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Radwege als Rettungswege: Frankfurts Lösung für die Verkehrswende

Autofahrer*innen ärgern sich oft über breite Radwege – für die Feuerwehr sind sie von Vorteil. Mehr Radwege, mehr Fußwege, mehr Grün, weniger Autospuren: Viele Städte bauen ihre Straßen für die Verkehrswende um. Doch was bedeutet das für Feuerwehr und Rettungsdienste? Ein Forschungsprojekt erarbeitet Lösungen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2026, September 2026)


Fahrradstraße Oeder Weg in Frankfurt am Main: ausreichend Platz für Rettungskräfte auf dem Weg zum Einsatz.

Laut hallt das Martinshorn durch die Straßenschlucht von Paris. Ein Rettungswagen rast an der Autoschlange vorbei – nicht auf der Fahrbahn, sondern auf dem angrenzenden, breiten, geschützten Radweg. Ähnliche Szenen zeigen Videos aus Rotterdam, London oder New York: Einsatzfahrzeuge nutzen dort die Infrastruktur des Radverkehrs, um schneller ans Ziel zu kommen.
Der ADFC Frankfurt hat in einem 20-minütigen Video viele solcher kurzer Filmsequenzen aus verschiedenen Ländern aneinandergereiht. „Rettungskräfte auf Radwegen? Kein Problem!“, wirbt der ADFC auf seiner Homepage. Doch was im Video so selbstverständlich scheint, ist in der Umsetzung doch deutlich komplizierter.
Mit der Verkehrswende ändert sich die Aufteilung der Flächen in der Stadt grundlegend. Rad- und Gehwege werden breiter, Flächen für Bäume und Sträucher entsiegelt und begrünt. Gleichzeitig verringert sich der Platz für den Autoverkehr, wodurch auch der Feuerwehr, dem Notarzt und der Polizei weniger Platz zur Verfügung steht.

Ist die Freigabe von Radwegen für Rettungsdienste eine Lösung?

Im Forschungsprojekt Rescue erarbeiten die Feuerwehr Frankfurt am Main, das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) und das Deutsche Zen-trum für Luft- und Raumfahrt (DLR) seit dem Jahreswechsel 2025/26, wie das funktionieren könnte und welche Standards und Rahmenbedingungen notwendig werden.
Für die Feuerwehr Frankfurt am Main ist der Brandamtmann und Verkehrskoordinator Jan-Steffen Hoffmann dabei. Er findet: Die Feuerwehr muss frühzeitig in die Planung von Radwegen einbezogen werden. Das ist nicht selbstverständlich. Deshalb eignen sich bundesweit viele erst kürzlich gebaute Radwege wahrscheinlich nicht für den Einsatz von Feuerwehr und Polizei.
„Wir versuchen, die Stadt von morgen mit den Regelwerken von gestern zu planen“, sagt Hoffmann. Das müsse sich ändern. Gerade in Städten wie Frankfurt am Main sei es wichtig, die Rahmenbedingungen zügig anzupassen. Denn dort ist der Platz knapp. Die Straßen in der Finanzmetropole sind sehr eng und dicht bebaut. Gleichzeitig gehört die Stadt zurzeit zu den Vorreitern beim Ausbau des Radverkehrs. Die Verwaltung hat in den vergangenen Jahren viele Hauptstraßen und Nebenstraßen fahrradfreundlich umgestaltet.

Best Practice: Eindeutige Führung des Radverkehrs. Der verbleibende Raum reicht für Rettungsfahrzeuge aus; die Leitschwellen können von Einsatzfahrzeugen überfahren werden.

Radwege als Rettungswege?

Die Idee, den Radweg als Rettungsweg zu nutzen, ergibt für Hoffmann Sinn. Die Standards dafür werden im Projekt Rescue entwickelt. Dazu gehört, dass die Radwege so breit sind, dass weder die Einsatzfahrzeuge noch die angrenzenden Grünflächen oder Pflasterbereiche beschädigt werden. Gleichzeitig braucht es genügend Platz im Seitenraum, damit Radfahrende sicher ausweichen können und keine Fußgänger*innen gefährden. In den engen Straßenräumen Frankfurts könnten laut Hoffmann dafür spezielle Ausweichbuchten markiert oder gebaut werden.
Der Schutz von Radfahrenden ist für die Feuerwehr zentral. Denn wenn Menschen auf dem Rad wegen eines Einsatzfahrzeugs erschrecken und stürzen, müssen sie ihren Einsatz unterbrechen.

Welche Radwege eignen sich?

Allerdings eignet sich nicht jeder Radweg automatisch als Rettungsweg. In Frankfurt gibt es – wie in den meisten deutschen Städten – einen Mix aus schmalen Radwegen, die separat neben dem Fußweg verlaufen, schmalen Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, Fahrradstraßen oder auch neuen baulich getrennten Radverkehrsanlagen auf der Fahrbahn. Das Problem: „Manchmal ändert sich im Verlauf der Strecke die Breite eines Radwegs oder Protektionselemente verhindern, dass ein Einsatzfahrzeug zurück auf die Fahrbahn wechseln kann“, sagt Hoffmann. Deshalb fordert er: Wenn ein Radweg im Notfall von Rettungswagen genutzt werden kann, muss das deutlich sichtbar sein. Mit seinen Kollegen vom Straßenverkehrsamt hat er ein Feuerwehr-Piktogramm entwickelt, das diese Radwege kennzeichnen könnte.
Auch für Radfahrende macht das Piktogramm Sinn: „Die Radfahrenden sehen sofort, dass auf ihrem Weg Rettungsdienste unterwegs sein können. Das heißt: Wenn sie ein Martinshorn hören, müssen sie die Strecke räumen“, sagt Ansgar Hegerfeld, vom ADFC-Frankfurt. Sie könnten dann in eine der vielen Seitenstraßen abbiegen oder anhalten und auf dem Gehweg warten, bis der Rettungswagen vorbeigefahren ist.
Allerdings existiert das Piktogramm bislang nicht in der deutschen Straßenverkehrsordnung. Das Straßenverkehrsamt Frankfurt plant dazu einen Verkehrsversuch.

Poller am Rand des Radwegs: bei Radfahrenden beliebt, für Rettungskräfte ein Hindernis.

Warum Poller zum Problem werden

Wenn Radwege auf der Fahrbahn verlaufen, wünschen sich viele Radfahrende eine bauliche Trennung vom Autoverkehr. „Das steigert ihre subjektive, aber auch die objektive Sicherheit“, sagt Ansgar Hegerfeld vom ADFC Frankfurt. Denn nur die Trennung gewährleiste, dass Autofahrende ausreichend Abstand einhalten und nicht auf dem Radweg parken.
Diese Poller und andere Schutzelemente können bei Rettungseinsätzen laut Hoffmann jedoch zum Pro-blem werden. Er berichtet, dass bei internen Tests manche Kunststoffelemente oder flexible Poller mit der Zeit beim Überfahren verschleißen und im ungünstigen Fall sogar Fahrzeugteile am Unterboden beschädigen können.
Hinzu kommt: Flexible und feste Poller sehen sich oft sehr ähnlich. Bei Dunkelheit oder Regen sei laut Hoffmann nicht immer sofort erkennbar, welche Hindernisse überfahrbar sind und welche nicht.
Aus Sicht der Feuerwehr Frankfurt sollten Trennelemente möglichst so gestaltet sein, dass sie den Radverkehr schützen und gleichzeitig von Einsatzfahrzeugen sicher überfahren werden können.

„Die Radfahrenden sehen sofort, dass auf ihrem Weg Rettungsdienste unterwegs sein können. Das heißt: Wenn sie ein Martinshorn hören, müssen sie die Strecke räumen.“

Ansgar Hegerfeld, ADFC-Frankfurt am Main

Gute Alternative für die Feuerwehr: die Fahrradstraße

Ein „Best-Practice-Beispiel“ ist für Hoffmann der Oeder Weg in Frankfurt. Die etwa 1,5 Kilometer lange Einkaufsstraße wurde in den vergangenen fünf Jahren schrittweise zur Fahrradstraße umgebaut. Um den Durchgangsverkehr fernzuhalten, setzt die Stadt dort auf sogenannte Modalfilter. Zu dem Modalfilter dort gehören neben Durchfahrt-Verboten-Schildern große Blumenkübel, die die Fahrbahn verengen. Zwischen den Kübeln wurden flache, schwarz-weiße Leitschwellen auf den Boden geschraubt.
„Mit dem Rettungsfahrzeug müssen wir an dieser Stelle zwar in die Mitte der Fahrbahn wechseln, aber die Leitschwellen sind so flach, dass wir sie problemlos überfahren können, ohne das Fahrzeug zu beschädigen“, sagt Hoffmann. Für ihn zeigt der Oeder Weg, wie eine sichere Radinfrastruktur und der Einsatz von Rettungsdiensten gut miteinander funktionieren können.

Das weiße Rettungsfahrzeugsymbol auf dem gelben Asphalt signalisiert Radfahrenden, dass Einsatzfahrzeuge diese Spur im Notfall mitnutzen dürfen. Die unterschiedliche Asphaltfärbung zeigt den Radfahrenden beim Notfalleinsatz ihre Ausweichmöglichkeiten an.

Brandschutz: Vergessen oder instrumentalisiert?

Warum der Einsatz von Rettungskräften im Zuge der Verkehrswende neue Lösungen braucht, zeigt der Blick nach Berlin. Dort fordert die Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU), den 2020 eingerichteten geschützten Radweg zurückzubauen. Als Begründung verweist sie auf den Brandschutz. Die Feuerwehr könne seit dem Umbau ihre Drehleitern im Einsatzfall an manchen Stellen nicht sicher aufstellen. Vertreter*innen des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf werfen der Senatsverwaltung im Tagesspiegel vor, den Brandschutz für verkehrspolitische Ziele zu instrumentalisieren.
Der seit Sommer 2025 andauernde Konflikt zeigt, wie schwierig die Neuverteilung des Straßenraums sein kann. Wo Flächen knapp sind, geraten unterschiedliche Anforderungen schnell in Konkurrenz zueinander: die Sicherheit von Radfahrenden, die Erreichbarkeit von Gebäuden im Notfall und die Interessen von Anwohnerinnen und Anwohnern.

Frankfurter Modell: Radweg und Rettungsweg zugleich

Aus Sicht des ADFC Frankfurt liegt die Lösung auf der Hand: „Wann immer es möglich ist, sollten Radwege so breit angelegt werden, dass Rettungskräfte sie mitnutzen können“, sagt Ansgar Hegerfeld. Als Vorbild nennt er die Umgestaltung der Düsseldorfer Straße vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, die noch im Gange ist. Der Radweg soll dort so breit werden, dass Einsatzfahrzeuge im Bedarfsfall auch an haltenden Straßenbahnen und Bussen vorbeikommen. Damit das klappt, haben sich Verkehrsplaner*innen, verschiedene Behörden und Rettungskräfte eng miteinander abgestimmt. „Die Stadtverkehrsplanung und die Feuerwehr in Frankfurt am Main suchen so lange nach Lösungen, bis sie eine finden“, sagt Hegerfeld und ergänzt: „Geht nicht gibt es nicht.“ Sie probieren Dinge aus und bessern nach, bis es funktioniert. Das sei wirklich vorbildlich.
Der Ansatz des Forschungsprojekts „Rescue“ ist bewusst praxisorientiert. „Die Anforderungen in den Städten sind unterschiedlich“, sagt Hoffmann. Während Frankfurt vor allem Lösungen für enge Straßenquerschnitte sucht, stehen Städte wie München oder Berlin mit deutlich mehr Fahrbahnen vor ganz anderen Herausforderungen. „Rescue“ will die Planungsprozesse effizienter gestalten, die Diskussion versachlichen und Lösungen finden, die international anwendbar sind.

Kein Entweder-oder

Der Streit um die Berliner Kantstraße zeigt, wie schnell Brandschutz und Verkehrswende als Gegensätze dargestellt werden. Für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger wäre es sinnvoll, die Verkehrswende und die Rettungsdienste stärker gemeinsam zu betrachten.


Bilder: Andrea Reidl, Gina van Dooren