Für den Dienstrad-Pionier ist dies ein weiterer Meilenstein: Seit Unternehmensgründung wurden 2 Millionen Job-Räder auf die Straße gebracht. In welchen Bundesländern besonders viele Job-Räder unterwegs sind.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Mit einem Marktanteil von 45 Prozent ist JobRad nach eigenen Angaben mit Abstand Marktführer in Deutschland. Im Januar 2023 hatte das Freiburger Unternehmen die Schwelle der eine Million verleasten Diensträder überschritten, im vergangenen Monat hat die zweimillionste Kundin ihr E-Bike über JobRad erhalten. Für die Freiburger ein Grund zur Freude. CEO Florian Baur sagt dazu: „JobRad hat einen einzigartigen Weg hinter sich: Heute sind zwei Millionen Menschen mit einem JobRad unterwegs, davon zuletzt rund 80 Prozent auf E-Bikes. Ich bin sicher, ohne JobRad wäre das E-Bike in Deutschland heute nicht annähernd so etabliert. Unsere Ausstrahlung und unser Angebot machen uns zu einem zentralen Stabilitätsfaktor in der Fahrradbranche. Wir bringen hochwertige Fahrräder auf die Straße, investieren jährlich zweistellige Millionenbeträge in die Branche und arbeiten eng mit den 7200 Fachhändlerinnen und Fachhändlern in Deutschland zusammen“. Interessant: Allein in Baden-Württemberg hat das Freiburger Unternehmen bislang 500.000 Menschen aufs Rad gebracht, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 450.000 und Bayern mit 300.000. Der Meilenstein für JobRad wurde mit einer Gewinnaktion gepaart, an der sich 1350 Menschen beteiligten, indem sie im Aktionszeitraum vom 20. Oktober bis 30. November ein JobRad bestellten. Neben zahlreichen Sachpreisen winkte als Hauptgewinn ein Barpreis über 10.000 Euro.
Welche Funktion übernehmen Sharing-E-Bikes & Co. in Deutschland? Eine aktuelle Studie unter Nutzer*innen dieser Fahrzeuge in Deutschland zeigt insbesondere eine enge Verknüpfung mit Bus und Bahn auf.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Die Ergebnisse der Voi Global User Survey, für die knapp 12.000 Menschen in zwölf Ländern befragt worden sind, wurden Ende vergangenen Jahres veröffentlicht. Ein zentraler Punkt der Studie: Während global bereits jede zweite Person angibt, ihre Fahrten regelmäßig mit dem ÖPNV zu kombinieren, liegt dieser Anteil in Deutschland bei rund 60 Prozent. In Städten mit ausgeprägtem Nahverkehr ist das Zusammenspiel noch deutlicher – etwa in Berlin, Hamburg und München (jeweils um die 65 Prozent). Diese Einschätzung deckt sich mit operativen Daten: Rund jede zweite E-Scooter- und E-Bike-Fahrt startet oder endet an einer ÖPNV-Haltestelle. Auch die Nutzungshäufigkeit unterstreicht die zunehmende Alltagstauglichkeit geteilter Mikromobilität: Rund die Hälfte der Befragten nutzt Voi mindestens einmal wöchentlich. In Deutschland liegt der Anteil leicht darüber. Die Studie zeigt eine klare demografische Entwicklung: Der Anteil der Nutzenden ab 45 Jahren hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt, die Gruppe 55+ wächst am stärksten. Parallel dazu berichten 4 von 10 Befragten, dank geteilter Mikromobilität seltener ein Auto zu nutzen – bei der Jahrgangsgruppe 45+ liegt der Wert bei rund 5 von 10. „Dass sich die Nutzerbasis verbreitert, hängt auch mit der Weiterentwicklung der Fahrzeuge zusammen: E-Scooter und E-Bikes sind heute stabiler, komfortabler und stärker auf den Alltagsgebrauch ausgelegt als in den Anfangsjahren“, erklärt Gustaf Soldan, Chief Product Officer bei Voi Technology.
Die Mehrheit der Bundesbürger*innen ist unzufrieden damit, wie der Verkehrsraum in ihrer Kommune gestaltet ist. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, die zudem wichtige Maßnahmen aus Sicht der Bevölkerung identifiziert.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Beauftragt wurde die von Civey durchgeführte Studie vom TÜV-Verband. Die Antworten von 2500 Personen ab 18 Jahren ergaben, dass 64 Prozent unzufrieden mit der Gestaltung des Verkehrsraumes sind. 34 Prozent sind dabei „eher unzufrieden“ und 30 Prozent „gar nicht zufrieden“. Umgekehrt sind 29 Prozent „eher zufrieden“ und nur 7 Prozent „sehr zufrieden“. „Wenn Busse und Bahnen unpünktlich kommen, Radwege im Nirgendwo enden und Straßen voller Schlaglöcher sind, überrascht es nicht, dass viele Menschen mit der Infrastruktur vor Ort unzufrieden sind“, sagt Richard Goebelt, Fachbereichsleiter Fahrzeug & Mobilität beim TÜV-Verband. „Ob in der Großstadt oder auf dem Land, die Erwartungen an sichere und funktionierende Verkehrswege sind hoch – und vielerorts wird dieser Anspruch nicht erfüllt.“ Die Unzufriedenheit ist in Metropolräumen mit „sehr hoher“ Bevölkerungsdichte am größten. Sie zieht sich jedoch durch alle Regionen. In Städten mit mehr als 5000 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt sie bei 77 Prozent. „Großstädte sind die Laborräume der Verkehrswende“, sagt Goebelt. „Umbauten, neue Verkehrsführungen und Baustellen sind allgegenwärtig. Und weil die Belastungen sofort wirken, die Verbesserungen aber erst später, entsteht bei vielen der Eindruck, dass ständig gebaut wird, aber nichts besser wird.“ Auch in „dicht“ besiedelten Regionen mit 1000 bis 5000 Einwohnern je km² sind es 69 Prozent, in „mittel“ besiedelten Gebieten (300–1000 Einw./km²) 62 Prozent. In Gebieten mit „niedriger“ Bevölkerungsdichte von 150 bis unter 300 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt die Unzufriedenheit „nur“ bei 59 Prozent, in sehr dünn besiedelten Regionen (weniger als 150 Einw./km2) bei 60 Prozent.
Klare Prioritäten
Laut der Umfrage setzt die Bevölkerung klare Prioritäten, wenn es um eine sichere und stressfreie Mobilität geht. Als wichtigste Maßnahme sehen 42 Prozent der Befragten, Straßen und Wege zu sanieren und zu erhalten. Wichtig ist für 34 Prozent außerdem, einen verlässlichen öffentlichen Nahverkehr auszubauen. 30 Prozent priorisieren den Ausbau von Parkmöglichkeiten und 27 Prozent optimierte Ampelsteuerungen für flüssigeren Verkehr. Eine bessere Anbindung ländlicher Räume steht für 25 Prozent der Befragten und der Ausbau der Radinfrastruktur für 21 Prozent weit oben auf der Agenda. „In vielen Kommunen fehlt es an Investitionsmitteln und Planungskapazitäten für eine moderne Verkehrsinfrastruktur“, sagt Goebelt. „Der Verkehrsraum sollte so gestaltet werden, dass die Bedürfnisse unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer von Fußgängern über Autofahrer und Radfahrern bis zum Lieferverkehr berücksichtigt werden.“
25.000 Menschen aus ganz Europa befragte Shimano für eine aktuelle Studie zu Fahrradmarkt und -nutzung. Dabei hebt sie bemerkenswerte Einsichten. Der Mangel an Werkstattkapazitäten behindert die Fahrradnutzung ebenso wie unsichere Verkehrswege.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Der im Februar 2026 veröffentlichte „State of the Nation Report“ von Shimano, für den 25.000 Menschen in Europa befragt wurden, offenbart eine Diskrepanz zwischen der hohen Verbreitung von Fahrrädern und den strukturellen Hürden ihrer Nutzung. Während Deutschland mit einer aktuellen Besitzquote von 74,1 Prozent weiterhin eine Hochburg des Fahrradfahrens bleibt, identifiziert die Studie kritische Engpässe in der Service-Infrastruktur und eine stagnierende Sicherheitswahrnehmung, die das zukünftige Wachstum gefährden könnten.
Wartungsprobleme schränken ein
Ein besonders alarmierendes Ergebnis der Studie ist die direkte Korrelation zwischen Wartungsproblemen und sinkender Fahrradnutzung: Europaweit fahren 121 Millionen Menschen weniger Rad, weil der Zugang zu Reparaturen erschwert ist. Für Deutschland zeigt die Analyse eine spezifische „Kapazitätskrise“, die sich vom Rest des Kontinents unterscheidet. Während Südeuropa eher mit einem Mangel an Geschäften kämpft, leiden deutsche Radfahrer unter der mangelnden Verfügbarkeit bestehender Services. Konkret nennen 33,1 Prozent der Betroffenen lange Wartezeiten als Hauptgrund für Probleme – der höchste Wert in ganz Europa. Diese Hürden haben reale Folgen für das Mobilitätsverhalten, da europaweit 16,4 Prozent der Menschen mit Wartungsproblemen das Radfahren komplett eingestellt haben. Andere versuchen, Reparaturen selbst durchzuführen oder das Verkehrsmittel zu wechseln.
Sicherheitsbedenken nehmen zu
Auch die subjektive Sicherheit, insbesondere für Kinder, entwickelt sich nicht positiv. In Deutschland herrscht besonders deutliche Skepsis, denn 65 Prozent der Befragten stimmen nicht zu, dass der Straßenverkehr für Kinder in den letzten zwölf Monaten sicherer geworden ist. Mit einer Netto-Differenz von -1,61 Prozent bei der wahrgenommenen Sicherheitsverbesserung liegt Deutschland damit hinter Nachbarländern wie Polen und Frankreich zurück. Selbst Fahrradvorbilder wie die Niederlande verzeichnen negative Werte, was im Bericht unter anderem auf die Zunahme von „Fatbikes“ auf Radwegen zurückgeführt wird. Bei den Lösungsansätzen zeigt sich zudem ein Generationengraben: Jüngere Menschen fordern finanzielle Unterstützung für Ausrüstung, während Ältere auf Aufklärungskampagnen setzen, wobei Einigkeit darüber besteht, dass eine kinderfreundliche Infrastruktur absolute Priorität haben muss. Die Bewertung der Infrastrukturverbesserungen folgt einem für reife Märkte typischen Muster: Hohe Standards führen zu steigenden Erwartungen, wodurch Verbesserungen weniger stark wahrgenommen werden. Deutschland rangiert hier wieder im unteren Feld, da nur 41 Prozent der Befragten angeben, dass sich die Radinfrastruktur in ihrer Region zuletzt verbessert hat. Innerhalb dieser Wahrnehmung stellt der Bericht zudem einen Gendergap fest, da Frauen die Verbesserungen der Infrastruktur um 8 Prozentpunkte häufiger positiv bewerten als Männer. Abschließend betont Ties van Dijk von Shimano Europe, dass es mehr als physische Infrastruktur für die Mobilitätswende braucht. Wenn Wartung kompliziert bleibt und die Sicherheit für die nächste Generation nicht gewährleistet ist, droht die Beteiligung am Radverkehr zu sinken.
Vor rund einem Jahr konnte der Lastenrad- und Tandemspezialist Pedalpower ein bereits eingeleitetes Insolvenzverfahren in Eigenregie noch stoppen. Die damals geäußerten Hoffnungen scheinen sich nicht erfüllt zu haben.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Ein Blick zurück in den Januar 2025: Da machte die Meldung über den Antrag eines vorläufigen Insolvenzverfahrens über das Vermögen der Pedalpower GmbH die Runde. Nur wenige Wochen später kam dann die Entwarnung: Der Antrag konnte zurückgenommen werden, meldete der Berliner Hersteller. Das Unternehmen zeigte sich zuversichtlich, die Herausforderungen zu meistern, nicht zuletzt auch aufgrund einer guten Ausgangslage. Ein Jahr später sieht es so aus, als ob es für Pedalpower nicht gereicht hat. Noch vor dem Jahreswechsel hat das Amtsgericht Charlottenburg die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Prof. Dr. Torsten Martini aus Berlin bestellt. Ziel einer solchen Maßnahme ist es üblicherweise, dass sich der vorläufige Insolvenzverwalter ein vollständiges Bild der wirtschaftlichen Lage macht. Das ist offenbar mittlerweile passiert. Denn: Mitte Februar jetzt das Insolvenzverfahren über die Pedalpower GmbH eröffnet, als Insolvenzverwalter fungiert Martini.
https://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2026/04/C_Pedalpower.jpg450800Sebastian Gengenbachhttps://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2019/08/veloplan-340x156-300x138.pngSebastian Gengenbach2026-03-12 14:30:022026-05-04 09:38:36Lastenradhersteller Pedalpower wieder in Schwierigkeiten
Der norwegische Tracking-Technologie-Anbieter BikeFinder hat seinen „Bike Theft Report 2025“ veröffentlicht. Der Bericht kombiniert interne Daten von Kund*innen aus 45 Ländern mit öffentlich zugänglichen Statistiken. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer sich wandelnden Kriminalitätsform, die zunehmend professioneller agiert und sich auf hochwertige E-Bikes spezialisiert.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Trotz technologischer Fortschritte bleibt Fahrraddiebstahl eines der häufigsten Eigentumsdelikte in Europa. Laut der European Cyclists‘ Federation (ECF) werden in der EU jährlich rund 1,3 Millionen Fahrräder als gestohlen gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund fehlender Anzeigen deutlich höher liegen.
Regionale Schwerpunkte und Trends
Der Bericht hebt hervor, dass Vergleiche zwischen Ländern aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden schwierig sind. Dennoch zeigen die Daten klare Schwerpunkte:
Niederlande: Hier werden jährlich ca. 500.000 Fahrräder gestohlen.
Deutschland: Es werden rund 260.000 Fälle pro Jahr registriert.
Großbritannien: Im letzten Quartal 2025 verzeichnete BikeFinder hier relativ zur Kund*innenbasis die höchste Diebstahlrate.
Ein statistisch besonders relevanter Aspekt des Berichts ist der massive Unterschied bei den Wiederbeschaffungsquoten: Die polizeiliche Aufklärungsquote liegt europaweit bei lediglich 5 bis 10 Prozent, wenn kein GPS-Tracker verbaut ist. Bei Fahrrädern, die mit einem aktiven BikeFinder-Tracker ausgestattet waren, wurden 80 Prozent der gestohlenen Räder wiedergefunden, heißt es im Bericht. In Großbritannien lag diese Quote im vierten Quartal 2025 sogar bei 91 Prozent. Dieser Punkt alleine dürfte wohl die beste Werbung für die Nutzung von GPS-Trackern sein. 70 Prozent der getrackten Rückführungen erfolgen innerhalb von fünf Tagen, im Durchschnitt sogar bereits am Folgetag. Interessant ist zudem die Entwicklung innerhalb der BikeFinder-Community selbst: Die Diebstahlrate unter den eigenen Kunden stieg von 2024 auf 2025 um 8 Prozent an, was auf die zunehmende Attraktivität hochwertiger Räder für Diebe hindeutet.
Erkenntnisse und Empfehlungen
Der Diebstahl von Fahrrädern hat sich von einfachen „Joyride“-Diebstählen (Gelegenheitsdiebstahl zur kurzfristigen Nutzung) hin zu organisierter Kriminalität gewandelt. Professionelle Banden nutzen oft „Einkaufslisten“ für spezifische Modelle. Die Logistik ist dabei straff organisiert: Viele Räder werden innerhalb der ersten Stunde per Transporter weggebracht. Diebesgut wird oft 1 bis 5 Tage professionell verpackt und gelagert („Cooling-off“-Phase). Der Abtransport erfolgt häufig über den Straßen- oder Schienenverkehr in osteuropäische Länder, wo die Räder als Ganzes oder in Einzelteilen verkauft werden. Obwohl Diebstähle das ganze Jahr über stattfinden, zeigt sich ein klares saisonales Muster. Die Hochsaison liegt beständig zwischen Mai und September. 40 Prozent aller Diebstähle finden im Sommer statt, 15 Prozent aller Diebstähle im Winter (der Februar ist der Monat mit den wenigsten Delikten).
Der gefährlichste Ort: das eigene Zuhause
Eine der überraschendsten Erkenntnisse des Reports ist der Tatort. Entgegen der Annahme, dass Bahnhöfe oder öffentliche Plätze am unsichersten sind, finden 70 Prozent der gemeldeten Diebstähle am Wohnort des Besitzers statt. Diebe nutzen die Vorhersehbarkeit: Sie wissen, wo hochwertige Räder nachts stehen, und nutzen Sicherheitslücken in Gemeinschaftskellern, Garagen oder Schuppen aus, die oft nur durch einfache Vorhängeschlösser oder Holztüren gesichert sind.
Der Bericht schließt mit konkreten Handlungsempfehlungen:
Keine falsche Sicherheit: Auch in privaten Kellern oder Garagen muss das Rad an einem festen Objekt (Wand- oder Bodenanker) angeschlossen werden.
Sichtprüfung: „Cooling-off“-Taktik erkennen. Diebe stellen Räder manchmal für 24 Stunden an öffentlichen Plätzen ab, um zu prüfen, ob ein Tracker reagiert.
Technologische Aufrüstung: Die Kombination aus hochwertigen Schlössern (am besten zwei verschiedene) und einem GPS-Tracker wird als effektivster Schutz empfohlen.
Was die Daten implizieren
Das Versagen der architektonischen Sicherheit Dass 70 Prozent der Diebstähle zu Hause passieren, ist ein Indikator für ein strukturelles Problem im Wohnungsbau und der Hausverwaltung. Der klassische Fahrradkeller oder die private Garage bieten eine trügerische Sicherheit. Das impliziert, dass umgedacht werden muss: Ein abschließbarer Raum reicht nicht mehr aus, Bodenanker oder Videoüberwachung in Fahrradräumen könnten zukünftig zum Standard für Versicherungsschutz werden.
Hochwertige Bikes als Treiber der Kriminalitätsstatistik Die im Bericht genannte Steigerung der Diebstahlrate um 8 Prozent korreliert mit der Marktdurchdringung von hochwertigen Fahrzeugen. Da BikeFinder-Kund*innen tendenziell teurere Räder besitzen, spiegelt der Report vor allem den Markt für Premium-Räder wider. Der Fahrraddiebstahl wird zunehmend ein Delikt mit hoher Gewinnmarge, ähnlich dem Kfz-Diebstahl, und koppelt sich von der Kleinkriminalität ab.
Das Wettrüsten: Diebe passen sich an Ein durchaus beunruhigendes Detail im Report ist die Erwähnung, dass Diebe gestohlene Räder oft 24 Stunden an öffentlichen Orten stehen lassen, um zu sehen, ob ein Tracker aktiv wird. Dies zeigt, dass Kriminelle die Technologie der Tracker-Anbieter bereits in ihre Prozesse einpreisen. Es läuft ein technologisches Wettrüsten. Ein Tracker allein ist kein Allheilmittel, sondern muss so verbaut sein, dass er nicht sofort entdeckt oder entfernt werden kann. Die schnelle Reaktionszeit (oft Wiederbeschaffung am nächsten Tag) ist daher nicht nur Komfort, sondern notwendig, bevor das Rad ins Ausland verschwindet oder der Tracker gefunden wird.
Die wirtschaftliche Dimension der Wiederbeschaffung Wenn 49 Prozent der Bestohlenen über einen Monat Zeit brauchen, bis sie für Ersatz sorgen und 11 Prozent gar kein neues Rad kaufen, entsteht ein erheblicher Schaden, der über den reinen Warenwert des gestohlenen Rades hinausgeht. Der Verlust von Kundinnen, die aus Frust das Radfahren aufgeben („Modal Shift“ zurück zum Auto oder ÖPNV), ist ein Aspekt, der für die Verkehrswende in Städten relevant ist. Die Daten beruhen auf dem BikeFinder Theft Report 2025 von Bikefinder.com. Alle Prozentangaben beziehen sich auf die im Report genannte Datenbasis (Kundinnen von Bike-Finder sowie aggregierte externe Quellen).
https://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2026/03/Bikefinder.jpg7321772Daniel Hrkachttps://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2019/08/veloplan-340x156-300x138.pngDaniel Hrkac2026-03-12 14:20:152026-05-04 09:38:15Fahrraddiebstahl 2025: Der eigene Keller als Risikogebiet
Die europäische Fahrradindus-trie stellt sich neu auf: Durch den Zusammenschluss der Verbände CONEBI und Cycling Industries Europe (CIE) ist die neue Dachorganisation „European Cycling Industries“ (ECI) entstanden. Paul Walsh, Geschäftsführer der ECI, erklärt im Interview, warum diese Fusion für die politische Schlagkraft in Brüssel entscheidend ist und weshalb das industrielle Argument künftig stärker im Fokus stehen muss.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Herr Walsh, die Verbandsstruktur der europäischen Fahrradindustrie hat sich grundlegend geändert. CONEBI und CIE sind zur neuen Organisation „European Cycling Industries“ (ECI) verschmolzen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Veränderungen, die dieser Zusammenschluss mit sich bringt? Bisher hatten wir zwei Verbände, die teilweise unterschiedliche Aspekte derselben Branche vertraten. In Brüssel führt eine solche Fragmentierung oft dazu, dass die Industrie mit verschiedenen Stimmen spricht. Das schafft Verwirrung und gibt politischen Entscheidungsträgern die Möglichkeit, die Verbände gegeneinander auszuspielen. Das Ziel der Fusion, das wir seit fünf oder sechs Jahren verfolgt haben, ist eine einheitliche Stimme für die Branche. Wir führen nun die Stärken beider Organisationen zusammen: Die technische Expertise und das starke Lobby-Netzwerk der CONEBI trifft auf den Fokus der CIE, die das Fahrrad als Teil eines modernen Ökosystems aus Innovationen und Dienstleistungen wie Bikesharing, Leasing und digitaler Technologie versteht. Damit sprechen wir nun mit einer wirklich starken Stimme für die gesamte Branche in Brüssel.
Die Ursprünge der beiden Verbände waren sehr verschieden: Die CIE kam eher aus dem Bereich der Mobilitätspolitik, während die CONEBI klassische Industriepolitik und Regulierung betrieb. Werden diese beiden Aspekte in der neuen ECI gleichberechtigt nebeneinanderstehen? Absolut, beide Seiten sind in unserer Struktur gleich gewichtet. Wir haben zwei zentrale Gremien: Das „Industry Growth Committee“ führt die Arbeitsgruppen der ehemaligen CIE fort, während das „Product Legislation Committee“ die technischen und regulatorischen Themen der CONEBI übernimmt. Auch unser Vorstand ist paritätisch besetzt, mit jeweils sieben Vertretern aus beiden Lagern. Natürlich entwickeln sich Themen mit der Zeit, aber grundsätzlich behalten wir sowohl die Mobilitätsaspekte als auch die technischen Industriefragen gleichermaßen im Blick.
Die Mitgliederstruktur der ECI ist nun ziemlich gemischt: Es gibt nationale Verbände, für die ECI der europäische Dachverband ist, aber es gibt auch direkte Unternehmensmitglieder wie Pon.Bike, Decathlon und Bosch. Ist das für einen europäischen Dachverband ein gängiges Modell? In Brüssel gibt es alle erdenklichen Strukturen. Es gibt reine Dachverbände nationaler Organisationen, sogenannte Föderationen, und Verbände, die ausschließlich aus Direktmitgliedschaften von Unternehmen bestehen. Wir nutzen eine Kombination aus beidem, was durchaus üblich ist. Derzeit haben wir bereits über 100 Unternehmensmitglieder, aber wir sehen hier definitiv noch deutliches Wachstumspotenzial und planen, diesen Bereich weiter auszubauen.
„Wenn man für das Fahrrad lobbyiert, stehen einem viele Türen offen.“
Paul Walsh ist ein Profi auf dem Brüsseler Verbandsparkett mit Erfahrungen unter anderem aus der Luftfahrtbranche.
Ein Großteil der Radverkehrspolitik – insbesondere der Infrastrukturausbau – findet auf kommunaler Ebene statt. Je höher die politische Ebene, desto geringer scheint der direkte Einfluss. Welche Hebel haben Sie auf europäischer Ebene in Brüssel überhaupt, um die Infrastruktur vor Ort zu verbessern? Die „European Declaration on Cycling“ war ein wichtiger Meilenstein, da sie den Rahmen schafft, in dem die EU die Mitgliedstaaten zu mehr Radverkehr ermutigen kann. Ein entscheidender Hebel ist dabei die Finanzierung. Wir müssen sicherstellen, dass es spezifische Fördermittel für den Radverkehr gibt oder dass bestehende Töpfe diesen priorisieren. Zudem müssen die Mitgliedstaaten nun nationale Strategien mit messbaren Kennzahlen vorlegen, was zu einer stärkeren Harmonisierung führt. Auch wenn die Entscheidungen oft lokal getroffen werden, kann die EU so durch ihre Anreize einen maßgeblichen Rahmen setzen.
Gibt es denn bereits genügend Fördermittel für den Radverkehr in Europa? Genauso wichtig wie die Forderung nach mehr Geld ist die Tatsache, dass die vorhandenen Mittel auch tatsächlich genutzt werden. Das erfordert eine bessere Koordination zwischen der Industrie, den Kommunen und den lokalen Behörden bei der Einreichung von Projektvorschlägen. Wir wollen eine Brücke schlagen: Unsere nationalen Industrieverbände müssen eng mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der ECF (European Cyclists‘ Federation) zusammenarbeiten. Nur wenn alle Akteure über die verfügbaren Finanzierungsmechanismen informiert sind und gemeinsam Anträge stellen, schöpfen wir das Potenzial voll aus.
Sie sind seit Mai 2025 im Amt und waren zuvor in anderen Branchen tätig, etwa in der Luftfahrt. Was ist Ihr wichtigstes Learning aus Ihrem ersten Jahr in der Fahrradindustrie? Was mich beeindruckt hat, ist der Reichtum an Argumenten. Wenn man für das Fahrrad lobbyiert, stehen einem viele Türen offen, weil man neben dem industriellen Wachstum und Arbeitsplätzen auch Umweltvorteile, gesundheitliche Aspekte und die Lebensqualität in Städten anführen kann. In anderen Branchen geht es hingegen fast ausschließlich um Wettbewerbsfähigkeit und BIP-Wachstum. Doch genau hier sehe ich auch eine Herausforderung: In der Vergangenheit ist das rein industrielle Argument – also die Bedeutung der Fahrradproduktion als europäischer Wirtschaftsfaktor – manchmal hinter den ökologischen und sozialen Argumenten zurückgetreten. Ich möchte das Gespräch umkehren: Wir müssen zuerst über die Sicherung einer starken europäischen Industrie, über Innovation und industrielles Wachstum in Europa sprechen. Die ökologischen und gesellschaftlichen Vorteile kommen dann als großartiger Zusatz obendrauf. Wir müssen verdeutlichen, dass Europa der Weltmarktführer bei Fahrradinnovationen bleiben muss.
https://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2026/03/VDB260126_ECI-164-scaled-e1774955879247.jpg14022250Markus Fritschhttps://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2019/08/veloplan-340x156-300x138.pngMarkus Fritsch2026-03-12 14:10:562026-05-04 09:37:40Wir brauchen in Brüssel eine starke Stimme für diegesamte Branche“
Wenn sich vom 16. bis 19. Juni 2026 die internationale Fahrrad- und Mobilitätsbranche in Rimini trifft, kehrt der bedeutendste globale Kongress für Radverkehr erstmals seit 1991 wieder nach Italien zurück. Die Velo-City, veranstaltet von der European Cyclists’ Federation (ECF), gilt seit 1980 als wichtigstes globales Forum für aktive Mobilität sowie als Impulsgeber für Politik, Planung und Innovation im Bereich nachhaltiger urbaner Verkehrssysteme.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Etwa 1600 Delegierte aus über 60 Ländern werden in Rimini erwartet – darunter politische Entscheidungsträgerinnen, Stadtplanerinnen, Wissenschaftlerinnen, Verbände und Vertreterinnen der Fahrradindustrie. In rund 80 Fachsessions mit über 400 Referent*innen werden Strategien, Best Practices und aktuelle Forschungsergebnisse zur Förderung des Radverkehrs diskutiert. Die Velo-City versteht sich dabei als umfassende Plattform, die Städte und Regionen befähigt, Radverkehr als zentralen Bestandteil moderner Mobilitätssysteme zu entwickeln und die Transformation des öffentlichen Raums in die Praxis umzusetzen.
Die Lage des Veranstaltungsortes bildet den Kontrast zwischen historischer Altstadt und Strandleben in Rimini ab.
Urbane Träume sollen konkret werden
Das offizielle Jahresthema „Delivering the Urban Dream“ betont den Übergang von politischen Visionen zu konkreten Maßnahmen. Im Mittelpunkt stehen Strategien, die die Lebensqualität städtischer Räume steigern, Klimaanpassung fördern und Mobilität sozial gerechter machen – wobei Radverkehr als Schlüsselinstrument gilt. Der Kongress rückt dabei politische Führungsstärke, langfristige Planung, integrierte Mobilitätskonzepte und enge Bürgerbeteiligung in den Fokus. Die Botschaft: Urbane Transformation gelingt nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern nur durch vernetzte Mobilitätsstrategien, strategische Governance und dauerhafte Investitionen.
Prominente Stimmen
Zu den bereits angekündigten Sprecher*innen gehören zahlreiche internationale Entscheidungsträgerinnen und Experten verschiedener Disziplinen. Genannt werden unter anderem Yoko Alender (ehemalige Klimaministerin Estlands), Francesca Racioppi (WHO), Laurianne Krid (ECF) sowie Britta Dürscheid (Google). Ihre Vielfalt steht stellvertretend für die Interdisziplinarität der Velo-City, die Mobilitätspolitik, Gesundheitsforschung, Technologie und Stadtplanung eng miteinander verzahnt.
80
Sessions unter anderem zu den Themen Infrastrukturplanung, Verkehrssicherheit, Mobilitätsmanagement, urbane Gesundheit, Tourismus, Daten & Digitalisierung sowie Kommunikation stehen im Programm der Velo-City-Konferenz.
Warum Rimini?
Rimini wurde von der ECF nicht zufällig ausgewählt. Die Stadt an der Emilia-Romagna-Küste hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen: von einer stark autoorientierten Tourismusstadt hin zu einem Modell nachhaltiger Stadtentwicklung (siehe auch Bericht Porträt Rimini). Die 15 Kilometer lange Uferpromenade wurde zu einem „Urban Sea Park“ umgestaltet und bietet heute neue Grünflächen, Rad- und Fußwege, Sportbereiche und öffentlichen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität. Parallel dazu hat Rimini sein Radwegenetz ausgebaut und verfolgt das Ziel, innerhalb eines Jahrzehnts 50 Prozent aller Wege über Rad, Fuß und öffentlichen Verkehr abzuwickeln. Diese tiefgreifenden strukturellen Veränderungen machen Rimini zu einem Beispiel für erfolgreiche urbane Regeneration – und zu einem inspirierenden Gastgeber für diesen Weltkongress. Auch die Region Emilia Romagna hat in den vergangenen Jahren massiv in ihre Rolle als fahrradfreundliches Reiseziel investiert und unterstützt das Event als Teil einer langfristigen nachhaltigen Tourismusstrategie.
Themenvielfalt mit fachlicher Tiefe
Das vorläufige Programm umfasst mehr als 80 Sessions, die sich in thematische Stränge wie Infrastrukturplanung, Verkehrssicherheit, Mobilitätsmanagement, urbane Gesundheit, Tourismus, Daten & Digitalisierung sowie Kommunikation gliedern. Die hohe Zahl an eingereichten Abstracts zeigt, welchen Stellenwert die Velo-City als weltweit führende Wissensplattform einnimmt. Besonders die italienischen Organisatoren, allen voran die federführende Federazione Italiana Ambiente e Bicicletta (FIAB), betonen den Anspruch, mit der Ausgabe 2026 eine Debatte zu stärken, die weit über Italien hinausreichen soll: Mobilität müsse als Grundrecht verstanden und flächendeckend in den Dienst gesünderer, sichererer und attraktiverer Städte gestellt werden.
Der fachliche Austausch in Podiumsdiskussionen und die begleitenden Ausstellungen, wie hier bei der letzten Veranstaltung in Gdansk, nehmen bei Velo-City einen prominenten Raum ein.
Erlebnisorientiertes Rahmenprogramm
Neben der fachlichen Arbeit setzt die Velo-City traditionell auf ein Rahmenprogramm, das die Themen des Kongresses erlebbar macht. Höhepunkt in Rimini ist eine Bike-Parade am Abend des 17. Juni, die Teilnehmende und Bürger*innen gemeinsam durch die Altstadt und entlang der Küste führt und ein sichtbares Symbol für die Verbindung von Konferenz und Stadtgesellschaft werden soll. Ein Bike Village an der Piazzale Fellini, ein Networking Dinner in der Altstadt und eine Ausstellung mit über 100 internationalen Ausstellern runden das Programm ab und bieten Möglichkeiten für Austausch, Produktinnovationen und Kooperationen.
Impulsgeber für Italien und die Welt
Die Organisatorinnen verfolgen das Ziel, dass Velo-City 2026 zu einem Katalysator für weitreichende Veränderungen wird. Die FIAB spricht von einer möglichen „politischen Initialzündung“ für mutigere Entscheidungen in der italienischen Mobilitätspolitik – darunter der Ausbau sicherer Infrastruktur, Maßnahmen für Verkehrssicherheit, eine stärkere Rolle des Radverkehrs im Klimaschutz und die Aufwertung urbaner Räume. Gleichzeitig biete Velo-City europäischen Städten eine Plattform, voneinander zu lernen und die Umsetzung der Mobilitätswende grenzüberschreitend zu beschleunigen. Mit ihrer Kombination aus hochkarätigen Expertinnen, einem klaren thematischen Fokus und einer Stadt, die selbst einen tiefgreifenden Wandel demonstriert, hat die Velo-City auch in ihrem 47. Jahr einmal mehr das Potenzial, zu einem wegweisenden Ereignis zu werden. Sie will zeigen, wie Mobilitätswende nicht nur geplant, sondern konkret erlebbar gemacht werden kann – im urbanen Raum, in der politischen Debatte und in der alltäglichen Mobilitätskultur. Rimini bietet dafür nicht nur die passende Kulisse, sondern ein lebendiges Beispiel dafür, wie eine Stadt fahrradfreundliche Transformation aktiv gestalten kann.
https://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2026/03/1749884638407-e1774868344801.jpg10901180Markus Fritschhttps://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2019/08/veloplan-340x156-300x138.pngMarkus Fritsch2026-03-12 14:00:122026-05-04 09:37:16Velo-City 2026 in Rimini: Mobilitätswende an der Adria
Den richtigen Produktionsstandort zu wählen, ist ein vielschichtiger Prozess. Reshoring und Nearshoring könnten dazu führen, dass Europa als Produktionsstandort wieder wichtiger wird. Doch die Verlagerung ist ein schwieriges Unterfangen.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Die Leitmesse Eurobike ist das beste Beispiel dafür, wie global vernetzt die Fahrrad- und E-Bike-Industrie heutzutage ist. Bis auf wenige Ausnahmen kommt kaum ein Fahrradmodell ohne Komponenten aus, die im Ausland, häufig in Asien, gefertigt wurden. Gerade zu Pandemiezeiten hat die lange Lieferkette der Fahrradbranche erhebliche Probleme bereitet. Zu dieser Zeit ließen sich vermehrt Forderungen danach vernehmen, Produktionsprozesse zurück in die Heimatländer der Hersteller (Reshoring) beziehungsweise in nahe gelegene Länder (Nearshoring) zu verlegen. Ein Unternehmen, das im Kontext der Covid-19-Pandemie näher an den österreichischen Standort gerückt ist, ist der Kinderradhersteller Woom. Motiviert war das durch eine Explosion der Transportkosten und begrenzte Ausbaukapazitäten in Asien. Anfang 2021 nahm das Unternehmen eine Montagelinie bei einem polnischen Partnerunternehmen in Betrieb. Für die Produktion von Woom sind nun fünf Standorte relevant, von denen drei in Asien und zwei in Europa liegen. COO Johannes Kisslinger erklärt: „Aus Resilienzgründen ist es das Ziel, die Produktion zwischen den Standorten und Regionen ausbalanciert gleich zu verteilen.“ Nicht alle Eier in einen Korb zu legen, könne entscheidend sein, wenn ein Standort von neuen Zöllen, geopolitischen Krisen, Naturkatastrophen oder Streiks betroffen ist. Die Standortfrage ist für den Hersteller ein Dauerbrenner, so Kisslinger: „Das Thema ist bei uns laufend in Bewegung, weil wir uns sehr schnell entwickeln und global Märkte bedienen.“ Einen Teil der Wertschöpfungskette in Europa zu betreiben, hat betriebswirtschaftliche und organisatorische Vorteile für Woom. Das Unternehmen kann Räder, die in Europa montiert werden, leichter nach Farbe und Modellen priorisieren und so schneller auf Marktschwankungen reagieren. Zudem ist der Cash-Conversion-Cycle, also eigentlich die Lagerdrehzahl, kürzer als bei asiatischen Montagebetrieben. Dort sorge der lange Transport dafür, dass Hersteller Räder schon lange vor dem Verkauf bezahlen müssen. Vorteilhaft sei auch, Geschäfte in Euro abwickeln zu können. Die geografische Nähe erleichtere es Woom, die Qualität zu betreuen und Änderungen vorzunehmen. Auch für die Entwicklungsabteilung seien die Nähe zum Standort und die nicht vorhandene Zeitverschiebung in Polen praktisch.
Das österreichische Mattighofen ist der wichtigste Standort für den Fahrradhersteller KTM. Die Rahmen kommen dennoch aus Asien.
Ohne asiatische Teile geht es kaum
Für eine neue Produktlinie habe man sich jüngst bewusst für einen Partner in Europa entschieden, um den Vorteil der kurzen Wege zu nutzen, verrät Kisslinger. „Da steckt sehr viel neue Technologie für uns drin, was Produktionsverfahren und Materialien betrifft.“ Dennoch betont der COO, dass eine Produktion über die Montage hinaus häufig am Geld scheitert. „Einen Aluminiumrahmen in Europa zu finden, der in unsere Preiskategorie passt, bleibt eine Herausforderung“, ordnet Kisslinger ein. Erschwerend wirkt, dass selbst ein in Europa produzierter Rahmen sich kaum ohne asiatische Komponenten und somit eine global verflochtene Lieferkette bestücken lässt. „Die Komponentenwelt und die Expertise für Komponenten ist in Asien. Es ist eine große Herausforderung, einen Großteil der Komponenten für Fahrräder in Europa zu sourcen, insbesondere wenn man nicht im High-End-Bereich tätig ist.“
Produkte als Plattform aufbauen
Jayu Yang ist Investorin und Beraterin des Fahrradherstellers Haro Bikes, der US-amerikanische Wurzeln in der BMX-Szene hat und seit wenigen Jahren den europäischen Markt bespielt. Auch sie sieht vor allem im höherpreisigen Segment Raum dafür, Produktionsschritte in Europa durchzuführen. „Wenn der Wert des Endprodukts höher ist, macht es mehr Sinn, in Europa zu montieren“, sagt Yang. Fahrräder für den europäischen Markt montiert das Unternehmen in Deutschland. Um dabei flexibel zu sein, hilft vor allem die Angebotsstruktur, wie Verena Begemann, General Manager bei Haro Bikes, erklärt: „Wir verstehen unser Produktportfolio als modulare Plattformen – ähnlich wie es in der Automobilindustrie üblich ist.“ Montiert werden die Räder dann je nach Kundenwunsch mit verschiedenen Qualitätsstufen an Komponenten. Die Konstruktion und Lackierung erfolgen zuvor in Taiwan. Reaktionsschnell zu sein, sei wichtig, weil viele Händler ihre Ware heute spontaner ordern. Begemann erklärt: „Die Weise, wie Händler seit Covid Bestellungen aufgeben, hat sich sehr verändert.“ Große Lagerbestände hat der Handel schon immer gerne vermieden, heute liegt besonders hohes Augenmerk auf diesem Thema. „Heute ist mehr Flexibilität gefragt. Order für ein ganzes Jahr im Voraus zu haben, ist ein großer Luxus, weil man weiß, wie viel Geld reinkommt“, sagt Jayu Yang. Der Geldfluss sei durch kürzere Orderzeiträume langsamer denn je, was eine Herausforderung für den Hersteller darstellt. „Wenn man verschiedene Industrien vergleicht, hat die Fahrradindustrie eine der kompliziertesten Lieferketten“, so Yang. Die Vorlaufzeit, um Produkte aus Asien zu beziehen, betrage häufig rund ein halbes Jahr. Einzelne Produktionsschritte in Europa durchzuführen, kann unter Umständen dazu beitragen, Zeit zu sparen und den Warenumschlag zu beschleunigen. Das sei wichtig, weil die Kapitalkosten hoch sind. „Dieser Druck wirkt sich auf allen Ebenen der Lieferkette aus“, erklärt Yang. Ihr Blick auf die Kostenfaktoren zeigt, wie viele verschiedene Gründe in die Standortentscheidungen einfließen. Auch Zölle, die verfügbaren Arbeitskräfte und den Aufwand, individuelle Vorschriften einzuhalten, gilt es zu berücksichtigen.
„Einen Aluminiumrahmen in Europa zu finden, der in unsere Preiskategorie passt, bleibt eine Herausforderung.“
Johannes Kisslinger COO Woom
Bürokratie und andere Hürden
Gerade um in Deutschland und anderen europäischen Ländern mehr Fertigungstiefe wiederzuerlangen, sieht man bei Haro Bikes größere Herausforderungen, etwa durch saisonale Schwankungen in der Produktion. Spezifisch für Deutschland kritisiert Yang zudem die umfangreiche Bürokratie: „Alles kostet so viel Zeit in der Verwaltung.“ Als Mensch aus dem außereuropäischen Ausland eine Firma aufzubauen, sei schwierig. „Der schwerste Schritt ist tatsächlich, ein Bankkonto zu eröffnen“, erklärt Yang. Wer dennoch ein europäisches Land als Standort wählt, wähle häufig Länder mit wenigen Vorschriften und niedrigen Löhnen, etwa in Osteuropa. Dafür finden sich einige Beispiele, etwa das Giant-Werk in Ungarn oder das litauische Werk von Pon Bike. Bei Haro sieht man vor allem große Hersteller prädestiniert, solche Investitionen zu stemmen. Auch der österreichische Hersteller KTM Fahrrad betreibt einen Standort in Osteuropa. Geschäftsführerin Johanna Grabner-Urkauf erklärt: „Unsere Zentrale und gleichzeitig der wichtigste Produktionsstandort liegt in Mattighofen. Um als Vollsortimentler auch Einstiegsklassen abdecken zu können, wird gerade im unmotorisierten Bereich auch bei unserer Tochterfirma in Tschechien produziert.“ Früher wurden Stahlrahmen von KTM Fahrrad direkt in Mattighofen gefertigt. Die aktuellen Rahmen kommen aus Asien. Über eine Tochterfirma pflegt der österreichische Hersteller eine enge Beziehung zu seinen Lieferanten. Zum Teil verfüge man über eigene Büros im Werk der Lieferanten, um möglichst nah an der Fertigung zu sein und die Qualität kontrollieren zu können. „Wir haben sehr gute und langjährige Beziehungen zu unseren Lieferanten“, erklärt Grabner-Urkauf. Das sei neben finanziellen Aspekten ein Mitgrund für die Produktion in Asien. Lackiert werden die Rahmen dann in Österreich. Die hauseigene Lackiererei in Mattighofen sei ein großer Vorteil. Grabner-Urkauf erklärt die Hintergründe: „Das ist historisch gewachsen. Das andere ist natürlich, dass wir flexibel entscheiden können, welche Modelle wir in zwei bis drei Wochen bauen möchten oder auch müssen. Dabei sind wir unabhängig davon, welcher Rahmen wann geliefert wird.“ Während der Pandemie habe die Anlage dazu beigetragen, den Lagerbestand an Kompletträdern besser kontrollieren zu können und auftragsbezogener zu arbeiten. Eine eigene Einspeicherei halte das Unternehmen zudem mit Blick auf die zu verbauenden Laufräder flexibel.
Die Produktionsstätte in Polen ist einer von fünf relevanten Standorten für Kinderradhersteller Woom. Ziel ist es, die Produktion zu verteilen, um resilient zu sein.
Politische Stellschrauben
Für mehr Fertigungstiefe in Mitteleuropa seien die Arbeits- und Energiekosten ein wichtiger Faktor. Grabner-Urkauf plädiert dafür, als Industrie in Verbänden zusammenzuarbeiten und sich so mehr Gehör bei der Politik zu verschaffen. Denn: „Wenn man eine Investition tätigt, ist das für einige Jahrzehnte. Da braucht es eine verlässliche Gesetzgebung.“ Als politische Stellschraube sieht Johannes Kisslinger von Woom die Möglichkeit, Investitionen zu fördern. Er betont zudem: „Aus Technologiesicht ist das Know-how in Europa für die Rahmenfertigung vorhanden, Asien steht Europa hier aber diesbezüglich in keiner Weise nach.“ Ihre Standortentscheidungen fällen Unternehmen nicht im Vakuum. Sie sind vielmehr von globalen Entwicklungen und politischen Entscheidungen abhängig. Bei KTM Fahrrad fällt etwa der freie Personenverkehr im Schengen-Raum ins Auge. Der ist wichtig, weil ein großer Teil der Belegschaft aus dem Ausland kommt. „Hätten wir diese Bedingungen nicht, könnten wir hier nicht über 100.000 Räder im Jahr produzieren.“ Wirtschaftlich dürften viele Unternehmen der Fahrradbranche nach dem Auf und Ab der letzten Jahre derzeit bei großen Investitionen eher sparsam agieren. Ob Reshoring und Nearshoring künftig die Standorte Deutschland und Europa stärken und unabhängiger machen, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass die Politik hierauf Einfluss nehmen kann. Hinweise für zielführende Schritte finden sich im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD. Die Bundesregierung will etwa die Stromsteuer und damit die Stromkosten reduzieren, einen Deutschlandfonds für Investitionen auf den Weg bringen und Bürokratie abbauen. Ob und wie sie diese Schritte umsetzt, bleibt abzuwarten.
https://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2026/03/AdobeStock_348973553-scaled-e1774946732494.jpg10972560Sebastian Gengenbachhttps://www.veloplan.de/wp-content/uploads/2019/08/veloplan-340x156-300x138.pngSebastian Gengenbach2026-03-12 13:50:542026-05-04 09:36:55Fahrradproduktion in Europa: Eine Frage derRahmenbedingungen
Innovations-Treiber, Hightech-Anwender, Weltmarktführer: Die Spezialradschmiede Van Raam kann das auf sich vereinen. Beim Besuch im niederländischen Varsseveld präsentiert sich ein dynamisch getriebenes Unternehmen.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)
Jan Willem Boezel, einer der CEOs und Technical Director bei den Niederländer*innen, erklärt die Entwicklung des Unternehmens mit einem Satz: „Eigentlich sind wir keine Fahrradhersteller – wir sind schon lange Mechatroniker!“ Tatsächlich kommt man beim Rundgang durch das Unternehmen in den Hallen in Varsseveld nicht mehr aus dem Staunen heraus ob der vielen Hightech-Lösungen. Sie stecken in und an den Rädern wie auch in den Produktionsprozessen.
Van Raam steht als Spezialradhersteller für Mobilität für alle.
Eulen in Athen – Fietsen in Amsterdam
Angefangen hat es in Amsterdam: Namensgeber Henk van Raam gründete dort 1900 eine Schmiede, die sich wegen des Fahrrad-Trends der Jahrhundertwende auf Fahrradrahmen spezialisierte. Das Geschäft florierte schnell und über Jahrzehnte. Da auch immer mehr deutsche Hersteller die robusten Stahlrahmen von Van Raam kauften, zog das Unternehmen in den Siebzigerjahren Richtung deutsche Grenze, in die Gemeinde Varsseveld. Stahlbetriebe in der Nähe erleichterten diese Entscheidung. Doch als in den Siebziger- und Achtzigerjahren die günstige Rahmenproduktion in Asien für andere selbstverständlich wurde, kam das Unternehmen mit seinen 25 Mitarbeitern ins Schlingern. 1984 ging es faktisch pleite, wie Marnix Kwant, Director of Business Development, erzählt. Der Unternehmer Piet Boezel kaufte Van Raam. Durch einen Zufall – ein Bekannter des Chefs hatte einen Unfall und konnte kein normales Zweirad mehr fahren – entstand 1986 das erste Dreirad von Van Raam und zeichnete den zukünftigen Weg vor. Ab 1992 baute man nur noch eigene Räder. Mit anfangs aus der Not heraus entwickelten Tandems und Parallel-Tandems ging es ab Mitte der Neunzigerjahre weiter. Van Raam hatte seine Nische gefunden, und sie wuchs.
Portfolio: Let‘s all cycle!
Das Angebot reicht heute von reinen, bis ins letzte Detail individualisierten Reha-Bikes bis hin zu lifestylig auftretenden Dreirädern. Im Zweiradbereich ist der Tiefeinsteiger Balance geblieben, mit einer Sattelhöhe, bei der auch im Sitzen jederzeit der Boden mit beiden Füßen gut erreichbar ist. Dazu Tandems mit Steuerung von vorderer oder hinterer Sitzposition, Parallel-Tandems, Räder für den Transport erwachsener Personen, Räder, die einen Rollstuhl komplett aufnehmen können, und halbe Velos, die erst mit dem Rollstuhl zusammen ein Gefährt ergeben – ein breit angelegtes Portfolio in der Nische Spezialrad. „Jedes einzelne Fahrrad, das wir verkaufen, ist individuell“, erklärt Kwant. Es wird erst mit der Bestellung über den Fachhandel beauftragt und gebaut. Customizing fängt mit der frei zu wählenden RAL-Farbe an und hört mit den gewünschten Sonderteilen wie verkürzbaren Kurbeln oder Beinablagen noch lange nicht auf. Das heißt auch, dass intensive Beratung nötig ist. „Wir haben 196 Händler in Deutschland, es sollen noch mehr werden, daran arbeiten wir momentan stark. Der Fachhandel kann Modelle, die er nicht auf Lager hat, kurzfristig für die Kundentestfahrt bestellen.“ Im Showroom, der die ganze Breite des luftig wirkenden Bürobaus in Varsseveld einnimmt, herrscht reger Betrieb: „50 Räder stehen bereit, von überallher kommen die Menschen zum Testfahren“, so Kwant. Das kann man auf einer eigens angelegten Teststrecke neben den Hallen. Hier gibt’s derbe Untergründe bis hin zu Schotter und Kopfsteinpflaster. Gekauft wird das Rad aber über den Fachhandel. Jedes wird erst nach Bestellung aufgebaut. Darüber waren die Händler in den letzten Jahren sehr froh: „Viele Händler sagen, ‚das Spezialrad hat uns nach Corona gerettet’“, erzählt der Business Development Director später stolz. Schließlich wurde von den Van-Raam-Rädern keine Lagerfläche beim Händler in Anspruch genommen.
In der Van-Raam-Zentrale wird nicht nur in attraktiven Räumlichkeiten, sondern auch nach modernsten Standards gearbeitet.Auf eigenen Prüfständen werden die Fahrzeuge auf Herz und Nieren und Belastbarkeit geprüft.In der Van-Raam-Produktion werden die Kund*innenwünsche sorgfältig umgesetzt. Aktuell werden jährlich rund 18.000 Fahrzeuge produziert.
Produktion in West und Ost
Aufgebaut werden die Räder unter anderem in vier Produktionslinien in Varsseveld. 2020 wurden in einem eigenen Werk in Polen identische Produktionslinien gebaut, nachdem klar geworden war, dass die Auftragsmenge während der Pandemie ohne Erweiterung nicht zu schaffen sein würde. Etwa ein Tag vergeht bis zur Fertigstellung des Fun2Go, ein sehr komplex aufgebautes E-Tandem, auf dem die beiden Fahrerinnen nebeneinandersitzen. Fünf bis sechs Rahmen wandern hintereinander durch die Linie. Die Komponenten dazu nehmen die Monteurinnen aus einem Trolley, fast wie ein Einkaufswagen, der mit allen Teilen für das jeweilige Rad ausgerüstet ist. Bestückt werden diese Karren halbautomatisch: Beim Kommissionieren eine Station vorher fahren etwa sechs Meter lange Regalböden aus dem Hochregal auf Arbeitshöhe herunter. Der Bildschirm der jeweiligen Station zeigt genau, in welchem der vielen Fächer auf dem Regalboden sich das gesuchte Teil für das Rad befindet. Der Kommissionierer legt das Teil auf den Wagen, hakt es im System ab. Der Regalboden fährt zurück, das System fährt den Regalboden mit dem nächsten benötigten Teil an. Durch die Bestätigung nach der Entnahme weiß das System, wie viele Teile entnommen werden, und kommuniziert mit dem Einkauf, wenn es Zeit wird, nachzubestellen. Oder nachzuproduzieren. Denn die Produktion vieler eigener Komponenten ist wesentlicher Baustein des Unternehmenserfolgs. Man ist stolz auf die Smartness und Modernität der Anlagen.
CNC-Fräsen für inhouse und extern
State of the Art ist auch die Abteilung Your CNC Solution in der großen Nebenhalle des Kontors. Dominic Tempels, Leiter der Abteilung, steht an den riesigen vollautomatischen Dreh- und Fräsmaschinen. „Etwa 50 Prozent der Produkte hier werden im Auftrag von Van Raam gebaut, der Rest für unterschiedliche Auftraggeber“, erklärt er. Da wird gerade eine etwa 40 Zentimeter lange Spezialachse für ein Tandem hergestellt. Fünf Minuten braucht die Maschine für das Teil. „Für die Programmierung habe ich hier Computerspezialist*innen. Das ist eine komplexe Sache, da zählt Perfektion extrem viel“, erklärt er mit Stolz auf seine Angestellten. Pedale, Fußschalen, Achsen, alles Mögliche lässt Raam hier von der Maschine produzieren. Es gibt aber auch ganz andere Produkte: Ein Zwiebelschneide-Messerblatt mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern kommt auch aus der Maschine, Auftragsarbeit für eine Großküche. Die Qualitätskontrolle beim Fräsen wird mit einem Laser vorgenommen. Er misst bis in den My-Bereich, also den Mikrometer, ob die Maße passen. Jedes erste, fünfte und jedes letzte Teil einer Serie wird kontrolliert.
Drucken statt zukaufen
Drei 3D-Drucker gehören bei Van Raam inzwischen zum guten Ton. „Auch das hat uns während der Pandemie sehr viel geholfen“, so Kwant. „Als einige Standardteile nicht geliefert werden konnten, wurde der Drucker angeschmissen und produziert, was man sonst zukaufte.“ Ein einziges Teil kann schließlich die ganze Produktion blockieren. Der Schaukasten der Abteilung zeigt, was in Kunststoff, aber auch in Metall „druckfähig“ ist. Kurbeln, Vorbauten, Werkzeuge sowie ganz artfremde Produkte sieht man da. Fast unglaublich: Mehrteilige Artikel aus Kunststoff wie beispielsweise Greifzangen können in einem einzelnen Durchgang funktionsfertig gedruckt werden.
Rund 18.000 Fahrzeuge stellt Van Raam jährlich her. Darunter finden sich unter anderem Dreiräder, Parallel-Tandems, Rollstuhlfahrräder und Scooter-Dreiräder mit Gasgriff.
Laser für perfekte Rohrverbindungen
Van-Raam-Fahrradrahmen sind aus Stahl. „Das bündelt für unsere Zwecke die besten Eigenschaften“, erklärt Kwant, „und es lässt sich gut formen und bearbeiten.“ Spezialräder müssen einsatzbedingt außerdem nicht besonders leicht, sondern vor allem robust sein. „Die neueren Hydroforming-Rohre der neueren Easy-Rider-Modelle sind auch dank der freien Formbarkeit lifestylig angehaucht. Dazu kommt noch die freie Farbwahl.“ Die eindrucksvolle Wirkung mancher exklusiver Farben zeigt sich im Showroom. Geschnitten und bearbeitet werden die Rahmenrohre von vollautomatisch gesteuerten Laserschneidern, „die nicht nur die Arbeit mit einer Genauigkeit und Geschwindigkeit verrichten, die Menschen gar nicht könnten. Sie sparen auch 80 Prozent des Personals ein“, erklärt Kwant, als wir vor einem gerade einmal zwei Jahre alten Laser-Schneider stehen. Dieser ist groß wie ein Einfamilienhaus, vollautomatisch und wirkt, als ob er seine Arbeit lässig nebenher verrichtet. Gerade werden Formen aus dem Hauptrohr des Twinny-Plus-Rads geschnitten und Bohrlöcher ins Material gelasert. In wenigen Sekunden ist das Rohr fertig bearbeitet. Wer durch diese Produktion geht, sieht schon, dass der Kurs Van Raams auf Wachstum gebürstet ist. Tatsächlich hat man 2023 mit der Mehrheitsbeteiligung der Investment Holding Armira, die ihren Sitz in München hat, einen der Grundsteine dafür gelegt, dass in den kommenden Jahren mit Investments noch mehr Wachstum erreicht werden kann.
Tüv-Testprüfstand inhouse
In den Glas-Pavillons in der Halle sitzen Ingenieurinnen und Einkäuferinnen. „So sind sie direkt am Ort des Geschehens, wo sie gebraucht werden.“ Ein Abstecher führt zum Tüv-Prüfstand, auf dem gerade ein Easy-Rider-Modell steht. „Eine einzelne Prüfung kostet uns 28.000 Euro“, so Kwant. „Um nicht wegen einer Kleinigkeit zweimal testen lassen zu müssen, haben wir hier einen identischen Prüfstand gebaut.“ Bevor die Prüfung beim Tüv durchgeführt wird, durchläuft das neue Modell also den heimischen Test. Bei Problemen kann man dann vor der eigentlichen Prüfung nachbessern. Jan Willem Boezel kann noch einiges mehr über die Entwicklungen und Ziele von Van Raam erzählen. „Eigentlich wollen wir immer das komfortabelste Fahrrad überhaupt bauen“, sagt er. Und dann stellt der technikverliebte CEO einen Prototypen vor, der es in sich hat. Ein Sesselrad, das statt einer Federgabel eine selbst entwickelte Vorderradschwinge hat. Hinten stützen zwei sehr schräg von der Sitzmitte nach außen ausgestellte Federbeine die einzeln aufgehängten Räder ab. Erster Fahreindruck: „Liegt denn das Kopfsteinpflaster schon hinter mir?“ Tatsächlich schwebt man darauf wie in einer Limo dahin. Ob, wann und wie das Rad in Serie geht, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass ein anderes wichtiges Stück Entwicklung jetzt zu haben ist: das Thuja. Zwei aufwendig gelenkte 20-Zoll-Räder vorn, dazwischen eine Art sehr schicker Einkaufskorb, hinten ein einzelnes 28er-Laufrad. So sieht das Thuja von der Seite fast aus wie ein Zweirad mit tiefem Einstieg. Und genau das ist es, was Van Raam damit erreichen will: den Reha-Beigeschmack der Radgattung Dreirad endgültig ausmerzen.
Ausgezeichnet: Die Entwickler
Tatsächlich erscheint das Velo wie ein neue Gattung. Ein sehr fahrstabil laufendes Fiets für Alltag und Besorgungen bis hin zum Wocheneinkauf. Unter dem Korb im abschließbaren Fach sitzt der Akku. Er sorgt hier für einen tiefen Schwerpunkt, Platz für Wertsachen und Ähnliches gibt es unter dem Korb auch noch. Auf der Eurobike 2025 bekam das Thuja postwendend einen Award, und bei den Pariser ProDays 2025 sahnte man den Preis für das beste Produktentwicklungs-Team ab. Fast grundsätzlich werden die Van Raams mit Motor verkauft. „Spezialräder wie die Parallel-Tandems brauchen unter anderem einen Rückwärtsgang“, so Boezel. So setzt man schon Jahre auf einen eigenen Motor, der als Vorder- oder Hinterradantrieb fungiert, und die selbst entwickelte Software dazu. Die Akkus liefert BMZ. Van Raam lässt uns noch weiter in die Zukunft sehen. Gerade hat man zusammen mit einer Projektgruppe der Uni Bochum ein komplettes Chainless-System fertig entwickelt, das mit zwei Generatoren bestückt werden kann. Bei der Testfahrt im Parallel-Tandem fühlt sich das Rad deutlich mehr als die bisher bekannten Entwicklungen nach Kettenantrieb an, spart neben dem Antriebsstrang aber auch noch einiges an Gewicht und schafft Formfreiheit für die Designer*innen. In Zukunft treibt man auf jedem Sessel einen Generator an, der den Strom über den Umweg einer aufwendigen Software-Steuerung an die Hinterräder weitergibt. Man ist stets mit dem „gefühlt richtigen“ Gang unterwegs und braucht nicht zu schalten. Auch das ist Komfort!
Nachhaltigkeit über den Standard hinaus
Als Hersteller von Medizinprodukten, was Reha-Räder auch sind, hat man zusätzliche Normen zu erfüllen. Da gibt es die Pflicht, jährlich einen Report über die systematisch gesammelten Daten zur Sicherheit und Leistung der verkauften Produkte zu veröffentlichen (Post Market Surveillance, PMS). Gern weist man drauf hin, dass sämtliche Normen hier übertroffen werden. „Nachhaltigkeit ist hier ein unglaublich breites Thema“, erklärt Walter Smit, der QHSE-Manger bei Van Raam. CO2-Abdruck und Recycling-Ökonomie sind wichtig, auch in der Lieferkette. Alles wird mit Daten untermauert, mehr als es gesetzlich vorgeschrieben wäre. „Wir manchen damit über das Geforderte hinaus unsere Nachhaltigkeit messbar“, so Smit. So gab es 2024 zusätzlich eine Life Cycle Analysis (LCA), mit der die drei meistverkauften Modelle und die CO2-Spur all ihrer Teile dokumentiert wurden. Über die Jahre wird auch festgehalten, wie lange die Räder existieren, die Erfahrungen der Endverbraucher und der Händler fließen ein. Dass Van Raam im eigenen Haus rundum auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzt, sieht man auch an anderen Stellen. Der Hauptbau wird von fast 2000 Solarmodulen mit Energie beliefert, man hat die Kreislaufwirtschaft in der Produktion perfektioniert und die große, neue Lackiererei spart 30 Prozent an Gas gegenüber der alten. Nicht zuletzt lebt das Unternehmen, dessen Kund*innen auch viele Menschen mit Beeinträchtigungen sind, eine hohe soziale Verantwortung vor. Hier arbeiten laut Smit deutlich mehr Menschen mit Beeinträchtigungen als vorgeschrieben. Und sie werden früher aus der staatlichen Förderung genommen als anderswo und damit früher direkt beim Unternehmen angestellt. Das passe besser zu einem Unternehmen mit der Devise „Radfahren für alle“, findet auch Kwant. So oder so, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Unternehmens erwecken glaubhaft den Eindruck, für diese Idee zu brennen – jeder an seiner Stelle.