VELOPLAN Editorial Nr. 1/2022 – Schwerpunkt Zukunft von Reiner Kolberg, Chefredakteur

Reiner Kolberg - Chefredakteur VELOPLAN

Zuversicht und Lust auf Zukunft

Vor Kurzem wollte ein Journalisten-Kollege von mir wissen, wie viel CO₂ denn jetzt tatsächlich durch Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in den Städten und mehr Radverkehr eingespart würde. Schließlich würde ein Verbrennungsmotor, so sein durchaus richtiges Argument, bei niedrigen Geschwindigkeiten ja gar nicht effizient arbeiten. Was antwortet man auf so eine Frage? Dass die Welt und die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart und unserer Zukunft komplex sind und sich nicht alles unmittelbar auf das Thema CO₂-Reduktion herunterbrechen lässt? Dass Elektroautos das angesprochene Problem gar nicht haben? Ein anderer Journalist, eine ähnliche Frage: Wie viele Fahrten mit dem Auto durch E-Scooter denn tatsächlich ersetzt würden und wie viele ÖPNV- und Fußwege? Auch für diesen Bereich führt die Frage aus meiner Sicht ins Leere, oder besser gesagt, sie ist, genau wie die erste, geeignet, potenziell positive Veränderungen von vorneherein zu diskreditieren. Denn eigentlich lautet die implizite Botschaft: Wir wollen gar keine Veränderungen.

Der Transformationsexperte Wolf Lotter konstatiert, dass wir als Gesellschaft und als Individuum oft lieber Pseudo-Innovationen wollen, die uns dabei helfen, das alte Denken und den Status quo zu bewahren, indem wir ihn ein wenig aufhübschen. Also nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen oder auf den Mobilitätsbereich übertragen Verbrenner-Pkw zu Hybrid- oder Elektroautos. Unsere Probleme würden damit allerdings nicht im Ansatz gelöst. Warum, so Lotter, fragen wir nicht bei allem „Geht das nicht auch anders, und am besten besser?“ Und wenn ja, warum machen wir es nicht?

Dass es auch anders geht, zeigt unser Porträt über Wien (S. 18), weltweit laut Rankings eine der lebenswertesten Städte. Trotzdem ruht sich die Stadt nicht auf alten Lorbeeren aus, sondern geht weiter Richtung Nachhaltigkeit und Lebensqualität. In Nordrhein-Westfalen hat man sich nicht nur das Ziel gesetzt, den Radverkehr zu verdoppeln, man will auch gesunde Städte, in denen sich „Nahmobilität“, „grüne“ und „blaue“ Infrastruktur ergänzen (s. Interview Christine Fuchs, AGFS, S. 28). Das hört sich nach einem guten Plan an und nach echten Veränderungen und es macht, zumindest für mich, auch große Lust auf die Zukunft.

Ihr Reiner Kolberg – rk@veloplan.de

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