VELOPLAN 3/2022 – Editorial

Schwerpunkt: Fahrradstraßen

Theorie und Praxis

Früher dachte ich, die Einrichtung einer Fahrradstraße wäre eine niederschwellige und schnelle Maßnahme für eine bessere Fahrradinfrastruktur. In der Theorie klingt es jedenfalls einfach: Wenn in einer Straße unter anderem eine hohe Radverkehrsdichte zu erwarten ist oder diese eine hohe Netzbedeutung für den Radverkehr besitzt, kann sie in eine Fahrradstraße umgewandelt werden. Dann können Kommunen und Städte das Verkehrszeichen 244.1 „Fahrradstraße“ aufhängen, das besondere Vorrechte für die Radfahrer signalisiert. So weit die Theorie.

Die Praxis ist ein anderes Thema. Hier ein Beispiel aus meiner Heimatgemeinde Neubiberg, einem 15.000-Einwohner-Vorort von München: An einer Nebenstraße, die für etwas über 2000 Schüler*innen an einem Gymnasium und einer Realschule die letzten 300 Meter vor dem Schultor darstellt, wird bereits seit 2014 die Umwidmung in eine Fahrradstraße diskutiert. 2018 hatte der Gemeinderat die Umsetzung bereits einstimmig beschlossen. Der Landkreis kassierte den Beschluss jedoch wieder. Eine Zählung zu Beginn der Sommerferien hatte ergeben, dass die zu geringe Zahl der Radfahrer (nach inzwischen nicht mehr gültiger Rechtslage) keine Umwidmung erlaube.

Der Gemeinderat hat das Thema nach einer StVO-Novelle dann Anfang 2021 erneut auf seine Agenda gesetzt. Seitdem diskutieren die Ratsmitglieder, ob eine Fahrradstraße nicht einfach nur den Autoverkehr in andere Nebenstraßen verlagern würde. Und ob nicht eine Nachbargemeinde in die Planung mit einbezogen werden müsse. Und ob eine Fahrradstraße den Busverkehr in der Straße zu sehr bremsen würde. Und ob die Fahrradstraße überhaupt notwendig ist, wenn bisher noch keine Kinder auf der Straße mit dem Fahrrad verunglückt sind.

Die Straße ist nur 5,60 Meter schmal, der Gehweg gefühlt kaum mehr als handtuchbreit. Ein großer Teil der Schüler*innen nutzt das Fahrrad für den Schulweg. Für Radwege fehlt der Platz, wären wohl in der 30er-Zone auch rechtlich nicht umsetzbar. Gleichzeitig ist die Straße ein beliebter Schleichweg bei Autofahrenden. Eltern haben 1500 Unterschriften für eine Fahrradstraße gesammelt. Schüler*innen haben in Projektseminaren Pläne für eine Umsetzung geschmiedet. Der Schulleiter hat bei der Gemeinde intensiv für die Fahrradstraße geworben. Für jede*n Radverkehrsplaner*in ist die Frage, ob hier eine Fahrradstraße umgesetzt werden sollte, eigentlich ein No-Brainer. Zuletzt hieß es, im Gemeinderat solle demnächst weiter diskutiert werden. Wohlgemerkt: Diskutiert wird schon seit acht Jahren.

Dass die Herausforderungen für Verkehrsplaner mitunter erst beginnen, nachdem das Verkehrszeichen 244.1 in einer Straße aufgehängt wurde, zeigt unser Autor Wolfgang Scherreicks ab Seite 22 anhand von drei lehrreichen Beispielen in seiner Heimatstadt Berlin. Sein Fazit: Nur ein Fahrradstraßenschild aufhängen? So einfach ist es dann doch nicht.

Ihr Markus Fritsch – mf@veloplan.de

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