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Mobil für die Mobilität

Aus seinem Transporter heraus bietet Lukas Winkler im Umland von Alfter seine Dienste als Zweiradmechaniker an. Nicht nur die mobile Werkstatt macht ihn zu einem der unkonventionelleren Akteure in der Fahrradbranche.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)


Mit einer Plattform und einem Querträger haben Lukas Winkler und seine Mitarbeiterin sich einen zweiten Arbeitsplatz für die mobile Werkstatt geschaffen.

Lukas Winkler lenkt seinen alten Transporter um eine Linkskurve in einem Wohngebiet im Westen Bonns. Er wird kurz langsamer und blickt auf die Navigationsanzeige seines Smart­phones am Armaturenbrett. Weit ist es nicht mehr zum Ziel. Ein paar Hundert Meter entfernt beginnt eine Frau, in Richtung des Transporters zu winken.
Ihren ersten Einsatzort haben der Zweiradmechanikermeister und seine Mitarbeiterin damit fast erreicht. Bei der Kundin angekommen, hält Winkler kurz inne und bespricht sich mit seiner Kollegin. Wegen des starken Sonnenscheins entscheiden sie sich, das Auto mit der Hintertür von der Sonne abgewandt abzustellen. Winkler wendet den Transporter und parkt am Rand des Garagenhofs, auf dem neben der Frau noch ein weiterer Kunde wartet. Zwei E-Bikes sollen hier heute eine Inspektion bekommen. Kostenpunkt je 115 Euro zuzüglich 25 Euro für die Anfahrt. Dass Winkler als Fahrradmechaniker eine Anfahrtspauschale berechnet und sich beim Parken Gedanken um die aktuelle Wetter- und Hanglage macht, sind nur zwei von vielen Punkten, in denen sich die mobile Werkstatt von einer stationären unterscheidet.
Vor dem Annahmegespräch entladen Winkler und seine Mitarbeiterin eine große Holzplattform und hängen sie zwischen den aufgeklappten Hintertüren ein, um die Arbeitsfläche zu vergrößern. Dann nimmt der Mechaniker die E-Bikes an und berät die Kundin zu der Frage, ob ihre Kassette schon zu verschlissen für eine neue Kette ist. Winklers Kollegin rollt das Rad hinters Auto, während er das zweite E-Bike in Augenschein nimmt.
Seit September sind sie zu zweit unterwegs, zuvor habe er allein gearbeitet, sagt Winkler. Für einen zweiten Arbeitsplatz wurden neben der Holzplattform noch eine Querstange und ein Balken zwischen den Hintertüren zu seinem Transporter hinzugefügt, an der sich ein weiteres Rad aufhängen lässt. Zudem hat Winkler einen zweiten Satz der wichtigsten Handwerkzeuge gekauft.

„Die Park-Tool-Vollausstattung auf Hochglanz brauche ich nicht.“

Lukas Winkler, Wiegewerk

DIY-Lösungen und Holzbau

Damit hat sich der Transporter als Arbeitsplatz nicht zum ersten Mal verändert, seit Winkler vor sieben Jahren damit anfing, Fahrräder zu reparieren. Damals noch als Reisegewerbetreibender und mit einem einfachen Werkzeugkasten klingelte Winkler an fremden Haustüren und erhielt erste Aufträge.
Nach und nach hat Winkler Stangen mit einer verschiebbaren Aufhängung für die Fahrräder, Schränke, Arbeitsflächen, Werkzeugaufhängungen und Regale in Do-it-yourself-Manier in den Laderaum seines Renaults integriert. Anfangs war das Auto schlicht weiß, was manch einem Kunden suspekt war. Winkler folierte es mit seinem Firmennamen Wiegewerk, welchen er schon vor den Fahrradreparaturen nutzte, um andere handwerkliche Tätigkeiten im Reisegewerbe anzubieten. „Seit auf dem Auto etwas draufsteht, hatte ich nie wieder Probleme, dass jemand mich nicht vertrauenswürdig findet“, erklärt der Handwerker.
Es steckt viel kreative Eigenleistung und viel Holzbaukompetenz in den Lösungen, mit denen Winkler in seiner mobilen Werkstatt arbeitet. Werkzeugkästen mit demontierten Rollen sind auf Kanthölzer geschraubt, damit ihre Schubladen von selbst schließen. Viele Einbauten sind beweglich und genau angepasst. Das ist mitunter auch notwendig, weil etwa die Seitenwände des Transporters geschwungen sind. Gerade Einbauten würden wertvollen Platz verschwenden. „Es ist immer der Platz knapp. Die Schubladen sind am Überquellen. Das Auto ist immer an der Ladegrenze“, beschreibt Winkler eine Schattenseite seiner Arbeitsweise.
Viele Kleinteile finden im Innenraum ihren Platz. Für praktische Werkstattgroßpackungen reicht der Raum eigentlich nie aus. Oft muss Winkler zudem Komponenten aus- oder umpacken, damit das Lager nicht zu unübersichtlich und voll wird. Größere oder selten benötigte Ersatzkomponenten holt das Wiegewerk-Team aus Materialkisten auf dem Dach des Transporters. Zwei Solar-Paneele versorgen wiederverwendete Blei-Akkus mit einer Gesamtkapazität von drei Kilowattstunden mit ausreichend Energie, um diverse Elektrogeräte, Lichter oder den Kompressor zu betreiben. Dieser ist ebenfalls auf dem Dach montiert. Wie an vielen Stellen in der Ausstattung hat Winkler hier Erfindergeist gezeigt: Als Ausgleichstank für die Druckluft dient der Ersatzreifen des Autos.

Lukas Winkler ist Zweiradmechanikermeister. Handwerkliches Geschick hat er auch beim Ausbau seines Transporters bewiesen.

Mobile Werkstatt fasziniert

Bei Bedarf schützt sich das Team mit Planen vor Schnee oder Regen. Kalte Tage können mitunter zur Herausforderung werden, insbesondere weil die Hände warm bleiben müssen. Draußen zu sein und das Wetter zu erleben, sei aber einer der Reize der mobilen Arbeitsweise, erklärt Winkler: „Persönlich finde ich die Abwechslung sehr angenehm, dass ich rauskomme, an verschiedenen Orten bin und persönlichen Kontakt zu den Kunden habe, deren Räder ich repariere.“ Viele Menschen fasziniere die mobile Werkstatt. Sie stellen sich in der Wartezeit vor die offene Tür und sehen bei der Arbeit zu. Nur selten störe er sich daran, vielmehr biete die Nähe zu den Kund*innen Vorteile. Tauchen Fragen auf, kann das Team bei den Ansprechpersonen klingeln und sie direkt klären. Das erleichtere es, gegebenenfalls, auftretende Mehrkosten zu erklären.
Winkler ist jedoch daran gelegen, diese möglichst oft zu vermeiden. Etwas zu reparieren, bedeutet für ihn, nur Teile zu tauschen, wo es sein muss. Bei der heutigen ersten Station flickt er etwa einen Riss im Kettenschutz, um dessen Nutzungszeit zu verlängern. „Fahrradfahren passt einfach zu meinen Werten, weil es ökologische, nachhaltige Fortbewegung ist. Mit meiner Ausrichtung, möglichst viel zu reparieren und Komponenten möglichst lang zu nutzen, leiste ich einen Beitrag in die für mich richtige Richtung in der aktuellen Zeit. Da verzichte ich auch immer wieder bewusst auf Umsatz, den ich mit neuen Teilen verdienen könnte.“
Den Respekt vor dem Ressourceneinsatz spiegelt auch Winklers Werkstatt wider. Neben hochwertigen Werkstattschränken stehen Ikea-Schränke, die Winkler beim Sperrmüll gefunden hat. Einen Grund, dies zu ändern, sieht er nicht: „Die Park-Tool-Vollausstattung auf Hochglanz brauche ich nicht. Und die Kunden scheinen es auch nicht zu brauchen“, erklärt er. Viele selbst gebaute Lösungen, etwa der passgenau ausklappbare Tisch mit umlaufendem hohen Rand, ließen sich ohnehin nicht einfach ersetzen. „Selbst als ich dann Meister war, habe ich gemerkt, dass das Ganze weiterhin zu meinem Leben passt und die Einrichtung und Ausstattung gut funktionieren.“

Autodidakt mit Meistertitel

Wie die Ausstattung seines Busses hat sich auch Lukas Winkler selbst in den letzten Jahren organisch entwickelt und ist in die Rolle des Zweiradmechanikers hineingewachsen. Dass Winkler mittlerweile Meister ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn er ist Autodidakt, hat sich einen Großteil seiner Kompetenz also selbst beigebracht. Er habe viel handwerkliches Verständnis aus seinem Elternhaus mitbekommen, ordnet Winkler ein. Aber es war auch ein bisschen Glück dabei, dass er in seiner Reisegewerbezeit nie größere Schäden verursacht habe. Gelernt habe er mit Youtube-Videos oder mit viel Zeit, um sich in die Funktionsweise bestimmter Komponenten selbst hineinzudenken. Winkler hat viel Mühe aufgewendet, um unter diesen Voraussetzungen zur Meisterschule und -prüfung zugelassen zu werden. Mittlerweile ist er selbst Teil des Prüfungskomitees und hat zwischenzeitlich E-Bike-Technik gelehrt.
In der Meisterschule konnte Winkler Wissenslücken schließen. Zudem sei dort sein Selbstbewusstsein gewachsen. Er habe aber auch Methoden zu schätzen gelernt, die er sich selbst erarbeitet hat, die andere gar nicht kennen, weil sie defekte Teile eher aussortieren und neue verbauen, als diese zu reparieren. „Diese Kreativität innerhalb der Reparaturen reizt mich“, sagt Winkler. Er genieße es deshalb gar, an Fahrrädern minderwertiger Qualität zu arbeiten, weil dort viel Kreativität gefragt sei. Generell gefalle ihm am Zweiradmechanikerhandwerk der begrenzte Problemhorizont: „Ich finde es gut, dass die Probleme an einem Fahrrad so überschaubar sind“, so Winkler.
Mit steigendem Selbstbewusstsein ist auch der Stundensatz gewachsen, den Winkler für seine Arbeit nimmt, von anfangs 20 auf mittlerweile 120 Euro. Drei Arbeitstage pro Woche sei er mit dem Transporter unterwegs. An den meisten Tagen liege der Umsatz bei 130 bis 190 Euro pro Stunde. Ab einem Bruttoumsatz von 100 Euro allein und 130 Euro zu zweit exklusive Teileverkauf sei Winkler zufrieden. „Mit diesen drei Arbeitstagen komme ich total gut hin und habe ein passables Netto-Einkommen.“
Durch die Anfahrtspauschale rechne sich sogar die Anfahrtszeit. „Das ist ein geiler Service, den man sich auch bezahlen lassen kann“, ordnet der Mechaniker den Kostenfaktor ein. Seine Arbeitstage plant Winkler ohnehin so, dass zwischen den einzelnen Stationen eines Tages möglichst kurze Strecken zu fahren sind. Winkler rechnet vor: Bei vier Stationen ergebe die Anfahrtspauschale in Summe 100 Euro. Rund eine Stunde Arbeitszeit gehe durch die Fahrerei verloren. „Das ist finanziell nicht ganz so gut, wie stationär zu arbeiten, aber es ist auch nicht deutlich schlechter meiner Einschätzung nach.“ Das Auto verursache zwar Kosten, eine Miete für die Werkstatt spare er sich aber schließlich auch.

„Fahrradfahren passt einfach zu meinen Werten, weil es ökologische, nachhaltige Fortbewegung ist. Mit meiner Ausrichtung, möglichst viel zu reparieren und Komponenten möglichst lang zu nutzen, leiste ich einen Beitrag in die für mich richtige Richtung in der aktuellen Zeit.“

Lukas Winkler, Wiegewerk

Reklamationen vermeiden

Die Strategie, Termine entlang einer sinnvollen Route zu vergeben, gehe in der Regel auf, so Winkler: „Wir sind fast immer pünktlich oder zu früh.“ Als ihm anfangs noch Erfahrung fehlte, sei das Timing schwieriger gewesen. Wo Winkler einst anderthalb Stunden pro Inspektion kalkulieren musste, braucht er heute selten eine volle Stunde. Etwa fünf Prozent der Räder nehme er mit nach Hause, weil sich komplexe Probleme nicht spontan beheben lassen.
Winkler ist längst nicht der einzige mobile Mechaniker in Deutschland. Eine Seltenheit ist dieses Geschäftsmodell aber schon. Einige größer aufgezogene Unternehmen, etwa Get Bike Service, Yeply oder Vroom Repair, haben sich an dem besonderen Service bereits die Zähne ausgebissen. Winkler schätzt: „Solche Firmen wie Yeply sind meiner Einschätzung nach zum Teil wirklich an der Qualität der Arbeit und damit an dem schlechten Ruf beziehungsweise viel zu vielen Reklamationen gescheitert.“ Hochqualitativ zu arbeiten sei essenziell, weil Reklamationen den getakteten Ablauf schnell durcheinanderbringen können.
Wenn keine Reklamationen anfallen, genießt Winkler es, ausschließlich Termingeschäft anzubieten und fast alle Aufträge ohne Störungen in einem Rutsch fertigstellen zu können. „Ich habe einen sehr cleanen Arbeitsablauf unterwegs. Wenn ich mal einen Tag zu Hause bin, merke ich, wie die Tage dort zerfleddert sind und mich psychisch mehr fordern.“ Herausforderungen bietet der Alltag trotzdem. „Man muss sehr organisiert sein und auf dem Kasten haben, was man gerade im Auto hat und was nicht.“ Ein Warenwirtschaftssystem nutzt das Wiegewerk-Team bis heute nicht.

Den Platz im Auto nutzt das Wiegewerk-Team bis auf den letzten Winkel ideal aus. Das aufgehängte Fahrrad verschieben zu können, sorgt für Bewegungsfreiheit.

Keine Werbung notwendig

Dass die mobile Werkstatt für Winkler als Modell funktioniert, verdanke er auch den eher niedrigen Investitionen der selbst gebauten Einbauten und des älteren Fahrzeugs, die das Risiko vergleichsweise gering hielten. Wer auf einen Schlag einen Neuwagen und eine zugekaufte Werkstattausstattung finanzieren müsse, setze sich stärker unter Druck.
Winkler weiß um den Wert, den sein mobiler Service für die Kundschaft hat: „Ich habe viele Kunden, die richtig Probleme haben, ihr Fahrrad irgendwo hinzubringen, weil sie kein Auto und keinen Radträger haben.“ Dennoch wolle er seinen Aktionsradius in Zukunft etwas einschränken, um etwas weniger Zeit im Auto und eine unkompliziertere Organisation zu ermöglichen. Diesen Schritt geht er nicht, weil ihm Leidenschaft als Fahrradmechaniker fehlt. Winkler hat schlichtweg verschiedene Interessen, die er miteinander vereinen will. So wolle er durch den reduzierten Aktionsradius mehr Zeit im familiären Umfeld verbringen und zudem die letzten Ausbildungsschritte gehen, um neben der Werkstatt auch Psychotherapie anbieten zu können. Er hat das Glück, sich dabei auf die mobile Werkstatt stützen zu können, die nicht nur ein verlässliches finanzielles Standbein ist, sondern auch durch die flexibel anpassbare Arbeitsweise perfekt zu Winklers vielschichtigem Lebensentwurf passt. Schon mehrmals sei er in den vergangenen Jahren umgezogen und habe den Transporter einfach mitnehmen können und lediglich seinen Ge­­schäftseintrag bei Google transferiert. Intensivieren ließe sich das Geschäft mit der mobilen Werkstatt jederzeit, ist Winkler sicher. Werbung habe er noch nie schalten müssen. Potenzial sieht er unter anderem bei Unternehmen, wo er vereinzelt bereits Reparaturtage anbieten konnte. „Ich habe das Gefühl, ich könnte mein Geschäft in alle Richtungen erweitern“, resümiert der Mechaniker.


Bilder: Sebastian Gengenbach, Lukas Winkler