VELOPLAN – Editorial Nr. 1/2020

Reiner Kolberg - Chefredakteur VELOPLAN

Verfahren?

Glaubt man Vorurteilen, dann fragen gerade Männer ungern nach dem Weg. Und noch weniger gern geben sie zu, dass sie sich verfahren haben. Kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder, dass uns unwohl wird, wenn wir Begriffe wie Sackgasse hören oder von einer Energie-, Verkehrs-, oder Klimawende die Rede ist. Doch irgendwie lässt uns der Eindruck nicht los, dass wir uns vielleicht doch verfahren haben. „Die Städte ersticken in Autos“ konstatiert der Deutsche Städtetag und fordert schnelle Maßnahmen (Interview S. 12). Der Europäische Verkehrssicherheitsrat stellt ein Versagen der Politik beim Schutz von Radfahrern und Fußgängern fest, während die Enthemmung und Aggressivität im Straßenverkehr zunehmen und man mit einem 150 PS starken Auto heute de facto unterdurchschnittlich motorisiert ist. Wie sollen da, so fragt man sich, mehr Radfahrer und damit vor allem solche auf die Straßen, die sich unsicher fühlen oder es per se sind – zum Beispiel Kinder, Unerfahrene oder Ältere. Und wie sieht eigentlich die weibliche Perspektive der Mobilität in einer männergeprägten Verkehrswelt aus? Wie sollen Politiker und Planer agieren, wenn Richtungskorrekturen nicht mehr zum gewünschten Ergebnis führen? Vielleicht hilft ja ein Blick Richtung IT-Industrie. Die hat sich angesichts disruptiver Veränderungen vom alten Plan-Build-Run-Prinzip verabschiedet, um schneller und flexibler agieren und reagieren zu können. „Schneller werden“ ist auch das Mantra von Stefan Wallmann, Deutschlandchef der Ingenieur- und Planungsberatung Ramboll. Insbesondere Planungs- und Genehmigungsprozesse müssten drastisch verkürzt werden, damit Deutschland die Verkehrswende schafft (s. Interview S. 56).

Entscheidend aber ist die Frage, wohin es eigentlich gehen soll, ohne dabei Gräben in der Bevölkerung und bei den Wählern aufzureißen. „Mehr und bessere Mobilität für alle“ könnte hier eine Zielrichtung lauten, „lebenswerte Städte“ eine andere. „Verkehr ist kein Schicksal“ meint Hermann Knoflacher, Professor emeritus am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien und erinnert damit ebenso an die Verantwortung, wie die Schöpfer- und Gestaltungskraft der Planer und Politiker. Wer möchte, kann ihn und viele andere renommierte Experten, wie den Architekten und Buchautor Jan Gehl, gerne nach dem Weg fragen. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt und eine inspirierende Lektüre.

Reiner Kolberg – rk[at]veloplan.de

PS: Damit VELOPLAN nicht nur ein informatives, sondern für Sie und Ihre Arbeit auch nutzenbringendes Magazin ist freuen wir uns über Rückmeldungen. Redaktionelle Hinweise und Ideen sind dabei ebenso willkommen wie Kritik.
Noch eine Anmerkung: Die aktuelle Ausgabe wurde kurz vor der Corona-Krise erstellt. Das Thema Radverkehr wird, nicht nur unserer Meinung nach, gerade immer wichtiger. Bleiben Sie dran. Auch wir machen uns gerade Gedanken über (zusätzliche) Online-Formate. Mehr in Kürze. 

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