Gerade gegenüber dem Auto bietet das Fahrrad viele Vorteile für die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. So manche Wirkung, die mehr Radverkehr im öffentlichen Raum hat, ist erst auf den zweiten Blick erkennbar. Veloplan hat zehn Personen aus dem Radverkehrskosmos dazu befragt, wie der Radverkehr zu einem attraktiven öffentlichen Raum beitragen kann.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2026, September 2026)

Ragnhild Sørensen
Changing Cities
In Städten finden seit Jahrhunderten Innovationen statt – wirtschaftlich, sozial und kulturell. Konkurrenz gab’s immer, aber in einer alternden Gesellschaft ist sie so groß wie nie zuvor. Wenn eine Stadt heute für junge Menschen attraktiv sein will, muss sie sehr gute Wohn- und Arbeitsbedingungen anbieten. Nachhaltigkeit spielt dabei die entscheidende Rolle – und das Radfahren gehört zur Kernaufgabe. Gute Radwege signalisieren: Der öffentliche Raum ist ein sicherer Ort, ein Erholungsort, ein gemeinschaftlicher, gesunder Ort, der den Menschen ins Zentrum stellt. Radverkehr braucht viel weniger Platz als der motorisierte Individualverkehr, und das heißt letztendlich: Hier ist Platz für eine Stadt für alle, mit schattenspendenden Bäumen, Stadtmöbeln, Entsiegelung, Recycling-Angeboten, Reparaturcafés und Urban Gardening – für ein Stadtleben, das Nachbarschaft höher schätzt als Autos.

Veronika Simon
Gemeinde Gmund am Tegernsee
Generell macht das Radfahren den öffentlichen Raum attraktiver. Jeder, der in diesem Moment Fahrrad fährt, fährt nicht mit dem Auto. Wo weniger Autos sind, ist eine Entlastung für den öffentlichen Raum vorhanden, unter anderem sinkt der Lärmpegel, die Luft wird sauberer, die „gefühlte“ Sicherheit beim Radfahren und die generelle Lebensqualität werden größer.
Dafür müssen wir den Raum für den Radverkehr optimieren. Jahrzehnte wurde für den Kfz-Verkehr geplant, aber jetzt ist ein Umdenken oder Dran-Denken an den Radverkehr wichtig. Der Trend ist da, in vielen Kommunen und Städten wird mit Hochdruck daran gearbeitet.
Ein fahrradfreundliches Gestalten wie moderne Fahrradabstellanlagen, sichere Radwege, Raddirektverbindungen, Tempolimit innerorts auf 30 km/h, barrierefreie Querungshilfen, Fahrradkampagnen und Miteinanderwege helfen dabei.
Je mehr Radfahrer unterwegs sind, um Alltagsfahrten zu erledigen, desto sicherer werden auch die Straßen für alle. Dieses Phänomen nennt sich „Safety in Numbers“ (Sicherheit durch Menge). Je mehr Menschen Alltagswege mit dem Fahrrad zurücklegen, desto besser stellen sich andere Verkehrsteilnehmer darauf ein.

Christian Gratzer
VCÖ – Mobilität mit Zukunft
Das Fahrrad ist ein sauberes, leises, umweltfreundliches Verkehrsmittel und zudem sehr platzsparend – sowohl beim Fahren als auch beim Parken. Auf einem Pkw-Abstellplatz können je nach Abstellsystem 8 bis 16 Fahrräder parken. Mehr Radverkehr statt Autoverkehr schafft Platz für mehr Begrünung und für mehr schattenspendende Bäume, wodurch die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessert wird. Bei Straßen mit viel Autoverkehr leiden Anrainer*innen unter der Lärm- und Abgasbelastung. Das ist bei Straßen mit viel Radverkehr nicht der Fall. Und Hand aufs Herz: Gehen Sie lieber neben einer Straße mit viel Autoverkehr zu Fuß oder neben einem Radweg? Eben.

Irene Krohn
Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen im Saarland
Radfahren ist mehr als eine Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Als leises und flächeneffizientes Verkehrsmittel kann das Fahrrad dazu beitragen, öffentliche Räume zugänglicher, sicherer und lebenswerter zu machen. Der Radverkehr bietet die Chance, den öffentlichen Raum neu zu verteilen. Wo weniger Raum für fließenden und ruhenden Kfz-Verkehr gebraucht wird, entsteht Platz für sichere Geh- und Radwege, Grün, Aufenthalt und Begegnung. Voraussetzung ist, Rad- und Fußverkehr von Beginn an mitzudenken: Straßen müssen von außen nach innen geplant werden, Sichtbeziehungen gesichert und ausreichende Abstände berücksichtigt werden. Eine gut geplante Radverkehrsinfrastruktur reduziert Konflikte und erhöht die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden. Gute Radverkehrsplanung ist damit mehr als Infrastruktur für das Fahrrad – sie ist ein Baustein für sichere, lebenswerte und inklusive öffentliche Räume. Davon profitieren nicht nur Radfahrende, sondern alle, die sich dort bewegen und aufhalten.

Christian Schuchardt
Deutscher Städtetag
Immer mehr Menschen sind in der Stadt mit dem Rad und mit E-Bikes unterwegs. Ich auch. Das ist klimafreundlich, gut für die Gesundheit und unterstützt die nachhaltige Mobilität vor Ort. Die Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel wie Fuß- und Radverkehr, Bikesharing sowie Busse und Bahnen ist längst bei der Stadtplanung im Fokus. Ziel ist es dabei auch, sichere und für die Menschen attraktive öffentliche Räume zu schaffen, beispielsweise Radwege entlang von Grünflächen zu planen oder mehr Fahrradstraßen auszuweisen. Auch Schutzstreifen, Sondersignale sowie durchgängige Wegeverbindungen und sichere Abstellmöglichkeiten für die Räder gehören dazu.
Städte verändern sich, und damit verändern sich auch die Ansprüche an den öffentlichen Raum. Das Fahrrad gehört dazu. Genauso wichtig bleibt es, dass alle Verkehrsteilnehmenden – auch Radfahrende – sich umsichtig und rücksichtsvoll in den neu gestalteten öffentlichen Räumen bewegen.

Carolin Kruse
Podcast „Radwissen“
Radverkehr trägt auf mehrere Weise zu einem attraktiveren öffentlichen Raum bei. Quartiere und Straßen, in denen viel Fahrrad gefahren wird, sind merklich leiser und übersichtlicher. Davon profitieren auch Menschen, die zu Fuß unterwegs sind: Für sie, Erwachsene wie Kinder, ist es einfacher und sicherer, die Straße zu überqueren, da sie von Radfahrenden besser wahrgenommen werden als aus einem Auto heraus. Der größte Hebel liegt jedoch in der Flächenumverteilung: Wenn mehr Menschen Rad fahren und eine sichere, komfortable Radverkehrsinfrastruktur vorhanden ist, wird weniger Platz für den Kfz-Verkehr benötigt. Diese Fläche kann umgenutzt werden, es entstehen mehr Grün- und Aufenthaltsflächen zum Spielen und für Begegnung. So wird der öffentliche Raum noch attraktiver: ein Raum, den Menschen nicht nur nutzen, um zu einem Ort zu gelangen, sondern in dem sie sich gerne aufhalten – als konsumfreien Treffpunkt und zum Spielen.

Alison Haywood
Fahrrad-Entscheid Köln
Köln wurde nach dem Krieg als autogerechte Stadt geplant: breite Fahrbahnen, große Kreuzungen und viel versiegelte Fläche für fahrende und parkende Autos. Gleichzeitig gehört Köln zu den hitzebelasteten Großstädten Deutschlands. Seit 2023 setzt der Fahrrad-Entscheid Köln sich dafür ein, den Ausbau der Radinfrastruktur in Köln zu beschleunigen. 2025 wurden zum Beispiel lediglich 5,5 Kilometer neue Radwege gebaut. Für eine Millionenstadt ziemlich wenig. Unser Bürgerbegehren, das die Stadt auffordert, das Radverkehrsnetz um 70 Kilometer pro Jahr zu erweitern, wurde von 33.000 Kölner*innen unterschrieben. Mehr Radverkehr bietet die Chance, öffentlichen Raum neu zu verteilen. Der gewonnene Platz kann neben sicheren Radwegen für breitere Gehwege, Bäume, Gastronomie oder andere Orte zum Verweilen genutzt werden. Für uns bedeutet die Verkehrswende auch Stadtentwicklung und Klimaanpassung.

Edwin Süselbeck
Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen
Rad- und Fußverkehr sind entscheidend, wenn es um einen attraktiven, öffentlichen Raum geht. Während Autofahrende abgeschottet hinter ihren Scheiben verschwinden und nicht mehr die Person, sondern nur noch das Kfz wahrgenommen wird, ist dies bei Radfahrenden und Gehenden vollkommen anders. Hier sind – vielleicht mit Ausnahme der sehr schnellen Radfahrenden – die Personen als Person erkennbar und erlebbar. Dort, wo es mit Menschen belebt (aber nicht übervoll) ist, fühlen sich Menschen willkommen und halten sich gerne auf.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Heather Kaths
Bergische Universität Wuppertal
Raum! Radverkehr ist äußerst flächeneffizient: Radwege und Fahrradabstellanlagen benötigen deutlich weniger Platz als Infrastruktur für den motorisierten Verkehr. Dadurch entsteht Spielraum, öffentlichen Raum neu zu denken – für Außengastronomie, Spielplätze und Grünflächen, Märkte, breite Gehwege, Bänke oder Orte der Begegnung. Genau solche Räume machen Städte lebenswert und gesund. Radverkehr trägt damit nicht nur zur Mobilität bei, sondern eröffnet die Chance, Straßen wieder stärker als öffentliche Räume für Menschen zu gestalten.

Hannah Eberhardt
Verkehr mit Köpfchen
Ich wohne an einer innerstädtischen vierspurigen Straße. Wenn ich morgens aufstehe (und meist noch davor), höre ich als Erstes die vorbeifahrenden Autos, trotz geschlossenem Fenster. Abends sitzen wir manchmal draußen auf der Bank vor dem Haus und lassen den Tag ausklingen. Immer wieder muss einer nachfragen oder das Gespräch unterbrechen – zu viel Autolärm. In solchen Momenten träume ich nicht nur von Tempo 30, sondern auch von einer Fahrradstadt. Leise würde der Radverkehr an uns vorbeiziehen: Radelnde Freundinnen im Gespräch, Kinderlachen aus dem Fahrradanhänger, ab und zu ein Klingeln, das Zirpen einer trockenen Kette, dazwischen immer wieder einfach nur Stille – welch begehrenswerte Geräuschkulisse und wie viel mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum!
Bilder: stock.adobe.com – ArTo, Changing Cities, Gemeinde Gmund, VCÖ, AGFK Saarland, Thomas Berberich, Fair Spaces, Alison Haywood, AGFK Niedersachsen – Angela von Brill, Uni Wuppertal – Heather Kaths, Hannah Eberhardt

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