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In Ausnahmesituationen oder im Alltag: Mental gesund durchs

Ein deutsches und ein dänisches Projekt zeigen, wie sich das Fahrrad einsetzen lässt, um Menschen in Ausnahmesituation zu helfen. Auch wissenschaftlich ließ sich belegen, dass Radfahren sich positiv auf die Psyche auswirkt.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)


4000 Kilometer, 12 Etappen à fünf bis acht Tage und 3 Tandems. Die Eckdaten der Mut-Tour versprechen eine spannende Radreise. Doch wer die je sechsköpfigen Reisegruppen auf den einzelnen Etappen zu Gesicht bekommt, versteht schnell, dass sich das Projekt nicht nur darum dreht, gemeinsam Rad zu fahren. Die Schauff-Tandems sind voll bepackt. Auf einer Lenkertasche steht, worum es den Beteiligten auch geht: „Zeigt, dass Depression kein Tabu sein darf!“
Die Mut-Tour soll aufmerksam machen auf die psychische Erkrankung. Ein Teil der Menschen, die mitfahren, hat selbst mit ihr zu kämpfen oder zu kämpfen gehabt. Ihnen tut die Tour meist persönlich gut. Initiator Sebastian Burger erklärt: „Wir sind keine Seelsorge und haben keinen therapeutischen Auftrag. Aber natürlich stützen wir uns gegenseitig, hören uns zu und ermutigen einander.“ So fördert die Tour bei den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich selbst zu helfen, und sorgt für Empowerment.
Zusätzlich zu den persönlichen Benefits soll die Mut-Tour auch mediale Aufmerksamkeit erzeugen. Seit 2012 sind an die 3000 Veröffentlichungen mit zahlreichen Interviews auf den Routen entstanden. Alle zwei Tage organisieren Sebastian Burger und sein Team Aktionstage. An Mitradeltagen können Externe die Tour zudem begleiten. „Man kann damit leben oder man kann sogar wieder da rauskommen“, beschreibt Burger die Message der Mut-Tour mit Blick auf die Volkskrankheit Depression. Insbesondere für stark betroffene suizidale Menschen sei dies entscheidend: „Wenn man Suizide vermeiden will, muss man darüber sprechen.“
Im Vergleich zur Anfangszeit habe sich die Gesellschaft weiterentwickelt und sei offener im Umgang mit Depressionen geworden, nimmt Burger wahr. Wer an der Tour teilnimmt, muss aber nicht zwingend mit seinem Gesicht für das Thema einstehen. Für Fotos können sich die Teilnehmenden einen großen Smiley vors Gesicht halten.

Die Teilnehmer*innen der Mut-Tour haben teilweise selbst mit Depressionen zu kämpfen. Auf den Etappen geht es darum, Öffentlichkeit für das Thema zu schaffen.

Die Tour als gemeinsamer Auftrag

Viele der Teilnehmenden, die laut Burger häufig durchs gesellschaftliche Raster fallen und sich in Ausnahmesituationen befinden, genießen es jedoch auch, dass die Tour ihnen Struktur bietet und sie sozial einbettet. „Man ist auf der Tour Teil eines Teams“, so Burger. „Man wird nicht nach der eigenen Arbeit oder Vita gefragt, sondern hat die Tour und den gemeinsamen Auftrag als Thema.“ Auch wenn das Vorankommen und der öffentlichkeitswirksame Aspekt der Reise die Gruppe gut auf Trab halten, fungiert sie mitunter nebenbei als temporäre Selbsthilfegruppe. Die familiäre Stimmung sei ergreifend, sagt Burger: „Bei den Kennenlernabenden am Lagerfeuer versuchen wir die richtige Mischung aus ‚nicht zu tiefschürfend‘ und ‚nicht zu oberflächlich‘ zu finden. Es ist regelmäßig toll, was die Leute von sich offenbaren.“
Unterwegs campen die Teilneh­merinnen meist auf Privatgrund oder kommen bei schlechtem Wetter in Gemeindehäusern der Kirche unter. Diese Art des Abenteuers ist für viele neu. Um niedrigschwellig zu sein, können die Teilnehmenden fast die ganze Ausrüstung von den Organisatorinnen ausleihen. Es gehe ihm darum, dass die Menschen positive Erfahrungen machen können, erzählt Burger. Die Menschen können Natur und Gemeinschaft erleben, hätten viele nette und teils emotionale Kontakte auf dem Weg und würden schöne Strecken befahren.
Das zahlt sich auf vielen Wegen auch psychisch aus. Die abendliche Erschöpfung sorge für guten Schlaf, die aus praktischen Gründen vegetarische Ernährung wirke sich ebenfalls positiv aus. Die Tandems sorgen dafür, dass sich Leistungsunterschiede innerhalb der Gruppen ausgleichen lassen. Am Radfahren gegenüber anderen Outdoor-Bewegungsarten schätzt Burger, dass Achsen statt Wirbelsäulen belastet werden und niemand Hühneraugen bekommt. Auch für den Kopf ist das Erlebnis besonders: „Es ist alles intensiver als beim Wandern zu Fuß oder auf dem Wasser, weil man pro Zeiteinheit mehr umsetzt.“

„Wir brauchen echte Menschen, die erzählen, wie das Radfahren ihnen hilft, sich verbunden, geerdet oder weniger allein zu fühlen.“

Maria Amrani, Cyklistforbundet

Raum ohne Leistungsdruck

Maria Amrani arbeitet in einem etwas kleineren und unverbindlicheren Rahmen für den dänischen Verband Cyklistforbundet an der Frage, wie sich Radfahr-Communitys dafür nutzen lassen, das mentale Wohlbefinden von vulnerablen Erwachsenen zu steigern. „Gemeinsam mit dem nationalen Verband der Sozialzentren bieten wir wöchentliche gemeinsame Radtouren an, bei denen es weniger um Leistung als vielmehr um Gemeinschaft, Achtsamkeit und gemeinsame Erlebnisse geht“, erzählt Amrani. Die Touren seien bewusst langsam, inklusiv und auf Gespräche ausgerichtet. Das Radfahren soll so zu einem Werkzeug für das psychische Wohlbefinden werden, „da es einen Raum ohne Leistungsdruck schafft, in dem Menschen sich unterhalten und als Teil einer Gemeinschaft fühlen können“, wie Amrani erklärt.
Zielgruppe der Ausfahrten sind die Nutzerinnen der sogenannten Join-in-places. Das sind offene Gemeinschaftszentren für Menschen, die zum Beispiel mit psychischer Anfälligkeit, Erkrankungen oder chronischen Krankheiten leben oder von Armut, Sucht oder sozialer Isolation betroffen sind. Amrani sagt: „Im Alltag finden sie Unterstützung im Join in Place, wo jeder auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen, eine warme Mahlzeit kaufen oder an einer Aktivität teilnehmen kann. Wir haben uns auf diese Gruppe konzentriert, weil wir untersuchen wollten, ob die Teilnahme an einem 16-wöchigen gemeinsamen Radfahrprogramm einen messbaren Effekt auf die psychische Belastung haben könnte.“ Wie die Touren sich auf die Teilnehmerinnen auswirken, sei mitunter sehr bewegend. Amrani erinnert sich anekdotisch an die Teilnehmerin Betina: „Jede Woche sah sie zu, wie die örtliche Radsportgruppe zu ihrer zweistündigen Tour aufbrach. Sie erzählte uns, dass ihr die Gedanken ständig durch den Kopf schossen, und obwohl sie Angst vor dem Radfahren hatte, beneidete sie die Gruppe um das Gemeinschaftsgefühl, das sie dort sah.“ Einer der Freiwilligen bemerkte das Interesse und bot seine Hilfe an. Gemeinsam konnten sie sich erfolgreich an das Radfahren herantasten. Die ersten Ausfahrten hätten Betina geholfen, zur Ruhe zu kommen, und sie mit Glück erfüllt, sagt Amrani: „Als ihr Selbstvertrauen zurückkehrte, schloss sie sich der Radsport-Gruppe an. Sie war zwar nicht die Schnellste, aber die Gruppe ließ niemanden zurück. Dank der Unterstützung schaffte sie es nicht nur, mitzuhalten, sondern hatte auch Spaß an den wöchentlichen Ausfahrten.“

Die diesjährige Mut-Tour ist Ende Mai in Kassel gestartet. Im September erreicht das letzte Team auf den Tandems das Ziel in Bremen.

Belegbarer Einfluss auf die Psyche

Und der messbare Nutzen? 78 Prozent der Teilneh­merinnen waren nicht nur einmalig bei den Ausfahrten dabei. 80 Prozent gaben an, dass die Touren ihre mentale Gesundheit verbessert und sie dazu gebracht hätten, häufiger Rad zu fahren. Besonders mit dem Fahrrad zu pendeln, kann das Risiko psychischer Erkrankungen verringern, das zeigt eine schottische Studie. Die Forschenden verknüpften dafür Volkszählungsdaten aus Edinburgh und Glasgow mit Verschreibungsdaten des Gesundheitssystems für Antidepressiva und Angstlöser. So konnten sie nicht nur das Mobilitätsverhalten, sondern auch objektive Hinweise auf psychische Belastung auswerten. Das zentrale Ergebnis: Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, erhielten seltener Rezepte für Psychopharmaka als Nicht-Radfahrende. Unter den Radpendlerinnen lag der Anteil bei 9 Prozent, unter den übrigen Pendelnden bei 14 Prozent. Die statistische Auswertung legt nahe, dass Radfahren im Berufsverkehr mit einer durchschnittlich um 15,1 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für entsprechende Verschreibungen verbunden ist.
Schwer zu sagen ist laut Chris Dibben, Geographie-Professor an der Universität Edinburgh und einer der Studienmacher, inwiefern dieser Effekt direkt mit dem Radfahren zusammenhängt und nicht etwa mit der Bewegung oder dem Aufenthalt im Grünen und an der frischen Luft. Hinzu kommt laut Dibben: „Viele Faktoren, die beeinflussen, ob jemand Rad fährt, sind auch eng verbunden damit, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand an psychischen gesundheitlichen Problemen leidet.“
Zumindest Anlass, eine besonders positive Wirkung auf die Psyche mit dem Radfahren zu assoziieren, gebe es, sagt Dibben. Ein Prozess im Gehirn, der fürs Stehen bereits erforscht wurde, dürfte auf dem Fahrrad umso mehr zum Zug kommen, vermutet Dibben: „Stehen im Gegensatz zum Sitzen scheint in mehrfacher Hinsicht förderlich zu sein, wahrscheinlich, weil das Gehirn im Hintergrund damit beschäftigt ist, die Balance zu halten. Viele Gehirnareale arbeiten dabei zusammen.“
„Wir haben uns spezifisch mit dem Pendeln per Rad auseinandergesetzt“, erläutert Dibben das Studien-Design. „Das war bis zur Covid-19-Pandemie ein täglicher Prozess für die Menschen.“ Diese häufige Nutzungsart mache es einfacher, einen Zusammenhang nachzuweisen. Als aktive Form des Pendelns komme das Rad schlichtweg für mehr Menschen infrage als das Zufußgehen, betont Dibben: „Für viele Leute wäre es nicht machbar, zur Arbeit zu laufen. Radfahren macht das oft möglich.“
Ob die Menschen sich für das Pendeln per Rad entscheiden, liegt auch in externen Faktoren begründet. Auch das spielte in der Studie von Dibben eine Rolle, insbesondere für Frauen: „Das Niveau der Infrastruktur hat einen großen Einfluss darauf, ob jemand Rad fährt oder nicht.” Sich beim Pendeln sicher und wohl zu fühlen, dürfte zudem auch wichtig sein, um die positiven Effekte auf die Psyche überhaupt mitnehmen zu können.
Wie auch andere körperliche Aktivitäten könne Radfahren dann dabei helfen, Neurotransmitter zu regulieren und das Stresshormon Kortisol abzubauen, so Dibben. Positive Effekte würden sich zudem vermehrt einstellen, wenn Radfahren in Gruppen stattfindet. Allgemein stellt Dibben fest: „Viele andere Studien weisen darauf hin, dass Radfahren gut für das generelle Wohlbefinden ist.“
Der Einfluss des Radfahrens auf den Stress im Alltag wurde auch schon an der Universität Zürich untersucht. Laut dieser sind Menschen, die regelmäßig Fahrrad fahren, weniger gestresst. Der Effekt war beim Rad sogar größer als beim Laufen oder Schwimmen. Bei den gleichmäßigen Bewegungen wird der Parasympathikus aktiviert, ein Teil des Nervensystems, das Herz- und Atemfrequenz beruhigt. So sorgt er für Entspannung und Regeneration und beruhigt den Geist.
Die Macher*innen einer Studie aus den USA haben bereits Anfang der 2000er gezeigt, dass Ausdauertraining, zum Beispiel Radfahren, Angstzustände signifikant reduzieren und so potenziell Panikattacken vermeiden kann. In anderen Studien wurde Radfahren auch schon damit in Verbindung gebracht, die Laune zu verbessern, Kreativität und das Selbstbewusstsein zu stärken oder das Gedächtnis zu kräftigen, indem es die Produktion neuer Gehirnzellen anregt. Außerdem soll es Wut reduzieren können. Eine Studie der Universität Tübingen wies nach, dass nur 30 Minuten regelmäßiges Pedalieren auf einem Ergometer Blutwerte wie den Serotonintransporter (SERT) verbessern kann, der mit Depression in Verbindung gebracht wird.

Persönliche Geschichten schaffen Bewusstsein

Radfahren kommt also auf diversen Wegen der Psyche zugute. Es ermöglicht dem Gehirn in gewisser Weise eine Auszeit. Im Buch Velowende schreiben die Autor*innen treffend: Beim Radfahren „wird der präfrontale Kortex, der für das Planen und logische Denken zuständig ist, etwas heruntergefahren: Man entkoppelt sich auf der Velostrecke zwischen Arbeit und zu Hause kurz von allen Alltagssorgen und kommt vielleicht mit einer guten Idee am Ziel an.“
Wenn es nach Maria Amrani vom Cyklistforbundet geht, sollte der Einfluss des Radfahrens auf die menschliche Psyche mehr öffentliche Aufmerksamkeit genießen. In Dänemark habe sich hier schon ein bisschen was getan: „Der Aspekt der psychischen Gesundheit beim Radfahren rückt zunehmend in den Fokus, wird jedoch nach wie vor von Themen wie Infrastruktur und körperlicher Gesundheit überschattet“, so Amrani.
Die wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Handlungsfeld zu verbreiten, ist Teil der Lösung. Amrani findet noch etwas anderes wichtig: „Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein und mehr Geschichten, in denen das Radfahren nicht nur als Fortbewegungsmittel oder Sportart betrachtet wird. Wir brauchen echte Menschen, die erzählen, wie das Radfahren ihnen hilft, sich verbunden, geerdet oder weniger allein zu fühlen.“


Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, psychische Gesundheitsprobleme hat, möchten wir Sie hier auf drei Hilfsangebote aufmerksam machen.

Mut-Atlas: Wegweiser Psychische Gesundheit:
https://www.mut-atlas.de/?center=51.316880504045876%2C9.470214843750002&zoom=7

Patientenservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (Rufnummer 116117):
www.116117.de

Telefonseelsorge (Rufnummer 116123):
https://www.telefonseelsorge.de/


Bilder: stock.adobe.com – weris7554, Mut-Tour – Andreas Stenzel, Grafik: Mut-Tour