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Radschnellweg Euregio: Infrastruktur, die verbindet

Der RS4, auch bekannt als Radschnellweg Euregio, soll die Städte Aachen, Herzogenrath und das niederländische Kerkrade miteinander verbinden. Der Projektablauf offenbart mitunter Unterschiede zwischen der niederländischen und deutschen Planungskultur.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)


Mit hoher Reisegeschwindigkeit, breiter Fahrbahn und wenigen Unterbrechungen sollen die Menschen zwischen Aachen, Herzogenrath und Kerkrade künftig unterwegs sein können. Möglich machen soll das der Radschnellweg Euregio (RS4). „Der Radverkehrsanteil würde entlang des Einzugsgebiets um drei Prozentpunkte steigen“, sagt Ralf Oswald von der Städte-Region Aachen, der das Projekt dort betreut. Die Städte-Region Aachen hatte das Projekt gemeinsam mit den Städten Herzogenrath und Aachen initiiert. Durchschnittlich 37.000 Radfahrten pro Tag sollen die Menschen in der Region auf der Radschnellverbindung (RSV) zurücklegen, von denen 10.000 sonst mit dem Kfz zurückgelegt würden, lautet das Ergebnis einer Potenzialanalyse.
Wann genau es jedoch so weit sein wird, ist schwer abzusehen. „Wir wollten eigentlich schon weiter sein“, sagt Frank Jansen, Oswalds Kollege. „Dass die Strecke von Anfang bis Ende befahrbar ist, wird vermutlich nicht vor 2035 möglich sein“, so Jansen. Dass das Projekt noch einige Jahre brauchen wird, hat nachvollziehbare Gründe, stößt aber nicht überall auf Verständnis. Schließlich nahm es seinen ersten Anlauf bereits 2013. Damals führte das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) einen Planungswettbewerb durch. Den Gewinnern finanzierte das Land eine Machbarkeitsstudie. Die Städteregion bewarb sich gemeinsam mit den Kommunen Aachen und Herzogenrath mit der Projektidee des RS4. Von Anfang an wurden auch die niederländischen Gemeinden Heerlen und Kerkrade in die Planung einbezogen. Ralf Oswald erklärt: „Wir wollten auch ein bisschen punkten mit unserer Grenzlage und zeigen, dass wir eine Projektidee haben, die grenzüberschreitend ist.“ 14 Kilometer Strecke sieht die RSV allein auf deutscher Seite vor.
Als eines der Gewinnerprojekte durften die Verantwortlichen sich über die Machbarkeitsstudie freuen. Diese lief 2017 und war auf die deutsche Seite bezogen. Die Fortführung auf der anderen Seite der Grenze nahmen die niederländischen Partner auf. Seitdem arbeitet jeder auf seiner Seite an der Umsetzung der Idee. Regelmäßigen Austausch gibt es trotzdem. „Insgesamt wird der Radschnellweg zusammenpassen, wenn er auf beiden Seiten fertig gebaut ist. Die Zusammenarbeit erfolgt aber eher informell und wurde nicht in eine offizielle Kooperation gegossen.“
Bereits zu Projektbeginn waren die Niederlande wichtig für das Projekt, da dortige Radschnellwege Inspiration liefern konnten. Oswald: „In der Anfangszeit gab es noch keine richtigen Vorgaben vom Land, wie eine Radschnellverbindung überhaupt aussieht. Die Niederländer hatten da schon konkretere Vorstellungen. Wir sind in dieser Zeit mal nach Nijmegen gefahren und haben uns den RijnWaalPad angesehen, der damals gerade fertiggestellt worden war.“ Was die Spurbreite, Markierungen und andere Details anging, war der Blick in die Niederlande prägend für das Projekt.
Mittlerweile hat das Land NRW nachgezogen und kann genauere Vorgaben für Radschnellwege vorweisen. Seit 2019 tritt der Landesbetrieb Straßen.NRW nach einer Änderung des Straßen- und Wegegesetzes NRW zudem als Baulastträger auf. Radschnellverbindungen sind in dem Bundesland seither gesetzlich mit Landesstraßen gleichgestellt. Damit stemmt das Land einen Teil des personellen Aufwands und trägt das Gros der Gesamtkosten für den Bau. Genauer gesagt finanziert das Land die sogenannten freien Strecken und die Ortsdurchfahrten in Herzogenrath. Aachen muss die eigenen Ortsdurchfahrten als Stadt mit mehr als 80.000 Einwohner*innen selbst finanzieren.
Zeitlich gesehen hat der neue Baulastträger das Projekt zunächst eher zurückgeworfen. In der Übergangsphase mussten Prozesse wiederholt werden. Aber das Land trägt nun die Kosten der teuersten Baumaßnahmen und entlastet so die kommunalen Kassen. Die Linienführung, die in den letzten Jahren entwickelt wurde und deren Zustimmung im vergangenen Sommer beim Land beantragt wurde, sieht etwa vor, zwei Landesstraßen zu überbrücken, um einen alten Bahndamm, der seit rund 100 Jahren nicht mehr in Betrieb ist, für die RSV zu erschließen. Wenn das Land dem Antrag zustimmt, folgt die konkrete Planung an der Trasse. 2028, so hoffen Oswald und Jansen, könnte man vielleicht die ersten Abschnitte in den Bau bringen.
Anders sieht es auf einem Teilstück aus, das nicht die nötige Auslastung für eine RSV erreichen konnte. Zwischen Herzogenrath und Heerlen entsteht deshalb lediglich eine Radvorrangroute, die mit einem anderen Verfahren einhergeht. „Dieser Bereich ist in der Planung schon so weit, dass der Landesbetrieb nächstes Jahr das Planfeststellungsverfahren starten kann“, erläutert Oswald.

Der Radschnellweg Euregio wird für Radfahrende in den Niederlanden und Deutschland den Zugang zum jeweiligen Nachbarland erleichtern.

Verbindung schafft Lebensqualität

Auf der niederländischen Seite der Grenze zeigt sich ein fortgeschritteneres Bild als in Deutschland. „Die Niederländer haben andere Rahmenbedingungen und konnten bei sich bereits Dinge umsetzen“, sagt Ralf Oswald. Gemeint sind ausgebaute Knotenpunkte und Kreisverkehre und eine fortgeschrittene Detailplanung. „Daran schließen wir dann an“, erklärt Oswald die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen im Nachbarland. „Wir haben neulich abgestimmt, dass die Niederländer auf ihrer Seite noch Anpassungen vornehmen, um eine doppelte Straßenquerung im Grenzbereich zu vermeiden.“ Weitere Abstimmungen stehen dann an, wenn es um die Detailplanung geht. Derzeit tauschen sich die Projektverantwortlichen auf beiden Seiten vorwiegend in Onlinemeetings miteinander aus. „Im Bedarfsfall gibt es Präsenztreffen“, so Oswald.
Die Gemeinde Kerkrade und die Stadt Herzogenrath geben gemeinsam gegenüber Veloplan an, dass die Radschnellverbindung in Richtung Herzogenrath vor allem die Wohnqualität bestimmter Siedlungen verbessern soll. „Eine Fahrradverbindung zwischen Kerkrade und Herzogenrath würde es ermöglichen, die Zugverbindungen vom Bahnhof Herzogenrath optimal zu nutzen. So verfügt der Bahnhof Herzogenrath nicht nur über eine Vielzahl an regionalen Verbindungen, unter anderem ins Ruhrgebiet, sondern auch über eine ICE-Verbindung bis nach Berlin. Dieses gute Bahnnetzwerk ist auch für viele Kerkrader Bürgerinnen und Bürger interessant.“
Nachdem Ende 2024 ein Letter of Intent rund um den geplanten Radweg unterzeichnet wurde, lieferte eine Machbarkeitsstudie vier mögliche Streckenvarianten der Verbindung nach Herzogenrath. Von der Stadt heißt es: „In einer Bürgerveranstaltung im Frühjahr 2025 wurden die Ergebnisse der Studie vorgestellt, offene Fragen geklärt und die möglichen Streckenverläufe gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern diskutiert. Zudem gab es eine grenzüberschreitende Radtour mit Verantwortlichen aus beiden Städten entlang der definierten Routen. Ab Sommer 2025 erfolgte dann eine vertiefende Untersuchung der am besten geeigneten Route.“
Der Radweg Kerkrade Zentrum bis Bahnhof Herzogenrath könne größtenteils entlang bestehender Straßen geführt werden, so die Stadt Kerkrade. „Die größte Herausforderung liegt jedoch in dem Teilabschnitt, wo es derzeit keine adäquate Wegeverbindung gibt. Dies betrifft den Bereich durch ein Waldstück, das unterhalb der Abtei Rolduc liegt.“ Auf diesem Teil gebe es keinen Gehweg und die Strecke müsse einen nicht unerheblichen Höhenunterschied überwinden. Die überzeugendste Variante sei eine spindelförmige Trassenführung und eine etwa 50 Meter lange Brücke über den bestehenden Gehweg. Andere Varianten hätten jedoch weniger Auswirkungen auf das Landschaftsbild und seien günstiger. Die Ergebnisse würden nun der Gemeinde Kerkrade vorgelegt. Im Anschluss erhalte der Herzogenrather Mobilitätsausschuss voraussichtlich im April die weiterzuverfolgende Trassenführung der Gesamtstrecke zur weiteren Beschlussfassung.

„In den Zahlen ist schon ablesbar, dass es da noch eine Grenze gibt.“

Ralf Oswald
Städte-Region Aachen

Grenzüberschreitender Lebens- und Wirtschaftsraum

Die Verbindung mit der Region um Aachen ist aus Sicht der Grenzstädte Herzogenrath und Kerkrade historisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr eng. „Als ‚Eurode-Städte’ bilden Herzogenrath und Kerkrade seit Jahrzehnten einen einzigartigen grenzüberschreitenden Lebens- und Wirtschaftsraum. Mit der Gründung des Eurode-Zweckverbands Anfang der 1990er-Jahre wurde die enge Kooperation institutionell verankert – sichtbar etwa im gemeinsamen Dienstleistungsstandort im Eurode Business Center direkt auf der Staatsgrenze.“ Gesellschaftliche Verflechtungen bestünden durch Pendlerströme, Bildungskooperationen, Vereine und ein lebendiges Kulturleben.
Auch laut Ralf Oswald von der Städte-Region Aachen sind die Grenzregionen verwoben. „Es wohnen immer mehr Menschen auf der einen Seite und arbeiten auf der anderen“, sagt er. Auch englischsprachige Studiengänge würden dazu beitragen. Dennoch gilt: „In den Zahlen ist schon ablesbar, dass es da noch eine Grenze gibt.“
Während in Deutschland zumindest über der kommunalen Ebene zunächst das Gesamtprojekt im Detail geplant wird, läuft der Prozess in den Niederlanden anders ab, beobachtet Jansen: „Bei den Niederländern hat man den Eindruck, dass sie erst mal etwas umsetzen, um ein Angebot zu schaffen. Wenn das Angebot gut angenommen wird, bauen sie es eventuell noch mal weiter aus.“ Hinzu komme, dass die Niederländer*innen in Sachen Radverkehr führend sind. Viele Details, die hierzulande für Diskussionen und kommunikativen Aufwand sorgen, sind dort selbstverständlich.
Doch es besteht Grund zu hoffen, dass sich die Abläufe in Deutschland in den kommenden Jahren beschleunigen lassen, wie Jansen erklärt: „Das Ministerium versucht, an Stellschrauben zu drehen, um bei den Radschnellweg-Projekten schneller zu werden. Wir waren eines der ersten Projekte. Für weitere Planungsprozesse wird man daraus sicherlich Lehren ziehen können, wie man schneller werden kann.“ Der Leitfaden des Landes werde derzeit überarbeitet. Einfachere Planungsprozesse ließen sich etwa dann erreichen, wenn die Mindestbreite für eine RSV auf einem geringeren Anteil der Strecke nachgewiesen werden muss. So könnte es zudem weniger Grunderwerb sowie weniger Eingriffe in Natur und Landschaft geben.
Ob sich ändern wird, dass Teilstücke einer RSV nur dann planbar sind, wenn die gesamte Linienführung steht, ist fraglich. So ließe sich erreichen, dass mehrere Projektphasen verstärkt parallel stattfinden können. Ein Wermutstropfen, was den langen Prozess angeht: Sind Teilstücke erst einmal gebaut, können sie sich schon als solche positiv auf die Mobilität der Region auswirken.
Am wichtigsten ist für die Menschen vor Ort sicher das Endergebnis. Die Wege in den Niederlanden und Deutschland werden sich in Details durchaus unterscheiden. So wird etwa die Strecke jenseits der Grenze in Rot und diesseits der Grenze mit einem grünen Begleitstrich markiert werden. Aber, wie Oswald zusammenfasst: „Diese durchgängige, zügige Führung wird man auf beiden Seiten gut erleben können.“


Grafiken: Städte-Region Aachen
Bild: Städte – Region Aachen