„Radfahren stärkt unsere Demokratie“
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) wird seit Mitte November erstmals von einer Doppelspitze geführt. Die Bundesvorsitzenden Frank Masurat und Sarah Holczer sprechen im Interview mit Veloplan darüber, wie sie im Bundesvorstand, mit dem Jungen ADFC und der European Cyclists‘ Federation zusammenarbeiten. Außerdem erklären sie aktuelle Forderungen und Wünsche, die sie an die Fahrradbranche, die Verkehrsministerien und Akteure im Gesundheitssektor richten.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)
Herr Masurat, Frau Holczer, Sie waren vor Ihrer Wahl Mitte November schon zwei Jahre lang Bundesvorsitzender und stellvertretende Bundesvorsitzende des ADFC. Wie ist Ihre gemeinsame Vision, mit der Sie für den paritätischen Vorsitz kandidiert haben?
Frank Masurat: Deutschland soll Fahrradland Plus werden, das ist unsere Vision. Das heißt, dass Kinder ohne Angst zur Schule radeln, ältere Menschen wieder aufs Rad steigen und dass Radfahren Spaß, Lust und Lebensfreude bereitet.
Radfahren ist aber auch Teilhabe. Das ist uns in den letzten Jahren als Thema sehr wichtig geworden. Denn Radfahren verbindet alle Menschen, unabhängig vom Alter oder ihrer finanziellen Verhältnisse. Und das wiederum stärkt unsere Demokratie.
Dabei setzen wir auf eine Doppelspitze, ein starkes Vorstands-Team, starke Landesverbände und engagierte Ortsgruppen.
Die paritätische Besetzung und auch die Doppelspitze sind neu für den ADFC. Wie wollen Sie künftig die Aufgabe des Bundesvorstands untereinander aufteilen und Ihre Zusammenarbeit gestalten?
Sarah Holczer: Es wird einen noch stärkeren, transparenten Informationsfluss zwischen uns geben. Wir sehen uns als gesamtes Team mit dem Bundesvorstand zusammen und übernehmen gemeinsam Verantwortung. Jeder hat seine Aufgabe und sein spezielles Thema. Aber mit einem agilen Methodenkoffer sorgen wir dafür, dass mal Frank einen Hut aufhaben kann und mal ich. Wir wollen auch schauen, wie man die OKR-Methode (Objectives and Key Results, Anm. d. Red.) nutzen kann für unsere Ziele und erstellen gerade ein Leadership-Board mit einem Kanban-System.

Der Bundesvorstand von links nach rechts: Vera Konrad, Joachim Lohse, Christoph Schmidt, Sarah Holczer, Christian Tänzler, Lena Adam und Frank Masurat (nicht im Bild: Clara Bohle)
Herr Masurat, was bewegt Sie, wenn Sie an die vergangene Periode als Bundesvorsitzender denken?
Masurat: Wir haben als ADFC eine klare Position für die Demokratie, gegen Ausgrenzung und gegen Hass entwickelt, was mir persönlich wichtig ist. Das haben wir nach außen getragen. Und wir haben Leitlinien entwickelt, wie wir als ADFC mit demokratiefeindlichen Parteien umgehen wollen. Es war ermutigend zu sehen, dass die Menschen im ADFC dieselbe Sicht haben und in dem Bereich konstruktiv nach vorne gearbeitet haben.
Wirklich zu denken gibt mir, wenn ich auf einer Demonstration eine Mutter treffe, die sagt, dass sie gern mit ihrem Kind Fahrrad fahren würde, aber sich nicht traut. Ich merke dann, dass wir immer noch nicht genug getan haben. Ich lebe in Berlin, wo wir zuletzt beim Radverkehr eher einen Backlash erlebt haben. Auf Fahrrad-Demonstrationen habe ich viele Menschen erlebt, die wütend waren. Sie haben mir erzählt, dass sie sonst nie demonstrieren würden, jetzt aber genug hätten. Über die Wirkkraft von Demonstrationen lässt sich streiten. Aber sie haben den wesentlichen Effekt, dass sie den Menschen Stärke mitgeben und sie sehen, dass sie Gleichgesinnte haben, die auch etwas bewegen wollen.
Frau Holczer, haben Sie eigentlich eine familiäre Verbindung zu Radsport Holczer, dem mit dem Radsport verbundenen Fachgeschäft in Herrenberg? Ist das der Hintergrund, weshalb Sie sich so fürs Fahrrad einsetzen?
Holczer: Mein Mann gehört zu dieser Familie, ich bin also eingeheiratet in die Familie Holczer. Dadurch, dass wir den ganzen Tag mit dem Fahrrad zu tun haben, versuchen wir, im Privaten die Familie im Vordergrund stehen zu lassen, und trennen das sehr scharf. Ich habe einen schönen familiären Rahmen, der mich hält und unterstützt, was ich tue.
Viel mehr hat mich aber mein Großvater geprägt. Meine früheste Kindheitserinnerung ist, wie ich bei ihm vorne auf dem Kindersitz auf seinem Fahrrad sitze und wir durch Friedrichshafen radeln. Hinten in seinem Fahrradanhänger war mal die Tischkreissäge, mal der Werkzeugkasten drin. Mein Großvater hatte nie ein anderes Mobilitätsmittel als Fahrrad und ÖPNV.

Auf Fahrrad-Demos, wie der ADFC-Sternfahrt in Berlin, erlebt Frank Masurat zunehmend viele wütende Menschen.
Sie haben selbst lange in der Fahrradwirtschaft gearbeitet. Haben Sie aus Sicht des ADFC konkrete Forderungen an die Branche?
Holczer: Das Fahrrad steht für Gesundheit, für Freiheit, für Umwelt, für Zugang für alle Menschen, egal mit welchem Hintergrund. Insbesondere im Themenblock Gesundheit steckt noch viel Potenzial.
Zugespitzt gesagt: Die Fahrradbranche ist im Gesundheitsministerium immer noch zu wenig präsent, obwohl alle genau wissen, welchen positiven Einfluss Radfahren auf Prävention und Gesundheit hat.
Da wünsche ich mir, dass die Fahrradbranche selbstbewusster wird und viel deutlicher macht, dass das Rad das gesundheits- und klimafreundliche Mobilitätsmittel ist und dass es sich lohnt, hier Investitionen reinzugeben. Die braucht es für den Infrastrukturausbau, aber auch für Innovationen im Zweiradbereich. Was mir auch sehr wichtig ist, ist, dass die Fahrradbranche und alle, die an der Idee Fahrrad mitwirken, zusammen mit einer starken Stimme auftreten.
In der Fahrradbranche ist derzeit ein viel diskutiertes Thema, dass der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) und der Verband Zukunft Fahrrad die Kooperation mit der Messe Eurobike beendet haben. Inwiefern beschäftigt das den ADFC?
Holczer: Natürlich beschäftigt uns diese Entwicklung. Ich glaube, das ist bei jedem so, der als Akteur mit dem Fahrrad zu tun hat. Für uns als ADFC ist es wichtig, dass wir eine Leitmesse haben. Wie die heißt und aussieht, das ist Aufgabe von anderen, sich darum zu kümmern. So eine Messe ist am Ende ein Format, das die Innovationskraft der Fahrradbranche sichtbar macht. Sie erzeugt eine Signalwirkung für das Fahrrad.
Eine Leitmesse ist eine ideale Plattform, wo Wirtschaft, Politik, Kommunen, die Zivilgesellschaft und auch die Wissenschaft zusammenkommen, damit wir eben gemeinsam dem Fahrrad eine Stimme verleihen können. Wichtige Ideen entstehen dort auf den Podien, aber auch in den Zwiegesprächen.
Frau Holczer, Sie haben es sich zum erklärten Ziel gesetzt, den ADFC Business Club zu stärken. Wie wollen Sie das tun?
Holczer: Der Business Club besteht bisher aus Unternehmen der Fahrradbranche. Wir wollen uns einerseits anschauen, was für Bedürfnisse diese an ein Netzwerk haben. Wir wollen andererseits zukünftig aber auch weitere Branchen und Unternehmen mit einbeziehen, für die guter Radverkehr vor Ort einen hohen Stellenwert hat im Kontext von betrieblicher Gesundheitsfürsorge, Standortvorteilen, sicheren Arbeitswegen und begrenztem Parkraum. Es geht auch darum, welche Betriebe und Ideen über den klassischen Fahrradindustrie-Kosmos hinaus sich bei uns einbringen wollen. Die Themen betreffen eben alle, die das Fahrrad als Bewegungsmittel für ihre Mitarbeitenden anerkennen und fördern.
Wir haben über Konflikte in der Fahrradbranche gesprochen. Wie harmonisch ist das Miteinander im ADFC?
Masurat: Der ADFC ist sehr heterogen, was die aktiven Mitglieder betrifft. Wir haben harte, konstruktive fachliche Diskussionen, zuletzt zum Beispiel über die Standardisierung von Ladesteckern von Pedelecs. Da prallen unterschiedliche Sichten aufeinander, aber wir kommen zu einem konstruktiven Schluss. Wir sind hart in der Sache, aber fair im Umgang. Aber wir können da auch noch besser werden, gerade vor dem Hintergrund, dass der gesamte gesellschaftliche Umgang härter und rauer wird.
„Es macht großen Spaß und macht stolz, zu sehen, wie sich die jungen Menschen selbst organisieren und wie wir sie unterstützen können.“
Sarah Holczer über den Jungen ADFC

Im letzten Jahr wurde der Junge ADFC ins Leben gerufen, auch um die Perspektive der jungen Menschen zu einen. Welche Impulse gehen von dieser Organisation aus?
Holczer: Der Junge ADFC ist komplett eigenständig. Wir legen großen Wert darauf, dass die maximale Beinfreiheit haben, um die Themen zu platzieren, die sie bewegen. Dass wir jetzt eine paritätisch besetzte Doppelspitze haben, wurde stark von der Jugend unterstützt. Wir haben mit Lena Adam nun auch eine Jugendvertreterin im Bundesvorstand.
Der Junge ADFC ist noch sehr stark damit beschäftigt, seine Strukturen aufzubauen. Gleichzeitig sind sie auf Social Media und der Homepage sehr aktiv und haben schon erste Veranstaltungen durchgeführt. Sie finden gerade ihre Positionen und werden uns dann ganz klare Impulse geben. Aber es ist eine positive Veränderung spürbar, bis hinein in die kleinsten Gliederungen. Überall gründen sich jetzt kleine Gruppen vom Jungen ADFC, das bringt eine große Dynamik in den Verband hinein. Obwohl das parallele Strukturen sind, geschieht das in einem Miteinander. Es macht großen Spaß und macht stolz, zu sehen, wie sich die jungen Menschen selbst organisieren und wie wir sie unterstützen können.
Wie gut ist der ADFC auf Bundesebene mit dem Verkehrsministerium vernetzt? Und wie bewerten Sie die Arbeit von Bundesminister Patrick Schnieder seit Amtsantritt?
Masurat: Mit dem Bundesverkehrsminister hatten wir auf Vorstandsebene mehrere Begegnungen und haben erste Eindrücke gewonnen. Wir waren sehr froh, mit ihm zusammen den ADFC-Fahrradklimatest zu präsentieren, als er frisch im Amt war. Dazu hatten wir eine große Pressekonferenz mit einem starken medialen Feedback. Ansonsten ist der Minister nicht mit Fahrradthemen in den Medien präsent. Da geht es eher darum, den Führerschein billiger zu machen oder den innerdeutschen Flugverkehr zu stärken. Es ist bis jetzt nicht erkennbar, dass es in seiner Amtszeit signifikante Verbesserungen für den Radverkehr geben wird. Das ist meine Einschätzung nach einem guten halben Jahr.
Was spannend wird, ist die Evaluierung des Nationalen Radverkehrsplans 3.0, die bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll und an der wir peripher beteiligt sind. Uns ist das Thema Verkehrssicherheit sehr wichtig. Es ist jetzt schon klar, dass die Ziele im Hinblick darauf krachend gescheitert sind. Die Anzahl der verkehrstoten Radfahrenden ist in den letzten Jahren nicht, wie geplant, runtergegangen. Sie ist gleichgeblieben oder leicht gestiegen, je nachdem, wie man die Zahlen interpretiert. Da braucht es einen starken Impuls des Verkehrsministeriums.
Ansonsten haben wir den klaren Wunsch, Verbindlichkeit in den NRVP 3.0 zu bringen, zum Beispiel durch einen Bund-Länder-Vertrag. Was wir in diesen schwierigen Zeiten nicht gebrauchen können, ist Finger-Pointing vom Bund zu den Ländern und umgekehrt. Das ist nicht nur wichtig für den Radverkehr, sondern auch für das Demokratieverständnis. Wenn es einen Plan gibt und der nicht umgesetzt wird, verstehen die Menschen das nicht.

„Es ist bis jetzt nicht erkennbar, dass es in seiner Amtszeit signifikante Verbesserungen für den Radverkehr geben wird.“
Frank Masurat über Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (hier im Bild)
Ein Bund-Länder-Vertrag ist ja eine sehr konkrete Forderung. Was muss sich in der Bundespolitik noch ändern, mit Blick auf Regelwerke, Gesetze oder Finanzen?
Masurat: Wir fordern weiterhin die Fahrradmilliarde, also eine Milliarde vom Bund, eine von den Ländern und eine von den Kommunen. Das muss langfristig passieren. Es darf nicht bei jeder Haushaltsdiskussion Schwankungen geben, sondern es braucht einen überjährigen Fonds. Davon sind wir weit entfernt.
Ein einfach zu setzender Impuls wäre Tempo 30 im urbanen Raum und Tempo 70 auf Landstraßen ohne Radinfrastruktur. Das wäre sofort umsetzbar und würde kaum etwas kosten, außer einer StVO-Änderung. Die lebensrettenden Effekte von zum Beispiel Tempo 30 sind seit vielen Jahren gut bekannt. Es würde sofort Verletzte und Tote im Verkehr drastisch senken und wäre für die Gesundheit und die Umwelt super. Wenn man diese Regelgeschwindigkeiten dann hat, kann man in Einzelfällen bei besonders sicheren Verhältnissen höhere Geschwindigkeiten erlauben. Aber man muss die Logik umdrehen: Erst von einem sicheren Standpunkt ausgehen und dort lockern, wo die Bedingungen geprüft wurden.
So viel zur Situation in Deutschland. Wie sieht eigentlich der Austausch des ADFC mit vergleichbaren Organisationen in anderen Ländern aus?
Masurat: Der ADFC ist Mitglied in der European Cyclists‘ Federation, wo es einen geregelten Austausch über Gremien gibt. Schön und sinnvoll sind die Velo-City-Konferenzen, wo sich unterschiedliche Player, Lobby-Organisationen und auch Hersteller treffen. Da gibt es einen guten Erfahrungsaustausch und Einblicke in die Praxis. Aus Danzig habe ich mitgenommen, dass in anderen Ländern Verkehrspolitik fürs Rad nicht wie in Deutschland als grüne Ideologie gilt, sondern von allen Parteien gefordert wird. Sie differenzieren sich dann über unterschiedliche Wege, wie sie dahin kommen wollen.
Aus meiner deutschen Sicht ist es so, dass wichtige Ziele wie sichere Radwege und mehr Radverkehr wissenschaftlich fundiert gesetzt werden müssen. Tatsächlich werden sie aber mit dem Argument der Ideologie wegdiskutiert. Ich plädiere stark dafür, politische Entscheidungen evidenzbasiert zu treffen.
Die Wissenschaft ist ein wichtiger Handlungsträger in diesem Hinblick. Mit welchen Handlungsträgern in Deutschland wollen Sie in den nächsten zwei Jahren Ihre Zusammenarbeit vertiefen?
Holczer: Wir wollen mit den Gesundheitsministerien, den Krankenkassen und der Präventionsforschung mehr in Kontakt kommen. Wir möchten Gemeinsamkeiten finden, um das Thema Gesundheit im Fahrradkontext aufs Tableau zu bringen. Eine Gesellschaft, die nur sitzt, kann sich niemand mehr leisten.
Wir wollen nicht nur Allianzen schmieden, sondern fordern, dass das Fahrrad im Kontext betrieblicher Gesundheits- und Mobilitätskonzepte integriert wird. Es muss anerkannt werden, dass die Arbeit, die da geleistet wird, zur Gesundheitsprävention beiträgt. Es wäre denkbar, dafür eine Studie zu initiieren, vergleichbar mit der Klimastudie, die der ADFC in Auftrag gegeben hatte. Was wissenschaftlich fundiert ist, hat am Ende ein anderes Gewicht.
Masurat: Wir machen einmal im Jahr eine parlamentarische Radtour durch Berlin, wo viele Bundestagsabgeordnete mitfahren. Auf der letzten Tour kam ich mit einer Ärztin ins Gespräch, die im Gesundheitsausschuss sitzt. Die sagte, dass eine riesige Welle der Vereinsamung bei jugendlichen Menschen als Nachwirkung der Corona-Pandemie auf uns zu rollt. Das war mir gar nicht klar. Sie sagt, dass gemeinsames Radfahren ein super Werkzeug ist, um da gegenzusteuern. Das ist bei mir hängengeblieben als einer der Punkte, wo wir mit dem Fahrrad noch viel bewirken und den Menschen auf Gesundheits-, Präventions- und Therapieebene Hilfestellung geben können.
Bilder: ADFC – Michael Handelmann, ADFC – Harry Bellach Fotografie, ADFC Berlin – Krueger, ADFC – Deckbar Photographie

ADFC – Michael Handelmann
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