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Velokonzept: 25 Jahre Teamwork für das Fahrrad

Die Agentur Velokonzept arbeitet mit voller Kraft und einem umfassenden Netzwerk daran, Rad- und Fußverkehr zu normalisieren. Über den Generationenwechsel, Meilensteine und Herausforderungen eines besonderen Unternehmens.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)


Nüchtern betrachtet ließe sich die Velokonzept GmbH als eine Agentur für die Fahrrad- und Mobilitätswelt beschreiben. Fraglich ist jedoch, ob man dem Unternehmen, welches bereits seit einem umtriebigen Vierteljahrhundert besteht, damit gerecht würde. Denn das Team um Geschäftsführerin Isabell Eberlein ist in der Fahrradwelt so gut vernetzt wie kaum ein anderes. Dieser Umstand lässt sich zumindest zum Teil mit der Geschichte von Gründerin Ulrike Saade erklären.
Saade war vor ihrem Agenturleben und nach ihrer Zeit in einem Westberliner Fahrradladen-Kollektiv Geschäftsführerin des Fahrradbranchenverbandes Verbund Service und Fahrrad e.V. (VSF) und auch in dieser Rolle schon über die Grenzen ihres Verbands hinweg bekannt. Ausgangspunkt für die Agenturgründung war der von Saades VSF organisierte Kongress „Fahrrad. Zukunft. Markt“, der Ende der 90er den Austausch von Herstellern, Fachhändlern und Verbänden ermöglichte. Velokonzept, gegründet zur Jahrtausendwende, bot im ersten Angang eine neutrale Plattform, um dieses Format fortzuführen und auszubauen.
Heute organisiert, berät und referiert das Velokonzept-Team zu Fahrrad- und Mobilitäts-Themen für diverse Auftraggeber. Das 17-köpfige Team ist vielfältigen Aufgaben gewachsen. „Das Ökosystem Fahrrad ist schwierig durch eine Person abzudecken“, sagt Geschäftsführerin Isabell Eberlein. „Wir haben Veranstaltungsplaner mit Staplerführerschein und Leute, die eine Bundesregierung beraten können. Das ist ein cooler Spagat, den wir machen.“ Viele Team-Mitglieder haben akademische Hintergründe in der Soziologie, Stadtplanung, Kommunikation und Geographie. Das interdisziplinäre Team ist zudem in verschiedenen Fahrrad-Communitys, von Rennrad bis Bike-Polo verwurzelt.

Stapler fahren oder die Bundesregierung beraten? Das Team von Velokonzept kann beides.

Soft Power fürs Fahrrad

Eberlein bringt die Mission hinter dem Unternehmen auf den Punkt: „Unsere große Vision ist, Radfahren und Zufußgehen zu normalisieren.“ Zu diesem Ziel trägt Velokonzept als Dienstleister für Messen wie die Eurobike oder die Münchner Free bei. Auch beim nationalen Radverkehrskongress waren die Berliner*innen bereits in die Themenentwicklung involviert. Fahrräder und E-Bikes macht das Team im kommenden Jahr bereits zum 15. Mal auch mit einer eigenen Veranstaltung erfahrbar, die laut Eberlein zu den wichtigsten Zeugnissen der Agenturarbeit zählt: „Wenn du mich fragst, war der größte Meilenstein die erste Endkundenveranstaltung mit der VeloBerlin. So ein Format gab es vorher im urbanen Mobilitätsbereich nicht“, erklärt Eberlein.
Zwei Mal im Jahr bringt Velokonzept mit dem Bikebrainpool wichtige Akteure aus dem Fahrradkosmos zusammen. Die Veranstaltungen dienen der Vernetzung, setzen Impulse und bieten eine neutrale Bühne für Diskussionen. Die Stärke dieser Netzwerkarbeit beschreibt Eberlein mit dem Begriff Soft Power: „Den messbaren Erfolg gibt es erst mal nicht. Der Erfolg besteht darin, dass die Leute zusammenkommen und sich über wichtige Themen austauschen.“ Ergebnisse bringt der Bikebrainpool trotzdem hervor. Laut Eberlein gehen der Vivavelo-Kongress, das Reifen-Recycling von Hersteller Schwalbe oder der Branchenleitfaden zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex zumindest anteilig auf Treffen des Thinktanks zurück.

Ulrike Saade (links) hat Velokonzept Im Jahr 2000 gegründet. Isabell Eberlein (rechts) ist seit fünf Jahren Geschäftsführerin. Für den Nachfolgeprozess gab es einen Preis vom Verband deutscher Unternehmerinnen.

Preisgekrönter Nachfolgeprozess

Für ihre Arbeit haben die Velokonzept-Geschäftsführerinnen immer wieder öffentliche Anerkennung erhalten. Isabell Eberlein wurde auf der Weltfahrradkonferenz Velo-City 2024 mit dem Leadership Award der Cycling Embassy of Denmark ausgezeichnet. Ulrike Saade wurde 2011 zur Berliner Unternehmerin des Jahres gewählt.
Eine besondere Ehrung ist der „She succeeds“-Award, den der Verband deutscher Unternehmerinnen 2022 an Saade verlieh. Zwanzig Jahre nach der Unternehmensgründung hatte sie Hille Bekic und Isabell Eberlein als Nachfolgerinnen bei Velokonzept etabliert und einen wohldurchdachten Übergabeprozess angestoßen, auf den sich die Preisverleiherinnen berufen. Nun ist der Generationenwechsel fast vollbracht. Die fünf Jahre, die als Übergangsphase angedacht waren, enden Ende 2025 mit einem Notartermin, bei dem Saade ihre restlichen Anteile veräußern will. In der Übergangsphase zog sich Saade früh aus dem Tagesgeschäft zurück, blieb aber beratend aktiv, erzählt Eberlein. Sie wünscht sich, dass der Austausch auch nach der kompletten Übernahme des Unternehmens bestehen bleibt, betont aber dennoch: „Der finale Abschied wird noch mal heftig.“
Eberlein und Saade lernten einander über eine Veranstaltung des Bundesverbands nachhaltige Wirtschaft kennen. Saade warb die studierte Politikwissenschaftlerin an und startete zunächst über ein gemeinsames Projekt in die Zusammenarbeit. 2020, ein Jahr später, wurde Eberlein dann Geschäftsführerin. Hinter diesem Schritt steckte Kalkül, wie sie vermutet: „Ich habe mich schon immer ein bisschen gefühlt, als sei ich als ihre Nachfolgerin gecastet worden.“
In diesem Prozess galt es, sich im Zeichen des Generationenwechsels neu aufstellen zu können, ohne dabei vorhandene Geschäftsmodelle, Projekte und Kontakte der Firma aus den Augen zu verlieren. Verschiedene Visionen wurden mit dem damals sechsköpfigen Team diskutiert. Dass es nicht einfach ist, die Fußstapfen von Saade zu füllen, ist Eberlein bewusst. Sie wolle ohnehin eigene Wege gehen, so Eberlein, etwa indem sie den Kreis von Velokonzept außerhalb der Fahrradbranche größer zieht und vermehrt die Nähe zu Bundes- und Landesministerien sucht. „Ich habe nie versucht, eine zweite Ulrike zu sein“, sagt Eberlein. „Das ist nicht möglich.“

„Aktuell ist der Auftrieb vorbei und es kommt eher der Gegenwind. Die große Aufgabe wird sein, hörbar und wichtig zu bleiben in dieser Zeit.“

Isabell Eberlein, Velokonzept

Soziokratisch geführt

Für Eberlein war es nicht nur im Übernahmeprozess wichtig, dem Team richtig zuzuhören. „Wir versuchen, eine andere Kommunikationskultur zu pflegen“, sagt sie. Meetings beginnen bei Velokonzept mit Check-Ins, die kultivieren sollen, dass die Mitarbeiterinnen ihre Emotionen zum Ausdruck bringen. Man könne im Team so sein, wie man ist, so Eberlein: „Wenn eine Person gereizt in einem Meeting sitzt und auf einen bestimmten Punkt pocht, ist es gut für alle zu wissen, was bei der Person gerad emotional los ist, um das Verhalten einordnen zu können.“ Die Team-Arbeit sei von einem freundschaftlichen Umgang miteinander geprägt. Allen sei wichtig, im Berliner Büro eine schöne Umgebung zu erzeugen. Regelmäßig finden auch gemeinsame Abendessen und Team-Wochenenden statt. Das Unternehmen sei soziokratisch organisiert, erklärt Eberlein. Verantwortungen würden demnach aufgeteilt und Rollen klar gesetzt. „Soziokratie ist auch keine Basisdemokratie. Sie macht Hierarchie aber sichtbarer“, so die Geschäftsführerin. Alle Mitarbeiterinnen sind in Entscheidungsprozesse involviert und können wesentliche Schritte des Unternehmens mitbestimmen. Dieses Vorgehen beschreibt Eberlein als lohnend. Es könne aber auch anstrengender sein, als wenn eine Person klar die Richtung vorgibt und Entscheidungen fällt.

Isabell Eberlein und Velokonzept sind stark mit der Berliner Fahrradkultur verbunden. Urbane Mobilität steht auch bei der VeloBerlin im Fokus, welche die Agentur veranstaltet.

Mehr weibliche Perspektiven

Fraglich ist auch für Eberlein, inwiefern die gewählte betriebliche Organisation Ausdruck eines New-Work-Selbstverständnis ist oder mit dem hohen Frauenanteil im Unternehmen zusammenhängt. Fakt ist, dass starke weibliche Perspektiven fest mit Velokonzept und im Besonderen mit Isabell Eberlein selbst verknüpft sind. 2019 nahm Eberlein das erste Mal an der Messe Eurobike teil und war entsetzt über die geringe weibliche Beteiligung. Für Velokonzept fuhr sie im Anschluss nach Brüssel, um das Thema mit den europäischen Verbänden zu besprechen. Im Ergebnis entstanden 2021 das Netzwerk das Netzwerk Women in Cycling und 2024 der deutsche Ableger Women in Cycling Germany.
Das deutsche Netzwerk hat bislang eine Studie zu Frauen in der Fahrradbranche hervorgebracht und Veranstaltungen durchgeführt. Das Netzwerk soll bewusst ein breites Spektrum an nicht-männlichen Personen ansprechen, die mit dem Thema Fahrrad zu tun haben. „Wir bereiten für nächstes Jahr im Januar unseren Summit vor und sehen dabei, dass die Frauen aus der Industrie andere Themen mitbringen als die Frauen aus den Kommunen oder aus der Wissenschaft. Aber es gibt auch Themen, die alle betreffen.“
Velokonzept und vor allem Isabell Eberlein haben viel Arbeit in die Organisationen, zunächst mit Fokus auf Kommunikation und Marketing gesteckt und so dazu beigetragen, dass es sie überhaupt geben kann. Das große Geld ließ sich damit nicht verdienen. Aber darum ging es mit Blick auf Women in Cycling auch nicht. „Wir sind eine GmbH und wollen am Ende, dass eine schwarze Null dasteht. Wir machen aber wahnsinnig viel mit Herzblut und Purpose und gehen dafür auch in Vorleistung.“
Mittlerweile ist Women in Cycling Germany Teil der gemeinnützigen VeloStiftung, die Eberlein und Co. zu diesem Zweck gegründet haben. „Klimaschutz, Geschlechtergerechtigkeit und Bildung sind dort als Ziele verankert“, erklärt Eberlein.

„Wir bereiten für nächstes Jahr im Januar unseren Summit vor und sehen dabei, dass die Frauen aus der Industrie andere Themen mitbringen als die Frauen aus den Kommunen oder aus der Wissenschaft. Aber es gibt auch Themen, die alle betreffen.“

Isabell Eberlein, über Women in Cycling

Intern kontrovers, nach außen geschlossen

Women in Cycling vereint die weiblichen Perspektiven auf die Arbeit im Fahrradkosmos. Dass diese mitunter zu wenig gehört werden, zeigen für Eberlein und ihre Mitstreiterinnen aktuelle Beispiele männlich besetzter Podien oder Gremien. Bei einem aktuellen Streitpunkt in der Fahrradbranche, der beendeten Kooperation zwischen dem Zweirad-Industrie-Verband, dem Verband Zukunft Fahrrad und der Messe Eurobike, vermutet Eberlein zudem: „Ich vertrete da ganz stark die Position, dass vielleicht auch eine Frau am Verhandlungstisch gefehlt hat.“
Die Spaltung, die die Fahrradbranche durch die aktuellen Geschehnisse nach außen trägt, könne dem Fahrrad nicht guttun und widerstrebt der Einigkeit, mit der sich die Velokonzept-Frontfrau identifiziert. „Wenn das Verkehrsministerium überlegt, was denn in der Fahrradbranche los ist, stärkt das nicht unsere Position“, argumentiert Eberlein. Sie habe zwar Verständnis dafür, dass einzelne Akteure in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zunächst auf sich selbst schauen müssen, aber wolle dafür plädieren, neben Partikularinteressen auch das Gemeinschaftsinteresse in den Blick zu nehmen. „Das Ökosystem ist komplexer geworden, dadurch zeigt sich, welche Beziehungen stabil sind und welche nicht“, ordnet die Velokonzept-Geschäftsführerin die Zusammenarbeit in der Branche ein.
Sie wünsche sich, intern kontrovers zu diskutieren, nach außen jedoch geschlossen aufzutreten, so Eberlein. Das sei auch vor dem Hintergrund entscheidend, dass das politische Klima für Mobilitätswandel schwieriger geworden sei. Für Velokonzept will Eberlein stabile wirtschaftliche Beine durch diversere Auftraggeber erreichen. Sie formuliert für die Agentur eine Herausforderung, die sich auch auf andere Akteure in ihrem Schaffensbereich übertragen ließe: „Aktuell ist der Auftrieb vorbei und es kommt eher der Gegenwind“, so Eberlein. Man müsse das Framing von Radverkehr überdenken – zu Fuß gehen sei politisch weniger aufgeladen – und andere Vorteile in des Verkehrsmodus in den Vordergrund stellen. Eberlein mahnt: „Die große Aufgabe wird sein, hörbar und wichtig zu bleiben in dieser Zeit.“


Bilder: Stefan Hähnel – Velokonzept, Velokonzept, Martin Neumann