Veloplan-Titel-02-2021

VELOPLAN Editorial Nr. 2/2021 – Schwerpunkt NEUES DENKEN von Reiner Kolberg, Chefredakteur

Reiner Kolberg - Chefredakteur VELOPLAN

NEUES DENKEN

Als 66er-Jahrgang gehöre ich, wie viele von Ihnen wahrscheinlich auch, zu den Babyboomern und nach der Definition der Bestseller-Autorin Sophie Passmann wohl mehr oder weniger zu den „alten weißen Männern“. Mit Müttern, die sich über die neue Freiheit freuten, in der Ehe auch ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen und ein eigenes Konto führen zu dürfen. Und mit Vätern, die sich an sonntäglichen Kaffeetischen rauchend darüber austauschten, wie viel schneller sie nun mit dem neuen Auto von München nach Düsseldorf gefahren sind. Für beide Seiten ein echter Aufreger waren dagegen die „völlig unverhältnismäßigen“ Maßnahmen der Bonner Regierung. Die Freiheit sollte durch Gesetze weiter eingeschränkt werden! Wer Terrorismusbekämpfung, Gleichberechtigung oder Datenschutz vermutet, liegt falsch. Es ging schlicht um die Einführung der bußgeldbewehrten Gurtpflicht. Aus heutiger Sicht ist die Aufregung darüber ebenso unverständlich wie die Diskussion zur Einführung des Rauchverbots einige Jahrzehnte später. Und wir Kinder? Unter den Mitschüler*innen gab es nur eine Handvoll mit ausländischen Wurzeln. Zur Schule gingen wir zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad und in der Freizeit spielten wir mit Freunden. Draußen. Unbeaufsichtigt! Mit Bällen und Kreide auf dem Bürgersteig oder auf damals noch weitgehend leeren Parkplätzen. Oder wir fuhren mit Rollschuhen direkt auf der Straße. Aufgeschrammte Knie, Löcher in den Hosen und kleine Platzwunden am Kopf inklusive. Und am langen Samstag Familieneinkauf in der Stadt.

Wie sehr sich die Welt und unser Sozialleben gewandelt haben, erkennt man immer dann, wenn man für einige Minuten die Augen schließt, alte Bilder betrachtet oder sich länger mit älteren Menschen unterhält. Vieles wird klarer und entspannter, wenn man bewusst innehält und sich die Welt mit etwas Abstand vom Alltag, dem Wahlkampfgetöse oder medialen Aufregern anschaut. „Alter Mann – was nun?“ Ist es gut so, wie es ist? Was war früher vielleicht besser, was schlechter? Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der wir als Alte genauso wie unsere Kinder, Enkel und Urenkel glücklich, selbstständig, gesund und hoffnungsvoll leben? Was kann jeder von uns verändern, im Kleinen wie im Großen? Und: Wovor haben wir eigentlich Angst?

Auf einige dieser Fragen gibt das Interview mit Meredith Glaser vom Amsterdamer Urban Cycling Institute Antworten (S. 30). Wie konkrete Änderungen der Perspektiven aussehen könnten, dazu haben drei Fachfrauen eine klare Meinung (S. 16), und welche nachhaltigen Alternativen es im Bereich Logistik gibt, dazu hat unsere Autorin Andrea Reidl recherchiert (S. 20). Fehlt noch ein Bereich, der in der Diskussion um Abwrack- oder neuerdings „Umweltprämien“, Pendlerpauschalen etc. völlig ausgeblendet wird: die soziale Komponente (S. 36). Apropos, können Sie sich in Ihrer Kindheit eigentlich an Kaufprämien für Autos erinnern? Ich mich auch nicht. Wir hatten auch lange keins. Aber wir waren frei. Wir hatten Fahrräder.

Schön, dass Sie sich mit uns Zeit nehmen für neues Denken

Ihr Reiner Kolberg – rk@veloplan.de

Wir freuen uns auf Ihr Feedback. Auch Gastbeiträge sind nach Absprache wieder gerne willkommen. Die nächste Ausgabe erscheint Mitte September. Schwerpunkt: „Plan-Build-Ride“

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