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Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens sind immens. Doch in der Interessensvertretung pro Fahrrad spielt dieser Blickwinkel oft nur eine abseitige Rolle. Die Hürden sind nachvollziehbar. Aber die Chancen sind riesig.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)


Wer Fahrrad fährt, tut seinem Kreislauf, seinen Gelenken und seinen Muskeln und auch der Psyche etwas Gutes. Auch zur Gesundheit Dritter trägt der Radverkehr positiv bei, etwa indem er Lärm- und Treibhausgasemissionen vermeidet. Noch indirekter reduziert Radfahren durch den letztgenannten Punkt sogar die mit der Klimakrise verbundenen gesundheitlichen Risiken, wie etwa belastende Hitzewellen.

Bei dem Projekt „Quartier in Bewegung“ stand Gesundheit schon vor einigen Jahren im Fokus der AGFS NRW.

Fragmentierte Zuständigkeiten

Aus gesundheitspolitischer Sicht spricht also alles dafür, das Fahrrad als Verkehrsmittel mit allen denkbaren Mitteln zu stärken. Die Fahrradlobby jedoch scheint das Thema Gesundheit nur am Rande inhaltlich zu behandeln oder als Argument für mehr Radverkehr hervorzubringen. Elena Laidler-Zettelmeyer, Leiterin Strategische Kooperationen beim Branchenverband Zukunft Fahrrad, hat eine These, woran das liegen könnte. „Die Fragmentierung von Politikbereichen und Zuständigkeiten ist ein Problem“, so Laidler-Zettelmeyer. Sie präzisiert: „Eigentlich sprechen alle Argumente für uns und für aktive Mobilität als Verkehrsmittel. Es ist aber schwierig, das in die Lobby-Arbeit zu integrieren. Bessere Infrastruktur oder leichterer Zugang zu Fahrrädern wird von anderen Politikbereichen entschieden als vom Gesundheitsbereich.“
Die Gesundheit ist eben nur ein Blickwinkel, aus dem sich das Thema Fahrrad sehen lässt. Wenn wirtschaftliche oder verkehrspolitische Argumente bei den entsprechenden Politikressorts mehr verfangen, macht es aus Sicht der Interessensvertretung Sinn, sich auf diese zu konzentrieren und dazu inhaltlich wie politisch mitzuwirken. Eigentlich sei es positiv, dass so viele Argumente für das Fahrrad sprechen, sagt Laidler-Zettelmeyer. Aber für die Interessenvertreter*innen ist dies herausfordernd: „Man hat viele Ansprechpartner, viele Partner und Allianzen, die man sich suchen muss und viele Themen, die man inhaltlich bearbeiten muss.“ Während der sieben Jahre junge Verband gute Kontakte in die Ministerien für Verkehr und Wirtschaft unterhält, gibt es bislang kaum Verbindungen ins Gesundheitsministerium. Was sich als Verband bewerkstelligen lässt und was nicht, hängt mitunter auch von den finanziellen und personellen Mitteln ab, die zur Verfügung stehen. Bei Zukunft Fahrrad werde die Gesundheit nicht ausgeblendet, aber eher am Rand bearbeitet und stelle keine Priorität dar. Das könne sich künftig auch ändern und ist sicher keine Absage an die Bedeutung des Themas. „Die Menschen müssen im Alltag dazu befähigt werden, aktiver zu leben“, sagt Laidler-Zettelmeyer. „Für Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Rückenleiden oder psychische Erkrankungen ist Radfahren hilfreich. Da ärgern wir uns, dass nicht mehr Fokus auf das Thema Prävention gelegt wird.“ Erschwerend komme hinzu, dass es bei den gesundheitlichen Vorteilen des Radfahrens kein Erkenntnisproblem, sondern eher ein Umsetzungsproblem gebe.
Von politischer Seite fordert Laidler-Zettelmeyer, sich ressortübergreifend besser zu vernetzen, um weniger fragmentiert zu handeln. Es gebe zu wenig Dialog zwischen den Fachbereichen, der dann wiederum zu selten in finanziell untermauerte Handlungen umgesetzt würde.
Beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub e.V. (ADFC) hält man Gesundheit ebenfalls für eine wichtige Perspektive auf den Radverkehr und attestiert ihr Ausbaupotenzial. Die politische Geschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann ordnet ein: „Gesundheit und Mobilität gehören untrennbar zusammen – werden politisch aber noch zu selten konsequent zusammengebracht und ermöglicht. Bewegungsmangel ist ein zentrales Gesundheitsrisiko und verursacht hohe Kosten, darauf weist die WHO seit Jahren hin. Gleichzeitig fördern Krankenkassen Bewegung gezielt, und immer mehr Unternehmen und Behörden lassen sich vom ADFC als fahrradfreundlich zertifizieren, weil sie von gesünderen, motivierteren Beschäftigten profitieren.“ Was fehle, sei ein sektorübergreifender Ansatz, der Städtebau, Mobilität und Gesundheit zusammenführt. Genau hier wolle der ADFC ansetzen: „Im Oktober bringen wir mit einem internationalen Symposium zu Gesundheit und Mobilität Expertinnen und Experten zusammen, um Impulse für ein aktives, gesundes Leben in bewegungsfördernden Städten und Gemeinden zu entwickeln.“

„Die Menschen müssen im Alltag dazu befähigt werden, aktiver zu leben.“

Elena Laidler-Zettelmeyer, Zukunft Fahrrad

E-Bikes waren zuletzt ein Treiberthema für den Radverkehr. Ist Gesundheit vielleicht das nächste?

Austauschen in der Arbeitsgruppe

Politischen Austausch mit Gesundheitsbezug und im großen Stil konnte die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V. (AGFS NRW) bereits Mitte der 2010er-Jahre umsetzen. In der Arbeitsgruppe „Bewegungsaktivierende Infrastruktur“ setzten sich damals Verantwortliche aus vier nordrhein-westfälischen Ministerien, der AGFS NRW, der Sporthochschule Köln und dem Landessportbund NRW zusammen. Aus der interministeriellen Arbeitsgruppe ging die Publikation „Städte in Bewegung“ hervor, die laut Christine Fuchs, der geschäftsführenden Vorständin der AGFS NRW, noch heute hochaktuell sei. Die Besetzung der Arbeitsgruppe sei strategisch so aufgebaut gewesen, dass sich auf kommunaler Ebene die gleichen Handlungsfelder wiederfänden und so miteinander vernetzen ließen, so die Idee. „Wenn die Gesellschaft unter Bewegungsmangel leidet, sind es vor allem die Kommunen, die dem mit positiven Angeboten begegnen können“, erklärt Christine Fuchs.
Besonders auf der Ebene des Quartiers ließe sich in dieser Hinsicht einiges bewegen, so Fuchs. Zwei Pilotprojekte „Quartier in Bewegung“ folgten auch im Nachgang der interministeriellen Arbeitsgruppe in Oberhausen und Hamm auf Grundlage eines Aktionsplans des Landes. Dann schlug die Covid-19-Pandemie zu und veränderte den Fokus hin zu schnellen Umsetzungen und Lückenschlüssen im Hauptnetz.
Dennoch gelte laut Fuchs: „Gesundheit spielt in unserem Zielbild eine große Rolle. Wir verstehen Städte und Regionen als Lebens- und Bewegungsraum.“ Anfangs auf die fahrradfreundliche Stadt fokussiert, habe die AGFS heute alle aktiven Mobilitätsformen im Blick, da sich deren Interessen oft überschneiden. Sich für mehr Bewegung einzusetzen, ist ein drängendes Problem und hat Fuchs zufolge viel Potenzial als Argument für den Radverkehr.
Zuletzt hätten die veränderten Aktionsradien durch die zunehmend verbreiteten E-Bikes wichtige Impulse für den Radverkehr gesetzt. Fuchs sagt zudem: „Eine Zeit lang war Klima das Treiberthema für den Radverkehr. Das ist aber jetzt nicht mehr da.“
Nun könnte stattdessen der Bewegungsmangel dem Radfahren in die Karten spielen. Fuchs erläutert: „Wenn wir uns die Megatrends der Zukunft ansehen, ist das Klima ein wichtiges Thema. Wir sehen aber auch die Themen Gesundheit und Bewegung als Treiberthemen für uns.“ Aktive Mobilität schafft Aufenthaltsqualität, ist Fuchs überzeugt. Es sei sehr sinnvoll, Bewegung und Sport in den Alltag zu integrieren. So könnten aktive Bewegungsarten am effektivsten einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten.

„Wir haben den gesetzlichen Auftrag, Gesundheitsförderung für Betriebe anzubieten.“

Joshua Pfeiffer, IKK Classic

Im Rahmen von IKK Handkwerksrad ermöglicht die IKK Classic Betrieben, sechs Wochen lang E-Cargobikes zu testen. Für die Krankenkasse dreht sich das Vorhaben um Gesundheit, für die Betriebe sind auch andere Faktoren entscheidend.

Prävention per Lastenrad

Prävention und Radverkehr verbindet ein Projekt von Cargobike.jetzt und der IKK Classic bereits in der Praxis. Die Krankenkasse ermöglicht es Betrieben im Rahmen von „IKK Handwerksrad“, an einem Aktionstag und in einem anschließenden sechswöchigen Zeitraum E-Lastenräder im Betrieb zu testen. Maximal 21 Betriebe können jedes Jahr über einen mehrjährigen Zeitraum teilnehmen. Das Projekt wurde im vergangenen Jahr ins Rollen gebracht. Die Gesundheits-Manager der IKK Classic bauen den Kontakt zu den teilnehmenden Unternehmen auf. Cargobike.jetzt übernimmt die praktische Umsetzung vor Ort.
Wie die Krankenkasse dazu kommt, sich mit Lastenrädern in der betrieblichen Mobilität auseinanderzusetzen, erklärt Joshua Pfeiffer von der IKK Classic: „Betriebliche Gesundheitsförderungsmaßnahmen sind für uns wie für alle gesetzlichen Krankenkassen im Leitfaden Prävention festgeschrieben. Wir haben den gesetzlichen Auftrag, Gesundheitsförderung für Betriebe anzubieten.“ Der Leitfaden bestimmt, welche Art der Gesundheitsförderung die Krankenkassen betreiben sollen. In der letzten Aktualisierung kam hinzu, dass die Maßnahmen der Krankenkassen sich auch positiv auf den Klimaschutz auswirken sollen. „Genau an diese Anforderung knüpft das Projekt Handwerksrad an“, erläutert Pfeiffer.
Für die Krankenkasse ist der Projektfokus eindeutig, wie Pfeiffer sagt: „Die Gesundheit steht bei dem Projekt an erster Stelle.“ In den Betrieben sind es oft auch andere Argumente, mit denen die Cargobikes verfangen können. Pfeiffer: „Ich glaube, dass das Thema Gesundheit in den Betrieben eine Rolle spielt. Aus Sicht des Unternehmens sind aber andere Dinge wichtiger, zum Beispiel, Mitarbeiter ohne Führerschein besser einsetzen zu können.“ Lastenräder überzeugen also nicht nur, weil sie Mitarbeiter*innen in Bewegung und damit gesund halten, sondern weil sie flexibler und effizienter sind. Auch die Bedingungen vor Ort sind bedeutsam. „Das Thema Infrastruktur spielt eine supergroße Rolle und kann für Betriebe die Hürde runtersetzen, sich E-Bikes anzuschaffen“, appelliert Pfeiffer an die kommunalen Verantwortlichen.
Gesamtgesellschaftlich schätzt Pfeif­fer, dass das Interesse an Gesundheit in den vergangenen Jahren eher gestiegen ist. „Ich habe das Gefühl, dass das Thema Gesundheit immer präsenter wird“, meint er. Und weiter. „Trotzdem ist es in manchen Betrieben schwierig, da Veränderungen anzustoßen.“ Das E-Bike-Projekt könne hier mitunter als Türöffner dienen und den betrieblichen Blick auf Gesundheitsthemen lenken.
Um sich positiv auf die Belegschaft auszuwirken, sei eine gute Einweisung wichtig. Im Kontakt mit den Betrieben sei zudem Feingefühl gefordert. Jedes Unternehmen stehe vor seinen eigenen Herausforderungen, denen es individuell zu begegnen gelte. Jeder und jede müsse finden können, was für sie oder ihn umsetzbar ist, so Pfeiffer.

Viele Gründe sprechen für den Radverkehr. Gesundheitliche Aspekte stehen bei der Fahrradlobby meist an zweiter Stelle.

Kommunikative Hürden

Im Themenfeld Gesundheit findet Pfeiffer zudem wichtig, richtig zu kommunizieren. Er sagt: „Es ist wichtig, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen und nicht von oben herab. Man muss wirklich positiv an das Thema herangehen und nicht mit dem Finger zeigen, sondern versuchen, mit Spaß an der Bewegung zu überzeugen.“
Elena Laidler-Zettelmeyer von Zukunft Fahrrad identifiziert ebenfalls kommunikative Herausforderungen beim Thema Gesundheit: „Meistens kommt es nicht so gut an, wenn man Menschen erzählen will, dass sie gesünder leben sollen.“ Gerade den erhobenen Zeigefinger gelte es zu vermeiden: „Das kann eine Abwehrreaktion hervorrufen.“
Ohnehin gilt für Laidler-Zettelmeyer, dass Verhältnisprävention Verhaltensprävention schlage, es also wichtiger sei, strukturelle Rahmenbedingungen anzupassen als an das persönliche Verhalten zu appellieren. Die wirksamste Förderung von Gesundheit sei es, den öffentlichen Raum umzugestalten.
Christine Fuchs plädiert ihrerseits dafür, Angebote zu schaffen, die echte Wahlfreiheit ermöglichen. Die Menschen müssen sich kommunikativ eingeladen, aber nicht gedrängt fühlen. Als Fürsprecherin des Radverkehrs hält sie es für vielversprechend, dabei auf das teils ungenutzte Potenzial gesundheitlicher Aspekte zu setzen. Vor allem sei es aber wichtig, die verschiedenen Vorteile der aktiven Mobilität miteinander zu verschneiden und so gesunde Verhältnisse in der Infrastruktur zu schaffen. „In dem Moment, wo man die Dimensionen begreift, die das Ganze hat, ist es ein Muss, in den Radverkehr zu investieren“, meint Fuchs. Wer sich für den Radverkehr einsetzt, ist also gut beraten, die Multidimensionalität des Radverkehrs weniger als Herausforderung, sondern auch als Chance zu begreifen. So ließen sich neue Mehrheiten schaffen und dem Thema Nachdruck verleihen, sagt Christine Fuchs. Einen konkreten Hebel im Gesundheitssektor haben sowohl Fuchs als auch Laidler-Zettelmeyer identifiziert. Das Präventionsgesetz im Sozialgesetzbuch ließe sich theoretisch nutzen, um Infrastruktur für die aktive Mobilität zu finanzieren. Ob sich hierfür die passenden Mehrheiten finden, können die diversen Fürspre­cherinnen des Fahrrads sicher mitbeeinflussen. Ob sich die gesundheitlichen Vorzüge des Radfahrens dabei als Treiberthema erweisen werden, wird die Zeit zeigen.


Bilder: www.orbea.com – pd-f, AGFS NRW, IKK classic – Rüterbories Sicherheitsanlagen GmbH, www.winora.com – pd-f, www.isy.de – pd-f

Der Mountainbike-Tourismus spürt die Auswirkungen der menschengemachten Klima-krise immer deutlicher. Vermehrte Hitzewellen und Starkregenereignisse fordern Trail-Bauer*innen heraus. Die Mountainbike-Branche steht vor immensen Herausforderungen und muss sich an die Klimawandelfolgen anpassen – aber es gibt auch Chancen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2025, März 2025)


Dass einem das Wetter regelrecht den Urlaub durchkreuzt – die Erfahrung machten drei junge Menschen während ihrer Alpenüberquerung von Garmisch-Partenkirchen nach Garda mit dem Mountainbike. Durch starke Unwetter waren Teile der Strecke weggebrochen. Meterbreite Löcher und umgefallene Bäume zwangen sie, einen dreistündigen Umweg zu fahren. So zeigt es eine Szene der Doku „Das ist Alpencross“ des Deutschen Alpenvereins (DAV) von 2024. Egal ob Trails in den Alpen, in Mittelgebirgen oder Wäldern, von Vereinen oder professionellen Bikeparks, abfahrtsorientierten oder flacheren Regionen – die menschengemachte Klimakrise macht sich im Mountainbike-Sport mit wahrscheinlicher werdenden Extremwettern wie Starkregen, Hitze und Dürre bemerkbar. Die klimatischen Veränderungen führen in Deutschland und Österreich zu wärmeren Sommern und milderen Wintern, mit häufigeren Extremwettern. Durch Dürren, Schädlinge und Waldbrände in trockenen Sommern verschlechtert sich auch der Zustand der Wälder. In den Alpen taut der Permafrost auf. Anpassungs-Management ist da auch bei den Anbieter*innen von Mountainbike-Tourismus angesagt.

„Der Schutz des Waldes ist der Schutz unseres Sports.“

Jörn Hessen, Mountainbike Forum Deutschland

Vom Trail zum reißenden Bach

Gutes Wasser-Management sei schon immer Thema beim Trail-Bau gewesen, erklärt Jörn Hessen vom Mountainbike Forum Deutschland. „Aber durch den Klimawandel gewinnt es eine völlig neue Bedeutung, da sich durch die zunehmenden Starkregenfälle ein Trail in einen reißenden Bach verwandeln kann.“ Mittlerweile sei Wasser-Management Priorität und oft ausschlaggebend für Streckenverlauf und Design. Drainagen, Ablaufmulden sowie ein gleichmäßiges, nicht zu steiles Gefälle helfen, große Wassermassen abzuleiten. Noch vor ein paar Jahren sei wenig Wert auf ein „exaktes Durchschnittsgefälle“ gelegt worden. Doch mittlerweile wisse man, dass zu steile Passagen „mit Ansage weg erodieren“. Auch könne es helfen, bestimmte Trail-Abschnitte mit Steinen anzulegen und nur die Zwischenräume mit Erde zu füllen, da das weniger ausschwemme und leichter zu reparieren sei.
Auch Hessens Weihnachtsurlaub 2024 nach Norditalien in die Mountainbike-Region Finale Ligure fiel fast ins Wasser, da dort Mitte Oktober heftige Unwetter wüteten und die Trails stark beschädigten. Durch Crowdfunding konnten diese relativ schnell instand gesetzt werden. Außerdem versucht die Region bereits seit ein paar Jahren, die Trail-Pflege auf neue finanzielle Beine zu stellen. Wird mit einer speziellen Karte beziehungsweise App etwa im Restaurant gezahlt, geht ein Prozent des Umsatzes in die Trail-Pflege. Das Modell würde gut funktionieren, so Hessen.
Nicht nur zu viel, sondern auch zu wenig Regen kann für die Trails zum Problem werden. Die Erde trocknet aus. „Anliegerkurven – Steilkurven – verhärten, werden wie Ton gebrannt und brechen dann einfach weg. Der Trail zerbröselt“, beschreibt Hessen. Betroffen seien insbesondere modellierte Passagen, die der Sonne ausgesetzt sind. „Schadensbegrenzung“ könne durch händisches Bewässern betrieben werden. „Das ist ein riesiger Aufwand“, aber sei im kommerziellen Bereich immer zwingender. Der kanadische „Whistler Mountain Bike Park“ – der größte der Welt – sei stets einen Schritt voraus. Dort habe man schon vor etwa zehn Jahren begonnen, automatisierte Bewässerungssysteme zu installieren. Das werde vermutlich auch in Europa nötig, schätzt Hessen. Auch das Trail-Design werde sich wegen der zunehmenden Hitze verändern. „Anliegerkurven werden nur noch in schattierte Bereiche gebaut werden“, prognostiziert Hessen.

Aufgrund der Klimakrise müssen Mountainbiker*innen flexibler werden, da zunehmende plötzliche Extremwetterereignisse sie zwingen können, ihre Route anzupassen.

Steile Passagen empfiehlt Hessen mit erosionsfestem Material wie Steinen zu befestigen. Die mit Erde gefüllten Zwischenräume werden zwar ausgewaschen, aber können leichter ausgebessert werden.

Fatale Kombi: Erst Dürre, dann Regen

Die Kombination aus langer Trockenphase und heftigen Regenfällen sei laut Hessen „fatal für Trails“, insbesondere für abfahrtsorientierte. „Durch Trockenheit bildet sich Abrieb, weil Kurven wegbrechen, das lagert sich dann samt Steinchen und feinem Geröll in einer Senke ab. Wenn dann Stark-regen kommt, wird unheimlich viel Bodenmaterial von A nach B transportiert.“ Sowas führe nicht selten zu wochenlang gesperrten Trails. Besonders ehrenamtliche Vereine kämen an ihre Grenzen. Eine italienische Trail-Bau-Firma experimentiere deshalb mit verschiedenen Pflanzen, um Trails durch Randbegrünung und besseres Wurzelwerk vor Erosion zu schützen, berichtet Hessen.
Der Mountainbiker ist auch in Freiburg in einem lokalen Mountainbike-Verein aktiv. Das Streckennetz zwischen den Hausbergen Rosskopf und Kybfelsen wird durch Trail-Patenschaften gegen Aufwandsentschädigung oder auf Minijob-Basis gepflegt. Die geänderten Klimabedingungen machen das immer herausfordernder. Letztes Jahr wurden im Rahmen einer Schulung das Wasser-Management an neuralgischen Passagen verbessert oder steilere Abschnitte ein paar Meter zur Seite verlegt.
Zunehmender Borkenkäferbefall und weitere klimabedingte Waldschäden führen zudem zu mehr Totholz im Wald. Das könne ein Risiko für die Erholungsfunktion darstellen, so Hessen. Aber da ein gewisser Totholzanteil den Wald langfristig widerstandsfähiger gegen die Klimakrise mache, sei das Mountainbike Forum Deutschland für gesetzliche Rahmenbedingungen, die den Umbau zu klimaresilienten Wäldern fördern. „Der Wald ist notwendig für unseren Sport. Der Schutz des Waldes ist der Schutz unseres Sports.“ Da es in Zukunft voraussichtlich noch weniger intakten Wald geben wird, stehe die Frage im Raum, ob und wie das Mountainbiken in manchen Regionen ohne Wald funktionieren kann, so Hessen. Derartige Strecken seien technisch möglich, aber für viele Mountainbiker*innen unattraktiv und als „Murmelbahnen“ verschrien. „Wir sind auf eine gesunde Natur angewiesen.“

„Regengüsse führen zu Bächen, die durch den Bikepark schießen, samt kräftiger Böen.“

Ines Buchgeher, Bikepark Wexl Trails

Wald, Mittel- und Hochgebirge betroffen

„Bisher schaffen unsere Streckenpfleger, die entstandenen Schäden zu beheben“, berichtet Stephan Marx vom Mountainbikepark Pfälzerwald über das dortige Streckennetz, welches über 900 Kilometer lang ist. „Zum Teil müssen wir aber mit temporären Umlegungen reagieren, die wir dann nach und nach wieder instand setzen.“ Zwar habe es auch früher Stürme, Stark-regen oder Trockenheit gegeben, aber in den letzten Jahren seien sie „gehäuft“ vorgekommen und der Pflegeaufwand gestiegen. Besonders die Kombination von Trockenphasen, die den eher sandigen Boden im Pfälzerwald auflockern, und folgende Starkregen führten zu mehr Erosionsschäden. Außerdem führten „die sehr trockenen Jahre – mit Ausnahme von 2024 – zu sehr viel Totholz, abgestorbenen Ästen, die dann bei stärkerem Wind zu Boden fallen“, so Marx.
Nicolas Gareis vom DAV spricht von „ganz vielfältigen Auswirkungen“ der Klimakrise auf alle Bergsportarten. Der DAV kümmert sich insbesondere in den Alpen um die Wege, größtenteils ehrenamtlich. Durch die Klimawandelfolgen habe die Wegepflege eine „andere Dimension“ angenommen. Es entstünden „ein enormer Arbeitseinsatz“ und Mehrausgaben, so Gareis. Etwa, „wenn ein Teil vom Weg durch eine Mure zerstört oder eine Brücke weggerissen wird, weil der Gebirgsbach zum reißenden Strom geworden ist.“ Da sei schweres Gerät notwendig und es gehe mitunter um die Verlagerung von Wegen nach einem Hangrutsch. Mountainbikerinnen müssten dann entweder ihr Fahrrad durch ein Geröllfeld tragen oder einen Umweg in Kauf nehmen. Um die Wege instand zu halten, werden die Ehrenamtlichen durch Expertinnen unterstützt. Eingeschränkte Nutzbarkeit oder gesperrte Wege führen außerdem zu der Gefahr, dass andere Wege überstrapaziert werden und Nutzungskonflikte entstehen. In den Alpen kommen Herausforderungen wie tauender Permafrost und vermehrter Steinschlag dazu. So sieht sich der DAV mit der „schmerzvollen“ Frage konfrontiert, ob das komplette Wegenetz aufrechtzuerhalten ist. Die Klimakrise ziehe einen ganzen „Rattenschwanz“ nach sich, so Gareis. Wassermangel auf Berghütten könne dazu führen, dass diese früher schließen müssen.

Koordination nach Unwettern

Mehr Arbeit durch Extremwetter merkt auch Ines Buchgeher vom Bikepark Wexl Trails in Niederösterreich: „Regengüsse führen zu Bächen, die durch den Bikepark schießen, samt kräftiger Böen.“ Teilweise mussten Wege gesperrt werden. Wichtig sei, genügend Drainagen zu verbauen, damit das Zusammenspiel zwischen Wasser und Weg passt. Nach einem Unwetter müssen Strecken gecheckt, Bäume aus dem Weg geschafft, Löcher ausgebessert, Streckenabschnitte gesperrt und Wege umgeleitet werden, zählt sie auf. Angewiesen sei man da auf flexibles Personal und gute Zusammenarbeit mit den Grundstücksbesitzenden und Förster*innen, um Informationen über den Strecken-status auszutauschen und Gäste vor Gefahren zu schützen. Das erfordere Organisation und Handarbeit: „Super wär’s, wenn man einen Trail-Roboter für Strecken-Checks hätte“, lacht sie. Durch ein „penibel angelegtes Entwässerungssystem“ habe man Wassermassen mittlerweile gut im Griff, so Philip Wiedhofer, Trail-Designer der Wexl Trails. Beim Planen versuche er, die Strecken möglichst durch den Wald zu führen, da Bäume den meisten Schutz vor Umwelteinflüssen böten. Außerdem versuche er „mit der Natur zu bauen“, etwa Jump-Lines bei natürlichen Hügeln. Im Sommer sei es auf den Wexl Trails zu trocken, wodurch die Fahrspur nicht gut binde und leicht bröckle. So werde das Timing beim Trail-Bau immer wichtiger. „Wir versuchen die Arbeiten, wo wir Feuchtigkeit im Untergrund brauchen, im Frühling, Herbst oder nach einer Regenphase zu machen, in den Sommermonaten arbeiten wir dann kleinflächiger meist nur händisch.“ Auch verfolge der Wexl Park die Idee einer automatisierten Bewässerung.

Durch gutes Wasser-Management und Trail-Design versuchen Bike-Parks, die zunehmenden Extremwetterereignisse abzufedern. Spuren hinterlässt ein Unwetter dennoch, wie hier bei den Wexl Trails im September 2024.

Mehr Hände nötig

Mountainbikerin und Ehrenamtliche Lisa Ribarich stellt bei den Anninger Trails bei Wien einen „steigenden Wartungsaufwand“ durch die Klimakrise fest. Die unterschiedlichen Bodenverhältnisse, die durch die Klimakrise noch mehr zum Tragen kommen, sind für den Verein dabei besonders herausfordernd. Auf der südlichen Seite der Anninger Trails sorge das kalkhaltige Gestein in Kombination mit dem Schwarzkiefernwald für trockene, durchlässige Böden mit dünner Humusschicht, was die Erosionsanfälligkeit erhöhe. Die Nord- und Westseite sei dagegen von lehmigen, feuchteren Böden geprägt, die zu Staunässe neigten. An der Südseite müsse für Kurven aufwendig Erde „zusammengekratzt“ werden – durch verbessertes Wasser-Management wollen sie erreichen, dass die Kurven bei Starkregen nicht weggeschwemmt werden. Um das Wasser abzuleiten, schaufeln sie rechts und links der Trails etwa fünf Zentimeter breite und ein bis zwei Meter lange Rinnen. „Manche Parks verlegen etwa Kanalrohre, die Möglichkeit haben wir als kleiner Verein nicht.“ Es sei herausfordernd, genug ehrenamtliche Hände für den wachsenden Wartungsaufwand zu mobilisieren.
Ribarich will Mountainbiker*innen schulen, damit sie dosiert bremsen und keine Bremsfurchen entstehen, die Trails anfälliger für Erosion machen. Um ein „respektvolles Miteinander von Natur und Sport“ zu ermöglichen, seien zudem „Ruhezonen“ im Wald wichtig.

„Mountainbiker haben ein großes Interesse, in intakter Natur unterwegs zu sein. Keiner hat Freude, durch eine Mondlandschaft zu fahren.“

Nicolas Gareis, Deutscher Alpenverein

Bike statt Ski als Chance

Gareis vom DAV sieht auch Chancen für den Mountainbiketourismus durch das veränderte Klima, da sich Saisonzeiten verlängern. Bis spät in den Herbst und bereits früh im Frühjahr könne Mountainbike gefahren werden. Gerade in Mittel-gebirgen entdecken vormals reine Wintersportdestinationen das Mountainbiken für sich. Auch weil sich der Wintersport immer weniger lohne, so Gareis. Hänge, die im Winter als Skipiste genutzt werden, werden nun für Bikerinnen im Sommer freigegeben. Zwar liege der Arbeitsschwerpunkt des DAV im alpinen Raum, aber die Konsequenz durch die Klimakrise sei auch, dass sie ihre Arbeit verstärkt in die Mittelgebirge verlagern, wo viele Sektionen heimisch sind. Der DAV will diese Regionen „zukunftsfest“ machen. „Mountainbiken wohnortnah auszuüben ist auch gut fürs Klima, weil man das Auto stehen lassen kann.“ Mehrere Destinationen in Deutschland, etwa im Sauerland oder im Fichtelgebirge, setzen bereits auf diese Strategie. Auch die Wexl Trails sehen wirtschaftliche Chancen in der längeren Saison. Es soll nun sogar ein zweiter Bikelift entstehen, um einen hybriden Betrieb von Skifahren und Mountainbiken zu ermöglichen. Für ein „neues Biker-Mindset“, so Buchgeher, müsse auch die Werbung angepasst werden. Nicht nur „Sommer, Sonnenschein pur“, sondern auch Fotos vom Mountainbiken in grauer, nebelbedeckter Landschaft. „Hauptsache bewegen, Hauptsache draußen“, so ihr Motto, um den „Winterblues“ bei Mountainbikerinnen vergessen zu machen. Marx vom Bike-Park im Pfälzerwald sieht dagegen eher Risiken und keine Chancen durch die Klimakrise.
Flexibilität sei in Zukunft hinsichtlich der Wege, der Saisonzeiten und der Tourengestaltung gefragt, sagt Nicolas Gareis. „Mountainbiker haben ein großes Interesse, in intakter Natur unterwegs zu sein. Keiner hat Freude, durch eine Mondlandschaft zu fahren.“ Diesem Wunsch nachzukommen, wird heraufordernder. Das Mountainbiken wird weiter nach neuen Wegen suchen müssen.


Bilder: Wexl Trails, www.flyer-bikes.com – pd-f, Evergreen