Gerade gegenüber dem Auto bietet das Fahrrad viele Vorteile für die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. So manche Wirkung, die mehr Radverkehr im öffentlichen Raum hat, ist erst auf den zweiten Blick erkennbar. Veloplan hat zehn Personen aus dem Radverkehrskosmos dazu befragt, wie der Radverkehr zu einem attraktiven öffentlichen Raum beitragen kann.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2026, September 2026)


Ragnhild Sørensen

Changing Cities

In Städten finden seit Jahrhunderten Innovationen statt – wirtschaftlich, sozial und kulturell. Konkurrenz gab’s immer, aber in einer alternden Gesellschaft ist sie so groß wie nie zuvor. Wenn eine Stadt heute für junge Menschen attraktiv sein will, muss sie sehr gute Wohn- und Arbeitsbedingungen anbieten. Nachhaltigkeit spielt dabei die entscheidende Rolle – und das Radfahren gehört zur Kernaufgabe. Gute Radwege signalisieren: Der öffentliche Raum ist ein sicherer Ort, ein Erholungsort, ein gemeinschaftlicher, gesunder Ort, der den Menschen ins Zentrum stellt. Radverkehr braucht viel weniger Platz als der motorisierte Individualverkehr, und das heißt letztendlich: Hier ist Platz für eine Stadt für alle, mit schattenspendenden Bäumen, Stadtmöbeln, Entsiegelung, Recycling-Angeboten, Reparaturcafés und Urban Gardening – für ein Stadtleben, das Nachbarschaft höher schätzt als Autos.

Veronika Simon

Gemeinde Gmund am Tegernsee

Generell macht das Radfahren den öffentlichen Raum attraktiver. Jeder, der in diesem Moment Fahrrad fährt, fährt nicht mit dem Auto. Wo weniger Autos sind, ist eine Entlastung für den öffentlichen Raum vorhanden, unter anderem sinkt der Lärmpegel, die Luft wird sauberer, die „gefühlte“ Sicherheit beim Radfahren und die generelle Lebensqualität werden größer.
Dafür müssen wir den Raum für den Radverkehr optimieren. Jahrzehnte wurde für den Kfz-Verkehr geplant, aber jetzt ist ein Umdenken oder Dran-Denken an den Radverkehr wichtig. Der Trend ist da, in vielen Kommunen und Städten wird mit Hochdruck daran gearbeitet.
Ein fahrradfreundliches Gestalten wie moderne Fahrradabstellanlagen, sichere Radwege, Raddirektverbindungen, Tempolimit innerorts auf 30 km/h, barrierefreie Querungshilfen, Fahrradkampagnen und Miteinanderwege helfen dabei.
Je mehr Radfahrer unterwegs sind, um Alltagsfahrten zu erledigen, desto sicherer werden auch die Straßen für alle. Dieses Phänomen nennt sich „Safety in Numbers“ (Sicherheit durch Menge). Je mehr Menschen Alltagswege mit dem Fahrrad zurücklegen, desto besser stellen sich andere Verkehrsteilnehmer darauf ein.

Christian Gratzer

VCÖ – Mobilität mit Zukunft

Das Fahrrad ist ein sauberes, leises, umweltfreundliches Verkehrsmittel und zudem sehr platzsparend – sowohl beim Fahren als auch beim Parken. Auf einem Pkw-Abstellplatz können je nach Abstellsystem 8 bis 16 Fahrräder parken. Mehr Radverkehr statt Autoverkehr schafft Platz für mehr Begrünung und für mehr schattenspendende Bäume, wodurch die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessert wird. Bei Straßen mit viel Autoverkehr leiden Anrainer*innen unter der Lärm- und Abgasbelastung. Das ist bei Straßen mit viel Radverkehr nicht der Fall. Und Hand aufs Herz: Gehen Sie lieber neben einer Straße mit viel Autoverkehr zu Fuß oder neben einem Radweg? Eben.

Irene Krohn

Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen im Saarland

Radfahren ist mehr als eine Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Als leises und flächeneffizientes Verkehrsmittel kann das Fahrrad dazu beitragen, öffentliche Räume zugänglicher, sicherer und lebenswerter zu machen. Der Radverkehr bietet die Chance, den öffentlichen Raum neu zu verteilen. Wo weniger Raum für fließenden und ruhenden Kfz-Verkehr gebraucht wird, entsteht Platz für sichere Geh- und Radwege, Grün, Aufenthalt und Begegnung. Voraussetzung ist, Rad- und Fußverkehr von Beginn an mitzudenken: Straßen müssen von außen nach innen geplant werden, Sichtbeziehungen gesichert und ausreichende Abstände berücksichtigt werden. Eine gut geplante Radverkehrsinfrastruktur reduziert Konflikte und erhöht die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden. Gute Radverkehrsplanung ist damit mehr als Infrastruktur für das Fahrrad – sie ist ein Baustein für sichere, lebenswerte und inklusive öffentliche Räume. Davon profitieren nicht nur Radfahrende, sondern alle, die sich dort bewegen und aufhalten.

Christian Schuchardt

Deutscher Städtetag

Immer mehr Menschen sind in der Stadt mit dem Rad und mit E-Bikes unterwegs. Ich auch. Das ist klimafreundlich, gut für die Gesundheit und unterstützt die nachhaltige Mobilität vor Ort. Die Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel wie Fuß- und Radverkehr, Bikesharing sowie Busse und Bahnen ist längst bei der Stadtplanung im Fokus. Ziel ist es dabei auch, sichere und für die Menschen attraktive öffentliche Räume zu schaffen, beispielsweise Radwege entlang von Grünflächen zu planen oder mehr Fahrradstraßen auszuweisen. Auch Schutzstreifen, Sondersignale sowie durchgängige Wegeverbindungen und sichere Abstellmöglichkeiten für die Räder gehören dazu.
Städte verändern sich, und damit verändern sich auch die Ansprüche an den öffentlichen Raum. Das Fahrrad gehört dazu. Genauso wichtig bleibt es, dass alle Verkehrsteilnehmenden – auch Radfahrende – sich umsichtig und rücksichtsvoll in den neu gestalteten öffentlichen Räumen bewegen.

Carolin Kruse

Podcast „Radwissen“

Radverkehr trägt auf mehrere Weise zu einem attraktiveren öffentlichen Raum bei. Quartiere und Straßen, in denen viel Fahrrad gefahren wird, sind merklich leiser und übersichtlicher. Davon profitieren auch Menschen, die zu Fuß unterwegs sind: Für sie, Erwachsene wie Kinder, ist es einfacher und sicherer, die Straße zu überqueren, da sie von Radfahrenden besser wahrgenommen werden als aus einem Auto heraus. Der größte Hebel liegt jedoch in der Flächenumverteilung: Wenn mehr Menschen Rad fahren und eine sichere, komfortable Radverkehrsinfrastruktur vorhanden ist, wird weniger Platz für den Kfz-Verkehr benötigt. Diese Fläche kann umgenutzt werden, es entstehen mehr Grün- und Aufenthaltsflächen zum Spielen und für Begegnung. So wird der öffentliche Raum noch attraktiver: ein Raum, den Menschen nicht nur nutzen, um zu einem Ort zu gelangen, sondern in dem sie sich gerne aufhalten – als konsumfreien Treffpunkt und zum Spielen.

Alison Haywood

Fahrrad-Entscheid Köln

Köln wurde nach dem Krieg als autogerechte Stadt geplant: breite Fahrbahnen, große Kreuzungen und viel versiegelte Fläche für fahrende und parkende Autos. Gleichzeitig gehört Köln zu den hitzebelasteten Großstädten Deutschlands. Seit 2023 setzt der Fahrrad-Entscheid Köln sich dafür ein, den Ausbau der Radinfrastruktur in Köln zu beschleunigen. 2025 wurden zum Beispiel lediglich 5,5 Kilometer neue Radwege gebaut. Für eine Millionenstadt ziemlich wenig. Unser Bürgerbegehren, das die Stadt auffordert, das Radverkehrsnetz um 70 Kilometer pro Jahr zu erweitern, wurde von 33.000 Kölner*innen unterschrieben. Mehr Radverkehr bietet die Chance, öffentlichen Raum neu zu verteilen. Der gewonnene Platz kann neben sicheren Radwegen für breitere Gehwege, Bäume, Gastronomie oder andere Orte zum Verweilen genutzt werden. Für uns bedeutet die Verkehrswende auch Stadtentwicklung und Klimaanpassung.

Edwin Süselbeck

Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen

Rad- und Fußverkehr sind entscheidend, wenn es um einen attraktiven, öffentlichen Raum geht. Während Autofahrende abgeschottet hinter ihren Scheiben verschwinden und nicht mehr die Person, sondern nur noch das Kfz wahrgenommen wird, ist dies bei Radfahrenden und Gehenden vollkommen anders. Hier sind – vielleicht mit Ausnahme der sehr schnellen Radfahrenden – die Personen als Person erkennbar und erlebbar. Dort, wo es mit Menschen belebt (aber nicht übervoll) ist, fühlen sich Menschen willkommen und halten sich gerne auf.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Heather Kaths

Bergische Universität Wuppertal

Raum! Radverkehr ist äußerst flächeneffizient: Radwege und Fahrradabstellanlagen benötigen deutlich weniger Platz als Infrastruktur für den motorisierten Verkehr. Dadurch entsteht Spielraum, öffentlichen Raum neu zu denken – für Außengastronomie, Spielplätze und Grünflächen, Märkte, breite Gehwege, Bänke oder Orte der Begegnung. Genau solche Räume machen Städte lebenswert und gesund. Radverkehr trägt damit nicht nur zur Mobilität bei, sondern eröffnet die Chance, Straßen wieder stärker als öffentliche Räume für Menschen zu gestalten.

Hannah Eberhardt

Verkehr mit Köpfchen

Ich wohne an einer innerstädtischen vierspurigen Straße. Wenn ich morgens aufstehe (und meist noch davor), höre ich als Erstes die vorbeifahrenden Autos, trotz geschlossenem Fenster. Abends sitzen wir manchmal draußen auf der Bank vor dem Haus und lassen den Tag ausklingen. Immer wieder muss einer nachfragen oder das Gespräch unterbrechen – zu viel Autolärm. In solchen Momenten träume ich nicht nur von Tempo 30, sondern auch von einer Fahrradstadt. Leise würde der Radverkehr an uns vorbeiziehen: Radelnde Freundinnen im Gespräch, Kinderlachen aus dem Fahrradanhänger, ab und zu ein Klingeln, das Zirpen einer trockenen Kette, dazwischen immer wieder einfach nur Stille – welch begehrenswerte Geräuschkulisse und wie viel mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum!


Bilder: stock.adobe.com – ArTo, Changing Cities, Gemeinde Gmund, VCÖ, AGFK Saarland, Thomas Berberich, Fair Spaces, Alison Haywood, AGFK Niedersachsen – Angela von Brill, Uni Wuppertal – Heather Kaths, Hannah Eberhardt

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)


Carina Heinz

Referentin Deutsches Institut für Urbanistik

Aus kommunaler Sicht liegt im Einsatz von Fahrrädern und insbesondere Lastenrädern in der betrieblichen Mobilität ein erhebliches ungenutztes Potenzial. Viele innerstädtische Fahrten, die heute mit Pkw oder Kleintransportern durchgeführt werden, könnten effizienter, kostengünstiger und umweltfreundlicher mit dem Rad erledigt werden. Davon profitieren nicht nur Betriebe, sondern auch Städte insgesamt: weniger Verkehr, geringere Emissionen und eine bessere Nutzung des öffentlichen Raums.
Um dieses Potenzial zu heben, sind Kommunen in einer Schlüsselrolle: Sie sind Treiber! Einerseits können sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen – etwa durch die Integration von Lastenrädern in kommunale Eigenbetriebe, Stadtwerke oder Verwaltungsfuhrparks. Andererseits können sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit auch Unternehmen auf das Rad setzen: durch die Ausweisung geeigneter Liefer- und Ladezonen, sichere Abstell- und Ladeinfrastruktur, gezielte Förderprogramme sowie die Unterstützung von betrieblichen Mobilitätsmanagement-Prozessen.
Zugleich können Kommunen als Moderatoren wirken, indem sie Netzwerke und Modellprojekte initiieren, in denen Betriebe, Logistikunternehmen und Verwaltung gemeinsam Lösungen entwickeln. So lassen sich gute Beispiele verstetigen und Wissen verbreiten.
Mit diesen Maßnahmen tragen Kommunen dazu bei, das Fahrrad in der betrieblichen Mobilität zu einem zentralen Baustein nachhaltiger Stadtentwicklung zu machen – mit Vorteilen für Unternehmen, Beschäftigte, die Stadtgesellschaft und das Klima.

Sarah-Helene Sowa

Head of Sustainability bei Riese & Müller

Das E-Bike hat für Unternehmen ein enormes Potenzial, das bislang oft noch nicht voll ausgeschöpft wird. Es eröffnet Mitarbeitenden die Möglichkeit, auch längere Pendelstrecken und Arbeitswege problemlos zurückzulegen und dabei aktiv, aber dennoch entspannt am Arbeitsplatz anzukommen. Gerade im städtischen Umfeld zeigt sich der Vorteil sehr deutlich: keine Staus, kein langes Suchen nach Parkplätzen und in vielen Fällen sogar deutlich schnellere Wege als mit dem Auto. Lastenräder erweitern dieses Spektrum zusätzlich, weil sie den nötigen Stauraum für Arbeitsmaterial oder private Erledigungen bieten.
Damit solche Lösungen im Alltag tatsächlich genutzt werden, braucht es zunächst die passende Infrastruktur – also Abstellanlagen, Lademöglichkeiten und Duschen – und attraktive Angebote wie Dienstrad-Leasing. Wichtig ist aber, auch den ersten Schritt zu erleichtern. Angebote wie Test-Bikes oder eine kleine Leihflotte schaffen die Chance, dass Mitarbeitende den Nutzen einmal selbst erfahren können. Und diese persönliche Erfahrung wirkt meist stärker als jede theoretische Argumentation.
Eine wesentliche Rolle spielt zudem das Management: Wenn Führungskräfte selbst aufs Rad steigen, senden sie ein klares Signal: Nachhaltige Mobilität ist nicht nur ein Konzept, sondern Teil einer gelebten Unternehmenskultur.

Axel Schäfer

Geschäftsführer Bundesverband Betriebliche Mobilität e. V.

Das Fahrrad hat im betrieblichen Mobilitätsmix noch deutlich ungehobenes Potenzial. Unsere Befragung – der BBM Mobility Survey – zeigt: Mehr als ein Viertel aller Beschäftigten hat einen Arbeitsweg von maximal fünf Kilometern – ideale Bedingungen also für Rad- oder E-Bike-Nutzung. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass heute noch mehr Menschen mit dem Pkw unterwegs sind als mit dem Fahrrad. Gleichzeitig planen 21 Prozent der Arbeitnehmenden, ihr Mobilitätsverhalten in den kommenden Jahren zu ändern, wobei das Fahrrad eine zentrale Rolle spielt. Die Bereitschaft, auf das Fahrrad umzusteigen, ist damit gegeben – doch es bedarf gezielter Maßnahmen, um dieses Potenzial voll auszuschöpfen.
Was können wir tun? Die Befragten nennen bessere und sichere Radwege sowie Abstellmöglichkeiten als wichtigste Hebel, um ihr Mobilitätsverhalten nachhaltig zu verändern. Unternehmen können dieses Potenzial erschließen, indem sie Radfahren aktiv erleichtern: Dienstrad-Leasing, sichere Stellplätze, Ladeinfrastruktur für E-Bikes sowie Duschen und Umkleiden am Arbeitsplatz sind zentrale Faktoren. Entscheidend ist aber auch, dass die Kommunen für durchgängige und sichere Radwege sorgen. Erst die Kombination aus Arbeitgeberangeboten und guter Infrastruktur schafft die Grundlage, damit das Fahrrad zur echten Alternative im Arbeitsalltag wird.

Eileen Niehaus

Geschäftsführerin Cargobike.jetzt

Wir sehen enormes Potenzial in der Nutzung des Fahrrads im gewerblichen Bereich. Das heißt, kleine und größere Gewerbe profitieren vom Einsatz des (Lasten-)Fahrrads oder Fahrradanhängers für Service- oder innerstädtische Lieferfahrten mit mittelschwerem und nicht allzu sperrigem Transportgut. Insbesondere als Ergänzung zum bestehenden Fuhrpark bietet das Fahrrad enorme Vorteile: zeitliche Einsparungen durch Stauumfahrungen und wegfallende Parkplatzsuche, Ersparnisse in Anschaffung und Unterhalt, Mitarbeitende ohne Führerschein sind einsetzbar und vieles mehr. Es gibt Wege im Betrieb, die sich gut oder sogar besser mit dem Rad umsetzen lassen. Handwerksbetriebe oder Elektriker*innen beispielsweise müssen nicht immer viel Material mitnehmen. Aber selbst größere Gegenstände und Leitern sind mit dem Rad beziehungsweise Anhänger transportierbar. Es gibt etliche Modelle oder spezielle Firmen auf dem Markt, die für unterschiedliche Gewerbe passende Aufbauten anbieten.
Das Potenzial lässt sich durch das Lückenschließen von fehlender Information erschließen. Dafür haben wir im Rahmen eines Förderprojekts die Website cargobikes4business.com erstellt. Sie liefert Gewerbetreibenden von A–Z alle Infos zum Thema Lastenrad und Anhänger für den Betrieb. Sie gibt Hinweise, welcher Rad- oder Anhängertyp für meinen Einsatzzweck am besten geeignet wäre. Außerdem sehen wir einen Hebel im Ausprobieren. Wenn Betriebe Fahrräder oder Anhänger testen, können sie am besten erkennen, wie sinnvoll der Einsatz ist und dass es sogar Spaß macht.

Berthold Schröder

Präsident der Handwerkskammer (HWK) Dortmund

Statistiken zeigen: In Deutschland legen Menschen zunehmend mehr Wege und längere Strecken mit dem Fahrrad zurück. Auch in Handwerksbetrieben nimmt die Radnutzung zu. Dennoch gibt es weiterhin bei der Mitarbeitermobilität sowie im Werkverkehr ungenutzte Potenziale.
Einige Betriebe, sowohl im urbanen als auch im ländlichen Bereich, bieten ihren Beschäftigten bereits ein Dienstrad an. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben Umwelt- und Gesundheitsaspekten kann ein solches Angebot die rbeitgeberattraktivität stärken – ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte.
Ob das Fahrrad für den Arbeitsweg geeignet ist, hängt von den Rahmenbedingungen ab.
Besonders vielversprechend ist die Möglichkeit, verschiedene Verkehrsmittel zu kombinieren. Solche vernetzten Konzepte gilt es weiterzuentwickeln.
Im Werkverkehr nutzen vor allem Gewerke wie Bäcker oder Schornsteinfeger schon länger das Rad. Leistungsfähige Technik und vielfältige Ausstattung machen es auch für andere Gewerke interessant. Entscheidend ist auch hier, Verkehrsmittel effizient zu kombinieren – nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“.
Der MobilityHub Handwerk, gefördert vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW, wirbt gemeinsam mit beteiligten Handwerkskammern, zu denen auch die Handwerkskammer Dortmund gehört, für das Fahrrad als Teil eines nachhaltigen Mobilitätsmixes.

„Entscheidend sind die Menschen, die Begeisterung ins Unternehmen tragen.“

Amelie Suttner, Velokonzept

Amelie Suttner

Projektleiterin Konferenzen & Community Velokonzept

Das Fahrrad gewinnt im betrieblichen Mobilitäts-Management immer mehr an Bedeutung. Damit es sein volles Potenzial entfalten kann, braucht es jedoch mehr als Abstellanlagen, Umkleiden oder Leasingmodelle. Entscheidend sind die Menschen, die Begeisterung ins Unternehmen tragen – Botschafterinnen und Motivatorinnen, die Kolleg*innen mitnehmen, inspirieren und Lust aufs Radfahren machen.
So entsteht Schritt für Schritt eine Mobilitätskultur, in der das Radfahren selbstverständlich wird – und aus Angeboten ein echter (Verhaltens-) Wandel.


Bilder: difu, Riese & Müller, BBM, Cargobike.jetzt, HWK Dortmund, Stefan Haenel

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2025, März 2025)


Martin Tönnes
Bundesvorstand Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD)

Radfahren ist günstig, klimafreundlich und gesund. Der ökologische Verkehrsclub VCD fordert die Politik auf, Maßnahmen zur Förderung des Fahrrads umzusetzen. Besonders wichtig: Sichere Mobilität durch breite und gepflegte Radwege – und eine Infrastruktur, die das Rad für alle attraktiv macht.
Die Radinfrastruktur bedarf erheblicher Investitionen. Wie von der Verkehrsministerkonferenz gefordert, muss jährlich eine „Fahrradmilliarde“ bereitstehen. So viel Geld ist nötig, um ein dichtes und sicheres Radnetz inner- und außerorts zu schaffen. Dazu gehören auch vor Diebstahl und Wetter geschützte Stellplätze an Bahnhöfen und zentralen Haltestellen. Die Förderung von (E-)Lastenrädern und Radanhängern muss fortgesetzt und auf Leasing-Angebote ausgeweitet werden.
Länder und Kommunen brauchen im Nationalen Radverkehrsplan Vorrang für die Planung und den Bau überörtlicher Radhauptrouten und -schnellwege, um das klimafreundliche Potenzial von Pedelecs auch für längere Strecken zu heben und sie auch dort zu einer Alternative zum Auto zu machen.
Die Vision Zero, das Ziel von null Verkehrstoten oder Schwerverletzten, muss ins Zentrum der Verkehrspolitik rücken. Der VCD fordert daher eine weitere Reform des Straßenverkehrsrechts, besonders der Straßenverkehrsordnung (StVO). Tempo 30 muss innerorts zur Regelgeschwindigkeit werden – mit Ausnahmen für Tempo 50. Diese Maßnahme schützt effektiv Leben. Und die Infrastruktur im Schul- und Wohnumfeld muss kindgerecht gestaltet werden. In der StVO sollten dafür Verkehrsberuhigungs-Maßnahmen wie Schulstraßen verankert werden.
Weiterhin fordert der VCD eine Pflicht zum Einbau von Abbiegeassistenten bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen. Denn beim Abbiegen passieren besonders viele tödliche Unfälle. Zudem müssen in der StVO Schutzstreifen auf Landstraßen mit Tempo 70 ermöglicht werden, um die Sicherheit zu erhöhen und auch über Land dichte Radverkehrsnetze zu schaffen.
Mit diesen Maßnahmen möchte der VCD das Fahrrad als sicheres, attraktives und nachhaltiges Mobilitätsmittel für alle Menschen etablieren.


Anke Schäffner
Leiterin Politik & Interessensvertretung
Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) e.V.

In den Wahlprogrammen der Parteien findet das Fahrrad nur sehr wenig bis gar keine Berücksichtigung. Das wird dem Potenzial der Fahrradmobilität nicht gerecht. Von den Koalitionsverhandlungen und der neuen Bundesregierung erhoffen wir uns daher ein stärkeres Bekenntnis zum Fahrrad und zu unserer Branche als zentraler Baustein für die Zukunftsmobilität. Dafür müssen wir als Industrie deutlich machen, dass wir viele gute Lösungen anbieten können, dass wir eine wirtschaftliche Bedeutung für dieses Land haben und dass Radverkehr mehr ist als ein Nice-to-have-Thema.
Mit Blick auf die Fahrradmobilität brauchen wir ein einladendes Netz für Fahrradinfrastruktur. Das „Sonderprogramm Stadt und Land“ ist äußerst erfolgreich und hat dem Fahrrad-Infrastrukturausbau in den Kommunen einen wichtigen Anschub gegeben. Wir sprechen uns für eine langfristige Fortführung und eine dauerhaft abgesicherte Finanzierung aus, damit die Kommunen langfristig planen können. Der Nationale Radverkehrsplan 2030 muss konsequent umgesetzt und mit einem Aktionsplan unterlegt werden.
Die Regelwerke für Verkehrsinfrastruktur müssen endlich überarbeitet werden, um den Planerinnen und Planern zeitgemäße Richtlinien an die Hand zu geben. Wenn wir über Infrastruktur sprechen, müssen Freizeit- und Alltagsradverkehr zusammen gedacht werden. Fahrradtourismus ist längst ein Rückgrat des Tourismus in Deutschland und Jobmotor.
Außerdem gehört die Sicherheit vulnerabler Gruppen viel stärker in den Fokus der Verkehrspolitik als bisher. Die Vision Zero muss endlich als Grundlage im Gesetz verankert werden.
Fahrrad und E-Bike sind Zukunftsprodukte. Die Menschen möchten Fahrrad fahren und aktive Mobilität ist ein zentraler Schlüssel für weniger Staus, lebenswertere Städte, gesündere Menschen und nachhaltigen Tourismus. Unser Appell an die nächste Bundesregierung lautet deshalb ganz klar, das Fahrrad in den Fokus der Verkehrspolitik zu stellen und die wirtschaftliche Bedeutung der Fahrradindustrie ernst zu nehmen.


Wasilis von Rauch
Geschäftsführer Zukunft Fahrrad e.V.

Als Fahrradwirtschaft erwarten wir von der Bundesregierung eine neue Sachlichkeit in der Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrspolitik, in der das Fahrrad zusammen mit der weiteren nachhaltigen Verkehrswirtschaft einen Schub bekommt.
Mobil zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sicherheit, Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit sind die Hauptfaktoren für die Wahl des passenden Verkehrsmittels. Saubere Luft, lebenswerte Wohnorte, Arbeitsplätze und Kaufkraft sind wichtig für ein gutes Leben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die neue Bundesregierung muss diese Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihrer Verkehrspolitik stellen. Davon profitiert auch ein zukunftsweisender Wirtschaftszweig. Bereits heute hängen rund 500.000 Stellen am „Wirtschaftsfaktor Fahrrad“, an der nachhaltigen Mobilität zusammen mit Bahn, ÖPNV und Carsharing sogar 1,7 Millionen Beschäftigte.
Um die Potenziale des Radverkehrs für die Mobilität der Menschen, für Gesundheit, Klima, lebenswerte Städte und Gemeinden sowie für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu heben, sollte die Bundesregierung an drei konkreten Stellschrauben drehen: Erstens, Infrastruktur ausbauen: Die jährlichen Bundesinvestitionen für den Ausbau der Fahrradinfrastruktur müssen auf eine Milliarde Euro pro Jahr erhöht und langfristig abgesichert werden. Dafür ist eine Reform der Finanzierung notwendig, um Länder und Kommunen durch den Bund langfristig unterstützen zu können.
Zweitens, den NRVP mit verbindlichen Zwischenzielen versehen und umsetzen: Der Nationale Radverkehrsplan 3.0 setzt wichtige Ziele. Ein regelmäßiger, systematischer Fortschrittsbericht stellt sicher, dass diese bis 2030 erreicht werden. Der Nationale Beirat Radverkehr des Bundesverkehrsministeriums wird in die Umsetzung aktiv eingebunden.
Drittens, betriebliche Mobilität als wichtigen Hebel nutzen: Ein großer Teil des Verkehrsaufkommens entfällt auf das Pendeln zum Arbeitsplatz. Das erfolgreiche Dienstradleasing, das eine wichtige Stütze für die Branche ist, benötigt eine Absicherung im Einkommensteuergesetz. Durch ein Mobilitätsbudget könnten mit einer einfachen finanzpolitischen Maßnahme neue Nutzer*innen für nachhaltige Mobilitätsangebote gewonnen werden.
Unser Appell an die neue Bundesregierung und den nächsten Bundestag: Nutzt den Wirtschaftsfaktor Fahrrad!


„Gelobt wird das Fahrrad in der Politik häufig. Aber auf der Straße kommen zu wenige Qualitätsradwege und zu wenige Fahrradparkhäuser an.“

Dr. Caroline Lodemann

Dr. Caroline Lodemann
Bundesgeschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclub e.V. (ADFC)

Wir werben für das Fahrradland-Plus und dafür, dass die neue Bundesregierung das Fahrrad als leistungsfähiges Verkehrsmittel ernst nimmt. Das Fahrrad ist ja ein Problemlöser erster Güte: Es reduziert den Stau, macht den Verkehr sicherer, verbessert Gesundheit und Fitness, schafft Lebensqualität, macht Spaß – und fördert auch noch den Wirtschaftsstandort. Attraktive Orte für Menschen und Unternehmen sind fahrradfreundlich – siehe Wien, Kopenhagen oder Utrecht. Auch das westfälische Wettringen hat mit seiner beharrlichen Fahrradförderung die Herzen der Bürgerinnen und Bürger und den ADFC-Fahrradklima-Test gewonnen.
Gelobt wird das Fahrrad in der Politik häufig. Und laut Nationalem Radverkehrsplan soll Deutschland bis 2030 ein attraktives Fahrradland werden. Aber auf der Straße kommen zu wenige Qualitätsradwege und zu wenige Fahrradparkhäuser an. Egal, wo man in Deutschland auf das Rad steigt, irgendwann wird es stressig, unkomfortabel oder gefährlich. Einen wetterfesten Parkplatz für das Rad sucht man meist vergeblich. Das frustriert die Menschen und hält viele vom Radfahren ab.
Unsere Empfehlung an die nächste Bundesregierung ist, einen Bund-Länder-Vertrag zu schließen, um den Radverkehr verbindlich zu fördern. Denn erwünscht ist, dass alle Kommunen gute Bedingungen zum Radfahren anbieten. Außerdem empfehlen wir, ein Zielnetz zu planen – ein Radnetz Deutschland für Alltag und Tourismus. So eine überregionale Netzplanung ist nötig, wenn das Rad sein Potenzial auch als Pendlerfahrzeug entfalten soll. Und schließlich braucht der Radverkehr eine feste Finanzierungssäule. Dafür empfehlen wir – übrigens gemeinsam mit vielen anderen Verkehrsverbänden – einen Infrastrukturfonds.
Der Lohn ist ein weltweit führendes Fahrradland-Plus bis 2035. Mit hervorragend ausgebauten Rad-wegen, fahrradfreundlicher Raumplanung und einer intelligenten Vernetzung mit Bus und Bahn. Mit dreimal so viel Radverkehr wie heute und jährlichen Einsparungen von 19 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten im Verkehr. Dieses immense Potenzial des Radverkehrs sollte keine Regierungskoalition liegen lassen.


Bilder: stock.adobe.com – katatonia, VCD – Jan Zappner, ZIV – Deckbar, Wasilis von Rauch, ZIV – Deckbar