Kooperatives Mobilitäts-Management in Herne: „In Herne bewegt sich was“
Das Mobilitätsverhalten im Gewerbegebiet Friedrich der Große in Herne steht im Fokus eines vom Land NRW geförderten Projekts. Um die Mitarbeitermobilität zu verändern, ziehen alle Akteure an einem Strang.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)
Das Gewerbegebiet Friedrich der Große liegt im Nordosten der Stadt Herne, direkt am Rhein-Herne-Kanal. Die dort arbeitenden Menschen sollen ein nachhaltigeres Mobilitätsverhalten entwickeln. Mit diesem Ziel hat die Stadt im Rahmen des Landeswettbewerbs Ways2Work ein Konzept erarbeitet und dieses Anfang 2023 eingereicht. Als eine von sieben Gewinnerkommunen haben die Projektverantwortlichen das Glück, dass die damals entwickelten Projektskizzen und Maßnahmenideen seit Mitte vergangen Jahres umgesetzt werden.
Cedrik Weinand ist seit wenigen Monaten als Mobilitätskoordinator bei der Stadt Herne tätig und für das Gewerbegebiet Friedrich der Große zuständig. Auch seine Stelle wurde im Rahmen des Ways2Work-Projekts geplant. Einen Koordinator zu haben ist deshalb wichtig, weil die Stadt nicht allein agiert. Von Beginn an wurden Unternehmen vor Ort, aber auch die Wirtschaftsförderung (Herne Business) und die Straßenbahn Herne – Castrop-Rauxel (HCR) involviert. Weinand erklärt seine Rolle: „Ich bin der Ansprechpartner vor Ort und sehe mich als Schnittstelle zwischen den Unternehmen, der Stadt, Herne Business und HCR.“
Das Mobilitäts-Management vor Ort kooperativ zu gestalten, war ein Kerngedanke des im Programm „Mobil.NRW“ vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführten Landeswettbewerbs und Voraussetzung, um an diesem teilzunehmen. Mindestens ein Unternehmen vor Ort musste in die eingereichten Projekte involviert sein.
In Herne unterzeichneten zehn Unternehmen, darunter Dachser, UPS und Phoenix Pharma bereits 2023 einen „Letter of Intent“ und bekannten sich dazu, aktiv an der Umsetzung des Projekts mitzuarbeiten.

Kooperatives Mobilitäts-Management zu fördern, war die Kernidee des Landeswettbewerbs Ways2Work. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (2. v. l.) überzeugte sich in Herne von den Ergebnissen.
Der erste Bus fährt um 20 nach 4
In einem Feinkonzept wurden für „Friedrich der Große“ 32 Maßnahmen und Handlungsansätze in vier Kategorien entwickelt. Vereinzelt wurden diese bereits umgesetzt. Bei den Bussen von HCR wurde der Takt erweitert. „So haben auch die Mitarbeiterinnen der Unternehmen mit Schichtdienst die Möglichkeit, den Bus zu nehmen“, erläutert Weinand. Der erste Bus fährt um 4:20 Uhr vor der UPS-Niederlassung ab, an der neu geschaffenen Bushaltestelle „Friedrich der Große Ost“. Bereits umgesetzt wurden außerdem Querungshilfen, die den Fußverkehr sicherer machen sollen. Die Unternehmen vor Ort werden nicht nur über Mitarbeitendenbefragungen in den Projektablauf eingebunden, sondern sollen auch selbst aktiv werden. „Unser Ziel ist, dass die Unternehmen einzelne Maßnahmen auf ihren Firmengrundstücken durchführen, die diese Mobilität fördern. Wir leisten auf städtischen Flächen unseren Teil. Was die Unternehmen umsetzen, das entscheiden sie selbst“, erklärt Weinand. Das Projekt stoße vor Ort auf zunehmendes Interesse. „Nicht alle Unternehmen waren von Anfang an bei Ways2Work dabei. Es kamen im Nachhinein noch einzelne hinzu.“ Mobilitätsgewohnheiten zu verändern, kann ein mühsamer Prozess sein. Damit die Mitarbeiterinnen vor Ort ihr Verhalten ändern, ist es hilfreich, dass verschiedene Akteure Impulse geben und das Angebot so grundlegend verändern.
Christoph Overs weiß, wie komplex Mobilitätsentscheidungen sein können. Er ist Bereichsleiter für Mobilitäts-Management bei dem Zweckverband Go.Rheinland, der über das Zukunftsnetz Mobilität NRW auch in den Ways2Work-Wettbewerb eingebunden ist. Overs: „Wir beschäftigen uns mit dem Thema Mobilität und nicht mit dem Verkehr. Wir schauen konkret auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen. Die Bedürfnisse sind an der einen oder anderen Stelle unterschiedlich. Aber sie überschneiden sich auch, da, wo fünf Audis hintereinander im Stau stehen, auf dem Weg in dasselbe Gewerbegebiet.“
„Ich finde es einfach cool, wenn sich etwas verändert vor Ort.“
Cedrik Weinand, Mobilitätskoordinator Stadt Herne
Verschiedene Ideen kombinieren
Overs spricht sich deshalb für kooperatives Mobilitäts-Management aus: „Bei kooperativem Mobilitäts-Management geht es um die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Akteuren mit dem Ziel, verschiedene Ideen zu kombinieren und die Idee vom Mobilitäts-Management in die Landschaft zu transportieren.“
Auf kommunaler Ebene gibt es gleich mehrere Ansprechpartner, die für einen solchen Prozess relevant sind. Hinzu kommen Verkehrsunternehmen und Mobilitätsdienstleister sowie verschiedene Verantwortliche aus Unternehmen. Gegebenenfalls sollten auch Anwohnerinnen und Anlieger berücksichtigt werden. „Da prallen unterschiedliche Interessen aufeinander, die abgewogen werden müssen, um am Ende zu einem guten Ergebnis oder auch zu einem Kompromiss zu kommen“, sagt Overs. Der Impuls für kooperatives Mobilitäts-Management könne grundsätzlich aufseiten der Unternehmen oder aufseiten der Kommune entstehen. Aber, wie Overs zu bedenken gibt, ein von Betrieben initiierter Prozess könne ein Vorteil sein: „Wenn das Ganze zum Beispiel von der Wirtschaftsförderung kommt, birgt das die Gefahr, zu wirken, als würde man den Unternehmen etwas aufzwingen wollen.“ Im Projekt beschlossene Maßnahmen umzusetzen, falle wiederum vermehrt in die Verantwortung der Kommune, sagt Overs. „Die Verwaltung und die Politik halten das Heft des Handels in den Händen, wenn es um die Straßenumgestaltung, die Planung von öffentlichem Verkehr oder die Infrastrukturertüchtigung für den Radverkehr geht. Da gehört die Kommune federführend an den Tisch.“ Die Zusammenarbeit zwischen Kommune, Wissenschaft und dem Gewerbegebiet in Herne hat noch weitere Maßnahmen ergeben, die in einem Feinkonzept ausgearbeitet wurden. Dieses ist im Detail noch nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Geplant sind unter anderem Mobilstationen sowie anmietbare Fahrrad-Boxen vom Anbieter Dein-Radschloss, wie dem NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer bei einem Besuch des Gewerbegebiets im August vorgestellt wurde. Weiter ist die Rede davon, Fahrradabstellanlagen und das Leihradangebot zu überdachen sowie eine Stellfläche für E-Scooter zu schaffen. Im kommenden Jahr soll es zudem die Möglichkeit für Beteiligte aus dem Gewerbegebiet geben, sich in einem Lehrgang des IHK-Netzwerks Betriebliche Mobilität (IHK BEMO) fortbilden zu lassen. Cedrik Weinand trifft sich monatlich mit den Projektinvolvierten, um über den Projektfortschritt zu sprechen. „Man bekommt nicht immer alles mit. Viele Dinge passieren im Hintergrund. Dann ist es gut, wenn man sich austauschen kann.“ Vor Ort repräsentiert der Mobilitätskoordinator den Mobilitätswandel im Gewerbegebiet persönlich. „Es ist wichtig, zu zeigen, was passiert. Man muss als Ansprechpartner vor Ort sein und Präsenz zeigen“, betont Weinand, dem diese Aufgabe gut zu gefallen scheint: „Ich finde es einfach cool, wenn sich etwas verändert vor Ort.“ An einem Bauzaun mitten im Gewerbegebiet Friedrich der Große prangt ein Banner mit der Aufschrift „Hier bewegt sich was“. Schritte wie dieser sind auch deshalb entscheidend, weil die Projektzeiträume mitunter lang sein können. So werden die Mitarbeiterinnen vor Ort ständig an den Mobilitätswandel erinnert.
Austausch und transparente Kommunikation sieht Weinand als entscheidende Faktoren, um mit den verschiedenen Akteuren erfolgreich auf einen Nenner zu kommen. Gemeinsam mit Herne Business und HCR hat die Stadt Herne mit diesem Ziel das Netzwerk Friedrich ins Leben gerufen. Ende Oktober lud man die Unternehmen des Gewerbegebiets zu einer Auftaktveranstaltung ein. Das Netzwerk soll den Unternehmen und dem Mobilitätswandel im Gewerbegebiet eine Plattform bieten und zudem ein Identitätsanker sein. „Jedes Unternehmen hat eigene Interessen und konzentriert sich auf eigene Themen. Oft fehlt ihnen der Kopf, um sich auszutauschen. Dafür wollen wir den Raum bieten“, beschreibt Weinand.

Das Netzwerk Friedrich soll den Austausch zwischen den Unternehmen des Gewerbegebiets fördern. Ende Oktober fand die Auftaktveranstaltung statt.
Mut und Durchhaltevermögen
„Man braucht politische Rückendeckung“, antwortet Christoph Overs auf die Frage nach den Erfolgsfaktoren für kooperatives Mobilitäts-Management. Auch im Unternehmen sollten Mobilitätsfragen Chefsache sein oder zumindest in der Geschäftsführung ernst genommen werden. „Man braucht Mut und Durchhaltevermögen, weil man immer wieder auch auf Ablehnung und Widerstände stoßen kann“, sagt Overs. Er sieht das Zukunftsnetz Mobilität NRW als Akteur, der hierfür den nötigen Anschub geben kann. Overs: „Wir tragen Best-Practice-Beispiele aus dem gesamten Portfolio des Mobilitäts-Managements an die Kommunen heran.“ Die Impulse aufzugreifen, liege dann an den Verantwortlichen vor Ort.
Zumindest in Herne beobachtet Cedrik Weinand, dass das Anschieben wirkt. Manche Unternehmen, die das Mobilitäts-Management vorher gar nicht auf dem Schirm hatten, seien mittlerweile mit viel Eifer dabei, ihre Mitarbeitermobilität zu verändern. Als Mobilitätskoordinator freut er sich darauf, in Zukunft weiter dabei unterstützen zu können, und plant unter anderem, Informationen zu Förderungen aufzubereiten. Viele Unternehmen hätten sich gewünscht, dass man mehr auf sie zugeht und sie unterstützt.
Bilder: Stadt Herne, Philipp Stark – Stadt Herne, Herne Business

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