„Die Eurobike muss sich gemeinsammit der Brancheweiterentwickeln“
Eines der heißen Themen in der Fahrradbranche sind seit jeher die Fachmessen und insbesondere die Eurobike. Der Eurobike-Verantwortliche Philipp Ferger erklärt, wie man alte und neue Stärken aufbauen will, wo die Herausforderungen liegen und womit die Branche wieder für einen Messebesuch gewonnen werden soll.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)

Ab 2027 wird die Eurobike ein neues Areal auf dem Frankfurter Messegelände beziehen. Auf dem Ostgelände rund um die Agora warten dann kurze Laufwege und attraktive Flächen auf Ausstellerinnen und Besucherinnen.
Herr Ferger, Sie haben die Eurobike in turbulenten Zeiten übernommen. Sind Sie überrascht, wie viele widerstrebende Kräfte in der Branche wirken, oder überwiegt der Optimismus, dass Sie die Eurobike wieder auf Kurs bringen?
Philipp Ferger: Mich beeindruckt vor allem, wie groß die Leidenschaft und die Identifikation mit der Fahrradbranche sind. Genau darin liegt aber auch die Verantwortung: Die Eurobike muss sich gemeinsam mit der Branche weiterentwickeln und den realen Anforderungen des Marktes anpassen. Ich bin überzeugt, dass darin eine große Chance liegt.
Der neu gegründete Eurobike-Beirat hat 15 Mitglieder. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Arbeit, und was sind dessen nächste Aufgaben?
Ich bin sehr zufrieden, sowohl mit der Zusammensetzung als auch mit der jüngsten Sitzung. Wir haben dem Beirat unsere Konzeptideen vorgestellt – ausdrücklich mit dem Anspruch, diese gemeinsam weiterzuentwickeln. Der Beirat hat konstruktives Feedback gegeben, Nachfragen gestellt und wichtige Impulse eingebracht. Diese Rückmeldungen arbeiten wir jetzt systematisch in die weitere Konzeptentwicklung ein und werden die nächsten Schritte erneut mit dem Beirat abstimmen. Danach geht es in die Umsetzung.
Wer sitzt überhaupt in diesem Beirat und warum wurde das bislang nicht offen kommuniziert?
Einzelne Mitglieder hatten zu Beginn darum gebeten, ihre Mitwirkung zunächst nicht öffentlich zu machen. Diesen Wunsch haben wir respektiert. Wichtig ist aber vor allem: Es ist uns gelungen, einen international aufgestellten Beirat entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzubringen. Und der Beirat wird sich auch künftig weiterentwickeln.
Sie haben angekündigt, dass die Eurobike zurück auf ihren alten Termin im September geht. Warum? Die alten Klagen sind noch in Erinnerung: „Zu dem Zeitpunkt ist die Order schon gelaufen. Wem soll man da noch etwas zeigen?“ Was hat sich geändert?
Nur weil etwas vor 10 oder 15 Jahren unter anderen Rahmenbedingungen nicht funktioniert hat, bedeutet das nicht automatisch, dass es heute nicht funktionieren kann. Deshalb haben wir intensiv zugehört. Eine externe Strategieberatung hat mehr als 50 qualitative Interviews mit Handel, Industrie und weiteren Branchenvertretern geführt. Die zentrale Rückmeldung war der Wunsch nach einem Termin, der besser zu internationalen Geschäfts-, Kommunikations- und Innovationszyklen passt – mit einer klaren Präferenz für
September. Dieses Bild wurde anschließend durch eine repräsentative Befragung eines unabhängigen Marktforschungsinstituts bestätigt: Rund 70 Prozent der Aussteller sowie auch eine Mehrheit des Handels sprachen sich für September aus.
70 Prozent – ist das ein klares Votum?
Ich verantworte auch andere Weltleitmessen. Wenn wir dort einen Termin hinterfragen, kommt bei wirklich gut laufenden Messen eine Zustimmung von 80 bis 90 Prozent heraus. Wenn ich hier bei 70 Prozent lande, wäre es fahrlässig, nicht darauf zu hören.
Mit dem Septembertermin stellt sich die Eurobike absehbar in Konkurrenz zu der neuen Messe des ZIV oder der Hausmesse des Einkaufsverbandes BICO. Wie wollen Sie sich da durchsetzen?
Unser Fokus liegt nicht auf Konkurrenzdenken, sondern darauf, gemeinsam mit der Branche ein starkes internationales B2B-Format weiterzuentwickeln. Wir haben uns in Abstimmung mit der Branche für diesen Termin entschieden und ihn kommuniziert. Wir haben uns bewusst für den 1. bis 3. September entschieden, das ist die Woche vor der Sitzungswoche des Bundestages. Politik ist eines unserer Kernthemen. In Berlin existieren zahlreiche parlamentarische Arbeitskreise zum Fahrrad und zur urbanen Mobilität. Diese Relevanz wollen wir gezielt nutzen.
Hat die Konkurrenzsituation konzeptionelle Folgen für die Eurobike?
Viele Impulse, die im vergangenen Jahr aus der Branche kamen, sind in unsere Konzeptentwicklung eingeflossen – auch Themen, die der ZIV angestoßen hat, Stichwort Zehn-Punkte-Papier. Unser Ansatz basiert auf Interviews, Befragungen und der engen Zusammenarbeit mit dem Beirat. Deshalb sehen wir die neue Ausrichtung der Eurobike ausdrücklich als Ergebnis eines gemeinsamen Branchenprozesses.
Sie haben jüngst kommuniziert, dass die Messe Frankfurt die Entscheidungshoheit über die Eurobike übernimmt. Was bedeutet das konkret?
Wir haben innerhalb der GmbH geregelt, dass der Gesellschafter Messe Frankfurt allein entscheidungsbefugt in allen Belangen der Eurobike ist. Das ist ein erster Schritt, losgelöst von Gesellschaftsanteilen.
Wurden in diesem Zuge auch Gesellschafteranteile übertragen?
Bei einem öffentlichen Unternehmen müssen solchen Schritten zunächst der Aufsichtsrat und die Gesellschafter zustimmen. Das sind bei uns Stadt und Land; bei Friedrichshafen ist es die Stadt. Zur genauen Struktur können wir uns deshalb noch nicht äußern.
Wie gewinnt man die wichtigen Aussteller von früher wieder zurück?
Wir haben im Rahmen der mehr als 50 Experteninterviews ganz bewusst auch mit Unternehmen gesprochen, die zuletzt nicht oder nicht mehr ausgestellt haben. Dadurch haben wir ein sehr klares Bild davon bekommen, welche Anforderungen die Branche heute an eine internationale Leitmesse stellt. Für viele war der bisherige Sommertermin ein entscheidender Faktor. Der neue September-Termin macht die Eurobike deshalb für einige Unternehmen wieder deutlich attraktiver. Gleichzeitig reagieren wir auf weiteres Marktfeedback: Die Eurobike wird künftig kompakter, fokussierter und effizienter organisiert. Wir wechseln deshalb nächstes Jahr auf das Ostgelände und planen kompakter um die Agora als Centerpiece, ein Freigelände mit Grünflächen, Wasserflächen und Rückzugsorten. Dort werden Outdoor-Areas sowie Demo- und Test-Tracks sein. Rund um die Agora bauen wir die Hallen so auf, dass alles in Sicht- und Laufnähe liegt. Hinzu kommen eine klarere Hallenkuratierung und thematische Strukturierung – ebenfalls zentrale Wünsche aus den Branchen- und Verbandsgesprächen.
Sie sagen, Sie wissen, woran es lag, dass Aussteller zuletzt nicht kamen. Was waren deren zentralen Pain Points?
Eine der klarsten Botschaften aus den Gesprächen war: Fokussiert euch konsequent auf B2B und auf den konkreten Mehrwert für die Branche. Gleichzeitig spielt mediale Reichweite heute eine viel größere Rolle als früher. Das Fahrrad ist ein emotionales Produkt mit enormem Storytelling-Potenzial. Die Eurobike soll Marken deshalb künftig noch stärker internationale Sichtbarkeit bieten – über Fachmedien, digitale Plattformen, Social Reach und neue Content-Formate.
Stichwort Kosten: Wird an dieser Schraube auch gedreht?
Die Standmiete macht beim Aussteller nur rund 20 Prozent der gesamten Beteiligungskosten aus. Deshalb greifen reine Preisdiskussionen aus unserer Sicht zu kurz. Wir setzen bewusst an mehreren Stellhebeln an: kürzere Laufzeit, kompaktere Formate, kritisch überprüfte Preisstrukturen und flexiblere Beteiligungsmöglichkeiten. Unser Ziel ist nicht die Maximierung der Quadratmeterzahl, sondern die Bereitstellung passender Formate mit echtem Mehrwert für unterschiedliche Ausstellerbedürfnisse.

Wichtig ist aufm Platz: Die Eurobike will den Ausstellern künftig ein breiteres Beteiligungsangebot unterbreiten.
B2C fällt damit weg?
Die klassische Weltleitmesse fokussieren wir künftig klar auf B2B. Gleichzeitig wollen wir B2C-Themen künftig stärker über Festivals, Roadshows und regionale Aktivierungen weiterentwickeln.
Vielleicht noch wichtiger ist die Frage nach den Fachbesucher*innen: Wie wollen Sie diese zurückgewinnen?
Eine starke Messe entsteht immer im Zusammenspiel von relevanten Ausstellern, Handel, Medien und Besuchern. Deshalb geht es nicht um kurzfristige Effekte, sondern um einen nachhaltigen Aufbau. Mit ›Retail First‹ haben wir 2026 bereits einen klaren B2B-Schwerpunkt gesetzt. Diesen Weg entwickeln wir für 2027 konsequent weiter – Schritt für Schritt und gemeinsam mit der Branche.
Beim Ticketpreis hörte man zuletzt häufig die Klage, das sei zu teuer.
Ticketpreise dienen bei einer internationalen B2B-Plattform auch dazu, den klaren Fokus auf Fachbesucher sicherzustellen. Gleichzeitig bauen wir unser gezieltes Einladungsmanagement deutlich aus. Über das Programm „Retail First“ erhalten Aussteller Eintrittsgutscheine, die sie direkt an ihre Händler und Geschäftspartner weitergeben können. So ermöglichen wir dem Fachhandel einen einfachen und kostenfreien Zugang – zugleich mit einer klaren B2B-Ausrichtung.
Die bekannt gewordene Klage der Eurobike gegen den ZIV hat ein Schlaglicht auf das aktuelle Verhältnis geworfen. Warum war eine Klage notwendig?
Zu laufenden juristischen Verfahren äußern wir uns nicht im Detail. Natürlich müssen wir als Veranstalter bestehende Vereinbarungen und wirtschaftliche Interessen wahren. Gleichzeitig war unser Ziel immer, im Dialog mit allen Beteiligten an einer gemeinsamen Zukunftsperspektive für die Eurobike zu arbeiten.
Ist damit das Tischtuch nicht trotzdem endgültig zerschnitten? Wie findet man wieder zueinander?
Ich spreche in positiven Bildern. Und mein positives Bild ist die gereichte Hand zur üblichen Form der Zusammenarbeit, nämlich die Mitwirkung im Beirat. Unsere Einladung in den Eurobike-Beirat wurde niemals zurückgezogen. Sie bleibt ausgesprochen.
Wird 2027 zum Entscheidungsjahr für die Eurobike?
Wir haben eine klare Vision für die zukünftige Entwicklung der Eurobike, die wir gemeinsam mit der Branche weiter ausgestalten wollen. Der Beirat begleitet diesen Prozess intensiv und bringt wichtige Impulse ein. Somit ist die aktive Mitwirkung der Branche gesichert. Jetzt geht es darum, die strategische Richtung weiter zu konkretisieren und Schritt für Schritt umzusetzen. Eine internationale Leitmesse ist kein statisches Produkt, sondern entwickelt sich kontinuierlich weiter. Deshalb verstehen wir die Eurobike nicht als Einzelentscheidung für 2027, sondern als langfristigen gemeinsamen Entwicklungsprozess.
Zum Abschluss: Was können Fachbesucher*innen 2026 auf der Eurobike erwarten? Warum lohnt der Besuch auch jetzt?
Wir haben bedeutende Marken am Start, ein fokussiertes, themenspezifisch sortiertes Fachprogramm, die Retail First Lounge für den Handel und eine Experience-Fläche, auf der Besucher das neue Konzept der Eurobike erleben. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein hat seinen Besuch zugesagt, die Leaders Night findet statt. Und am Freitagabend machen wir gemeinsam mit Karl von Drais eine Eurobike-Party in einer ganz anderen Hausnummer als bisher. Die Eurobike 2026 wird der Ort sein, an dem die Branche erstmals das neue Konzept der Eurobike in ihrer konkreten Ausrichtung erleben und diskutieren kann. Genau darauf freuen wir uns gemeinsam mit Ausstellern, Handel, Medien und Partnern.
Bilder: fairnamic GmbH – Anja Koehler, fairnamic GmbH – Silke Magino, fairnamic GmbH – Klaus Helbig


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