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Strava, das soziale Netzwerk für Radsportler, bietet seine Informationen auch für die Verkehrsplanung an. Millionen Freizeitradler sorgen für eine Datenmenge, die auch das Interesse von Planern weckt. Seit Jahren versucht das kalifornische Start-up auch in Deutschland Fuß zu fassen. In Hessen gibt es nun den ersten Kunden hierzulande. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2020, März 2020)


Man hat hehre Ziele in Kalifornien. Eine weltweite Community von Sportbegeisterten will das US-Start-up Strava sein, ein globaler Sportverein – und ein ernst zu nehmender Partner für die Planung von Verkehrsinfrastruktur. Seit einigen Jahren versucht sich das Technologieunternehmen mit Sitz in San Francisco an diesem zusätzlichen Geschäftsmodell mit dem Namen „Metro“. Wie etwa auch bei Bike Citizens werden GPS-basierte Nutzerdaten von Fahrradfahrern für die Planer sichtbar und verwendbar gemacht. „Es wäre eine großartige Sache, wenn wir einen kleinen Beitrag dazu leisten könnten, dass es in Städten weniger Staus, Abgase und Parkplatzprobleme gibt“, hat Mark Gainey, Gründer und Chef des Unternehmens, vor einiger Zeit als Losung ausgegeben.
Im Laufe der vergangenen sechs Jahre hat Strava mit Kommunen und Behörden in aller Welt an dieser Idee gearbeitet. Los ging es in Portland, Oregon, wo man nach guten Standorten für Fahrradzähler suchte und dafür die Spuren aus dem digitalen Netzwerk betrachtete. Es kamen Kooperationen in den USA, Australien und Kanada hinzu, und jetzt hat Strava Metro erstmals einen Kunden in Deutschland: Der Zweckverband Raum Kassel (ZRK) und Strava verkündeten im November eine zunächst für zwei Jahre geplante Zusammenarbeit.

„Die Daten sprechen Bände.“

Paul Niemeyer, Strava

15.000 Euro für zwei Jahre

Dass man Daten aus dem Netz vielleicht auch für Radinfrastrukturplanung nutzen könnte, auf diesen Gedanken war Kai Georg Bachmann in der Praxis gestoßen. Bachmann, Verbandsdirektor des ZRK, ist selbst Rennradfahrer, Langstrecken-Radpendler und Strava-Nutzer. Zudem ist er studierter Informationstechniker, weshalb er sich gut vorstellen konnte, dass sich die Daten des Radlernetzwerks nutzen lassen. „Mir ging es darum, die ohnehin gesammelten Informationen eines Big-Data-Anbieters für unsere Planungszwecke zu verwenden.“ So meldete sich Bachmann bei Strava – und kurz darauf unterschrieb der ZRK einen Zweijahresvertrag über die Nutzung von Metro. 15.000 Euro ruft der Anbieter für die etwa 100.000 Datensätze auf, die Kosten tragen ZRK, Stadt und Landkreis Kassel jeweils zu einem Drittel. Neben den Daten für 2019 wird Strava auch noch das Material für 2020 zur Verfügung stellen.

Wege über Stadtgrenzen hinaus betrachten

Der ZRK hat jetzt Zugriff auf die Daten aller Strava-Bewegungen im Raum Nordhessen. „Das ist für uns wertvoll, weil wir die Entwicklungsplanung für den Großraum Kassel machen, worunter auch die zehn Umlandkommunen fallen“, erklärt Bachmann. Konkret denkt er daran, dass man das Wegenutzungsverhalten von Radfahrern über Stadtgrenzen hinweg betrachten kann. Das liefere Informationen, die etwa beim derzeit laufenden Planungsprozess für drei Raddirektverbindungen helfen könnten, so hofft Bachmann. „Es geht auch um die genaue Betrachtung, wo mit der Radinfrastruktur etwas vielleicht nicht funktioniert“, erklärt er.

Heatmaps und Filter nach Alter oder Geschlecht

Mit Strava Metro lassen sich die Datenschätze relativ simpel in einer sogenannten Heatmap visualisieren. So erkennt man schnell, welche Routen häufig und welche kaum oder gar nicht frequentiert werden. „Unsere neue Plattform ist sehr einfach zu bedienen und erfordert auch keine Installation oder technische Anbindung“, sagt Paul Niemeyer, der Strava in Deutschland vertritt. Allerdings lassen sich die Daten in diesem Web-Angebot auch granularer betrachten. So können die Nutzer Filter setzen, um bestimmte Wege in den Blick zu nehmen, etwa kurze Strecken. Auch Alters- und Geschlechterverhältnisse lassen sich abbilden. „Die Daten sprechen Bände über die Radinfrastruktur“, so Niemeyer. Für fortgeschrittene Anwender ist auch der Export etwa in Form von GIS-Daten möglich, sodass die Strava-Informationen in die bekannte Planungsumgebung einlaufen.

Mit Hitze gemacht: Die sogenannte Heatmap zeigt mit Farben, wo besonders viel und besonders wenig los ist. So erkennt man auf einen Blick, wie sich Ströme bündeln und wo das Netz am stärksten genutzt wird.

Nicht repräsentativ, aber nutzbar

So alt wie das Angebot von Strava ist der Zweifel, ob die Daten eine sinnvolle Erkenntnisquelle für öffentliche Planer sind. Schließlich stammen sie von überdurchschnittlich fitten Sportlern, die meistens auf unterdurchschnittlich leichtem Gerät unterwegs sind. Forscher der TU Dresden setzten sich bereits vor Jahren mit dem Thema auseinander und kamen zu einem differenzierten Fazit: Die Nutzergruppe von Strava sei nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung. „Gleichwohl kann unter gewissen Gesichtspunkten und mit einigen Korrekturen selbst ein durch die Nutzer von Sportapps erzeugter Datensatz ein sehr gutes Abbild des Radverkehrsverhaltens liefern“, argumentierte Sven Lißner von der TU Dresden in einem Leitfaden zum Thema, der 2017 im Zuge des Nationalen Radverkehrsplans veröffentlicht wurde. „Seither hat sich an dem Grundthema nichts geändert“, sagt der Verkehrsingenieur Lißner. „Wenn ich zum Beispiel Aussagen über kurze Alltagsfahrten älterer Menschen treffen möchte, bietet mir der Datensatz von Strava dazu keine repräsentativen Einblicke.“ Ja, aber – so ist der Blick des Forschers auf diese Informationen. Strava selbst verweist auf Studienergebnisse, die nahelegen, dass die Daten repräsentativ sind. Allerdings stammen die Daten aus den USA. Sicher ist: Man hat hier keinen Querschnitt der Bevölkerung. Aber auch solche Daten können deutlich wertvoller sein als etwa ein Blick auf die Zahlen der Verkehrszählung mit Automaten. „Man erfährt ja immer etwas über Verkehrsmengen in bestimmten Verkehrsbeziehungen und nicht nur an einem Punkt“, sagt Lißner.

Hohes Maß an Datenschutz

Genau diesen Aspekt betont Strava: Gegenüber den längst eta­blierten Zähl- und Statistikangeboten habe man den Vorteil der Wegebeziehungen, die sich visuali­sieren lassen. Gegenüber anderen Anbietern von GPS-Daten habe man wiederum den größten Schatz an Daten von aktiven Nutzern. Und gleichzeitig biete man ein Datenschutzniveau, das eine Zusammenarbeit mit deutschen Kunden problemlos erlaube: Bei Strava werden die Daten nicht nur anonymisiert, sondern zusammengefasst als Verkehrsmengen auf Strecken ausgegeben – einzelne Fahrten kann man sich also nicht aus dem Datenschatz ziehen.

Investition nicht nur aus Bauchgefühl

ZRK-Direktor Bachmann sieht die Möglichkeiten seines neuen Tools. Zwei seiner Mitarbeiter haben im Dezember vom Strava-Team per Videoschalte eine Einweisung in die Technik bekommen, noch im Fe­bruar wollte man erste Beispielauswertungen angehen. „Man merkt in unserer Region, dass es überparteilich Unterstützung und auch Investitionsbereitschaft für Radprojekte gibt“, sagt Bachmann. „Die damit verbundenen Entscheidungen wollen wir aber nicht nur aus Bauchgefühl treffen.“ Mit den Metro-Daten könne man beispielsweise gut erkennen, welche Radwege sich auszubauen lohnen – oder wo neu angelegte Wege überhaupt nicht angenommen werden. Bachmann sieht auch Potenzial für eine touristische Nutzung, wenn seine Mitarbeiter beispielsweise die GPS-Spuren von Mountainbikern im Gelände finden. Daraus ließen sich dann Tipps erschaffen und durch Touristiker vermarkten.

Kommunen interessiert an Strava Metro 3.0

Für Strava-Vertreter Niemeyer war die Kooperation mit der hessischen Planungsregion ein erster wichtiger Durchbruch. Sein Unternehmen hatte neuerliche Mühe in Metro gesteckt, die Datenauswertung verbessert und als Version 3.0 vermarktet. „Wir sehen einen wachsenden Bedarf und führen derzeit vielversprechende Gespräche mit mehreren Kommunen in Deutschland und Österreich.“ Außerdem sei noch ein Projekt in der Mache, bei dem die Strava-Verkehrsdaten für ein Gesundheitsprojekt als Informationsquelle dienen sollen. Mehr war allerdings zu Redaktionsschluss noch nicht spruchreif.

Über Strava

Strava ist ein soziales Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten. Unter engagierten Hobby-Sportlern, ebenso wie bei Profis ist Strava weitverbreitet. Seit der Gründung im Jahr 2009 haben sich weltweit mehr als 50 Millionen Menschen der Sportler-Community aus 195 Ländern angeschlossen, um ihre Trainings.-Aktivitäten festzuhalten, zu teilen und sich gegenseitig anzuspornen. 25 Millionen Aktivitäten werden hier pro Woche hochgeladenen. Neben Laufen und Radfahren unterstützt Strava insgesamt 32 weitere Aktivitäten wie Schwimmen, Inlineskaten, Rudern oder Skifahren. Das amerikanische Unternehmen mit Hauptsitz in San Francisco beschäftigt über 165 Mitarbeiter.


Bilder: Strava