. Ich wünsche mir einen Lebensraum, dem sich der Verkehr unterordnet, keinen Verkehrsraum, der das Leben verdrängt. Ich wünsche mir Tempo 30 innerorts, Superblocks und weitestgehend autofreie Städte. Da gibt es viele interessante internationale Vorbilder.
Seit der Straßenverkehrsgesetz-Novelle 2024 haben deutsche Kommunen eine Menge mehr Befugnisse, „es“ zu bauen. Beziehungsweise weniger Ausreden, es nicht zu tun. Doch geschieht da nichts von allein. Es braucht viel gute Laune, unser aller zivilbürgerliches, gesellschaftliches Engagement und striktes Nachhaken bei oder durch politische Akteur*innen, um die unzähligen kleinen nötigen Schritte umsetzen. Hoffentlich, so eine weitere Vision, im Dialog, geprägt von Rücksicht, Offenheit und Fairness, was Platzbedarf und wahre Kosten betrifft. Denn was sonst hülfe gegen die Beantwortung komplexer Fragen mit einfachsten Parolen und gegen die stark selektive Wahrnehmung in den Echokammern? Zu oft wird dort statt eines solchen Miteinanders ein Kampf erklärt: Pass nur auf, die wollen dir was wegnehmen! Dabei sollten wir uns doch mit allen Menschen, die ein Mobilitätsbedürfnis haben, an einen Tisch setzen! Als Chefredakteur eines Fahrradkulturmagazins bin ich überzeugt, dass das Fahrrad ein großer Teil der Lösung ist – aber natürlich nicht der einzige. Ohne gesellschaftliche Mehrheiten ist ein ausgewogener und friedlicher Verkehr nicht zu realisieren.
Weiter wie bisher, das geht ohnehin nicht mehr. Der alte Sponti-Spruch wird noch immer täglich wahrer: „Wer Straßen sät, wird Autos ernten.“ Oder Stau. Mehr Straßen, mehr Stau, mehr unglückliche Menschen. Es sah zwischendurch mal kurz so aus, als ginge es in eine gute Richtung. Doch die Bundesverkehrspolitik hat in Sachen Fahrrad und Lebensqualität alle Bremsen festgezogen. Wo Unionsparteien ans Lenkrad gelassen werden, legen sie den Rückwärtsgang ein und geben Vollgas – wie man „schön“ in Berlin beobachten kann.
Bei den politischen Hiobsbotschaften dieser Tage bekommt man den Eindruck, dass sich das Fenster der Möglichkeiten hierfür eher schließt. Wir müssen und können über vieles reden. Nur eines ist aus meiner Sicht nicht verhandelbar: Vision Zero. Die Schwächeren müssen geschützt werden und Rücksichtnahme zur Selbstverständlichkeit. Ich will keine Verkehrstoten mehr hinnehmen!


Bilder: Vaude – pd-f, Frank Stefan Kimmel – pd-f