Ist das noch Sport?
Mit dem E-Bike unterwegs: Viele denken, das sei nur etwas für Faulenzer. Eine Wissenschaftlerin erklärt, wie man sich dabei sehr wohl fit hält.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)
Interview: Felix Reek/Süddeutsche Zeitung
Wer mit dem E-Bike zur Arbeit fährt, hat oft das Gefühl, sich genügend zu bewegen. Aber ist das auch so? Und welche Räder bergen ein höheres Unfallrisiko? Hedwig Theda Boeck, Sportwissenschaftlerin an der Medizinischen Hochschule Hannover, forscht zu den gesundheitsfördernden Effekten der E-Bike-Nutzung. Sie hat Antworten parat.
Frau Boeck, ist E-Bike-Fahren überhaupt richtiger Sport oder ein Alibi für Bewegungsmuffel?
Hedwig Boeck: Aus meiner Sicht geht es darum, Menschen zu motivieren, in Bewegung zu kommen. Viele von uns machen das immer noch zu wenig. Man sollte die Leute mit einem einfachen Einstieg motivieren, der nicht mit maximaler Anstrengung verbunden ist. Dafür ist das E-Bike perfekt. Der Großteil nutzt elektrische Fahrräder für den Alltagsgebrauch und entwickelt damit neue gesunde Routinen.
Ist E-Bike-Fahren gesund?
Absolut. Viele profitieren extrem vom Anstieg ihrer Aktivität durch das E-Bike. Für präventive Effekte ist es wichtig, sich moderat zu bewegen. Und moderat bedeutet in einem Herzfrequenzbereich, der mir ermöglicht, mich noch zu unterhalten, ohne dass ich direkt ins Schnaufen komme. Es ist nicht immer notwendig, die Sportschuhe anzuziehen und zu schwitzen. Sie können durch moderate Bewegung unter anderem ihr Krebs- und Diabetesrisiko deutlich senken. Das Herzinfarktrisiko nimmt ab, ebenso das Risiko für Schlaganfälle, Alzheimer und Depressionen. Diese präventiven Effekte sind nicht nur durch intensiven Sport zu erreichen.
In welchem Pulsbereich bewege ich mich mit einem E-Bike im Vergleich zum normalen Fahrrad?
Wir haben dazu bei uns am Institut vor einigen Jahren eine große Studie gemacht. Die zeigte, dass im Mittel aller Teilnehmer der Unterschied nur fünf Herzschläge in der Minute weniger auf dem E-Bike betrug. Das zeigt, dass E-Bike-Fahren durchaus körperlich fordert.
Welche Belastung empfehlen Sportmediziner, damit man seine Gesundheit verbessert?
Wir sagen immer, eine halbe Stunde Training am Tag ist ideal. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für Erwachsene 150 bis 300 Minuten pro Woche im moderaten Bereich, 64 bis 76 Prozent ihrer maximalen Herzfrequenz. Die liegt bei einem 40-Jährigen etwa bei ungefähr 115 Schlägen pro Minute. Das ist ein Bereich, bei dem der Puls spürbar steigt, ich mich aber noch unterhalten kann. Auf E-Bikes tritt man zwar mit weniger Kraftaufwand, aber stabil über lange Zeiträume und kann so dieses Ideal leichter erreichen.
Woran liegt es, dass der Unterschied in der Belastung zwischen E-Bike und normalem Fahrrad gering ist?
Wer Pedelec fährt, ist länger aktiv, absolviert größere Strecken und nutzt unterschiedliche Stufen der Motorunterstützung. Ich nenne das immer gerne den verantwortungsbewussten Einsatz. Das heißt, wenn ich zur Arbeit fahre und nicht verschwitzt ankommen möchte, wähle ich eine höhere Unterstützung. Möglicherweise bin ich auf dem Rückweg sportlicher aufgelegt und nutze weniger Motorkraft. Einige überfordern das hohe Gewicht und die Geschwindigkeit des Rades. Immer wieder gibt es Unfälle mit Pedelecs, mitunter auch schwere.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass hier Zielgruppen aufs E-Bike steigen, die vielleicht keine langjährige Erfahrung mit dem Radfahren haben. Jemand, der sein Leben lang fährt, hat ein ganz anderes Verständnis von der Bewegung im Verkehr als jemand, der aufgrund der Empfehlung seines Kardiologen erstmals mit dem Fahrrad richtig in Kontakt kommt. Statistisch gesehen gibt es aber kaum Unterschiede.
Sie haben dazu eine neue Studie erarbeitet. Was genau haben Sie untersucht?
Bei Unfallhäufigkeit und Unfallschwere liegen normale Fahrradfahrer und E-Biker gleichauf. Wir haben aber herausgefunden, dass das Risiko steigt, wenn es kein Citybike ist. Das kann mit dem tiefen Einstieg zusammenhängen. In kritischen Situationen komme ich so schneller vom Rad. Ein weiteres Ergebnis ist, dass das Unfallrisiko ab einer Strecke von mehr als acht Kilometern pro Tag steigt. Je länger ich unterwegs bin, desto höher ist die Chance, dass etwas passieren kann.
Kann ich mit dem Pedelec auch meine Muskulatur stärken?
Natürlich, Sie müssen Ihre Beine ja mitbewegen und den Körper stabil auf dem Fahrrad halten. Es gibt die gleichen positiven Einflüsse wie beim Rad ohne Tretunterstützung, also Verbesserung von Reaktionsfähigkeit, Gleichgewicht und Belastung. E-Bikes werden auch häufig für Kniepatienten empfohlen, die sich mit dem normalen Rad nicht mehr entsprechend fortbewegen können. Dank der Motorunterstützung geht das wieder. Das E-Bike ist ein gutes Mittel, um die Muskulatur zu stärken, aber nur im niederschwelligen Bereich.
„Wer elektrisch unterstützt unterwegs ist, steigt häufiger aufs Rad. Besonders spannend ist: E-Bikes ersetzen öfter das Auto.“
Dr. Hedwig Boeck, Medizinische Hochschule Hannover

Wer fährt regelmäßiger – „Bioradler“, also Radler ohne Motor, oder E-Biker?
Wer elektrisch unterstützt unterwegs ist, steigt häufiger aufs Rad. Besonders spannend ist: E-Bikes ersetzen öfter das Auto. Das heißt, E-Biker wechseln schrittweise von der passiven in die aktive Bewegung. Studien zeigen auch, dass E-Bike-Fahrer deutlich längere Strecken zurücklegen. Viele E-Bikes besitzen unterschiedliche Motorstufen, mit mehr oder weniger Schub.
Gibt es aus medizinischer Sicht eine Empfehlung, welcher Modus die beste Balance aus Entlastung und Sport liefert?
Spontan würde ich sagen: die Mitte. Das ist aber individuell. Einem guten Sportler, der auf dem Weg zur Arbeit nicht schwitzen möchte, reicht vielleicht die geringste Unterstützung. Jemand mit Vorerkrankungen, beispielsweise einem Herzinfarkt, bedarf einer stärkeren Unterstützung, um nicht in den Grenzbereich zu kommen. Das ist der Vorteil des E-Bikes: Jeder kann die Belastung individuell auswählen, je nachdem, was er mit dem Rad erreichen möchte und wie sein gesundheitlicher Zustand ist.
Ein Klischee ist, dass ungeübte Radler mit Motor an Orte kommen, denen sie nicht gewachsen sind. Überschätzen sich Pedelec-Fahrer?
Das trifft vielleicht auf Einzelfälle zu, aber ich glaube nicht, dass sich das verallgemeinern lässt. In manchen Grenzbereichen wie den Alpen kann das sein. Meist sind es aber eher Touristen, die sich überschätzen. Jemand, der sich im Hotel in den Bergen erstmals ein Mountainbike mit Motor ausleiht und sonst keine Erfahrung hat, fährt Strecken, die er vorher nicht geschafft hätte. Das gibt es aber auch andersherum: Urlauber leihen sich an der Küste mit viel Wind ein normales Fahrrad aus, obwohl ein E-Bike bei geringer Fitness die bessere Lösung wäre.
Für einige Sportler gehört Leiden zum Radfahren dazu. Ist dieses Schinden aus medizinischer Sicht sinnvoll?
Sich gelegentlich in intensiven Herzfrequenzbereichen zu fordern, ist durchaus gesund. Für mich geht es beim E-Biken einfach darum, sich mit Spaß und Motivation niederschwellig zu bewegen. Beim E-Biken geht es darum, sich realistische Ziele zu setzen und langfristig etwas für die eigene Gesundheit zu tun.
Für viele Radsportler ist das Fahren mit dem E-Bike trotzdem „Betrug“. Wie erklären Sie sich das?
Ich finde das interessant, wenn man es in einem größeren Kontext sieht. Wir haben zunehmend mehr Hilfsmittel im Alltag, die uns körperliche Aktivität erleichtern, Rasenmäher- und Staubsaugerroboter zum Beispiel. Das ist positiv besetzt. Nur beim E-Bike geht es schnell in eine negative Richtung. Dabei geht es beim elektrischen Radeln vor allem um Spaß und die Entwicklung einer positiven Alltagsroutine. Ich denke, das liegt an der allgemeinen Entwicklung: Wir bewegen uns zunehmend weniger, daher sinkt auch der Anspruch an Umfang und Intensität. Die WHO reduziert hier ihre Vorgaben auch zunehmend, in denen heißt es unter anderem auch: „Etwas ist besser als gar nichts.“ Früher galt Sport als anstrengend, da gab es allerdings auch noch ausreichend Alltagsbewegung. Durch die zunehmende Inaktivität und Sitzdauer ist der Anspruch gesunken. Ich finde, es darf auf keinen Fall ein falscher Eindruck entstehen: Anstrengung ist gut und wichtig! Bevor aber gar keine Bewegung stattfindet, sollte sie lieber im moderaten Bereich erfolgen.
Das heißt, wir sollten unser Bild vom Sport überdenken?
Ich denke schon. Die Vorstellung, dass Fahrradsport hart sein muss, ist nicht mehr zeitgemäß. Dieses Schinden kann ein Teil der sportlichen Aktivität sein, muss es aber nicht. Das E-Bike sollte man eher im Kontext von Alltagsbewegung, Mobilität und Erleichterung sehen. Ich möchte auf gar keinen Fall den harten Fahrradfahrer aufs E-Bike bringen. Der soll gerne weiter 300 Kilometer am Stück fahren. Mir geht es um Menschen, die das nicht tun und auch nie schaffen werden. Menschen, die nicht regelmäßig fahren oder Vorerkrankungen haben – für die ist das E-Bike toll.
Bilder: Dr. Hedwig Boeck

Dr. Hedwig Boeck
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