(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)

In Deutschland:

Zukunft Fahrrad hat Sharing- und Abo-Zahlen erhoben

Für viele Menschen bieten Bikesharing und Fahrradabos Vorteile gegenüber dem Privatbesitz von Fahrrädern und E-Bikes. Zukunft Fahrrad hat Zahlen erhoben, die die Bedeutung von Sharing und Abos aufzeigen.

Spontan leihen oder mit kalkulierbaren Kosten dauerhaft nutzen, so lauten zwei der ausschlaggebenden Vorteile für Bikesharing respektive Fahrradabos. Auch für Kommunen bietet Bikesharing Vorteile. Zukunft Fahrrad vertritt als Wirtschaftsverband führende Anbieter dieser Segmente und hat anlässlich dieser Studie in einer Erhebung untersucht, wie groß der Markt für Sharing und Abos in Deutschland ist.
Laut der Erhebung sind in Deutschland aktuell 115.000 Bikesharing-Räder im Einsatz. Darunter fallen mehr als 57.000 E-Bikes und über 1900 Lastenräder. Zum Vergleich führt der Verband die Zahl von 45.500 Carsharing-Autos an, die es laut Marktdaten des Bundesverbands Carsharing (BCS) im Januar 2025 in Deutschland gab.
Rund 100.000 Fahrräder sind zudem in privaten Fahrrad-Abonnements unterwegs. Gewerbliche Abo-Fahrräder, etwa für Essenslieferungen, touristische Fahrradvermietung sowie das Dienstrad-Leasing, sind in diesen Zahlen trotz ihrer Bedeutung nicht erfasst.
Wasilis von Rauch, Geschäftsführer von Zukunft Fahrrad: „Attraktive Sharing- und Abomodelle maximieren die Nutzung vorhandener Ressourcen: Die Fahrräder werden intensiver genutzt und bringen auch Menschen aufs Rad, die sich kein eigenes Rad kaufen wollen oder können. Hier steckt ein großes Potenzial, kommunale Mobilität sozial gerecht und nachhaltig auf-zustellen. Mit Sozialtarifen für Bikesharing und Fahrradabos kann die Politik dabei noch mehr Menschen mit geringem Einkommen Zugang zu komfortablen und jederzeit funktionstüchtigen Rädern bieten. Mittel aus dem Klima-Sozialplan der Bundesregierung wären hier besser investiert als ausschließlich ins viel diskutierte Social Leasing von E-Autos.”


(sg)


Wegen Mitnahmeverbot im ÖPNV

ADAC bricht eine Lanze für E-Scooter

In einigen deutschen Städten dürfen keine E-Scooter im öffentlichen Nahverkehr mitgenommen werden. Als Grund dafür wird meist die Brandgefahr angeführt. „Unverhältnismäßig“, kritisiert der ADAC diese Maßnahmen.

In der Vergangenheit gab es einzelne Berichte über Brände von E-Scootern in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daraufhin hat sich auch der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) für ein Mitnahmeverbot von E-Scootern in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgesprochen. Ausgerechnet der ADAC kritisiert dieses Mitnahmeverbot jetzt als „unverhältnismäßig“. Begründet wird dies vom Auto-Lobbyverband mit eigenen Testreihen. Dabei hat der ADAC sechs E-Scooter einem technischen Stresstest unterzogen.
Bei den Versuchen wurden die E-Scooter bewusst starken Belastungen ausgesetzt: Auf einem Zweiradprüfstand wurden die Gefährte über 30 Minuten bei Höchstgeschwindigkeit über simuliertes Kopfsteinpflaster gefahren, in der Klimakammer folgte ein Test bei Minusgraden sowie ein Test bei starkem Regen von allen Seiten. Besonderes Augenmerk galt aber der elektrotechnischen Untersuchung: Nach mehreren Tiefen- und Selbstentladungen wurden die E-Scooter – wo möglich – über das Batteriemanagement absichtlich getunt, um sie zusätzlichem Stress auszusetzen. Nach jeder Testrunde wurden die Kapazität und der Innenwiderstand der Akkus erfasst. Zudem erfolgte eine Vorher-Nachher-Prüfung der Batteriepacks mithilfe einer Wärmebildkamera, um signifikante Temperaturunterschiede während der Entladung sowie während des Ladevorgangs zu dokumentieren.
Das Ergebnis der Tests war eindeutig: In keinem Fall ergaben sich Veränderungen an den Batteriepacks, es gab keine Verformungen, Brände oder andere Auffälligkeiten. Der ADAC kann allen getesteten Modellen ein hohes Sicherheitsniveau bescheinigen.
Zudem heißt es vom ADAC: „Durch die geplante Überarbeitung der Elektrokleinstfahrzeugverordnung sollen E-Scooter an die Sicherheitsstandards von Pedelecs angeglichen werden und somit ist ein weiterer Sicherheitsschritt zu erwarten.“ Unter all diesen Aspekten erscheine das mancherorts bestehende Mitnahmeverbot von E-Scootern im ÖPNV unverhältnismäßig.


(jw)


Haarmann gibt Bundesvorsitz ab

Neue Bundesvorsitzende beim VCD

Anfang November hat die Bundesdelegiertenversammlung (BDV) des ökologischen Verkehrsclub VCD eine neue Bundesvorsitzende gewählt.

Als neue VCD-Bundesvorsitzende setzt Dr. Christiane Rohleder sich für gute Alternativen zum Auto ein.

Dr. Christiane Rohleder heißt die neue Bundesvorsitzende des VCD, die den Verband künftig gemeinsam mit Matthias Kurzeck (seit 2022 im Amt) anführen wird. Sie übernimmt das Amt von Kerstin Haarmann, die das Ehrenamt nach sieben Jahren aus Zeitgründen niederlegte. Haarmann hatte ihren Rücktritt am Samstag zum Start der BDV bekannt gegeben und sagte: „Ich habe den VCD sehr gerne vertreten. Er leistet wichtige Grundlagenarbeit für die nachhaltige Mobilität. So haben wir zum Beispiel ein Bundesmobilitätsgesetz erarbeitet, das sich konsequent an den Interessen der Menschen ausrichtet. Es sieht etwa endlich eine integrierte Planung der Bundesverkehrswege auf Straße und Schiene vor.“ Der VCD dankt ihr für die gute Zusammenarbeit und ihr großes Engagement.
Bei der vorgezogenen Neuwahl auf der BDV erhielt Rohleder 93 Prozent der Stimmen. Die neue Bundesvorsitzende war bis zum Regierungswechsel Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt und Verbraucherschutz und habe sich dort für Klimaschutz im Verkehr eingesetzt. Sie sei unter anderem an den EU-Regelungen zum Verbrenner-Aus beteiligt gewesen, heißt es vom Verband. Vorherige Schwerpunkte hat Rohleder im Handlungsfeld der Bahn gesetzt und wolle hier auch einen Schwerpunkt als Bundesvorsitzende setzen. Die promovierte Juristin hatte bereits vor ihrer letzten Aufgabe verschiedene Ministeriumsrollen inne. Unter anderem habe sie sich im Bundesverbraucherschutzministerium für mehr Fahrgastrechte bei der Bahn starkgemacht.
„Der Verkehr hinkt beim Klimaschutz noch deutlich hinterher. Daher freue ich mich, als Bundesvorsitzende des VCD dazu beizutragen, dass die Verkehrswende gelingt“, sagte Rohleder bei Ihrer Antrittsrede vor den Delegierten. Neben der Bahn wolle sie auch für einen starken ÖPNV antreten: „Nur wer gute Alternativen hat, kann auch gerne auf ein Auto verzichten oder dieses öfter mal stehenlassen.“


(sg)


Für private E-Bike-Käufe

Österreich führt Kaufförderung wieder ein

In Österreich ist ein bundesweites Förderprogramm beim Kauf von (E-)Transporträdern und (E-)Falträdern wiedereingeführt worden. Dieses ist zeitlich begrenzt und an verschiedene Voraussetzungen geknüpft.

Österreichische Fahrradinteressenverbände wie die ARGE Fahrrad hatten immer wieder gefordert, die in der Vergangenheit erfolgreichen Fördermaßnahmen wieder einzuführen beziehungsweise fortzuführen. Dieser Forderung ist das Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) Anfang November nachgekommen. Wichtige Informationen dazu wurden unter www.umweltfoerderung.at veröffentlicht.
Förderanträge können von Privatpersonen bis längstens 27. Februar 2026 gestellt werden, falls die zur Verfügung gestellten Fördermittel bis dahin noch nicht ausgeschöpft sein sollten. Die Förderhöhe beträgt 900 Euro pro (E-)Transportrad beziehungsweise 500 Euro pro (E-)Faltrad.
Es gelten allerdings verschiedene einschränkende Bedingungen, um Fördermittel zu erhalten. So muss beispielsweise nachgewiesen werden, dass die Elektrofahrräder ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energieträgern betrieben werden. Bei der Förderung von Falträdern muss zudem eine zum Zeitpunkt der Einreichung gültige ÖV-Jahreskarte eingereicht werden.
Anträge können ausschließlich online gestellt werden.

(jw)


Bundeshauptversammlung in Berlin

ADFC hat neues Führungsduo gewählt

Mitte November trafen sich 140 Delegierte aus 16 ADFC-Landesverbänden zur 45. ADFC-Bundeshauptversammlung. Erstmals wird der Fahrradlobbyverband von einer Doppelspitze geführt.

Die Delegierten des weltgrößten Fahrradverbandes wählten Sarah Holczer und Frank Masurat zum neuen paritätischen Bundesvorsitz. Gemeinsam wollen sie Radfahren für alle Generationen sicher, attraktiv und selbstverständlich machen. Zukünftig will der ADFC den positiven Beitrag des Radfahrens für Gesundheit und Gesellschaft stärker in den Fokus rücken.
Sarah Holczer sagt als neue Bundesvorsitzende: „Radfahren bringt Menschen zusammen und die Welt ein Stück voran: Es ist ein Beitrag zu Klimaschutz, nachhaltiger Mobilität und es fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der ADFC macht diese Werte sichtbar – mit Vertrauen und Klarheit.“
Frank Masurat ergänzt: „Radfahren ist Zukunft – gesund, klimaschonend, demokratisch. Wir wollen zeigen, dass Mobilitätspolitik weit mehr ist als Straßenbau und Verkehrsplanung: Sie entscheidet über Lebensqualität, Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der ADFC wird diese Perspektive in der Bundespolitik noch stärker einbringen – mit klarer Stimme und konstruktivem Druck.“
Die ADFC-Delegierten wählten außerdem: Tourismusexperte und Pressesprecher Christian Tänzler (63) aus Berlin, IT-Unternehmer Christoph Schmidt (49) aus Köln, Ökonomin und Intraday Power Traderin Vera Konrad (32) aus Düsseldorf, den ehemaligen Bremer Verkehrssenator Dr. Joachim Lohse (66) aus Hamburg sowie die Co-Geschäftsführerin der Schwalbe Stiftung Clara Bohle (30) aus München. Als Vertreterin des Jungen ADFC im Bundesvorstand wurde die Geographiestudentin Lena Adam (20) aus Hamburg bestätigt.
Der ehrenamtliche ADFC-Bundesvorstand wird alle zwei Jahre gewählt. Für das operative Geschäft betreibt der ADFC eine Bundesgeschäftsstelle mit einem 48-köpfigen hauptamtlichen Team in Berlin.

(jw)


Laut Copenhagenize Index:

Diese Großstädte sind die fahrradfreundlichsten der Welt

Der Copenhagenize Index soll die fahrradfreundlichsten Großstädte der Welt bestimmen. Drei deutsche Städte haben es 2025 unter die Top 30 geschafft.

Zum ersten Mal seit 2019 hat das Planungsbüro „Copenhagenize Design Company“ wieder den Wettbewerb zum Copenhagenize Index durchgeführt. Das Ranking der Großstädte, die den dazugehörigen Fragebogen eingereicht haben, führen Utrecht, Kopenhagen und Gent an, gefolgt von Amsterdam und Paris. Besonders auffällig ist, dass erst auf Platz 15 die erste außereuropäische Großstadt (Montréal in Kanada) platziert ist.
Auf der Website des Index, an dem auch EIT Urban Mobility mitgewirkt hat, zeigt das regionale Ranking die bestplatzierten Städte der verschiedenen Kontinente bzw. Regionen. In Lateinamerika hat Niteroi (Platz 43) in Brasilien die Nase vorn, in Asien und Ozeanien ist Christchurch (Platz 38) in Neuseeland und in Afrika Quelimane in Mosambik (Platz 83) am besten platziert.

Münster auf Platz 7

Unter den Top 30 sind drei deutsche Städte: Münster (Platz 7), Bonn (Platz 11) und München (Platz 17). In Westfalen freut sich Oberbürgermeister Tilman Fuchs über die gute Platzierung: „Münster ist und bleibt Fahrradstadt. Der starke Einstieg unserer Stadt in den Copenhagenize Index ist eine weitere Bestätigung für Münsters langjährige Radverkehrsförderung. Dass unser Engagement auch international Anerkennung findet, ist ein großer Ansporn, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzuführen und die Infrastruktur für Radfahrende weiter zu stärken.“ Rund 30 Aspekte zur Fahrradfreundlichkeit fragen die Projektverantwortlichen für den Index ab.

(sg)


Ab 2026

Deutsches Institut für Urbanistik hat einen neuen Leiter

Prof. Dr. Carsten Kühl, der das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) seit 2018 leitete, hat diese Aufgabe bereits im Juli niedergelegt. Zum Jahreswechsel steht nun ein Nachfolger bereit.

Ab dem 1. Januar 2026 übernimmt Dr. Jochen Monstadt die wissenschaftliche Leitung und Geschäftsführung des Difu. Der promovierte Umweltplaner der Technischen Universität Berlin mit Professuren in Darmstadt und Utrecht sowie viel internationaler Erfahrung übernimmt diese Aufgabe von der kaufmännischen Geschäftsführerin Luise Adrian und dem kommissarischen wissenschaftlichen Leiter Dr. Jens Libbe. Adrian und Libbe hatten zwischenzeitlich das gemeinnützige Stadtforschungsinstitut geleitet, nachdem Monstadts Vorgänger Dr. Carsten Kühl die Aufgabe Ende Juli niedergelegt hatte.
Monstadt wurde bei der Mitgliederversammlung des Vereins für Kommunalwissenschaften e.V. (alleiniger Gesellschafter des Difu) einstimmig gewählt, womit die Mitglieder dem Votum einer Berufungskommission folgten.

Forschung und Praxis verzahnen

Monstadt ist seit 2016 Professor für Governance of Urban Transitions und Leiter der Sektion Raumplanung am Institut für Humangeographie und Raumplanung der Universität Utrecht. Der Diplom-Landschaftsplaner und promovierte Umweltplaner forschte bereits in der Schweiz, Kanada, den USA und Frankreich, insbesondere zu Governance-Fragen des räumlichen Wandels, der nachhaltigen Steuerung technischer Infrastrukturen sowie resilienter Stadt- und Regionalentwicklung. Monstadt selbst sagte zu seiner neuen Rolle: „Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem Team des Difu innovative Lösungen für die nachhaltige Gestaltung der Kommunen zu entwickeln. Mir ist es wichtig, dass Forschung und Praxis eng verzahnt sind, wir zugleich aus internationalen Erfahrungen lernen und die Difu-Arbeit damit weiterhin eine unverzichtbare Hilfestellung für die kommunale Praxis bietet.“

(sg)


Eurobike first im Jahr 2026

Fairnamic stellt Pläne für eine eigenständige Mobifuture zurück

Auf dem Weg zur 34. Ausgabe der Eurobike in Frankfurt am Main im kommenden Jahr hat Messeveranstalter Fairnamic eine wichtige Planänderung vorgenommen. Das Konzept einer parallel stattfindenden, eigenständigen Fachmesse Mobifuture wird für das Jahr 2026 nicht weiterverfolgt.

Die vergangenen Monate waren durchaus turbulent, was die Diskussion über die Zukunft der Eurobike anbelangt. Der Höhepunkt war sicherlich die Ankündigung des Zweirad-Industrie-Verbands und des Brachenverbands Zukunft Fahrrad, die Zusammenarbeit mit den Eurobike-Macher*innen zu beenden und künftig an einer eigenen Branchenplattform arbeiten zu wollen. Wie in dieser Ankündigung und auch in Gesprächen im Nachgang dieser Entscheidung deutlich wurde, war offenbar ein Knackpunkt in den zuletzt stattgefunden Gesprächen zwischen den beiden Verbänden und Fairnamic die geplante Zweiteilung der Veranstaltung im kommenden Jahr – in die Eurobike und in das neue Messeformat Mobifuture. Die Pläne dafür wurden kurz vor der diesjährigen Eurobike erstmals angekündigt und im Laufe der Eurobike präzisiert. Hier hätten sich viele Aussteller vorab einen besseren Informationsfluss und mehr Rücksprache gewünscht, sodass sich letztendlich viele Unternehmen vor den Kopf gestoßen fühlten. Viele Fragen zur Konzeption und Ausrichtung der Mobifuture blieben offen.

Kein eigenständiges Format im Jahr 2026

Die Fairnamic hat jetzt auf die Entwicklung der letzten Wochen reagiert und einen Entschluss gefasst: „2026 wird keine Mobifuture-Veranstaltung co-located zur Eurobike stattfinden“, teilt Fairnamic mit. Die Begründung: „Die Fairnamic hat verstanden, dass für wesentliche Marktteilnehmer*innen die Notwendigkeit einer weiteren Klärung von Konzeption und Ausrichtung der Mobifuture notwendig ist und wird diese deshalb in 2026 nicht als eigenständiges Messeformat abbilden.“ Und weiter: „Neuartige und zukunftsweisende Mobilitätskonzepte werden auch künftig gemeinsam mit sportlichen Fahrrädern, Freizeitfahrzeugen und den Mobilitäts-Allstars der Gegenwart wie E-Bikes, Cargobikes und vielen anderen unter dem Dach der Eurobike gezeigt werden.“ Die Eurobike 2026 wird vom 24. bis 27. Juni 2026 auf dem Gelände der Messe Frankfurt stattfinden.

(jw)


„Stadt.Land.Rad. Sicher unterwegs“

Fahrradkommunalkonferenz mit großem Interesse

Am 11. und 12.11.2025 fand in Landau in der Pfalz die 19. Fahrradkommunalkonferenz statt. Die Konferenz für Wissenstransfer und Best Practices stieß auf großes Interesse seitens der Fachleute.

Die Fahrradkommunalkonferenz stand unter dem diesjährigen Leitthema „Stadt.Land.Rad. Sicher unterwegs“ und unterstützte erneut den Wissenstransfer zwischen den Kommunen zum Thema Radverkehr. Diese Gelegenheit nahmen in der Jugendstil-Festhalle Landau und online rund 500 Radverkehrsverantwortliche aus den Kommunen sowie Fachleute aus Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen wahr.
Christian Hoffmann, Präsident des gastgebenden Bundesamtes für Logistik und Mobilität erklärt: „Radfahren ist kein ausschließlich städtisches Thema. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen Regionen. Wer verstehen will, wann Menschen im ländlichen Raum aufs Fahrrad umsteigen, der muss dorthin gehen, wo Wege länger, Strukturen anders und Lösungen oft kreativer sind. Das große Interesse an der Fahrradkommunalkonferenz ‚Stadt.Land.Rad. Sicher unterwegs‘ zeigt eindrucksvoll, wie aktuell das diesjährige Leitthema der Veranstaltung ist.“

Von Förderprogramm bis S-Pedelec

Inhaltlich bot die Konferenz Einblicke in erfolgreiche Umsetzungsstrategien und ermöglichte den Dialog über Herausforderungen und Rahmenbedingungen sowie inspirierende Beispiele aus der kommunalen Praxis. In Exkursionen, Netzwerktreffen, Podiumsdiskussionen und Fachforen wurden diverse Inhalte wie interkommunale Zusammenarbeit, Schutzstreifen außerorts oder die Freigabe von Radinfrastruktur für S-Pedelecs thematisiert.
In den Keynotes und einer Podiumsdiskussion am ersten Tag stellten die Rednerinnen aus Politik und Verwaltung vor, wie Bund und Land aktuelle Projekte und Förderprogramme umsetzen. Beispielsweise überführt Landau mit dem Sonderprogramm „Stadt und Land“ des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) bestehende Wirtschaftswege in zeitgemäße Fahr-radrouten. Zudem ließ sich vor Ort erleben, wie Rheinland-Pfalz mit Pendlerradrouten schnelle, sichere und attraktive Verbindungen für Be-rufspendlerinnen schafft.
Der zweite Konferenztag stand im Zeichen acht unterschiedlicher Fachforen für den direkten fachlichen Austausch, etwa zum flächendeckenden Ausbau von Mobilitätsstationen mit Lade- und Abstellmöglichkeiten oder der Verbindung von Fahrrad und ÖPNV. Die Teilnehmenden befassten sich zudem mit dem Natur- und Artenschutz beim Bau von Fahrradinfrastruktur, etwa im Kontext des Einsatzes von hellem Asphalt, Blühstreifen oder adaptiver Beleuchtung.
Dr. Claudia Elif Stutz, Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr, Hauptförderer der Konferenz sagte: „Der Radverkehr ist fester Bestandteil unserer Mobilität. Die Bundesregierung stärkt und fördert ihn mit viel Engagement. Das Ziel sind lückenlose und sichere Radwegenetze sowie gesicherte Fahrradabstellanlagen an Bahnhöfen. Daher freue ich mich sehr, dass wir das Sonderprogramm Stadt und Land – unser Herzstück der Radverkehrsförderung – bis 2030 verstetigen konnten. Damit haben die Kommunen auch künftig Planungssicherheit.“
Traditionell endete die Konferenz damit, den Staffelstab an die nächste ausrichtende Kommune zu übergeben. Im Jahr 2026 wird sie in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf stattfinden.

(sg)


Mit Rückenwind aus dem Münsterland

Parlamentskreis Fahrrad im Bundestag neu konstituiert

Dafür, dass das Thema Radverkehrsinfrastruktur im Bundestag zusätzliche Bedeutung erhält, soll der Parlamentskreis Fahrrad in Berlin sorgen. Das Gremium wurde kürzlich neu konstituiert.

Mit prominenter Unterstützung und Rückenwind aus der Fahrradhauptstadt Münster hat sich kürzlich der Parlamentskreis Fahrrad im Deutschen Bundestag neu konstituiert. Henning Rehbaum (CDU) aus dem Kreis Warendorf wurde einstimmig zum neuen Vorsitzenden gewählt, ebenso wie seine Stellvertreter*innen Victoria Broßart (Grüne) und Stefan Zierke (SPD). Der neue Vorsitzende stammt aus dem fahrradaffinen Münsterland.
Er erklärt zum Amtsantritt: „Ich wünsche mir, dass das Fahrrad zu einem so alltäglichen Verkehrsmittel wird, wie es das im Münsterland schon immer ist.“ Als Vorsitzender des Parlamentskreises Fahrrad wolle er radbegeisterte Abgeordnete aller Fraktionen der Mitte des Bundestags zusammenbringen, mit dem Ziel, bundespolitische Impulse für eine alltagstaugliche Radverkehrspolitik zu setzen. Ein Highlight bildet die parlamentarische Fahrradtour, die im kommenden Jahr stattfinden soll.
Neben 15 Abgeordneten aus ganz Deutschland war auch Markus Lewe (CDU), Oberbürgermeister von Münster zu Gast. Der Münsteraner Bürgermeister und langjährige Städtetagspräsident berichtete von den vielen Initiativen, wie seine Stadt das Fahrrad zum Hauptverkehrsmittel gemacht hat, es mit Bus und Bahn verknüpft und es sich mit den Rad- und Velorouten in den Münsterlandkreisen vernetzt. „Wir machen Radpolitik nicht ideologisch, sondern menschlich.“
Er gab viele Beispiele aus der Praxis, wie Städte und Gemeinden auch im ländlichen Raum gute Radinfrastruktur schaffen können, die auch die anderen Verkehrsteilnehmer mitdenke. „Es braucht aber auch eine Kultur des Miteinanders auf den Straßen, kein Gegeneinander“, betonte Lewe.

(jw)


Förderangebote des BMV verlängert:

Verkehrsministerium unterstützt KMU bei betrieblicher Mobilität

Mit der Kampagne „mobil gewinnt“ fördert das Bundesministerium für Verkehr betriebliche Mobilität in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im Rahmen des Förderprogramms „Betriebliches Mobilitäts-Management“. Das Programm wurde bereits im August verlängert.

Durch die Verlängerung können KMU bis Ende des Jahres 2026 Anträge dafür stellen, Beratungskosten mit bis zu 5000 Euro und konkrete Anschaffungen mit bis zu 60.000 Euro fördern zu lassen. Die Initialförderung (max. 5000 Euro) gilt dabei für Betriebe, die sich bisher nicht oder kaum mit der betrieblichen Mobilität auseinandergesetzt haben und Beratungsleistungen aus dem vorausgewählten Beratungs-Pool in Anspruch nehmen wollen.
Die maximalen 60.000 Euro aus der Breitenförderung können Unternehmen beispielsweise nutzen, um sich E-Lastenräder, Elektrofahrzeuge oder Ladeinfrastruktur bezuschussen lassen.
Kleine Unternehmen (bis 50 Mitarbeitende und Jahresumsatz bis 10 Millionen Euro) können bis zu 60 Prozent der Ausgaben fördern lassen. Für mittelgroße Firmen (bis 250 Mitarbeitende und Jahresumsatz bis 50 Millionen Euro) liegt der Anteil bei maximal 50 Prozent.

Weitere Informationen finden sich unter https://mobil-gewinnt.de/


(sg)


Bilder: Lichthelden SHK – Steffen H. Kaufmann, Fairnamic, BALM – Uwe Völkner, pd-f.de – Arne Bischoff

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)


Jörn Büttner

Radverkehrsbeauftragter Stadt Aschaffenburg

Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachämtern funktioniert im Rahmen der Radverkehrsförderung gut beziehungsweise sogar sehr gut, wenn wir dies mit Berichten aus anderen Kommunen vergleichen. Es gibt eine breite Basis in der Verwaltung, im Stadtrat und in der Stadtgesellschaft für eine verstärkte Radverkehrsförderung. Damit ist auch ein grundsätzlicher Auftrag verbunden, dass die Verwaltung tätig wird und konkrete Maßnahmen umgesetzt werden.
Dafür wurden auch Strukturen geschaffen: Ein Radverkehrskonzept aus 2015 bildet die inhaltliche Basis. Personell wurde aufgestockt mit einem Radverkehrsbeauftragten im Planungsamt und mit einem Bauingenieur im Tiefbauamt, die sich beide hauptberuflich in Vollzeit ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen. Auch das verfügbare jährliche Budget wurde erhöht und eine eigene Haushaltsstelle „Radverkehr“ für Investitionen geschaffen. Mit dem Fahrradforum, das zweimal jährlich tagt, werden die Interessensverbände und engagierte Bürgerinnen und Bürger beteiligt. Es gibt regelmäßigen Austausch zwischen den Fachämtern der Verwaltung und der Polizei. Sowohl projektbezogen als auch in festen Meetings und Formaten. Durch personelle Konstanz gibt es eine gute persönliche Basis zu den Kolleginnen und Kollegen, sodass auch mal Meinungsverschiedenheiten transparent und zielführend diskutiert werden können. Am Ende ist es wichtig, dass eine Lösung für jede Aufgabe und Maßnahme gefunden wird, die dann von allen Beteiligten akzeptiert und mitgetragen wird.

Ulrike Zimmermann

Radverkehrsbeauftragte Jena

Die Zusammenarbeit ist grundsätzlich gut. Wenn ein Projekt startet, findet bei uns in der Regel eine Auftaktberatung mit den an der Planung beteiligten Fachdiensten und Eigenbetrieben statt. Unterschiedliche Auffassungen werden offen kommuniziert und es wird nach einer realisierbaren Lösung gesucht, manchmal als Kompromiss, manchmal im Konsens. Problematisch kann die unterschiedliche Priorisierung von Projekten sein.
Ich denke, Teamwork muss nicht reibungslos, sondern nur „reibungsarm“ und mit gegenseitigem Respekt erfolgen. Wichtig ist es, nicht nur Probleme zu benennen, sondern in weiteren Schritten diese Probleme zu lösen, um ein Projekt zum Erfolg zu bringen. Gerade in der Radverkehrsplanung ist es zudem wichtig, engagierte Bürgerinnen einzubinden. Die Balance zwischen fachlich begründetem Verwaltungshandeln, direkter Beteiligung betroffener Bügerinnen und kommunaler politischer Willensbildung zu finden, ist anspruchsvoll, sollte aber erklärtes Ziel sein.

Jürgen Möllers

Fahrradbeauftragter Köln

In meinem Arbeitsalltag erlebe ich die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Fachämtern unserer Kommune als sehr gemischt. Einerseits gibt es viele engagierte Kolleginnen und Kollegen, die offen kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen. Andererseits zeigen sich immer wieder Schwierigkeiten, vor allem dann, wenn die Zielsetzungen der einzelnen Ämter auseinandergehen oder unterschiedliche Interessen im Vordergrund stehen. Oft fehlt ein gemeinsames Verständnis darüber, was Priorität hat, und das kann Projekte deutlich verlangsamen. Aus meiner Sicht sind Transparenz und frühzeitige Abstimmung die wichtigsten Erfolgsfaktoren für reibungsloses Teamwork. Wenn alle Beteiligten von Beginn an einbezogen werden und klar ist, wer welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten trägt, lassen sich Missverständnisse vermeiden. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, verschiedene Wege auszuprobieren und flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass immer alle einer Meinung sind – entscheidend ist, dass trotz Widerständen ein gemeinsamer Lösungswille vorhanden bleibt. Nur so kann interdisziplinäres Arbeiten in der Verwaltung wirklich gelingen.

Gregor Gaffga

Radverkehrsbeauftragter Konstanz

Eine gute Zusammenarbeit zwischen den Fachämtern ist wesentlich für eine gelingende, systematische Radverkehrsförderung, da ein Amt allein nicht die Kenntnisse und in der Regel auch nicht die personellen Ressourcen hat, alle Felder der Radverkehrsförderung allein zu bespielen. Die Zusammenarbeit gelingt dann gut, wenn die Beteiligten in den Fachämtern die Ziele der Verkehrswende unterstützen und motiviert sind, gute Lösungen für den Radverkehr zu entwickeln und ihn bei allen Maßnahmen mitzudenken. Eine Offenheit gegenüber neuen Ideen und Lösungsansätzen ermöglicht es, gemeinsam passgenaue Lösungen zu finden und diese erfolgreich in die Umsetzung zu bringen. Wenn es gelingt, formale Dienstwege innerhalb des hierarchischen Verwaltungsaufbaus hinter sich zu lassen und die gemeinsame Suche nach Lösungen über die Diskussion um Zuständigkeiten zu stellen, fördert das die ämterübergreifende Zusammenarbeit.

Dirk Büschke

Radverkehrsbeauftragter Erfurt

In meinem Arbeitsalltag als Radverkehrsbeauftragter erlebe ich die Zusammenarbeit zwischen den Fachämtern als von zwei Seiten geprägt: Einerseits erschwert meine Funktion als Stabstelle im Dezernat Bau, Verkehr und Umwelt die Kommunikation, da vielen nicht eindeutig ist, wann und wie meine Beteiligung vorgesehen ist. Andererseits ermöglicht genau diese Struktur, das Thema Radverkehr strategisch und ämterübergreifend zu verankern.
Der zentrale Erfolgsfaktor – und zugleich häufigster Reibungspunkt – ist die Kommunikation. Viele Fachbereiche bearbeiten Projekte lange in Eigenregie und beziehen andere Stellen erst spät ein. Das führt zu Verzögerungen, Doppelstrukturen oder Zielkonflikten. Gerade in Kommunen entstehen parallel zahlreiche Konzepte, deren Inhalte sich mitunter widersprechen und dennoch von der Politik beschlossen werden.
Für reibungsloses Teamwork braucht es daher eine frühzeitige, klare und kontinuierliche Abstimmung. Wichtig sind gemeinsame Zielbilder, transparente Prozesse sowie das Verständnis dafür, dass unter den Bedingungen des Fachkräftemangels jede Beteiligte und jeder Beteiligte ausreichend Zeit zur Meinungsbildung benötigt. Nur mit offener Kommunikation und abgestimmten Zielen gelingt eine effektive Zusammenarbeit.
Zielführend erscheint es mir auch, gemeinsame Schulungen, wie in meinem Fall zum Thema Verkehrswende zu besuchen. Als Team müssen wir alle gemeinsam die Vorteile, aber auch die Grenzen einer Verkehrswende kennenlernen.

Ferdinand Teepe

Radverkehrsbeauftragter Landkreis Schaumburg

Die Förderung des Radverkehrs hat in den vergangenen Jahren auch in ländlichen Gebieten stark an Dynamik gewonnen. Dies führt einerseits zu höheren Erwartungen der Bevölkerung, andererseits zu neuen Herausforderungen durch komplexe Zuständigkeiten in der Infrastrukturplanung. Der Landkreis Schaumburg hat sich auf den Weg gemacht, die Mobilität nachhaltig zu entwickeln. Hierfür wurden Konzepte zum Klimaschutz, zur integrierten Mobilität und zum Radverkehr gemeinsam erarbeitet.
Bei der konkreten Lösungsfindung für Straßenabschnitte und Ortsdurchfahrten werden jedoch oft unterschiedliche fachliche Perspektiven und organisatorische Logiken deutlich. Die Pläne der Radverkehrsplanung lassen sich häufig nur schwer mit den rechtlichen Vorgaben in Einklang bringen, sodass innovative Lösungen dabei oft aus dem Blick geraten. Erschwerend kommen große personelle Herausforderungen hinzu, insbesondere bei der Planung neuer Radinfrastruktur und der Sanierung des Bestands.
Als wesentliche Erfolgsfaktoren haben sich dabei eine offene Kommunikation und regelmäßige Fachtreffen erwiesen. Auch Vor-Ort-Termine mit allen Beteiligten sind hilfreich und hinterlassen bleibende Eindrücke. Insgesamt ist die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Zuständigkeiten und begrenzten Ressourcen geprägt. Doch wo der Austausch frühzeitig stattfindet und Rollen klar definiert sind, lassen sich Abstimmungsprozesse spürbar erleichtern, auch wenn die Koordination im Alltag weiterhin eine sorgfältige Abstimmung erfordert.

Elisa Straubinger

Radverkehrsbeauftragte Fürstenfeldbruck

In meinem beruflichen Alltag erlebe ich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachämtern in unserer Kommune als durchweg konstruktiv. Der Umgang miteinander ist geprägt von Respekt und Wertschätzung, was eine Arbeitsatmosphäre kreiert, die durch Offenheit und gegenseitige Unterstützung überzeugt.
Unterschiedliche Sichtweisen werden nicht nur gehört, sondern aktiv eingebunden. So gelingt es uns, bei Herausforderungen dank kurzer Entscheidungswege und großer Hilfsbereitschaft rasch zu pragmatischen Lösungen zu kommen.
Für mich bilden Vertrauen, Transparenz und eine offene Kommunikationskultur die zentralen Grundlagen für ein reibungsloses Teamwork. Wenn alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen und die Motivation spürbar hoch ist, entsteht eine Dynamik, die Projekte im Bereich Radverkehr nicht nur effizienter, sondern auch kreativer vorantreibt. Ich empfinde es als großes Glück, Teil eines so engagierten und unterstützenden Umfelds zu sein.


Bilder: A. Klotz – OrangeProduction.de, Stadt Jena – T. Hegenbart, Stadt Konstanz, Ferdinand Teepe, Stadt Fürstenfeldbruck

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)

Streetscooter-Wurzeln

Lastenrad ZET will Gamechanger für Stadtverkehr sein

Das Team der ZETmobil GmbH aus Köln will mit dem vierrädrigen Lastenrad ZET die Lücke zwischen Fahrrad und Auto noch besser schließen. Die Produktion soll im nächsten Jahr beginnen.

Das vierrädrige Lastenrad ZET soll laut den Entwicklern Familien, Pendler und alle, die klimafreundlich und clever unterwegs sein wollen, überzeugen. Das Fahrzeug bietet einen komfortablen Einstieg, eine bequeme Sitzposition, viel Stauraum für Mitfahrende, Einkäufe oder Gepäck und soll vor der Witterung schützen sowie sicher sein.
Technisch setzt das Team aus Köln auf seriellen Hybrid, bei dem keine Kette nötig ist, sondern ein Generator die auf die Pedale gebrachte Energie in Strom umsetzt. Diese verschleiß- und wartungsarme Konstruktion habe zusätzlich den Vorteil, dass auch an Ampeln weiter Strom produziert werden kann. Die Reichweite der entnehmbaren Batterie liegt je nach gewählter Größe zwischen 60 und 130 km. Für den Antrieb sorgt ein (optional zwei) Elektromotor am Hinterrad. Die Räder sind einzeln aufgehängt, was für Komfort sorgen soll. Bei der Konstruktion wurde drauf geachtet, möglichst wenige bewegliche Bauteile einzusetzen und den Wartungsaufwand dadurch gering zu halten. Zur weiteren Ausstattung zählen Blinker, Tagfahr- und Bremslichter, Spiegel, Hupe und ein Display zur Anzeige von Akkustand und Geschwindigkeit sowie ein Rückwärtsgang für einfaches Rangieren und eine verstellbare Sitzposition. Bald soll noch eine App hinzukommen und weitere Informationen bieten.

Expertise aus Auto- und Fahrradindustrie

Das Gründungsteam der ZETMobil GmbH vereint über 80 Jahre Berufserfahrung in Entwicklung, Produktion und Vertrieb in der Automobil- und Fahrradindustrie. Seine Mitstreiter*innen Irina Grünwald (Qualität und Marketing) und Stefan Breil (Produktion, Anlaufplanung) hat Geschäftsführer und Entwickler Klaus Schorn beim Elektrotransporter-Hersteller Streetscooter kennengelernt.
Aus dem Automobilsektor wurden auch in der Entwicklung Konzepte übernommen, etwa der Zentralrohrrahmen, die Schwingarme und Federelemente. Das Chassis soll neue Maßstäbe setzen können mit Blick auf Haltbarkeit und Funktionalität sowie Kosten. Das Rad ist mit vielen verschiedenen, schnell wechselbaren Aufbauten und in unterschiedlichen Konfigurationen erhältlich und richtet sich an private wie gewerbliche Zielgruppen. Kindersitze oder Transportboxen lassen sich jederzeit nachrüsten. Die Preise starten bei 7790 Euro.
Bei den Verschleißteilen kommen ausschließlich Fahrradkomponenten zum Einsatz. So soll der Service in einem Netzwerk an Fahrradwerkstätten stattfinden können, welches das Team gerade aufbaut. Wenn die Produktion angelaufen ist und ein klares Bild über die Kosten besteht, wolle man zudem anfangen, Fachhändler für den Vertrieb zu suchen, heißt es auf Nachfrage von velobiz.de von Klaus Schorn. Die Produktion soll im nächsten Jahr anlaufen. Das Ziel lautet, 2026 430 Lastenräder, dann 920 (2027) und 960 (2028) Lastenräder pro Jahr zu produzieren. Anschließend sollen neue Produktionslinien die Kapazitäten erweitern.

(sg)


Preisverleihung in Frankfurt

„Deutschlands fahrradfreundlichste Schule“ ausgezeichnet

Auf der Eurobike wurden von der AKTIONfahrRAD und der Deutschen Verkehrswacht Schulen ausgezeichnet, die in Sachen Fahrradfreundlichkeit vorangehen. Zudem wurden noch zwei Sonderpreise vergeben.

Das Julius-Echter-Gymnasium aus Elsenfeld in Bayern wurde als fahrradfreundlichste Schule 2025 ausgezeichnet. Die weiterführende Schule stellte innerhalb von vier Jahren etliche nachhaltige Fahrradprojekte für die und mit den Schülerinnen auf die Beine. Ob Fahrrad als Wahlunterricht, der Aufbau eines Bikeparks oder die breite Kooperation mit Werkstätten und Sportvereinen, die Jury war überzeugt, dass hier das Fahrrad einen festen Platz im Schulalltag bekommen hat. Überreicht wurden die Auszeichnungen von der Mountainbike-Olympiasiegerin und zweifachen Weltmeisterin Sabine Spitz. Ein persönliches Video-Grußwort an die Gewinnerschule kam vom Schirmherrn Cem Özdemir. An die Friedrich-Spee-Gesamtschule in Paderborn wurde der Sonderpreis „Innovativ“ verliehen. Ausschlaggebend war die gesamte Planung und eigenverantwortliche Durchführung der Landesschulmeisterschaft NRW, mit der auch Qualifikationsplätze zur Deutschen Schulsportmeisterschaft vergeben wurden. Der Sonderpreis „Beginners“ ging an das Carl-Friedrich-von Siemens-Gymnasium in Berlin, das seit 2023 Teil der „Bike-fit“-Initiative ist. Zu Beginn des Schuljahres 2024/25 erhielten über 120 Schülerinnen der neuen 7. Klassen eine Radfahrausbildung. Radfahren ist zudem fester Bestandteil des Sportunterrichtes. Eine Parcours-Anlage und Fahrrad-AGs ergänzen das Freizeitangebot.
AKTIONfahrRAD-Geschäftsführer Ulrich Fillies: „Radfahren ist eine einfache Lösung für viele gesellschaftliche Probleme. Darum müssen wir das Radfahren in die Köpfe und die Menschen auf den Sattel bringen. Vor allem aber müssen wir damit früh anfangen und Kinder und Jugendliche begeistern. Unsere fahrradfreundlichsten Schulen machen genau das. Sie sind die Vorreiter für ein notwendiges Umdenken und zeigen mit einfachen Mitteln und engagierten Menschen, was alles gehen kann, wenn die Überzeugung und der Wille da sind.“


(pm)


Zukunft Fahrrad fordert:

Fahrräder nicht mit Scootern gleichstellen

Die Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge (eKF) soll so verändert werden, dass diese mit Fahrrädern gleichgestellt werden. Dem Verband Zukunft Fahrrad geht dieser Schritt zu weit.

Von Zukunft Fahrrad heißt es, dass es den grundlegenden Unterschieden der Fahrzeugarten nicht gerecht würde, wenn eKF, also vor allem E-Scooter, mit Fahrrädern gleichgestellt würden. Wasilis von Rauch, Geschäftsführer von Zukunft Fahrrad erklärt diesen Standpunkt: „E-Scooter und Fahrräder sind nicht das gleiche, und sie werden sehr verschieden genutzt. Das Fahrrad als zentrale Säule der aktiven Mobilität hat positive gesundheitliche, ökologische und ökonomische Effekte. E-Scooter hingegen sind Kraftfahrzeuge. Die Unterschiede müssen sich auch in der Straßenverkehrsordnung widerspiegeln. Ein Beispiel: Das Gehweg-Parken von Sharing-Scootern führt immer wieder zu Problemen. Beim Bikesharing kommt das in diesem Maß kaum vor. Bikesharing hat zudem einen sehr hohen Nutzen für die urbane Mobilität, es ist günstig und immer mehr Menschen nutzen es. Hier beide Sharing-Systeme gleichzusetzen und damit auch stationsloses Bikesharing zu verhindern, verschärft Konflikte an anderen Stellen. Ja, wir brauchen klare Regeln für Elektrokleinstfahrzeuge, Kommunen müssen nach ihren Bedürfnissen regeln können. Pauschale Einschränkungen für Bikesharing sind aber ein Fehler.“
Grundsätzlich begrüße der Wirtschaftsverband die Initiative des BMV, rechtliche Vereinfachungen und Maßnahmen anzustoßen, um die Verkehrssicherheit zu verbessern, heißt es weiter.

(sg)


Tourismus x Panasonic

Mobility Hub in Gmund am Tegernsee offiziell eröffnet

Hochwertige E-Bikes kontaktlos buchen und ausleihen unabhängig von Geschäftszeiten: Das ist ab sofort in Gmund am Tegernsee möglich. Mit im Sattel: E-Antriebsspezialist Panasonic und weitere Akteure aus der Branche.

Anfang August wurde der Mobility Hub am Bahnhof von Gmund am Tegernsee offiziell eröffnet. Der Mobility Hub bietet insgesamt zwölf hochwertige E-Bikes, die für alle Ansprüche und Größen geeignet sind. Die Bikes können bequem rund um die Uhr online unter mobility-hub.bayern reserviert werden, was eine einfache und kontaktlose Buchung ermöglicht. Die Fahrräder werden von Panasonic Cycle Technology Europe mit dem aktuellen GX-Power-Plus-System ausgestattet, das ein Drehmoment von 95 Nm liefert. Ab dem Jahr 2026 sollen auch E-Bikes mit der GXM Drive Unit von Panasonic verfügbar sein, um das Angebot weiter zu verbessern. Beim offiziellen Akt dabei waren neben dem Mobility-Hub-Team mit Ralf Jirgens und Andres Stetefeld auch Ralph Büttner und CEO Johannes Spatz von Panasonic Industry Europe.
Mit im Sattel sind übrigens auch Helmanbieter KED, dessen Helme kostenlos mit ausgeliehen werden können, und Schlossanbieter Abus.


(jw)


Kuratorium für Verkehrssicherheit

Österreich diskutiert über eine Helmpflicht bei E-Bike und E-Scooter

In Österreich ist eine öffentliche Diskussion über die Einführung einer Helmpflicht bei E-Bikes und E-Scootern entbrannt. Ausgelöst wurde sie durch eine entsprechende Forderung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit im Rahmen der Veröffentlichung der Unfallstatistik für das Jahr 2024.

Der E-Bike-Verkauf boomt auch in Österreich in den vergangenen Jahren. Im Jahr 2024 hatten 57 Prozent aller verkauften Fahrräder einen E-Antrieb. Die E-Bike-Dichte steigt und mit ihr auch die Zahl der Personen, die nach E-Bike-Unfällen in Österreich im Krankenhaus behandelt werden müssen. 9800 waren dies laut jetzt veröffentlichten Daten des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) im Jahr 2024 und damit zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Das KFV hat zudem tödliche E-Bike-Unfälle im Straßenverkehr ausgewertet. Das waren laut KFV im Jahr 2024 insgesamt 20. 59 Prozent der Getöteten haben keinen Fahrradhelm getragen, so die Feststellung. Noch alarmierender sei die Situation bei E-Scootern, wo sogar 90 Prozent der Getöteten keinen Helm getragen haben. Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheit im KFV, appelliert daher an den Gesetzgeber die vom KFV seit längerem geforderte Helmpflicht für E-Bikes und E-Scooter endlich umzusetzen. „Selbst die von uns befragten E-Bike-Fahrenden befürworten zu 65 Prozent die Einführung einer Helmpflicht. Und wie wir aus einer anderen KFV-Erhebung wissen, tragen 67 Prozent bereits einen Helm.
Bei den verbleibenden 33 Prozent könnten wir die Überlebenschancen im Fall eines Unfalls durch die Einführung einer Helmpflicht spürbar verbessern. Denn ohne Helm trägt man ein siebenmal so hohes Risiko für Schädel-/Hirnverletzungen als mit Helm“.
Eine kontroverse Diskussion für und wider eine Helmpflicht ist entbrannt, nachdem auch der Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) den Ball aufgenommen und entsprechende Pläne angekündigt hat. Besonders Sharing-Anbieter wie Dott, Lime oder Voi sprechen sich gegen eine solche Helmpflicht aus und fordern vielmehr, die Radverkehrsinfrastruk-tur deutlich zu verbessern.
Zuletzt hatte auch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Österreich Diskussionen ausgelöst. Laut dem Urteil lässt sich Menschen, die auf dem E-Bike keinen Helm tragen, eine Mitschuld an eigenen Verletzungen ankreiden, auch wenn sie schuldlos in den Unfall verwickelt wurden. Dadurch kann Schmerzensgeld vermindert werden.

(jw)


Studie veröffentlicht

Women in Cycling macht strukturelle Barrieren sichtbar

Wie ist die Situation von Frauen in der Fahrradwirtschaft? Dieser Frage ging eine Studie nach, die Women in Cycling gemeinsam mit Partnern durchgeführt hat. Im Juli wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

In vielen Bereichen der Fahrradwirtschaft sind Frauen präsent. Technik, Führung und faire Bezahlung bleiben jedoch oft unerreichbar für sie. So fasst die Organisation Women in Cycling die Ergebnisse der Studie „Arbeitsbedingungen in der Fahrradbranche“ zusammen. An dieser nahmen 680 Personen, davon 44 Prozent Frauen, teil. Ziel der Studie ist es, strukturelle Barrieren sichtbar zu machen und Unternehmen und der Politik Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Neben Women in Cycling waren der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) sowie die Universität Kassel und die Hochschule RheinMain an der Umfrage beteiligt.

Handel, Vertrieb und Produktion männlich dominiert

Nur 30 Prozent der Top-Management-Positionen in der Fahrradwirtschaft sind laut der Studie weiblich besetzt. Im Handel und in der Produktion sind es sogar nur 22 bis 23 Prozent. Zudem konnten die Stu-dienmacher*innen eine gläserne Decke beim Einkommen identifizieren. In höheren Gehaltsklassen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert und empfinden Benachteiligung, wenn es um Gehalt und Aufstieg geht. Zu den Erwartungen der Frauen zählen höhere und gleichberechtigte Bezahlung, flexible Arbeitszeitmodelle und sichtbare Vorbilder. Insbesondere in Handel, Vertrieb und Produktion seien Aufgaben unfair verteilt und strukturelle Hürden besonders groß.
Auch positive Zeichen bieten die Studienergebnisse. 65 Prozent der Frauen wollen sich weiterqualifizieren, 35 Prozent streben aktiv Führungspositionen an. Die Kehrseite: Nur 14 Prozent möchten in ihrer derzeitigen beruflichen Situation verbleiben. Jede zehnte Frau denkt laut der Studie über einen Branchenwechsel nach, was es als Warnsignal und Auftrag zu verstehen gilt.

Von links nach rechts: Prof. Dr. Angela Francke, Andrea Kurz, Dr. Sandra Wolf, Anke Schäffner und Isabell Eberlein

Frauen wissen, was sie brauchen

Frauen wissen, was sie brauchen, lautete bereits das Resümee eines entsprechenden Panels auf der Eurobike. Die Studienmacher*innen fassen zusammen: „Wer Vielfalt und Gleichstellung jetzt nicht aktiv angeht, riskiert Fachkräfte, Innovationskraft – und Glaubwürdigkeit.“ Um Entwicklungen nachvollziehen zu können, soll die Studie künftig regelmäßig wiederholt werden.
Anke Schäffner vom ZIV sagt: „Für uns als Verband ist klar: Diversität und Frauenförderung müssen in die Breite getragen werden. Dafür braucht es stärkere Vernetzung in der Branche und mit externen Partnern. Wir als ZIV tragen die Botschaft nach außen, sehen uns aber auch in der Verantwortung, Allianzen zu schmieden. Eine solide Datengrundlage ist essenziell, damit wir mit klaren Zahlen arbeiten und echte Veränderungen anstoßen können. Diversität ist kein Frauenthema, sondern betrifft alle Menschen. Unser Appell: gemeinsam handeln für eine vielfältige und zukunftsfähige Branche.”
Von Women in Cycling lautet der Appell für eine diskriminierungsfreie Branche, dass sich die Fahrradwirtschaft professionalisieren muss. Bei der Organisation gehe die Arbeit jetzt erst richtig los, sagt Isabell Eberlein von Velokonzept: „Wir haben die Datengrundlage, wir wissen, dass es einen enormen Gender-Daten-Gap gibt. Das heißt, wir müssen jetzt in Formate investieren, in Networking, in Mentoring, in Weiterbildung und uns Frauen fit machen. Aber nicht nur das, sondern auch die strukturelle Ebene. Und es gibt Unternehmen wie JobRad, es gibt Unternehmen wie Riese & Müller – die zeigen uns, wie es gehen kann. Das müssen wir jetzt in die Breite tragen. Also legen wir los!”

(sg)


Urban Mobility Barometer

Generation Z fährt viel Rad

Der Sport- und Outdoor-Händler Decathlon hat junge Erwachsene in sechs europäischen Ländern nach ihrem Mobilitätsverhalten befragt. In Deutschland fahren junge Menschen demnach im Vergleich am meisten Rad. Sie wünschen sich dennoch konkrete Verbesserungen.

87 Prozent der befragten jungen Erwachsenen fühlen sich beim Radfahren grundsätzlich sicher. Jedoch bezeichnen nur 50 Prozent ihre Stadt als fahrradfreundlich.

Über 4000 Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren hat Decathlon in Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Italien, Polen und Spanien befragt. Das Stimmungsbild zeigt, dass die Generation Z zunehmend Fahrräder in ihren Alltag inte-griert. 75 Prozent fahren regelmäßig Fahrrad, 58 Prozent mindestens einmal in der Woche. In Deutschland als Spitzenreiter sind es gar 66 Prozent, die das Fahrrad mindestens einmal pro Woche nutzen. 22 Prozent nutzen hierzulande täglich ihr Rad, auch das ist Spitzenwert. In der gesamten Umfrage liegt der Wert bei 16 Prozent.
Am häufigsten nutzen berufstätige junge Erwachsene in den untersuchten Ländern das Rad (66 Prozent). Studierende fahren weniger (39 Prozent). Die häufigsten Beweggründe sind, fit und gesund bleiben zu wollen (79 Prozent), Freiheit und den Fahrspaß zu genießen (68 Prozent), Zeit zu sparen und Staus zu vermeiden (68 Prozent) sowie Geld zu sparen im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln (67 Prozent).
Wer das Fahrrad als Verkehrsmittel der Umweltbewussten sieht, liegt ein Stück weit falsch, wie das Barometer zeigt. Während 80 Prozent der Deutschen Gesundheit als Motivator zum Radfahren angeben, ist der am seltensten genannte Faktor, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Vor allem in der Freizeit (60 Prozent) und für den Sport (45 Prozent) nutzen junge Erwachsene das Fahrrad und weniger für den Weg zur Arbeit, zur Uni oder für Erledigungen. In Deutschland liegen Freizeitaktivitäten bei 55 Prozent, Sport und Training bei 52 Prozent.

Hürden trotz Sicherheitsgefühl

87 Prozent fühlen sich beim Radfahren im Schnitt der untersuchten Länder und in Deutschland grundsätzlich sicher. Nur 50 Prozent bezeichnen ihre Stadt jedoch als fahrradfreundlich. In Deutschland liegt dieser Wert bei 90 Prozent. In Europa geben jedoch auch 61 Prozent an, sich nicht vollständig sicher zu fühlen, wenn sie ihr Rad nutzen. Der Anteil dieser Gruppe aus Deutschland nennt riskantes Verhalten von Autofahrerinnen und anderen Verkehrsakteurinnen als Hauptgrund (61 Prozent). Das starke Verkehrsaufkommen führen mit 52 Prozent die zweitmeisten Befragten hierzulande als Argument an.
Einigkeit besteht länderübergreifend darin, was es braucht, um die Situation für Radfahrende zu verbessern. Am häufigsten genannt wurden mehr geschützte und getrennte Radwege (54 Prozent), sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder (43 Prozent) sowie bessere Beschilderung und Karten für Radwege (36 Prozent).
Das Unternehmen Decathlon resümiert: „Das Barometer sendet eine klare Botschaft: Die Generation Z ist bereit, aufs Rad zu steigen, und erwartet von Städten und Gemeinschaften, dass sie Radfahren im Alltag einfacher, sicherer und sichtbarer machen.“


(sg)


Bundeshaushalt 2026

ADFC begrüßt geplante Erhöhung der Radwegemittel

Der Ende Juli im Kabinett verabschiedete Entwurf zum Bundeshaushalt 2026 sieht eine deutliche Erhöhung der Mittel für den Radverkehr vor. Der Fahrradclub ADFC begrüßt den Schritt, fordert an einer Stelle jedoch Nachbesserungen.

Im Vergleich zum Jahr 2025 will der Bund die Mittel für den Radverkehr erhöhen – und zwar von 442 Millionen Euro auf rund 620 Millionen. Dazu erklärt ADFC-Bundesgeschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann: „Wir sehen darin durchaus ein Signal, dass die Regierung das Fahrrad als zukunftsgerichtetes Verkehrsmittel ernst nimmt. Jetzt kommt es darauf an, die Mittel für den bundesweiten Radwegeausbau langfristig zu sichern und am Bedarf auszurichten. Hierfür ist auch die geplante Anschaffung von Spezialfahrzeugen, die den Zustand von Radwegen schnell und systematisch erfassen können, ein wichtiger Schritt.“
An einer Stelle äußert die ADFC-Frontfrau deutliche Forderungen: „Nachbesserungsbedarf sehen wir bei der Finanzierung von Fahrradparkhäusern an Bahnhöfen. Hier hat es die Bundesregierung versäumt, das 2024 kurzfristig gestoppte Förderprogramm wieder aufzunehmen. Es fehlen nach wie vor über eine Million Fahrradabstellplätze an Bahnhöfen. Dafür braucht es ein langfristig ausfinanziertes Programm.“
Die Bereitstellung von finanziellen Mitteln ist die eine Sache. Wichtig sei jetzt aber auch, dass sie abgerufen und eingesetzt werden. Dazu sagt Caroline Lodemann: „Damit der Radverkehr vor Ort von den Bundesmitteln profitiert, sind die Länder und Kommunen gefragt. Wichtig ist genügend qualifiziertes Personal für die Planung und den Ausbau von Radwegen. Der ADFC-Fahrradklima-Test hat kürzlich erneut gezeigt, dass die Menschen in Deutschland mit der Qualität und Sicherheit der Radwege nicht zufrieden sind.“

(jw)


Abschließbare Box

Chike erweitert Einsatzzwecke für das E-Cargo Pro

Der Anbieter für kompakte E-Lastenfahrräder Chike präsentiert das E-Cargo Pro jetzt mit einer abschließbaren Box auf dem bewährten, kompakten Chassis mit seinem Neigefahrwerk. Damit wird das Modell für Lieferdienste und Gewerbetreibende attraktiv.

Die Box hat ein Volumen von 320 Litern und fasst sechs Euroboxen im Grundformat 30 x 40 cm. Dieses Format haben ebenfalls Getränkekisten oder spezielle Werkzeugboxen.
Auf die hintere, etwas tiefere Ebene passen vier Boxen mit einer Höhe von 25 cm, im vorderen Bereich kommen zwei Boxen mit einer Höhe von bis zu 35 cm unter. Alternativ können im vorderen Bereich Dinge über Gurte und Airline-Schienen fixiert werden, ganz ähnlich wie auf der Plattform des E-Cargo.
Der Deckel ist so konzipiert, dass er eine große Öffnung bietet und per Gasdruckfeder leichtgängig geöffnet und geschlossen wird. Abgeschlossen wird die Box über ein hochwertiges Zylinderschloss. Ähnlich angenehm wie beim E-Cargo ist die Ladehöhe beim E-Cargo Pro zum Be- und Entladen, wobei die niedrige Ladekante ein Vorteil ist.

Fertigung in Norddeutschland

Hergestellt wird die Box in einem Rotationsverfahren aus Polyethylen, einem recyclebaren Kunststoff. Das Fertigungsverfahren ermöglicht gleichmäßig dünne Wandstärken und die individuelle Form der Box. Individuelle Farben sind übrigens schon in kleinen Serien möglich. Mit der Produktion in Norddeutschland erfüllt die E-Cargo-Pro-Box einen weiteren Punkt im Lastenheft: Wie alle weiteren Boxen ist diese ebenfalls komplett in Deutschland gefertigt.
In dem Aufbau mit dem schließenden Deckel ist die Box regen- und spritzwasserdicht, und obendrein wirkt sie schalldämpfend. Ihre Seitenflächen bieten sich geradezu als Werbefläche an.
Zur endgültigen Montage hat es die E-Cargo-Pro-Box nicht weit, denn das neue Modell wird jetzt schon in der Hartje-Manufaktur in Hoya gefertigt – und ist somit bereits bestellbar.
Es wird wie alle anderen Chike Modelle in zwei Varianten angeboten: Mit Shimano-EP6-Cargo-Motor, Riemenantrieb und 630-Wh-Akku sowie der elektronisch schaltenden Shimano Nexus 5E Di2 oder in der SE-Version mit dem Shimano-E6100-Cargo-Antrieb, 418-Wh-Akku, Kette und Shimano-Nexus-5-Gang-Nabenschaltung.

(jw)


Konferenz auf der Eurobike

Radlogistik zeigt sich robust

Trotz einiger Hürden stehen die Zeichen bei der deutschen Radlogistikbranche auf Wachstum. Das beweisen neue Marktdaten, die gemeinsam mit Diskussionen über wichtige Handlungsspielräume die Radlogistikkonferenz auf der Messe Eurobike Ende Juni prägten.

Ein wichtiger Gegenstand der Konferenz war der Branchenreport 2025, welchen der Radlogistik-Verband Deutschland in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Wildau bereits Anfang dieser Woche veröffentlichte. Dr. Tom Assmann, der als Vorsitzender des Verbands das Event moderierte, sprach von herausfordernden Jahren, aus denen die Branche kommt. Weiteres Wachstum gibt es trotzdem, wie die Marktzahlen belegen. 2024 waren ungefähr 6000 Personen im Ökosystem Radlogistik beschäftigt. Das entspricht einem Zuwachs von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 40 Prozent der Unternehmen erwarten für 2025 eine wachsende Zahl an Beschäftigten. Das Ökosystem umfasst mittlerweile 254 identifizierte Institutionen, von operativen Radlogistikern über Hersteller bis hin zu spezialisierten Dienstleistern.
Der Gesamtumsatz der 43 befragten Unternehmen stieg 2024 ebenfalls an. Mit 190 Millionen Euro lag er 4 Prozent über Vorjahres-Niveau.
Sehr erfreulich ist aus Verbandssicht, dass die Unfallzahlen im Zusammenhang mit Radlogistik gering sind. „Radlogistik schafft nicht nur sichere Jobs auf dem Sattel, sondern macht auch die Jobs von anderen auf der Straße sicherer“, betont Assmann. Das insgesamt niedrige Unfallgeschehen zeige, dass Radlogistik eine stadt- und sozialverträgliche Alternative im urbanen Wirtschaftsverkehr darstellt. Hinzu kommt, dass auch Menschen ohne Führerschein einen Job in der Logistik ausüben können und so in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Radverkehr fördern heißt Radlogistik fördern

Mitautor der Studie, Prof. Christian Rudolph, adressiert die Forderungen der Branche, um sich künftig positiv entwickeln zu können: „Der Appell an die Politik bleibt: Bessere Rahmenbedingungen für die Radlogistik-Branche müssen geschaffen werden.“ Konkret wollen die befragten Unternehmen, dass bei öffentlichen Ausschreibungen ein „Sustainable-first“-Prinzip angewandt wird. Weiter fordern sie, klimaschädliche Subventionen wie das Dieselprivileg zu stoppen und bundesweit einheitliche Regelungen für Mikro-Hubs zu treffen. Als Hauptforderung steht weiterhin im Fokus, die Fahrradinfrastruktur konsequent auszubauen und die Mittel für mindestens zwei Meter breite, durchgehende Radwege im Sondervermögen vorzusehen. Ein weiterer Schmerzpunkt: Gewerbliche Lastenräder mit Leasing-Verträgen sind weiterhin nicht förderfähig.
Kernthema des RLVD bleibt weiterhin die Frage, wie E-Cargobikes reguliert werden. Vor Kurzem positionierte sich der Verband bereits zu dieser Frage, velobiz.de berichtete und lud zum Austausch im Ausklang des Konferenzformats ein. Für mehr Klarheit möchte der Verband nun mit einem Begriff für schwere Lastenräder sorgen. Diese sollen künftig Commercial Cargo Bikes heißen, wie ein offener und partizipativer Prozess innerhalb der Arbeitsgruppe Technik & Standardisierung ergab. „Mit dem Begriff Commercial Cargo Bike schaffen wir eine gemeinsame, verständliche Sprache für Fahrzeuge, die täglich wirtschaftlich im Einsatz sind – ob in der Paketzustellung, im Handwerk oder bei kommunalen Diensten. Der Begriff betont den professionellen Nutzen und hebt sich bewusst von Freizeit- oder Privatnutzung ab“, erklärt Sebastian Bächer, Fachvorstand Technick & Standardisierung beim RLVD. Gemeint sind Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 250 bis maximal 600 Kilogramm, wie sie die europäische Norm DIN EN 17860:4 definiert.

„Kommunen sind Marktgestalter für Radlogistik.“

Dr. Tom Assmann, Radlogistik Verband Deutschland

Lastenräder schlagen Vans in Brüssel

Eine Studie, die Larry vs. Harry gemeinsam mit dem belgischen Radlogistiker Urbike und Kale AI durchgeführt hat, zeigte, wie viel effizienter Radlogistik gegenüber der herkömmlichen Van-Logistik ist. Dafür wurden Daten in der Praxis gesammelt, die dann mit simulierten Daten für Van-Lieferungen verglichen wurden. Das Ergebnis zeigt, dass Cargobikes nicht nur viele Ressourcen einsparen können, sondern in Brüssels Stadtverkehr mit 16 km/h schneller als Vans waren (11,3 km/h). Im sechswöchigen Untersuchungszeitraum lieferten sie 10,1 Pakete pro Stunde aus, was mehr als doppelt so viel wie die simulierten Lieferwagen ist (4,9). Die Referenten von Urbike und Larry vs. Harry betonten, dass es viele Studien zum Potenzial der Radlogistik gebe, aber zu wenig Evidenz aus echten Anwendungsfällen.
Ein Schlüsselfaktor für erfolgreiche Radlogistik sind Arbeitskräfte. Input gab es dazu von einem Radlogistikunternehmen aus Paris, den Cargonautes. Die Vertreter des Unternehmens sprachen von guten Bewerberzahlen bei ihren offenen Stellen vor allem in den Sommermonaten und davon, dass der Job als Kurier Radfahrende und mittlerweile zumindest etwas häufiger auch Frauen anspreche. Gehälter 25 Prozent über Mindestlohn und Mitarbeiterleistungen seien wichtig für das Unternehmen, um Mitarbeiterinnen zu halten. Hilfreich seien weiter auch hybride Rollen, bei denen Kuriere beispielsweise auch im Vertrieb eingesetzt werden. Insgesamt sei Radlogistik als Arbeitsbereich positiv besetzt. Gerade in der Fahrradstadt Paris gibt es zudem auch Vorteile für Radlogistik, die die höheren Gehälter möglich machen. Die Stadt ist mit 19.000 Einwohnern pro km² (Berlin: 4100 Personen pro km²) äußerst dicht besiedelt und hat insbesondere in den zentralen Stadtteilen viele wohlhabende Einwohnerinnen.
Stephan Fuchs vom Verbund Service und Fahrrad bemängelte, dass junge Menschen zu wenig Bescheid wissen über Arbeitsmöglichkeiten in der Fahrradbranche. Die 2019 ins Leben gerufene Website fahrrad-berufe.de solle das ändern, scheitere dabei aber zum Teil an der Finanzierung. Als Positivbeispiel stellte Fuchs mit zwei Vertreterinnen von Riese & Müller ein gemeinsames Projekt vor, durch das Angestellte des E-Bike-Herstellers ohne Berufsabschluss diesen in 14 Monaten berufsbegleitend erarbeiten können. Für ähnliche Kooperationen wolle man neue Partner finden, so Fuchs.

Kommunen als essenzieller Baustein

„Kommunen sind Marktgestalter für Radlogistik“, fasste Tom Assmann die Bedeutung kommunaler Rahmenbedingungen für die Branche zusammen. Internationale Beispiele auf der Konferenz zeigten, wie der Support seitens der Kommunen sich strukturieren lässt. Das kann finanzielle Förderung sein, wie ColisActiv sie in Frankreich bietet. Im Schnitt werden Radlogistikunternehmen dabei mit 50 Cent pro Lieferung in den ersten zwei bis vier Jahren unterstützt. Essenziell sind außerdem die Rahmenbedingungen für Radverkehr und Mikro-Depots. In vielen Kommunen fehlt es an Wissen über Potenzial und Praxis der Radlogistik. Das zeigt das Projekt iKnowRadlogistik, welches die Verantwortliche Luise Braun in Frankfurt vorstellt. In Städten, in denen es einen Wirtschaftsverkehrsbeauftragten gibt, sei die Lage etwas besser. Die Website Atlas der Radlogistik hilft Kommunen mit fortlaufenden Informationen, Radlogistik zu fördern.
Zum Abschluss des Fachprogramms, auf das noch eine Tour und ein Netzwerk-Event folgten, sprach Assmann sich dafür aus, auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten und eine zukunftsfähige Welt zu schaffen. Für ihn war die Konferenz sicher ein besonderes Event. Für ihn dürfte es der letzte Auftritt als Vorsitzender des Verbandes gewesen sein. Nach vier Jahren wolle er das Amt abgeben.

(sg)


Bilder: ZETmobil, AKTIONfahrRAD, WIC Germany, Decathlon

Das Auto dominiert die Mitarbeiter-Mobilität in Deutschland. Doch Unternehmen haben schon jetzt einen ganzen Köcher an Maßnahmen, um der Belegschaft das Fahrrad und andere Alternativen schmackhafter zu machen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)


65 Prozent der Pendlerinnen fahren laut dem in diesem Jahr veröffentlichten Mikrozensus des Statistischen Bundesamts in der Regel mit dem Auto zur Arbeit. Dieser Wert ist gegenüber der Erhebung von 2020 immerhin um 3 Prozentpunkte gesunken. Das dürfte zu einem großen Teil am Deutschland-Ticket liegen, das dazu beigetragen hat, dass 2 Prozent mehr (nun 16 Prozent) den ÖPNV für ihren Weg zur Arbeit wählen. Das Fahrrad liegt als Verkehrsmittel laut den Datensätzen auf dem dritten Platz mit 10 Prozent Pendlerinnen-Anteil. Gegenüber 2020 ist dieser Wert jedoch unverändert geblieben. Wie lässt sich diese Stagnation überwinden? Für diese Frage lohnt es, die Hebel näher zu betrachten, die Unternehmen betätigen können, um das Fahrrad als Fahrzeug für Pendler*innen zu stärken.
Wer als Unternehmen das Fahrrad als Fahrzeug angemessen fördert, kann sich vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC) als fahrradfreundlicher Arbeitgeber zertifizieren lassen. Projektleiterin Sara Tsudome weiß, dass es viele verschiedene Werkzeuge gibt, um das Radfahren in der Belegschaft zu fördern. „Ein sehr wichtiger Bereich sind die Abstellanlagen. Arbeitgeber, die sich damit schon beschäftigt haben, sind im Vorteil“, erklärt Tsudome das in ihren Augen größte Handlungsfeld für viele Unternehmen. Wer sein Fahrrad nicht richtig abstellen kann, bringt es aus Sorge um Beschädigungen oder Diebstahl oft gar nicht erst mit. „Felgenklemmer“, die nur die Vorderräder abstützen, reichen nicht aus, so Tsudome. Unterschätzt sei als Maßnahme, dass auch Spezial- oder Lastenräder Stellplätze brauchen, für die reguläre Fahrradbügel nicht die richtigen Ankerpunkte oder zu schmale Stellflächen bieten. An diese Fahrzeuge würden viele Unternehmen nicht denken.

Auch während der Arbeit können Fahrräder in der Mitarbeitermobilität zum Einsatz kommen.

55 Maßnahmen fürs Zertifikat

Abstellanlagen sind eine der Maßnahmen, die sich nicht von heute auf morgen umsetzen lassen und je nach Unternehmensgröße eine kostenintensive Investition darstellen können. Andere Werkzeuge sind hingegen schneller umsetzbar. 55 Maßnahmen hat der ADFC in einem Handbuch gesammelt, das auch als Grundlage dafür dient, die Betriebe zu zertifizieren: „Die Maßnahmen lassen sich in sechs verschiedene Felder einordnen. Wer sich zertifizieren lassen möchte, muss in allen Feldern Maßnahmen nachweisen können.“ Die Aktionsfelder (AF) zeigen, dass Betriebe vielfältige Möglichkeiten haben. Sie können die Radfahrerinnen im Betrieb vernetzen oder belohnen (AF Information, Kommunikation und Motivation), Räder, Lastenräder oder Fahrradanhänger für betriebliche Transporte anschaffen (AF Koordination und Organisation) oder Fahrrad-Check-Tage und Gesundheitsangebote anbieten (AF Service). Außerdem ließen sich Trockenräume und Duschen installieren (AF Infrastruktur), Dienst-Pkw reduzieren (HF Parkraum-Management und Komplementärmaßnahmen) und eine Fahrrad-Service-Box für Besucherinnen oder Kundinnen einrichten (AF Kundenverkehr). Die einzelnen Maßnahmen wirken am besten zusammen, weil sie ineinandergreifen und ihre Wirkung wechselseitig verstärken können. Wer das Zertifikat als fahrradfreundlicher Arbeitgeber erlangen will, muss in allen Handlungsfeldern Aktivitäten vorweisen können. Wenn es eine gute Infrastruktur gibt, aber keine Motivation in der Belegschaft, diese zu nutzen, ist wenig gewonnen, erklärt Tsudome. Andersherum kann sich eine geschaffene Motivation nicht entfalten, wenn es keine konkreten Angebote gibt. Wichtig sei zudem, eine Person im Betrieb zu benennen, die sich des Themas annimmt, und ein langfristiges Konzept zu erarbeiten. Hilfreich ist weiter, über die Maßnahmen zu informieren: „Gerade bei größeren Betrieben oder Organisationen kann es schnell passieren, dass Leute überhaupt nicht wissen, welche Angebote es gibt.“ Die Informationen gilt es wiederholt in der Belegschaft bekannt zu machen. In den meisten Betrieben gibt es schließlich regelmäßig neue Mitarbeiterinnen oder eine veränderte Lebenssituation bei bestehenden Team-Mitgliedern, etwa wenn deren Kinder anfangen, alleine zur Schule zu fahren.
Ob die Mitarbeiter*innen das Fahrrad nutzen können und damit komfortabel, schnell und sicher unterwegs sind, haben nicht nur die Unternehmen in der Hand, sondern auch die Kommunen und Kreise. Gerade in Industriegebieten auf der grünen Wiese ist es eine Frage des Glücks, ob diese das Radwegenetz bis dorthin mitplanen. Doch Tsudome sagt: „Wir bestärken die Arbeitgeber auch darin, dass sie mit ihren Kommunen und ihren Kreisen ins Gespräch gehen.“ So können sich Unternehmen allgemein für den Radverkehr an ihrem Standort starkmachen oder konkrete Lückenschlüsse, Querungshilfen und Co. an schwierigen Stellen einfordern.
„Das Interesse an den Zertifizierungen steigt weiter an“, resümiert Tsudome. Die Zertifikate ermöglichen es, als Arbeitgeber positiv aufzufallen. Das Interesse sei insbesondere da hoch, wo Branchen es schwer haben, Leute zu finden, sagt Tsudome.

Sechs Aktionsfelder sieht der ADFC, um als Unternehmen fahrradfreundlich zu werden. Wer entsprechend zertifiziert werden möchte, muss in allen Bereichen Maßnahmen umsetzen.

Leasing ist verbreiteter Benefit

Die Studie „Berufliche Mobilität neu gestalten“ des Future Mobility Lab, an der unter anderem die Universität St.Gallen und Jobrad beteiligt waren, hat bestätigt, dass Arbeitgeber großen Einfluss darauf haben, wie Arbeitnehmerinnen ihre Mobilität gestalten. Zudem attestiert sie, dass in diesem Bereich vieles in Bewegung ist. Die Ende März veröffentlichte Umfrage unter knapp 1000 Arbeitgebern und knapp 3000 Arbeitnehmerinnen ergab, dass 59 Prozent der Unternehmen ihre Mobilitätsangebote in den letzten Jahren geändert hatten oder zum Zeitpunkt der Studie änderten. Beliebte Maßnahmen bei diesem Anteil der Befragten waren, Flotten zu elektrifizieren (72 Prozent) und mehr Homeoffice-Tage zu gestatten (62 Prozent).
Spitzenreiter unter den umgesetzten Instrumenten (77 Prozent) war es, Dienstrad-Leasing einzuführen. Alex Han ist Leiter Dienstrad-Leasing und Head of Sales MicroMobility bei Kazenmaier Leasing GmbH. Das Unternehmen hat seine Ursprünge in der Autovermietung und bietet umfangreiche Leasing-Angebote an, von Fahrrädern und Rollern bis hin zu Bussen und Lkws. Er erklärt den Reiz dieser Finanzierungsform: „Sowohl im Auto- als auch im Fahrrad- oder Rollerbereich ist ein Leasing-Modell über Entgeltumwandlung für Mitarbeiter ein Vorteil, weil rein theoretisch jeder davon profitieren kann. Davon profitieren nicht nur ausgewählte Mitarbeiter, wie beim Dienstwagen, sondern die breite Masse.“
Wer nicht nur einen Minijob hat oder kurz vor dem Renteneintritt steht, kann bei einem abgeschlossenen Rahmenvertrag des Arbeitgebers üblicherweise mit einer Laufzeit von 36 Monaten Leasing-Verträge abschließen. „Leasing wird in Deutschland immer populärer“, so Han. Für Unternehmen könne der Benefit dazu beitragen, Mitarbeiterinnen zu motivieren und zu halten. Die Nachfrage sei hoch. Genauso freuen sich viele Arbeitgeber, den Service anbieten zu können, erklärt Han: „Den Arbeitgeber kostet das Leasing praktisch gar nichts, weil er die Sozialversicherungsbeiträge spart. Dadurch kann er zum Beispiel im Fahrrad-Leasing auch die Kosten für eventuelle Pakete übernehmen. Insgesamt spart das Unternehmen aber immer noch ein paar Euro.“ Dass Mitarbeiterinnen beim Leasing Geld sparen, führt mit Blick auf die Fahrräder und E-Bikes dazu, dass sie sich hochwertigere Fahrzeuge anschaffen können. Laut einer Studie von Zukunft Fahrrad und Deloitte lag der Durchschnittspreis im vergangenen Jahr bei 3720 Euro für ein geleastes E-Bike und 2600 Euro für ein geleastes Fahrrad. Diese Fahrzeuge dürften mehr Freude bereiten, länger halten und insgesamt stärker zum Radfahren motivieren. Für ein Dienstrad gilt: „Die Mitarbeitenden müssen es nicht zum Pendeln nutzen“, so Han. Für Betriebe bestünden jedoch Möglichkeiten, zu fördern, dass die angeschafften Räder auch auf dem Weg zur Arbeit zum Einsatz kommen. Apps wie Stadtradeln, ByCycling, Radbonus, DB Rad+ und Co. erlauben es, die gefahrenen Kilometer festzuhalten. Arbeitgeber könnten diese Services für einen Wettbewerb nutzen. „So was steht gerade erst am Anfang. Aber es wird immer mehr Thema werden“, meint Han.

Mobilitäts-Budget hat viel Potenzial

Die Studie des Future Mobility Lab brachte noch eine weitere Erkenntnis zur betrieblichen Mobilität hervor. Rund 40 Prozent der befragten Unternehmen wissen nur sehr wenig über die Mobilitätsbedürfnisse und das Mobilitätsverhalten ihrer Mitarbeitenden. Außerdem sind viele von ihnen unsicher hinsichtlich regulatorischer Bestimmungen. (Steuer-)Rechtliche Fragen hindern 43 Prozent daran, ihre Angebote weiterzuentwickeln, gefolgt von Budget-Fragen (44 Prozent) und dem Finden von passenden digitalen Lösungen zur Prozessabwicklung (26 Prozent). In diese Kerben will das Unternehmen Fast2Work GmbH schlagen. Geschäftsführer Ronald Bankowsky erläutert: „Die Fast2Work verfolgt die Aufgabe, mit belastbaren Zahlen das Mobilitätsverhalten infrage zu stellen. Erst, wenn du weißt, was du wirklich machst, kannst du es verändern.“
Zu diesem Zweck haben Bankowsky und sein Team eine Software entwickelt, mithilfe derer sie Benefits in einer App sichtbar machen können. Wer als Unternehmen die Dienstleistung wahrnimmt, erhält zunächst über eine Umfrage Einblicke, wie das aktuelle Mobilitätsverhalten der Mitarbeiterinnen ist. Auch die Mitarbeiterinnen selbst können sehen, welche Kosten und welcher CO2-Ausstoß mit den eigenen Fortbewegungsgewohnheiten verbunden ist.
Bankowsky, der vor Fast2Work schon die Mein Dienstrad GmbH gegründet hat, meint, dass Dienstrad-Leasing vor allem jene Leute interessiere, die ohnehin das Fahrrad nutzen. Mehr Potenzial, Mitarbeitende vom Auto wegzulocken, sieht er in dem Konzept eines Mobilitäts-Budgets: „Das ist das weitergedachte Dienstrad sozusagen. Damit lassen sich mehr Leute erreichen.“ Noch zu Zeiten der Ampelkoalition gab es einen politischen Vorstoß, der den rechtlichen Rahmen für Mobilitäts-Budgets vereinfachen sollte. Das Vorhaben scheiterte an der nötigen Mehrheit im Bundesrat. Bankowsky: „Es gab eine große Initiative im letzten Jahr dafür, dass das Mobilitäts-Budget im Gesetz verankert wird, sodass jedes Unternehmen seinen Mitarbeitern eine gewisse Summe pauschal besteuert zur Verfügung hätte stellen können.“ Bankowsky rechnet damit, dass der nächste Gesetzesentwurf noch in dieser Legislaturperiode kommen wird. Dann wollen er und sein Team mit der Verwaltung von Mobilitäts-Budgets durchstarten.

Fast2Work visualisiert Benefits in einer App. Außerdem bietet das Unternehmen eine Bezahlkarte für Sachbezüge.

Wer Verantwortliche benennt und das Fahrrad durch Wettbewerbe und andere Aktionen zum Teil der Unternehmenskultur macht, kann so fördern, dass die Belegschaft umsteigt.

600 Euro jährlich

Bis das Mobilitäts-Budget richtig Fahrt aufnimmt, nützt die Anwendung von Fast2Work vor allem dafür, bestehende Benefits für Mitarbei-terinnen sichtbar zu machen. Dazu zählen etwa Essensgutscheine oder das Deutschland-Ticket. Dazu kommt ein wichtiges, flexibel einsetzbares Instrument, wie der Geschäftsführer erklärt: „Im Augenblick gibt es den Sachbezug. Das sind 50 Euro im Monat, die nicht besteuert werden. Damit kannst du Mobilität bezahlen oder ins Fitness-Studio gehen.“ Den Sachbezug können Unternehmen mit einer speziell dafür ausgelegten Bezahlkarte umsetzen, die Fast2Work anbietet. 600 Euro im Jahr lassen sich dafür ohne Lohnnebenkosten zur Verfügung stellen. Das Budget lässt sich über Monate hinweg ansparen. Die Betriebe können festlegen, wofür und wo die Mitarbeitenden das Geld ausgeben. Denkbar sind zum Beispiel Lebensmittel aus Bioläden, Schutzkleidung und Zubehör fürs Radfahren oder eben Mobilitätsangebote. Für Mitarbeiter-Benefits, beispielsweise auch das Deutschlandticket, betont Bankowsky, dass es wichtig sei, diese strategisch einzusetzen. Nicht jedes Angebot sei für alle Mitarbeiterinnen relevant. Manche bräuchten Alternativen. Bankowsky plädiert dafür, das Verhalten der Mitarbeiterinnen differenziert über Bonus- und Malus-Systeme zu steuern. Man könne etwa Parkplätze für jene Teile der Belegschaft verteuern, die eine gute Möglichkeit haben, mit dem ÖPNV oder Rad anzureisen, und sie kostenlos anbieten für jene, die es nicht können. Eine weitere Möglichkeit sieht er darin, das Radfahren generell oder bei Regen und im Winter mit einer Prämie zu belohnen. Persönliches Verhalten zu ändern, sei oft ein träger Prozess, meint Bankowsky. „Man hat seine Komfortzone und einen festen Ablauf.“ Hilfreich können Positiverlebnisse außerhalb des beruflichen Kontexts sein, etwa die sonntägliche Radfahrt zum Bäcker oder die Tour im Urlaub. Finanzielle Steuerungselemente werden dann wirksamer, wenn man Einsparungen oder Bonus-Zahlungen konkreter erscheinen lässt. Viele Menschen wüssten etwa gar nicht genau, was ihr Auto sie eigentlich kostet, weil sie keine Vollkostenrechnung machen. Bankwosky: „Wenn man die Ersparnisse als Familienurlaub oder als 50 Restaurant-Besuche sieht, klingt das schon ganz anders.“ Allgemein gilt laut Bankowsky, wenn Menschen ihr persönliches Verhalten ändern sollen: Sie müssen sehen, dass es andere Wege gibt, diese ausprobieren und dafür gewürdigt werden. Unternehmen haben mehr als einen Schlüssel in der Hand, um ihre Mitarbeiterinnen dabei zu unterstützen. Aber auch die Rahmenbedingungen vor Ort und in der Politik müssen stimmen. Letzteres hat das Dienstrad-Leasing bereits erfolgreich bewiesen. Es bleibt abzuwarten, ob auch das Mobilitäts-Budget durch rechtliche Vereinfachungen bald dazu kommen wird, sein Potenzial für die Mobilitätswende endlich auszuschöpfen.


Bilder: Andreas Bittner, Grafik: Fahrradfreundliche Arbeitgeber, Brunsbüttel Ports GmbH, Fast2Work GmbH, HS Ansbach

Wenn das Bike spielerisch mit Autos im Stadtverkehr mithalten kann, dann beginnt die Verkehrswende und damit die Freiheit. So könnte man das Versprechen des S-Pedelecs interpretieren. Doch sind Autofahrende bereit, die Straße zu teilen? Oder werden S-Pedelec-Nutzende zum Freiwild? Fahrstil-Herausgeber Gunnar Fehlau startete für die neue Ausgabe des Radkulturmagazins einen Selbstversuch.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)


Der erste Blick auf ein S-Pedelec offenbart fürs ungeschulte Auge fast keinen Unterschied zum klassischen Pedelec. Widmen wir uns darum kurz den inneren Werten: Während das „klassische“ Pedelec die Beine bis 25 km/h unterstützt, „schiebt“ das S-Pedelec bis 45 km/h mit. Aus einem gemütlichen Radwegrad wird so ein Verkehrsmittel mit Tour-de-France-Tempo. Dass dieses Fahrzeug – denn es ist juristisch kein Fahrrad mehr – auf deutschen Straßen fahren darf, ist kein Ergebnis eines planvollen, politischen Gestaltungsverfahrens, sondern vielmehr Konstruktions- und Regulationsslalom durch die Anforderungen und Ausschließungen bestehender Fahrzeugklassifizierung. Die ersten S-Pedelecs auf die Straßen zu bringen, war in den Nullerjahren exakt so kompliziert, wie es hier klingt, und hing nicht selten vom Wohlwollen einzelner Institutionen und Personen ab. Was an einem Ort legal in den Verkehr gebracht werden konnte, wurde an anderer Stelle abgewiesen. Diese wilde Phase wich vor gut zehn Jahren einem weitgehend einheitlichen bundesweiten Vorgehen.

Vom Fahrrad zum Fahrzeug

Mit der rechtlichen Transformation vom Fahrrad zum Fahrzeug (Kleinkraftrad, Klasse L1e B bei zweirädrigen bzw. L2e bei dreirädrigen Fahrzeugen) gehen viele kleine und große Unterschiede einher. Das Gesetz schreibt Details und Ausstattungsmerkmale vor, wie eine bestimmte Form der Bremshebel, die Ausführung des Seitenständers, die Lichtfunktionen oder auch seitliche orange-farbene Reflektoren, um nur einige zu nennen. Das Fahrzeug muss versichert und mit entsprechenden Kennzeichen gefahren werden. Bei Nutzung, Wartung, Unterhalt und Modifikation muss umgedacht werden.

Das Straßenschild „S-Pedelec frei“ findet man bisher nur in und um Tübingen.

Wo die Freiheit fahren darf

Alle, die ihre Teenage-Jahre vor der Jahrtausendwende erlebten, sind beim S-Pedelec-Verstehen im Vorteil. Sie können auf die Mofa-Lebensrealität ihrer Jugendzeit referenzieren. Das hat eine gewisse juristische Unschärfe, trifft aber in vielen Aspekten den Punkt. Etwa bei der Streckenwahl. Das S-Pedelec ist ein Kraftfahrzeug. Damit sind Waldwege, Stadtparks und auch Radwege tabu, so sie nicht explizit für die Nutzung mit dem „Leichtkraftrad“ freigegeben sind. Der Umkehrschluss: Mit dem S-Pedelec muss man auf der Straße fahren.

Gut behütet

Während beim Fahrrad die Entscheidung zum Helmtragen eine individuelle und freiwillige ist, schreibt die StVO schon seit vielen Jahren für Vehikel der Fahrzeugklassen, die auch das S-Pedelec umfassen, einen „geeigneten Helm“ vor. Auch hier zeigte sich, dass einzelne Akteurinnen den Begriff „geeignet“ anfangs extrem unterschiedlich auslegten. So kam es zu Verkehrskontrollen, in denen Polizistinnen monierten, dass auf dem S-Pedelec ein Motorrad-Integralhelm zu tragen sei. Hier hat ein Interessenvermittlungsprozess zwischenzeitlich für Klarheit und entsprechende „Normierung“ gesorgt. Es gibt S-Pedelec-konforme Helme, die in Erscheinung und Nutzungserleben (Gewicht, Tragekomfort, Rundumsicht usw.) nahe am Fahrradhelm sind und deren Sicherheits-Niveau der S-Pedelec-Geschwindigkeit Rechnung trägt. Es gilt aber rigoros: kein Helm, kein Fahren!

Traumgeschwindigkeiten im Ruhepuls

Hersteller Stromer hat mir zum Praxistest für diesen Artikel ein „ST5“ zur Verfügung gestellt. Jetzt ist Zeit, mal auf das Rad zu steigen und in den Alltag zu fahren: mittleren Unterstützungsmodus und mittleren Gang eingelegt und reingetreten. Heidewitzka, geht da die Luzie ab! Der Bolide beschleunigt unter sportivem Antritt fast spielerisch auf 40 km/h. Dem Reflex, nach links in die Fahrradstraße abzubiegen, muss ich widerstehen: nicht mein legales Terrain! Ich kurve auf die Hauptstraße und reihe mich in den Autoverkehr ein. Ein paar beherzte Pedalumdrehungen und Gangwechsel, schon erreiche ich die 45-km/h-Schallmauer. Will ich schneller fahren, so geht dies nur per Muskelkraft oder mit Gravitationsunterstützung. Dennoch bin ich legal nicht zu überholen und schwimme im Autoverkehr mit.

Ballert wie ein starkes Peloton

Der Stromer dekalibriert alles Gelernte zum Verhältnis von Reintreten und Fahrgeschwindigkeit. Was sonst das Pedalieren um die 25 km/h ist, verschiebt sich um gut 15 bis 20 Stundenkilometer. Im Positiven wie im Negativen. Man tut gut daran, sich sehr schnell an den längeren Bremsweg, die notwendigen Reaktionszeiten und schrägeren Kurvenlagen zu gewöhnen, sonst wird es für alle brenzlig. „Schneller“ jedoch grundsätzlich mit „gefährlicher“ gleichzusetzen, wäre zu kurz betrachtet.
Die Argumentation der Beschleunigungsreserve, mit der Petrol-Heads gern die Wahl starker Motorisierungen erklären, leuchtet mir, auf dem S-Pedelec sitzend, durchaus ein. Außerdem sollten wir hier über das Phänomen der Differenzgeschwindigkeit sprechen: Das S-Pedelec, das dank seiner höheren Geschwindigkeit im Verkehr mitschwimmt, wird im Verkehrsgeschehen seltener überholt werden – das vermeidet Engstellen und Gefahrenmomente. Genau aus dieser Argumentation heraus sprechen sich manche Verkehrsexpert*innen für eine Angleichung der maximalen Unterstützungsgeschwindigkeit beim Pedelec und S-Pedelec an die gängigen Geschwindigkeitslimits (30 und 50 km/h) aus. Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand: „Diese Anpassung ist politisch nicht diskutier- und umsetzbar“, heißt es.

Innerer Paradigmenwechsel

Radfahrerinnen fahren ja häufig so schnell, wie sie können. Das herkömmliche Pedelec macht in dieser Logik „untrainierte Radfahrende“ zu trainierten, aber im eigentlichen Sinne nicht zu „besonders schnellen“. Anders das S-Pedelec: Es hebelt halbwegs fitte Radfahrende in jene Geschwindigkeitsgefilde, die abseits starken Gefälles nur in Radrennen erreicht werden. Daran müssen sie und Verkehrsteilnehmende sich erst einmal gewöhnen. Nicht nur deshalb tun S-Pedelec-Pilotinnen gut daran, nicht weiterhin stets so schnell zu fahren, wie sie können, sondern so, wie es der jeweiligen Verkehrssituation angemessen ist. Auf dem Rad ist das für viele eine völlig neue Betrachtungsweise – auch wenn sie sie im Kfz längst verinnerlicht haben.

Bereitschaftsspanne

Wer die Alltagsmobilität mit dem S-Pedelec erledigt, ist auf den gleichen Strecken unterwegs, die andere noch aus Gewohnheit oder frei von besserem Wissen mit dem Auto zurücklegen. Die Spanne der Bereitschaft, der Vorstellung davon, wie sehr man das eigene Verhalten zu ändern in der Lage ist, ist hierzulande noch recht schmal, scheint es. Doch das S-Pedelec bietet eine ganze Reihe von Ansätzen, die die Änderungsbereitschaft unterstützen – es ist die Verkehrswende zum Selbsteinschalten. Motivation (und finanzielle Möglichkeiten) vorausgesetzt!

Selbst ein prominent angebrachtes Versicherungskennzeichen heißt nicht für alle sofort: Der darf gar nicht auf den Radweg!

Das Wissen der anderen

Als sportlicher Radfahrer, der oft unter dem Zustand von Radwegen leidet, juble ich mit dem S-Pedelec auf: Endlich kann ich legal auf der Straße flitzen, statt über den Radwege-Acker zu holpern! Doch der Jubel ist verfrüht. Das Fahren mit dem S-Pedelec auf der Straße ist nur so lange entspannt, wie es keine anderen Verkehrsteilnehmerinnen gibt. Damit ist nicht der Umstand ihrer Existenz gemeint. Wir Radfahrenden sind Autos auf Straßen und Wegen gewohnt. Auch, dass diese – da ist die Studienlage eindeutig – häufig zu eng überholen. Doch das rechtskonforme S-Pedelec-Fahren auf der Straße „triggert“ Autofahrende besonders außerorts, wenn sich neben der Straße ein Radweg befindet. All die 40 Millionen Fußballbundestrainerinnen, die es besser zu wissen glauben als Julian Nagelsmann, sind nämlich durchweg auch „Zivilpolizist*innen mit unzureichendem Regelwissen“, die meinen, S-Pedelec-Fahrende maßregeln zu dürfen: Sie hupen, fluchen, gestikulieren wild, sie drängeln und schneiden. „Die Hölle, das sind die anderen“, sagte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, und das beschreibt das S-Pedelec-Fahren im deutschen Straßenverkehr bestens.

Emotionale Abnutzungseffekte

Die Freude, mit einer ungekannten Leichtigkeit im Verkehrsgeschehen mitschwimmen zu können, verzückt mich vom ersten Meter an. Da ist zum einen der profane Rausch der Geschwindigkeit, dem zu erliegen mir eine fast kindliche Freude bereitet. Das hat aber auch eine emanzipierende, empowernde Komponente: „Endlich dazugehören! Nicht mehr am Rand rumeiern, sondern mittendrin sein und dabei!“ Der Stromer hat „echt Wumms“ und damit durchaus Verkehrswendepotenzial. Nach einigen Fahrten nutzt sich meine rohe Freude an der formidablen Beschleunigung zwar etwas ab und weicht einer Selbstverständlichkeit, einer Gewöhnung. Das ist aber auch gut, weil meine Aufmerksamkeit damit wieder ins Außen, also ins Verkehrsgeschehen geht. Das neue Tempo auf Alltagswegen sorgt dafür, dass ich die Wegzeiten neu kalkuliere und so meinen Tagesablauf anpassen kann. Und ist der Wecker einmal auf später gestellt, gewöhnt man sich umgehend daran.
Doch einen großen Haken hat die Sache: Die Einschränkung in der Streckenwahl mit dem S-Pedelec schmerzt mich stark. Statt auf dem breiten Waldweg autofern, zügig und direkt vorwärtszukommen, muss ich den Wald meiden, darf die Radwege nicht nutzen und bin auf Landstraßen angewiesen. Ein Terrain, das Autofahrende nur ungern teilen und dies auch lautstark mitteilen. Und als Fahrzeug darf man ein S-Pedelec auch nicht im Zug mitnehmen.
Spitze ich meine Erfahrungen zu, so könnte ich sagen, dass mein Pulsschlag eher vom Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden abhängt als von der Intensität meines Pedalierens. Für den Status quo des (S-Pedelec-)Radverkehrs kein gutes Zeugnis!

„Damit S-Pedelec-Fahrende nicht zum Freiwild in einer Autowelt werden, benötigen sie bessere Rahmenbedingungen.“

Gunnar Fehlau

Die Freiheit jenseits der Grenzen

Andere Länder haben das anders geregelt. So dürfen in der Schweiz S-Pedelecs sehr wohl auf Radwegen fahren. Freilich nicht mit 45 km/h, aber das ist auch nicht die Prio der Fahrenden. Sie wollen und können spielerisch/situativ entscheiden, ob sie in „üblicher Fahrradgeschwindigkeit“ auf dem Radweg pedalieren oder mit bis zu 45 km/h auf der Straße. S-Pedelecs haben dort auch deshalb einen 35-mal höheren Marktanteil, verglichen mit Deutschland (0,5 gegenüber 18 Prozent der verkauften E-Räder). Auch Belgien hat seine Gesetzgebung ähnlich angepasst und seither boomen S-Pedelecs dort. Belgien war auf deutschem Niveau und nähert sich schweizerischen Verhältnissen.

Freiheit braucht Struktur

Verschiedene Sozialwissenschaften erklären, dass Freiheit Struktur braucht und dass Verhältnisse Verhalten prägen. Beides kann sicherlich auch fürs S-Pedelec gelten.
Das S-Pedelec braucht eine geeignete Infrastruktur, es braucht praxisgerechte Gesetze und die Verhältnisse im Straßenverkehr müssen so geregelt werden, dass sie sicheres Verhalten für alle Verkehrsteilnehmenden von allen Verkehrsteilnehmenden hervorbringen oder zumindest nicht unterminieren.

Verkehrswende zum Selberstarten

Als erste Stadt hat Tübingen 2019 den Schritt gewagt und ein Radwegenetz für S-Pedelec-Nutzer*innen freigegeben. In Zusammenarbeit mit der Landesregierung von Baden-Württemberg ist so ein spezielles Verkehrsschild entstanden, das auf die Freigabe von S-Pedelecs auf diversen Verkehrsflächen hinweist. Rund 100 dieser Schilder sind mittlerweile im Stadtgebiet installiert und das so entstandene S-Pedelec-Wegenetz umfasst ca. 80 Kilometer. Außerdem wurden Geschwindigkeitsbeschränkungen an sicherheitsrelevanten Knotenpunkten eingeführt. Die Bilanz bislang: Es gibt keine polizeilich gemeldeten S-Pedelec-Unfälle und keine Beschwerden aus der Öffentlichkeit.

Der Autor und sein Leih-Bolide.

Sowas wie ein Fazit

Dies ist kein Test des Stromer ST5. Allerdings wollte ich sehr wohl „die Idee S-Pedelec“ auf den Prüfstand stellen. Ich muss festhalten, dass die Fahrzeuggattung absolut das Zeug hat, die Zwangsläufigkeit der Gleichung „Mobilität = Auto“ für mancherlei Anwendungsszenario zu durchbrechen. Das S-Pedelec schrumpft Pendeldistanzen und reduziert Fahrzeiten gehörig.
Damit S-Pedelec-Fahrende nicht zum Freiwild in einer Autowelt werden, benötigen sie bessere Rahmenbedingungen aus geeigneter Infrastruktur, angepasster Gesetzgebung und kooperativer Umgangskultur. Damit beschreibt das S-Pedelec im Brennglas, was auch dem gemeinen Fahrrad(fahren) in dieser Gesellschaft fehlt. Und dennoch: Mit ein wenig Besonnenheit macht es schon jetzt richtig viel Spaß!


Bilder: Stromer – Elstner Ruben, Gunnar Fehlau, Frank Stefan Kimmel

Auf der Straße sind Lastenräder immer noch eher eine Randerscheinung. Aber in politischen Debatten sind sie eine beliebte Zielscheibe konservativer Politiker*innen. Es lohnt sich, nachzufragen, woran das liegt.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)


Bei X, in Talkrunden und Interviews stürzen sich konservative und rechte Politikerinnen aufs Lastenrad wie ein Pitbull auf seinen neuen Kauknochen. Für sie ist das Rad mit der Transportbox der Inbegriff grüner Klientelpolitik. „Mit dem Lastenrad lässt sich keine Zukunft gestalten“, wetterte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Februar auf X. Friedrich Merz spottete im Handelsblatt-Interview: „Sollen die Urlauber zukünftig mit dem Lastenrad nach Mallorca fahren?“ Und selbst Lastenradbesitzer und Welt-Autor Marcel Leubecher, nennt es „Das Arschgeweih des Alnatura-Adels“ und keilt damit kräftig gegen die eigene Ehefrau, die die „E-Wuchtbrumme“, den „Stromkoloss“, das »Eisenschwein« unbedingt haben wollte. Das Lastenrad hat das Fahrrad als Feindbild der Konservativen abgelöst. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, schießen CDU-, CSU- und FDP-Politikerinnen gegen das Rad mit Transportbox. Das überrascht, denn mit gerade mal rund 1,1 Millionen Exemplaren sind Lastenräder in Deutschland immer noch eine Randerscheinung. Auf den Straßen sind deutlich mehr Mopeds (1,7 Mio.) unterwegs, Motorräder (5 Mio.), Autos (48 Mio.) und Fahrräder (84 Mio.) Doch anders als Moped und Motorrad stehen Lastenräder für einen Wandel im Verkehr. Aber reicht tatsächlich schon der Anflug von Veränderung, um Konservative derart aufzubringen? Und welche Angriffsfläche bieten Hersteller den Lastenradkritiker*innen?

„Da rationale Argumente gegen das Lastenrad fehlen, wird eine emotionale Rhetorik genutzt.“

Stefan Gössling, Professor für Verkehr und Nachhaltigkeit

Lastenrad als Projektionsfläche

„Die Polemik richtet sich eigentlich nicht speziell gegen das Fahrrad“, stellt Stefan Gössling fest, Professor für Verkehr und Nachhaltigkeit und Autor des Buches „The Psychologie of the Car“. Das Lastenfahrrad diene eher als Projektionsfläche für eine diffuse Wut in Teilen der Bevölkerung, als Feindbild des Progressiven. Denn es ist bewiesen, dass Lastenräder Autofahrten ersetzen, Staus vermeiden und Emissionen senken. „Da rationale Argumente gegen das Lastenrad fehlen, wird eine emotionale Rhetorik genutzt“, sagt Gössling.
„Das Fahrrad taugt schon lange nicht mehr als Zielscheibe, weil inzwischen fast jeder im Alltag oder in der Freizeit mit Rad oder E-Bike unterwegs ist“, erklärt der Wissenschaftler. Selbst Söder inszenierte sich 2021 in einem Wahlwerbespot mit E-Bike in bayerischer Natur. Allerdings verändere der Verkehr sich in einigen Kommunen massiv, sagt Gössling. Zwar dominiere das Auto weiterhin den Straßenraum, aber in vielen Städten wachse der Anteil des Fahrrads am Gesamtverkehr. Städte bauten geschützte Radspuren in Kfz-Spurbreite und Autoparkplätze werden in Lastenradstellplätze umgebaut. Das ärgert viele Autofahrerinnen. „In der Wahrnehmung der Autofahrer verlieren diese real an Platz“, sagt Gössling, „verstehen allerdings nicht, dass ein Lastenrad im Vergleich zum Auto weniger Fläche beansprucht.“ Außerdem müssen sie Rücksicht nehmen und sich an den komplexer werdenden Verkehr anpassen. Das sei anstrengend. Und nun kommen auch noch die Lastenräder: massig, präsent, schnell. Sie werden echte Konkurrenten auf der Straße. „Nichts ärgert Autofahrer mehr als jemand, der schneller ist, denn die höhere Geschwindigkeit ist ja auch eine Rechtfertigung für das Auto“, weiß Gössling. Hinzu kommt: Lastenräder sind Lastenesel. Sie transportieren Kinder und sperrige Gegenstände. „Damit entfällt für viele Menschen noch eine Ausrede, warum sie das Auto brauchen“, sagt Gössling. Doch etwas anderes bringt Autofahrerinnen noch mehr auf die Palme: „Lastenradfahrer wirken oft entspannt und gut gelaunt, wenn sie mit ihren Kindern durch die Stadt fahren und sich dabei unterhalten“, sagt Gössling. Fast scheint es so, als meisterten sie das Leben leichter. Zu dem Ärger über die Neuen geselle sich also auch noch Neid. „Das triggert Autofahrer und Politiker“, sagt er.
Das vermeintliche Familienglück der Lastenradfahrer*innen ist für den Kommunikationsexperten Matthias Riegel ein zentraler Reizpunkt. „Das Lastenrad riecht für viele nach Luxus, nach Prenzlauer Berg und Latte macchiato“, sagt er – nach den Gutverdienenden, die nicht nur ein Lastenrad besitzen, sondern auch ein Auto haben und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.

„Für sie ist Elektromobilität vor allem etwas für Reiche – für Anwälte und Ärzte.“

Nico Jungel, Geschäftsführer Velofracht

Lifestyle versus Alltagstauglichkeit

Die Branche befeuert dieses Klischee mit ihrer Bildsprache. „Lastenradwerbung zeigt überwiegend glückliche Familien in der Natur oder im Urbanen“, sagt Riegel. Es gehe vor allem um Lifestyle und weniger um Alltagstauglichkeit. Menschen wie seine Eltern oder selbst seine Schwester, die jeden Tag mit ihrem E-Bike zur Arbeit fahre, werden mit dieser Werbung nicht unbedingt angesprochen. „Man muss schon sehr aufgeschlossen und fahrradaffin sein, um sich überhaupt fürs Lastenrad zu interessieren“, stellt Riegel fest.
Abschreckend findet er auch die Fahrzeugbezeichnung: Lastenrad, Transportrad oder Cargobike. „Das klingt schwerfällig und nach Arbeit“, sagt er. Ganz anders das E-Bike: Der Begriff wirkt modern, leicht, innovativ. Allerdings war auch beim E-Bike der Start holprig. In den Anfangsjahren sprach man in Deutschland von Pedelecs, während der Rest der Welt E-Bikes sagte. Aber das zeigt immerhin: Veränderung und Nachjustieren sind möglich.

Niedrigschwellige Angebote fehlen

Riegel vermisst jedoch die niedrigschwellige Kontaktaufnahme zum Lastenrad im Alltag. Seine erste Fahrt fand im Urlaub auf Ameland auf einem Leihrad statt. „Wer einmal mit seinen Kindern Lastenrad gefahren ist, will vermutlich nie wieder anders unterwegs sein“, sagt er lachend. In Deutschland sei das Ausprobieren im Alltag jedoch nur schwer möglich.
In einigen Städten wie Hamburg können die Bewohner Lastenräder inzwischen über das städtische Verleihsystem mieten. Die Initiative „Forum freie Lastenräder“ bietet mittlerweile in über 100 Städten 450 Räder für kostenlose Fahrten an. Außerdem gibt es immer mehr Baumärkte und Discounter, die ihren Kundinnen Lastenräder zum Transport des Einkaufs anbieten, und die Cargobike-Roadshow tingelt jedes Jahr durch verschiedene Kommunen. Aber all diese Angebote sind ebenfalls eher die Ausnahme und nicht die Regel und finden häufig im urbanen Umfeld statt. Ein einfacher Zugang für alle sieht anders aus. Das gilt allerdings auch für viele andere Angebote jenseits des Privatwagens. Dennoch ist das Stadt-Land-Gefälle ein relevantes Problem. Nico Jungel, Geschäftsführer von Velofracht, erlebt die Diskrepanz, wenn er im ländlichen Brandenburg mit Nachbarinnen und Bekannten spricht. „Für sie ist Elektromobilität vor allem etwas für Reiche – für Anwälte und Ärzte“, sagt er. Außerdem etwas, das in der Stadt funktioniere, aber nicht auf dem Land. Dort sei aus ihrer Sicht der Diesel für Landmaschinen, Lkw und Autos unverzichtbar, in der Vergangenheit und in Zukunft. „Das Lastenrad wird nicht als leichtes Elektromobil oder weitere Möglichkeit wahrgenommen“, sagt er. Es fehle der Bezug des Fahrzeugs zur Lebenswelt seiner Nachbarn und Freunde.
Jungel, dessen Firma Aufbauten für Lastenräder entwickelt, kann ihre Haltung in Teilen nachvollziehen. „Politiker fürchten den Wählerfrust und Unternehmer treffen auf Blockadehaltung ihrer Mitarbeitenden – so kann oftmals der Transporter nicht durch das Lastenrad ersetzt werden“, sagt er. Obwohl Studien zeigen, dass es in den Innenstädten, auf kurzen Distanzen und vollen Straßen, die bessere Wahl sei. „Es fehlen häufig das Wissen und der Mut zum Wechsel“, sagt er. „Und so wird trotz unproportionalem Ressourcenverbrauch und einer Klimakrise wider besseres Wissen an der Vergangenheit festgehalten.“
Allerdings gibt es auch Vorreiterstädte wie Hamburg, die es bereits anders machen. Dort sind seit Jahren in der Innenstadt rund um den Jungfernstieg Lastenräder statt Transporter unterwegs. Für Politikerinnen, den Einzelhandel und Zustellerinnen ist das Lastenrad dort eine echte Alternative.
Damit Spott und Häme der Konservativen aufhören, muss das Lastenrad seinen Exotenstatus verlieren. „Wenn die Medien nicht mehr über den ‚exotischen’ Bestatter berichten, der den Sarg mit dem Lastenrad zur Beerdigung bringt, ist die Wende geschafft“, sagt Riegel.
Um das zu erreichen, braucht das Lastenrad laut Riegel aber deutlich mehr Reichweite und mehr Berührungspunkte mit der Bevölkerung. Gäbe es noch „Wetten, dass …?“, könnte eine absurde Wette mit dem Lastenrad als Hauptdarsteller helfen. „Oder ein Auftritt im nächsten James Bond, wenn Bond mit der Heldin in der Transportbox den Schüssen der Verfolger entkommt“, sagt er.
Aber trotz aller politischen Debatten zeigt der Blick in die Statistik: Das Lastenrad rollt langsam, aber stetig Richtung Mitte der Gesellschaft. Fast jeder fünfte Deutsche (17 Prozent) zwischen 14 und 69 Jahren zieht zumindest den Kauf eines solchen Rads in Betracht. Laut dem Fahrradmonitor 2023 des Sinus-Instituts ist das Interesse im „konservativ-gehobenen Milieu“ sogar größer als im „neo-ökologischen Milieu“. Also die Gruppe, die konservative Politiker*innen wie Merz und Söder eigentlich ansprechen und deren Interessen sie vertreten wollen.
Vielleicht kutschiert Ministerpräsident Söder in ein paar Jahren in einem Wahlwerbespot die Enkelkinder im Lastenrad durch die bayerische Natur. Spätestens dann ist das Lastenrad in der Bevölkerung angekommen.


Illustrationen: stock.adobe.com – Hilbrand Bos

Ai Iga kommt aus Japan, hat aber eine Zeit lang in Deutschland gelebt. Ihre Erfahrungen machen deutlich, welche groben und feinen Unterschiede es in der Fahrradkultur der weit entfernten Länder gibt.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2025, September 2025)


Anfang des Jahres hat die European Cyclists’ Federation (ECF) bekannt gegeben, dass die jährliche Velo-city im Jahr 2027 erstmals in Japan stattfinden wird. Die Präfektur Ehime auf der Insel Shikoku muss sich nun auf eine der weltweit größten Radverkehrskonferenzen vorbereiten. Nach Taiwan (2016) kommt die Velo-city damit zum zweiten Mal nach Asien und verlässt nach Rio de Janeiro (2018) Europa erneut. Doch welche Rolle spielt das Fahrrad im Alltagsleben der Japaner*innen? Um diese Frage zu beantworten, hilft schon ein Blick nach Düsseldorf. Dort gibt es die linksrheinischen Stadtteile Niederkassel, Oberkassel und Lörick, in denen man stellenweise glauben könnte, in Japan zu sein. Es finden sich japanische Kindergärten, Schulen, Supermärkte, Ärzte und ein buddhistischer Tempel. Die zu einem großen Teil japanischen Anwohner*innen legen ihre Wege zwischen dieser Infrastruktur und ihren Wohnungen zurück. Mittlerweile gehört das zum typischen Bild dieses Teils Düsseldorfs.
Die etwa 15.000 Menschen umfassende japanische Gemeinde in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt hat eine lange Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Japaner*innen wegen des wirtschaftlichen Wachstums an den „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ und eröffneten dort ihre Unternehmensstandorte für Europa. Seitdem wurde Stück für Stück diese Infrastruktur für den täglichen Bedarf der Expats aufgebaut. Noch heute ist sie die Grundlage dafür, dass japanische Expats mit ihren Familien für eine oft begrenzte Zeit dort leben können.

Eine der Japaner*innen, die ihr tägliches Leben eine Zeit lang in Düsseldorf gestaltet hat, ist Ai Iga. Sie lebte in Düsseldorf mit ihrer Familie, da ihr Ehemann beruflich nach Deutschland versetzt wurde. Während er als Angestellter arbeitete, kümmerte sie sich um den Haushalt und ihre drei Kinder. Ihr Partner fuhr mit seinem Dienstwagen zur Arbeit. Sie hingegen legte komplexe Wege in Düsseldorf mit ihrem Fahrrad zurück, das sie aus Japan mitgebracht hatte. Es handelte sich um ein „Mamachari“-Rad, das in Japan das gängigste Fahrrad für den Alltag ist. Es ist vergleichbar mit dem in den Niederlanden beliebten „Omafiets“.

Der Radtyp Mamachari ist in Japan beliebt. Ihn machen die kleinen Laufräder (wenn ein Kindersitz montiert ist), die aufrechte Sitzposition und der Vorderkorb aus.

Die Fahrradviertel Japans

Ai Iga ist in den 1980er-Jahren in einer Stadt der Präfektur Osaka aufgewachsen. Im Alter von fünf oder sechs Jahren, so schätzt sie, lernte sie das Fahrradfahren direkt vor ihrem Haus. Dabei wurde sie wie viele andere Kinder in ihrer Nachbarschaft von ihren Eltern unterstützt. Seitdem erweitert das Fahrrad ihren Handlungsspielraum.
Der Radverkehrsanteil in Japan liegt bei 13 Prozent und damit über dem vieler anderer Länder, aber unter dem Anteil der Spitzenreiter Niederlande und Dänemark. Die alltägliche Fahrradkultur wurde durch die Motorisierung fast überall zerstört, aber in diesen Ländern überlebte sie zusammen mit dem alltäglichen Fahrradtyp, der auf dem britischen Roadster basiert. Die Niederlande und Dänemark investierten massiv in die Radverkehrsinfrastruktur und erreichten so Radverkehrsanteile von über 25 Prozent. In Japan ist dies (noch) nicht passiert, doch es gibt dort sogenannte Fahrradviertel, die zu dem relativ hohen Radverkehrsanteil beitragen.
Diese „Fahrradviertel“ sind keine Ergebnisse bewusster Planungen, sondern eher zufällig entstanden. Japanische Wohngebiete in städtischen Räumen entwickelten sich historisch meist rund um Bahnhöfe. Die für den Alltag wichtigen Einrichtungen befinden sich in der Nähe des Bahnhofs oder innerhalb eines Viertels, das man in etwa 15 Minuten mit dem Fahrrad erreichen kann. Igas Gewohnheit, das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel zu nutzen, stammt genau aus solchen Verhältnissen, die im weitesten Sinne einer 15-Minuten-Stadt entsprechen. Das lässt sich auch daran erkennen, dass sie ihre Fahrten mit dem Rad meist in Minuten beschreibt, nicht in Kilometern.

Der Radverkehrsanteil Japans liegt bei 13 Prozent. Seit 1970 ist Radfahren auch auf dem Fußweg erlaubt. In vielen japanischen Städten gibt es eher zufällig entstandene Fahrradviertel, in denen der Alltag sich mit kurzen Wegen unter 15 Minuten bestreiten lässt.

Ein Fahrrad im Container

Die Japanerin ist schon immer gern Fahrrad gefahren, erst zur Schule und später auch zur Arbeit. Während ihrer Zeit auf der weiterführenden Schule pendelte sie zunächst mit der Bahn, stellte später aber komplett auf das Fahrrad um, da dies für sie zeiteffizienter war.
Igas Partner war bereits ein halbes Jahr vor ihr in der damals neuen Heimat Düsseldorf angekommen – ohne Fahrrad. Aufgrund seiner Einschätzung, dass die flache Stadt sich zum Radfahren eigne, traf sie die Entscheidung, lieber ein gewohntes Rad aus Japan mitzubringen, als lange nach einem Wunschrad in dem fremdsprachigen Land suchen zu müssen.


Nach der Geburt ihres zweiten Kindes hatte Iga ein „Mamachari“-Rad mit elektrischer Unterstützung erworben. An diesen Moment erinnert sie sich gern. Das E-Mamachari wurde zum neuen Eckpfeiler ihrer Mobilität, mit dem sie ihre beiden Kinder transportieren konnte. Nach Deutschland nahm sie das Rad nicht mit, da die Lithium-Ionen-Batterie nicht mit dem Schiff transportiert werden durfte. Stattdessen ließ sie ein unmotorisiertes Mamachari-Rad in den Container laden, um vor Ort gleich mobil sein zu können. Bis zu ihrer Abreise in Japan wenige Monate später nutzte sie dort noch das E-Bike. Die technischen Besonderheiten ihres Mamachari-Rads: kleine Laufräder, der große Korb und die verlässliche, für Japan ungewöhnliche Rücktrittbremse.

Über den Rhein und zurück

In ihrem Umfeld in Japan genoss Ai Iga den Ruf, sehr schnell mit dem Rad unterwegs zu sein. In Deutschland hingegen wurde sie oft überholt, erzählt die Japanerin. In Düsseldorf musste sie mitunter längere Wege auf sich nehmen als in Japan, zog das Rad aber dennoch gegenüber U-Bahn und Co. vor, insbesondere um einzukaufen. Sie könne klare Unterschiede Fahrradfahren zwischen Japan und Deutschland feststellen, meint Iga. Hier habe sie genauer auf Verkehrsregeln geachtet als in Japan und fühle sich Radfahrerin im Straßenverkehr mehr wahrgenommen und respektiert.
Als Folge der Motorisierung und des „Verkehrskriegs“ in Japan wurde das Fahrradfahren auf dem Gehweg mit der Novelle des Straßenverkehrsgesetzes von 1970 offiziell als Option genehmigt. Im gleichen Jahr wurde ein weiteres Gesetz bezüglich der Radverkehrsanlagen beschlossen, das ein Schlüssel sein könnte, um Japan auf den Weg zum Fahrradland wie die Niederlande zu bringen. Das ist jedoch bislang nicht geschehen. Der geschützte Radverkehrsraum führte dazu, dass das Radfahren zunahm und die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrenden im Jahr 1980 im Vergleich zu 1960 halbiert wurde. Dennoch drängt die Priorisierung des fließenden Autoverkehrs die Radfahrer*innen weiterhin mit Fußgänger*innen in einem engeren Raum zusammen.
Im deutschen Radverkehrsraum fühlte Iga sich befreit, auch wenn sie manchmal unklare Situationen auf dem Rad erlebte. Sie habe versucht, möglichst das gute Radfahrverhalten der Düsseldorfer*innen nachzuahmen, etwa beim Handzeichen geben.
Im März dieses Jahres ist Iga mit ihren drei Kindern nach Japan zurückgekehrt, um ihrem ältesten Kind dort den Besuch der weiterführenden Schule zu ermöglichen. Ihr Mann bleibt noch etwas länger alleine in Deutschland. Iga hat ihr Fahrrad in Deutschland bis kurz vor der Abreise weiter benutzt und es dann der nächsten Expat-Familie überlassen. Nach ihrer Ankunft in Japan hat sie sich sofort ein neues Fahrrad gekauft. Was sie als Radfahrerin in Deutschland erlebt hat, sagt Iga, werde sie so schnell nicht vergessen.

Die Velo-city 2027 in Ehime wird den Teilnehmenden aus Europa eine hervorragende Gelegenheit bieten, das Fahrrad und die Mobilitätsbedürfnisse aus einer anderen Perspektive zu betrachten und mit der eigenen Fahrradkultur zu vergleichen. Für den hiesigen Fahrradmarkt könnte es ein wichtiges Signal sein, dass Expat Ai Iga sich dazu entscheidet, ein Fahrrad aus Japan mitzubringen.


Bilder: Wakako Obata

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2025, März 2025)

Erwartungen nicht erfüllt

Podbike ist Insolvent

Vor sieben Jahren hatte der norwegische Hersteller Podbike ein erstes Fahrzeug der Nullserie vorgestellt. Die Serienfertigung ist einige Jahre später angelaufen, doch die Erwartungen wurden offenbar nicht erfüllt. Es fehlen die finanziellen Mittel.

Es war ein langer Anlauf für Podbike. Nach der Konzept-Premiere der Norweger im Jahr 2017 in Germersheim und der Präsentation einer Nullserie an gleicher Stelle ein Jahr später dauerte es noch bis Februar 2023, bis das erste Frikar in die Hände eines neuen Besitzers übergeben wurde. Schon zuvor berichtete Podbike von Problemen. Sparmaßnahmen musste eingeleitet werden, um die Personalkosten im Zaum zu halten. Doch jetzt scheint die Reise zu Ende zu sein. „Diese Entscheidung folgt auf eine längere Periode finanzieller Engpässe, die Podbikes Fähigkeit beeinträchtigt haben, die Firma zu einem profitablen Unternehmen auszubauen“, heißt es von Podbike zur Insolvenzanmeldung. Zu den Gründen schreibt das Unternehmen: „Trotz des anfänglichen Erfolgs und eines treuen Kundenstamms stand Podbike im vergangenen Jahr vor
erheblichen finanziellen Herausforderungen. Steigende Produktionskosten, Unterbrechungen der Lieferkette und die weltweite Konjunkturabschwächung haben dazu beigetragen, dass die Umsätze hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind und die Betriebskosten gestiegen sind. Die Bemühungen, zusätzliche Finanzmittel durch Investitionsrunden und Partnerschaften zu sichern, erwiesen sich als unzureichend, um die finanzielle Lücke zu schließen.“
Wie es weitergeht, muss das Insolvenzverfahren zeigen. CEO Bernt Rosli sagt: „Wir sind zutiefst betrübt über diese Ankündigung. Unser Team hat unermüdlich daran gearbeitet, innovative Lösungen auf den Markt zu bringen, und wir sind stolz auf unsere Erfolge. Wir möchten diese Gelegenheit auch nutzen, um unseren Investoren, Kunden und treuen Unterstützern ein großes Dankeschön auszusprechen.“

(jw)


CEO tritt im Juli ab

Jill Warren wird ECF-Führung abgeben

Der europäische Radfahrverband ECF hat Anfang April bekannt gegeben, dass Jill Warren ihre Rolle als CEO im Juli dieses Jahres aufgeben wird. Wie es beim Verband dann weitergeht.

Seit 2020 leitet Jill Warren als CEO die European Cyclists‘ Federation (ECF). Ende Juli will sie die Rolle abgeben. Unter der Führung Warrens habe der Verband eine Reihe wichtiger politischer Initiativen, Rahmenwerke und Maßnahmen für mehr und besseren Radverkehr auf EU-, europäischer und globaler Ebene voranbringen können, resümiert der ECF. Warren selbst ist 2023 mit dem Leadership in Cycling Promotion Award von der dänischen Radverkehrsbotschaft ausgezeichnet worden.
Jill Warren kommentiert ihre Entscheidung, den CEO-Posten abzugeben: „Ich habe das große Glück, mit einem so leidenschaftlichen und hochkompetenten Team zusammenzuarbeiten, und ich bin stolz auf alle Fortschritte, die wir gemeinsam erzielt haben. Obwohl wir noch viele spannende Projekte und Initiativen vor uns haben, um unsere Mission von mehr und besserem Radfahren für alle zu erfüllen, habe ich nach fünf intensiven Jahren in der CEO-Rolle beschlossen, dass es für mich an der Zeit ist, zurückzutreten und Platz für andere Pläne und Interessen zu schaffen. Der ECF ist jetzt in einer sehr guten Position, und meine Priorität für die nächsten Monate ist es, einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, während unser Vorstand einen Nachfolger sucht. Ein großer Dank geht an das ECF-Team und den Vorstand für die Unterstützung und die hervorragende Zusammenarbeit während meiner Zeit hier. Ich freue mich auf Gelegenheiten in den nächsten Monaten wie die Velo-city, um mich auch bei unseren Mitgliedern, Partnern und anderen Interessengruppen zu bedanken, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe.“
Die Suche nach einer Nachfolge ist angelaufen. ECF-Präsident Henk Swarttouw und seine Kolleg*innen danken Warren für die gemeinsamen Erfolge.

(sg)


Ein neues Gesicht im BMV

Wer ist Patrick Schnieder?

Seit dem 6. Mai 2025 hat Patrick Schnieder (CDU) einen neuen Job als Bundesminister für Verkehr der Bundesrepublik Deutschland. Wer ist der Mann, der die nächsten vier Jahre das Ministerium anführt? Und wie blickt er auf den Radverkehr?

In der 20. Legislaturperiode war der neue Verkehrsminister Patrick Schnieder stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Auf seiner Website gibt Schnieder als Schwerpunkte seiner Arbeit für Eifel und Mosel das Ziel einer leistungsfähigen Infrastruktur an. Gemeint ist in dem Fall vor allem der Autobahnausbau sowie bei der Bahn die Elektrifizierung der Eifelstrecke und der Glasfaserausbau. Aus Radverkehrsperspektive bleibt abzuwarten, wie Schnieder vor allem das Sondervermögen Infrastruktur einsetzen wird. In seiner ersten Rede vor dem Bundestag sagte Schnieder, er wolle das Geld möglichst schnell „verbauen“. Zumindest im Koalitionsvertrag spielte der Radverkehr für die CDU/CSU und SPD kaum eine Rolle. Gegenüber Veloplan sagt Schnieder mit Blick auf die Radverkehrsförderung und die Bedeutung des Radverkehrs in Deutschland: „Mobilität ist zentraler Faktor für unser Leben – für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Teilhabe gleichermaßen. Wichtig ist, dass die Verkehrsinfrastruktur ein verlässliches Angebot ist, damit Menschen reibungslos von A nach B kommen – unabhängig, welches Verkehrsmittel sie dafür nutzen möchten. Den Radverkehr werden wir als Bestandteil nachhaltiger Mobilität stärken und fördern. Er ist bereits heute wesentlicher Teil des Mobilitätsmixes – für Alltagswege, für kombinierte Wege, für Jung und Alt. Auch hier ist es mir wichtig, dass Radverkehr funktioniert, verlässlich und sicher ist. Dafür braucht es bessere Radwege, gute und ausreichende Abstellmöglichkeiten, aber auch durchgängig befahrbare Netze – nur so wird das Fahrrad ein Mobilitätsangebot, das von allen genutzt werden kann. Dabei kommt es auch darauf an, das Verkehrsklima zwischen allen Verkehrsteilnehmenden zu verbessern. Ein klar gestalteter Straßenraum mit guter Radinfrastruktur stärkt in jedem Fall das Miteinander.“
Als Richtschnur bekennt sich der neue Minister zum Nationalen Radverkehrsplan 3.0, bleibt aber in seiner Antwort eher vage, welche praktische Schritte zu priorisieren seien. Schnieder: „Aktuell läuft eine Zwischenevaluation zum NRVP 3.0. Im Ergebnis wird hier überprüft, wie der Stand der Umsetzung von Maßnahmen auf allen Ebenen ist und wo möglicherweise weitere Anstrengungen aller Akteure notwendig sind. Unabhängig von den Ergebnissen der Zwischenevaluation ist bedeutend, dass die geförderten und geplanten Infrastrukturmaßnahmen schnell umgesetzt werden. Länder und Kommunen sind hier die Gestalter vor Ort in Stadt und Land, die wir weiter aktiv unterstützen werden. Wir brauchen sichere und verlässliche Radinfrastruktur, damit Radverkehr eine Mobilitätsoption für alle bleibt und für andere noch wird“, sagt Patrick Schnieder.
Für Unmut sorgte ein erster Schritt der Bundesregierung. Die Position der erstmals 2013 eingeführten Radverkehrsbeauftragten schaffte sie ab. Dahinter stehe jedoch eine Konsolidierung des Beauftragtenwesens, ordnet Schnieder ein: „Es entfallen aber weder Personalstellen noch Mittel. Der bisherige Radverkehrsbeauftragte im BMV leitet weiterhin die Stabstelle Radverkehr/Straßenverkehrssicherheit.“

(sg)

Patrick Schnieder (CDU)


Kooperation mit Eurobike

Radlogistik-Konferenz steigt in Frankfurt

Die 6. Nationale Radlogistikkonferenz findet im Rahmen der Fachmesse Eurobike in Frankfurt am Main statt. Sie richtet sich an Akteure der Radlogistik-Branche, interessierte Unternehmen sowie Vertreter*innen aus Politik und Wissenschaft.

Am Donnerstag, den 26. Juni findet die sechste Nationale Radlogistik-Konferenz auf der Hauptbühne der Halle 8 (Pink Stage) des Frankfurter Messegeländes statt. Im Mittelpunkt des Programms, das neben der Eurobike als Kooperationspartner auch das Hessische Ministerium für Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum unterstützt, stehen zwei Panel-Diskussionen zum Fachkräftemangel und der kommunalen Förderung der Radlogistik sowie eine Keynote mit neuesten Zahlen, Fakten und Entwicklungen aus der Radlogistik. Von der Zusammenarbeit mit der Eurobike versprechen sich die Konferenz-Veranstalter der Cargobike.jetzt GmbH und der Radlogistikverband Deutschland e. V. als Schirmherr eine deutlich gestärkte, auch internationale Sichtbarkeit. „Die Radlogistik ist aus der Fahrradwirtschaft nicht mehr wegzudenken. Commercial Cargo Bikes erweitern den Markt und die Einsatzpotenziale des stadtverträglichen Fahrrads um Logistik und Gewerbe. Wir freuen uns, mit der Fahrradwirtschaft zu diskutieren, wie das große Potenzial für stadtverträglichen Verkehr skaliert werden kann“, sagt Tom Assmann, Vorstandsvorsitzender des Radlogistikverbands Deutschland (RLVD).

Synergieeffekte mit Frankfurter Messe

Teil des Programms sind geführte Touren zu relevanten Ausstellern der Radlogistik auf dem Messegelände. Ziel ist es, insbesondere Vertreter*innen hessischer Kommunen einzubinden. Die Möglichkeit, anschließend die Cargo Academy auf der Pink Stage zu besuchen und an einem gemeinsamen Community-Ride durch Frankfurt am Main teilzunehmen, runden die Verbindung mit der Eurobike ab. Martina Rumschick, Head of Brand & Content bei Eurobike: „Die Radlogistik ist ein wesentlicher Aspekt der zukünftigen urbanen Mobilität – sie verbindet Klimaschutz, Effizienz und Lebensqualität in unseren Städten. Wir freuen uns, Gastgeber der 6. Nationalen Radlogistik-Konferenz im Rahmen der Eurobike 2025 zu sein und diese bedeutende Veranstaltung aktiv zu unterstützen. Die Förderung und Aktivierung einer konstruktiven Debatte über die Radlogistik ist aus unserer Sicht unerlässlich für eine zukunftsfähige, umweltgerechte Mobilität.“
Wer an der Konferenz teilnehmen will, braucht ein Eurobike-Ticket und muss sich zudem für die Konferenz registrieren.


(sg)


Touristische ADFC-Marke:

Bett+Bike wird 30

Wo ist man als Fahrradtourist willkommen und findet passende Unterkünfte vor? Die ADFC-Marke Bett+Bike hilft bei der Suche seit 30 Jahren weiter.

Was im Jahr 1995 vom ADFC initiiert wurde, ist mittlerweile zu einem Netzwerk von rund 5900 Betrieben bundesweit angewachsen. Sie garantieren mit ihrem Zertifikat dafür, dass Radreisende sichere und komfortable Übernachtungsmöglichkeiten und guten Service rund ums Rad vorfinden. Dazu gehören neben der Möglichkeit, für nur eine Nacht bleiben zu können, auch sichere Abstellmöglichkeiten für Räder, Trockenräume und Werkzeug.
Der Bremer Weltumradler Wolfgang Reiche, Erfinder und Begründer von Bett+Bike, erinnert sich an die Anfänge: „Wir haben damals die Zeichen der Zeit erkannt. Als wir 1995 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin das Konzept Rad+Bett präsentiert haben, ahnten wir schon: Das hat Zukunft! Der Erfolg gab uns recht. Was als kleine Idee begann, hat sich zum Marktführer in Deutschland und Teilen Europas entwickelt. Damals waren 216 fahrradfreundliche Betriebe im ersten Unterkunftsverzeichnis, nun kratzen wir an der 6000er-Marke.“ Das Bett+Bike-Team feierte das Jubiläum im Rahmen des ADFC-Radtourismuskongresses vom 13. bis 15. Mai 2025 in Bremen.

Digitaler Auftritt

Nach 30 Jahren hat Bett+Bike längst das gedruckte Unterkunftsverzeichnis hinter sich gelassen. Radreisende, die fahrradfreundliche Unterkünfte suchen, können bequem durch die digitale und interaktive Karte mit Hotels, Gasthäusern, Pensionen, Jugendherbergen und Campingplätzen blättern. Spezielle Filter helfen bei der Suche, etwa nach Unterkünften mit Lademöglichkeiten fürs Elektrorad.


(jw)


AGFK Deutschland bündelt Kräfte

Ein neues Netzwerk für Fuß- und Radverkehr

Elf kommunale Arbeitsgemeinschaften für Rad- und Fußverkehrsförderung haben sich in der AGFK Deutschland zusammengetan. Im April kamen sie in Hannover zur konstituierenden Sitzung zusammen.

Das länderübergreifende Netzwerk AGFK Deutschland verfolgt das Ziel, die fachlichen Interessen der Kommunen im Fuß- und Radverkehr in bundesweite Entscheidungen einzubringen. Dafür wird bei der AGFS NRW eine Koordinierungsstelle geführt. Als Sprecherin fungiert Christine Fuchs, die bereits geschäftsführender Vorstand der AGFS NRW ist. Frank Kutzner vom Wegebund (Sachsen) und Anna Hussinger von der AGFK Baden-Württemberg wurden außerdem zum ersten Stellvertreter und zur zweiten Stellvertreterin gewählt.
Das neue Netzwerk soll einen Rahmen bieten, in dem sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaften der Bundesländer austauschen können. Vertreten sind 11 der aktuell 13 Verbände auf Landesebene (siehe unten). Christine Fuchs: „Jedes Flächenland hat inzwischen eine Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs, für die Vernetzung und Unterstützung der Kommunen miteinander sowie als Bindeglied zur Landespolitik“, so Fuchs. „Dieses Prinzip übertragen wir mit der AGFK Deutschland nun auf die Bundesebene: Wir vernetzen die kommunalen Arbeitsgemeinschaften untereinander und vertreten gemeinsam die Interessen unserer Kommunen auf Bundesebene.“

Interner Projektkatalog

Der Austausch unter den einzelnen Arbeitsgemeinschaften dient auch dem Zweck, die vorhandenen Ressourcen effizienter einzusetzen. „Wenn in Bayern ein Leitfaden veröffentlicht wird, der in Schleswig-Holstein auch genutzt werden kann, dann muss die gleiche Arbeit in Zukunft nicht zweimal gemacht werden. Die AGFK Deutschland vernetzt alle Akteure miteinander und stellt sicher, dass Materialien und Formate – wo möglich – übernommen werden können. So unterstützen wir uns gegenseitig“, erklärt Frank Kutzner die Zusammenarbeit.
Welche Materialien die Arbeitsgemeinschaft zum Tausch anbietet und zu welchen Bedingungen, zeigt ein interner Projektkatalog, der neben Leitfäden und fachlichen Broschüren auch Konzepte für die Öffentlichkeitsarbeit enthält. Anna Hussinger: „Der informelle Austausch zwischen den Arbeitsgemeinschaften hat schon immer stattgefunden. Angesichts der wachsenden Zahl der Institutionen und der zunehmenden Bedeutung des Rad- und Fußverkehrs wird es jedoch immer wichtiger, die Kooperation jetzt auf eine formelle Ebene zu heben. Durch die AGFK Deutschland wird die Zusammenarbeit nun effizienter und transparenter, und die Stimme der Kommunen wird deutlich stärker gehört.“
Teil der neuen AGFK Deutschland sind die Arbeitsgemeinschaften aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen/Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen. Das Projekt wurde 2023 ins Leben gerufen. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr fördert den Aufbau der AGFK Deutschland aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 3.0 .

(sg)


Bilder: Podbike, Tobias Koch.jpg, NRLK, AGFK

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2025, März 2025)


Studie aus Großbritannien

Radwege erhöhen Immobilienwerte

Ein gut ausgebautes Radwegenetz kann laut einer Studie von Ökonomen aus Birmingham den Wert einer Immobilie steigern. Dahinter steht für die Wissenschaftler eine potenziell hohe Nachfrage.

Laut zwei britischen Ökonomen besteht ein Zusammenhang zwischen einem gut ausgebauten Radwegenetz und Immobilienwerten in dessen Umfeld. Das haben Erez Yerushalmi von der Birmingham City University und David Hearne von der University of Birmingham am Beispiel des Großraums Manchester festgestellt. „Unsere Ergebnisse deuten auf eine ungedeckte Nachfrage nach Fahrradinfrastruktur hin, eine, die Immobilienentwicklern und politischen Entscheidungsträgern noch nicht bewusst ist“, interpretieren die Forscher ihre Ergebnisse.
Andere Beispiele ließen sich in Großbritannien nicht finden, heißt es in einer Mitteilung. Das dürfte laut den Forschern mit der dortigen schlechten Infrastruktur zusammenhängen. Die mache das Radfahren wenig attraktiv und unsicher. „Gegner von Investitionen in das Radwegenetz argumentieren, dass diese im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern (einschließlich ÖPNV), die eine größere Reichweite haben und mehr Komfort bieten, möglicherweise keine nennenswerten Vorteile bringen“, so die Ökonomen. Derzeit seien Fahrradskeptiker dominierend.

Netzwerkeffekt statt Teufelskreis

Derzeit werde aus einem Teufelskreis heraus nicht ausreichend investiert, schlussfolgern Yerushalmi und Hearne. Schlechte Infrastruktur führe zu wenig Nutzung und die wiederum zu mangelhaften Investitionen in die Infrastruktur. Die höheren Immobilienpreise in der Nähe von Radwegnetzen sprächen jedoch für eine potenziell hohe Nachfrage. Die Wissenschaftler plädieren in einem Text für das Medium „The Conversation“ für einen möglichen positiven Kreislauf, wenn investiert würde. „Das ist ein sogenannter Netzwerkeffekt, bei dem der Wert eines Systems steigt, je mehr Menschen es nutzen, wodurch eine positive Rückkopplung entsteht.“

(sg)


Deutsche Dienstrad ist Partner

Dienstrad-Leasing für Landesbedienstete in Rheinland-Pfalz startet

Nach der Vertragsunterzeichnung vor fast einem Jahr mit der Deutschen Dienstrad kann es jetzt für die Landesbediensteten in Rheinland-Pfalz losgehen. Vorausgegangen waren eine Programmierung der Dienstrad-Applikation und anschließende Tests.

Alle Beamtinnen, Richterinnen sowie Tarifbeschäftigte in Rheinland-Pfalz haben nun die Möglichkeit, über den Deutsche Dienstrad MobilityHub oder auch direkt über den Fachhandel vor Ort Fahrräder zu beziehen. „Wir als Familienunternehmen und Mobility Technology Company möchten das Ziel der nachhaltigen Mobilitätswende zusammen mit der Digitalisierung gemeinsam in Einklang bringen. Mit dem Bundesland Rheinland-Pfalz freuen wir uns über die zukünftig enge Zusammenarbeit“, erklärt Christina Diem-Puello, Geschäftsführerin Deutsche Dienstrad.
„Vom ersten Kontakt haben alle Projektbeteiligten hervorragend zusammengearbeitet. Nach dem Freistaat Bayern ist das Bundesland Rheinland-Pfalz unser nächster Großpartner aus dem öffentlichen Sektor in Deutschland“, sagt Maximilian Diem, Geschäftsführer Deut-sche Dienstrad.
Geleast werden können Fahrräder und E-Bikes, deren Wert (einschließlich Zubehör) den Betrag von 7000 Euro (Hersteller-UVP) nicht übersteigt. Die Bediensteten sind frei hinsichtlich der Wahl des Fahrrads (Marken, Modelle, Typen). Auch E-Bikes, Lastenräder und Fahrräder für Menschen mit Behinderungen sind möglich.

(jw)


Fünf weitere Jahre

EU verlängert Strafzölle auf E-Bikes aus China

Im Januar hat die EU-Kommission entschieden, dass auf in China gefertigte E-Bikes auch in den kommenden fünf Jahren Anti-Dumping-Strafzölle erhoben werden sollen. Der genaue Tarif wird nach Betrieben gestaffelt.

Verzerrt die Volksrepublik China den globalen Wettbewerb durch Subventionen für exportorientierte Industrien und Betriebe? Die Diskussion darüber hält schon länger an – und fokussierte zuletzt stark den Bereich der PKWs mit Elektroantrieb. Aber auch bei den E-Bikes stellt sich die Frage angesichts der enorm großen Fertigungskapazität chinesischer Unternehmen. Während die European Bicycle Manufacturers Association (EBMA) als Vertretung der europäischen Hersteller für eine Fortsetzung der 2019 eingeführten Strafzölle eintrat, hielt LEVA-EU als Vereinigung der Importeure leichter Elektrofahrzeuge vehement dagegen und machte geltend, dass Anti-Dumping-Strafzölle das Preisniveau für E-Bikes erhöhten und somit sozial Benachteiligte von der E-Mobilität ausgeschlossen würden. Zudem seien viele Unternehmen mit der komplexen Bürokratie überfordert, was schon zu einigen Pleiten geführt habe.

Untersuchungen

Im Januar 2024 startete die EU-Kommission auf Ersuchen der EBMA eine Untersuchung dazu, ob die Anti-Dumping-Strafzölle um weitere fünf Jahre verlängert werden sollten. Zentral waren dabei die Fragen, ob China heimische Produzenten wieder oder weiterhin mit Subventionen unter die Arme greifen würde und ob für europäische Produzenten aus dieser Wettbewerbsverzerrung ein Schaden entstehen könnte. Die EU-Kommission lud im Zuge der Ermittlungen auch die Volksrepublik China zu Stellungnahmen ein, aber Peking ging nicht auf diese Offerte ein. Dafür wehrte sich eine ad hoc gebildete Vereinigung von acht europäischen Firmen, die Teile aus China oder Drittländern importieren und E-Bikes aufmontieren, gegen die Verlängerung der Strafzölle. Vergeblich, denn am vergangenen Freitag fällte die EU-Kommission den Entschluss, dass die Anti-Dumping-Strafzölle weiterhin notwendig seien und um fünf Jahre verlängert würden.

Unterschiedliche Sätze

Diesen Entscheid begründet die EU-Kommission damit, dass gerade exportorientierte Industriezweige in China weiter subventioniert würden. Somit würden dort produzierte E-Bikes bei einer Aufhebung der Anti-Dumping-Strafzölle Wettbewerbsvorteile genießen, und dies zum Schaden europäischer Produzenten. Konkret werden auf aus China gefertigte und in die EU importierte Waren die folgenden Tarife erhoben: Für bei der Untersuchung der EU-Kommission nicht kooperative Firmen werden Zölle in der Höhe von 9,9 Prozent bis 70,1 Prozent des Warenwertes fällig. Für kooperative Firmen fallen die Zolltarife mit 3,9 bis 17,2 Prozent deutlich geringer aus. Die Herstellervereinigung EBMA begrüßt den Entscheid der EU-Kommission, der viele KMUs in Europa vor den Folgen eines verzerrten Wettbewerbs schütze.


(lvr)


Sonderauswertung der Unfallstatistik zeigt:

Fahrräder und Pedelecs häufiger in Arbeitsunfälle verwickelt

Die Berufsgenossenschaft BG Verkehr hat meldepflichtige Arbeits- und Dienstwegeunfälle ihrer Versicherten ausgewertet. Pedelecs und Fahrräder sind am zweithäufigsten in Arbeitsunfälle verwickelt.

Genauer geht es in der stichprobenartigen Analyse der BG Verkehr um meldepflichtige Arbeits- und Dienstwegeunfälle, die sich zwischen Juli 2022 und Juni 2023 ereigneten. Hochgerechnet ist insgesamt von 7650 Unfällen die Rede, wovon 6388 als leichte Unfälle ohne stationären Krankenhausaufenthalt zu werten sind. 42 der Unfälle endeten tödlich.
Pkw hatten mit 31 Prozent den größten Anteil am Unfallgeschehen. Auf Platz zwei folgen Fahrräder und Pedelecs, die zusammen auf 23 Prozent der Unfälle kamen. Lkw über 7,5 t waren an 22 Prozent der Unfälle beteiligt, gefolgt von Kleintransportern bis 3,5 t (11 Prozent) und Bussen (6 Prozent).
Fahrräder seien in den Mitgliedsunternehmen der BG Verkehr unter anderem in der Postzustellung und bei den Kurierdiensten relevant. Hinzu kamen in den letzten Jahren Fahrräder, mit denen die Firmen Lebensmittel ausliefern. Pedelecs sorgten in den vergangenen Jahren für einen Schub bei den genutzten Fahrzeugen.

Viele Alleinunfälle

„Was uns bei Fahrrädern und Pedelecs auffällt, ist der hohe Anteil an Alleinunfällen“, sagt Martin Küppers, Leiter Regelwerk und Arbeitssicherheit bei der BG Verkehr. Als Alleinunfälle definiert sind Verkehrsunfälle, bei denen es keinen Unfallgegner gibt. Beispiele sind Stürze oder das Abkommen von der Fahrbahn. Über alle Branchen hinweg beträgt der Anteil der Alleinunfälle 34 Prozent. In den Branchen, in denen Fahrräder und Pedelecs eingesetzt werden, liegt er deutlich höher. Bei den 643 Unfällen in der Lebensmittelauslieferung etwa waren in 583 Fällen Fahrräder oder Pedelecs involviert. Davon waren zwei Drittel Alleinunfälle.
Auch wenn viele Unfälle auf zwei Rädern sich durch schwierige Wetterbedingungen oder Straßenverhältnisse erklären lassen, ist die Hauptunfallursache der Analyse zufolge dem persönlichen Bereich zuzuordnen. „Um unsere Versicherten für die Gefahren auf dem Fahrrad und dem Pedelec zu sensibilisieren, werden wir uns in diesem Jahr aktiv an der Schwerpunktaktion des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) beteiligen, die unter dem Motto ‚Sichere Radfahrmobilität auf Arbeits- und Dienstwegen‘ steht“, kündigt Dr. Nadia Schilling, Leiterin der Fachgruppe Verkehrssicherheit bei der BG Verkehr, an. Geplant ist unter anderem eine Aktion zum bundesweiten Tag der Verkehrssicherheit am 21. Juni. Für mehr Sicherheit sorgen verkehrssichere Fahrräder und Schulungen für den Umgang mit ihnen. „Das ist nur auf den ersten Blick trivial“, heißt es von der BG Verkehr. „Die Fahrphysik eines Zweirads ist mit einer Transportbox oder einem Rucksack auf dem Rücken ganz anders, als es die meisten Radfahrer gewohnt sind“, warnt Küppers.
Ein Lichtblick für die Nutzer*innen der Zweiräder ist, dass der Anteil an den schweren und tödlichen Unfällen sehr gering ist. Lkw verursachten 488 dieser Fälle, gefolgt von Pkw (320 Fälle), Kleintransportern bis 3,5 t (173 Fälle), Fahrrädern (84 Fälle) und Pedelecs (46 Fälle).
Aus dem Untersuchungszeitraum wurden 685 Versicherungsfälle stichprobenartig aufgenommen und untersucht. In der Hochrechnung entsprechen diese 7650 Unfällen. Die Hochrechnungsfaktoren stammen von der DGUV-Arbeitsunfallstatistik.


(sg)


Präfektur Ehime

Velo-City 2027 erstmals in Japan

Zum ersten Mal in der Geschichte der Konferenz findet der Welt-Fahrrad-Kongress Velo-City in Japan statt. Den Zuschlag gab die European Cyclists‘ Federation (ECF) der Präfektur Ehime.

Matsuyama, die Hauptstadt der Präfektur Ehime, hat einen Radverkehrsanteil von 15 Prozent am Modal Split.

Die Präfektur Ehime gilt laut ECF als eine der fahrradfreundlichsten Regionen in Japan. Entsprechend sei der Ort passend, um die 2027er- Ausgabe der Konferenz Velo-City dort abzuhalten. Vom 25. bis 28. Mai 2027 gastieren die globalen Radverkehrsakteur*innen in der Hauptstadt der Präfektur Matsuyama, gelegen im Nordwesten der Insel Shikoku. Als Veranstalter tritt neben ECF die Präfektur Ehime auf. Tokihiro Nakamura, Gouverneur der Präfektur, fühlt sich durch die Entscheidung der ECF geehrt: „Diese Ehre wird in hohem Maße dazu beitragen, das Umfeld für das Radfahren in Japan und damit in ganz Asien zu verbessern, denn die Ausrichtung des weltweit größten Radverkehrs-Events hier in Japan wird auch dazu beitragen, dass die Menschen mehr über die Radverkehrspolitik erfahren, die in Europa entwickelt wird. Fahrräder sind nicht nur nachhaltige Verkehrsmittel, sondern auch eine wunderbare Möglichkeit, die Gesundheit zu fördern, eine Sinnhaftigkeit im Leben zu finden und neue Freundschaften zu schließen.“
In Japan macht der Radverkehr etwa 13 Prozent des Modal Splits aus. In Matsuyama liegt dieser Wert bei 15 Prozent. Ein Viertel der Menschen fährt mit dem Rad zur Arbeit oder zur Schule. Die Radverkehrsförderung der Präfektur nimmt unter anderem die Rolle des Fahrrads als Transportmittel und in der Tourismusförderung in den Blick. Seitens der ECF freut man sich über die Zusammenarbeit mit der Präfektur. Präsidentin Jill Warren: „Ehime ist ein außergewöhnliches Beispiel für eine Region, die die vielen Vorteile des Radfahrens als inklusives, widerstandsfähiges und gesundes Verkehrsmittel nutzt und gleichzeitig einen Beitrag zu Zielen wie den Sustainable Development Goals (SDGs) leistet. Wir glauben, dass Ehime und Japan eine Quelle großer Inspiration für viele Städte und Länder sein können, wenn es darum geht, das Radfahren sicher und zugänglich zu machen, und wir glauben, dass viele unserer Velo-Citizens sehr daran interessiert sein werden, Ehime im Rahmen ihrer Teilnahme 2027 kennenzulernen.“
Vor der japanischen Präfektur sind noch zwei andere Austragungsorte am Zug. In diesem Jahr findet Velo-city im polnischen Danzig (siehe Seite 80), 2026 dann im italienischen Rimini statt.


(sg)


Für den Aufbau in US-Städten

Hohe Zuschüsse für Swobbee und Oonee

Der Anbieter Swobbee konnte sich gemeinsam mit dem Unternehmen Oonee staatliche Zuschüsse in Höhe von 3,7 Millionen US-Dollar sichern. Das Geld soll in Park- und Ladestationen in US-Städten fließen.

Das US Joint Office of Energy and Transportation fördert den Batteriewechselexperten Swobbee und den Park- und Ladeinfrastrukturanbieter Oonee. Mindestens 20 Park- und Ladestationen in Minneapolis und zehn weitere Stationen in Jersey City sollen die Unternehmen mit den Zuschüssen in Höhe von 3,7 Millionen US-Dollar errichten können. In Jersey City würde sich die Gesamtzahl der Stationen damit auf 17 erhöhen.
Laut Swobbee werden auch in den USA mehr E-Bikes als Elektroautos verkauft. Die geförderten Stationen sollen den Zugang zu sicherer, zuverlässiger und nachhaltiger Mikromobilitäts-Infrastruktur für Pendlerinnen, Lieferfahrende und Großstadt-Bewohnerinnen in den Vereinigten Staaten verbessern. Ein Teil des Geldes fließt an das Rudin Center for Transportation Policy and Management der New York University. Forscher*innen sollen dort die Wirksamkeit des Programms bewerten und einen Leitfaden mit Best Practices entwickeln.
Eine sinnvolle Investition sind die Stationen auch deshalb, weil in New York jeder vierte Haushalt bereits einen Fahrraddiebstahl gemeldet hat und es durch nicht zertifizierte Batterien seit 2022 über 545 Brände und 24 Todesfälle gab. „Dies ist ein Wendepunkt im Kampf um den Ausbau dieser wichtigen nachhaltigen Infrastruktur in Städten überall in Amerika. Ein sicherer, bequemer Ort zum Parken und Laden ist das Fundament der Mikromobilitätserfahrung und sollte ein fester Bestandteil der städtischen Infrastruktur sein“, so Shabazz Stuart, CEO von Oonee. „Wir freuen uns darauf, mit Swobbee, der NYU und den Städten zusammenzuarbeiten, um eine Vorlage zu schaffen, die in ganz Amerika repliziert werden kann.“


(sg)


Bilder: www.pd-f.de / Luka Gorjup / Lux Fotowerk, Pixabay.com, DGUV / Buschardt, ECF/Präfektur Ehime

Das Trail- und Wegenetz in der US-Stadt Bentonville fing als philanthropisches Passionsprojekt an. Der Fokus aufs Freizeitradfahren hat die Stadt gewandelt und trägt langsam, aber sicher auch im Alltag Früchte.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2025, März 2025)


Bentonville atmet Mountainbiken. Die Landschaft in und um die Stadt ist durchzogen von Radwegen und Mountainbike-Strecken. Sie erinnert an ein Ski-Resort, in dem die Trails verschiedene Oberflächen und Schwierigkeitsgrade haben, sodass für jeden etwas dabei ist. Die Trails führen durch wunderschöne Wälder und sind umgeben von Natur und Kunst. Egal wo man hinsieht, merkt man, dass Radsport in Bentonville an erster Stelle steht. Vor jedem Café stehen teure (meist unabgeschlossene) Mountain- und Gravelbikes, überall laufen Menschen in Radhosen und Fahrradhelmen herum und mit Fahrrädern beladene Trucks auf dem Weg zum nächsten Trail sind ein gewöhnliches Bild auf den Straßen des Ortes. Der Mountainbike-Fokus macht Bentonville nicht nur für Touristinnen, sondern auch für neue Einwohnerinnen attraktiv.
Bentonville ist ein Städtchen am Fuße der Ozark Mountains im Nordwesten von Arkansas, einem südlichen US-Bundesstaat. Die Einwohnerinnenzahl des Ortes hat sich in den letzten 20 Jahren auf etwa 60.000 Menschen verdoppelt, täglich ziehen ungefähr 30 Menschen in die Region. Was die Stadt besonders macht, ist, dass sich die Einwohnerinnen Bentonvilles den Ort mit Milliardär*innen teilen. Aus Bentonville kommt mit den Waltons nämlich eine der reichsten Familien der Welt. Sam Walton hat 1962 den riesigen Einzelhandelskonzern Walmart in Nordwest-Arkansas gegründet. Teile der Familie leben heute noch oder wieder in der Region, was die Stadt beeinflusst. Die Walton-Familie ist nach wie vor Hauptaktionärin von Walmart, und die von Sam Walton und seiner Frau Helen gegründete philanthropische Walton Family Foundation hat ihren Hauptsitz in Bentonville. Darüber hinaus stehen den Walton-Familienmitgliedern jeweils ihre eigenen philanthropischen Dollars zu. So kommt es, dass Bentonville kein verschlafener Ort ist. Sam Waltons Tochter hat als passionierte Kunstsammlerin 2005 das hochangesehene Kunstmuseum Crystal Bridges gegründet. Zwei der Enkelkinder des Walmart-Gründers, Tom und Steuart, sind passionierte Radfahrer und setzen ihren philanthropischen Fokus entsprechend.

Früh übt sich: Es geht nicht nur um Leistung, Fahrradfahren ist auch Familienaktivität. Das Mountainbike bringt Menschen in Bentonville zusammen.

Bentonvilles Weg zum Mountainbike-Paradies

Bentonvilles Entwicklung zum Mountainbike-Hotspot hat vor rund zwanzig Jahren begonnen. Neben der Passion von Tom und Steuart Walton steht hinter der Finanzierung der Radinfrastruktur die Ambition, einen lebenswerten Ort zu erschaffen. Walmart ist einer der größten lokalen Arbeitgeber, für den viele Menschen nach Bentonville und Nordwest-Arkansas ziehen. Um diesen Menschen einen Ort mit Freizeitwert zu bieten, der zum Bleiben einlädt, wurden schwere Investitionen in die Lebensqualität getätigt. Zwischen 2005 und 2006 wurden die ersten Streckenabschnitte gebaut, 2007 waren die ersten fünf Meilen des sogenannten Slaughter Pen Trails im Norden der Stadt fertig.
Doch das war nur der Anfang. Was als „talent recruitment” für Walmart begann, eröffnete schnell auch Chancen im „destination management”. So wurden die weiteren Investitionen der Walton-Familie begleitet vom Storytelling des Bentonviller Tourismusbüros. Nachdem die ersten fünf Meilen Radwege gebaut und eröffnet und die nächsten 16 Meilen angekündigt wurden, verfolgten die Verantwortlichen die Strategie, den wirtschaftlichen Mehrwert der Radwege für den Ort zu betonen und dadurch die gesellschaftliche Akzeptanz durch die Menschen in Bentonville zu erhöhen. Denn Menschen, die zum Mountainbiken nach Bentonville kommen, benötigen schließlich auch Schlafplätze und gastronomische Angebote. Sie bringen also Chancen für Hotels, Restaurants und andere lokale Unternehmen mit.
Auch nach außen hin wurden die Geschichte und der Erfolg Bentonvilles erzählt und die Stadt wurde zunehmend als Outdoor-Ziel und Mountainbiking-Destination vermarktet. Das Narrativ des Mountainbike-Erfolgs wurde schon genutzt, als die Radinfrastruktur mit wenigen Meilen noch in den Kinderschuhen steckte. Die Teilnahme einer kleinen Delegation aus Bentonville, bestehend unter anderem aus dem örtlichen Raumplaner und dem Direktor für Parks und Freizeit, an einer Konferenz über Fahrradtourismus im Jahr 2011 wird von der Direktorin des örtlichen Tourismusbüros als Sprungbrett beschrieben. Auch wenn die Stadt damals mit den Mountainbike-Größen Nordamerikas wie Moab oder Whistler noch nicht mithalten konnte, werteten die Verantwortlichen das positive Feedback auf der Konferenz als Zeichen, dass Bentonville auf dem richtigen Weg und einzigartig in seiner Herangehensweise an die Mountainbike-Planung ist. Während in anderen „trail towns” ein Auto unbedingt notwendig ist, wird Konnektivität in Bentonville großgeschrieben. Viele der Trails sind vom Stadtkern aus erreichbar, sodass man nicht auf Auto und Fahrradträger angewiesen ist, um Mountainbiken gehen zu können. Für Touristininnen bedeutet das, dass sie nach ihrer langen Anreise ihr Auto einfach geparkt lassen können. Für Anwohnerinnen heißt es, dass sich das Mountainbiken beinahe nahtlos in den Alltag inte-grieren lässt.
Das Standing des Mountainbikens verbesserte sich nicht nur durch die Trails und die Konnektivität. Es zeigte sich vermehrt in allen Lebensbereichen. Hotels und Cafés wurden fahrradfreundlicher umgestaltet, indem die Gäste hauseigenes Werkzeug nutzen und ihre Fahrräder mitunter mit auf ihre Zimmer nehmen dürfen. In den 2010er-Jahren wurde das Trail-Netzwerk weiter ausgebaut. Das Crystal Bridges Museum of American Art öffnete 2011 seine Türen, welches nicht nur eine bedeutende Rolle in der kulturellen Landschaft Bentonvilles spielt, sondern auch in die Radinfrastruktur der Stadt integriert ist. Es ist umgeben von Natur und Mountainbiking-Trails und mit dem Fahrrad erreichbar. Weiterhin wird der Landkreis Benton County, 2012 ein sogenanntes wet county. Das bedeutet, dass Alkohol seitdem einfacher erhältlich ist – ein kleiner, aber nicht unbedeutender Meilenstein in Bentonvilles Weg zur Radsportstadt. Denn zum Mountainbiken gehört oft auch das gemeinsame Bier danach oder bei Events.
Im Jahr 2015 wählte die International Mountain Bicycling Association Bentonville aus, um ihren World Summit 2016 dort auszurichten. Um die Trail-Konnektivität und Zugänglichkeit hervorzuheben, wurde die gesamte Veranstaltung downtown anstatt in einem Kongresszentrum ausgerichtet. Aus den 400 erwarteten Gästen wurden 600. Die Direktorin von Visit Bentonville bezeichnet das Ganze als einen Wendepunkt auf dem Weg der Stadt zu einer Radsportdestination. Mit Beginn der Covid-19-Pandemie 2020 zieht es immer mehr Menschen nach Bentonville, die aufgrund der Einschränkungen nach Outdoor-Erlebnissen suchen. Vermehrt ziehen Menschen nicht mehr nur wegen ihrer Arbeit bei Walmart in die Gegend, sondern weil die Lebensqualität des Ortes und der Freizeitwert durch die Nähe zur Natur und die Trails hoch sind. Das eröffnet ein neues und größeres Publikum für Bentonvilles Mountainbike-Infrastruktur und macht die Stadt zunehmend auch für die Mountainbike-Industrie attraktiv. In den letzten Jahren haben sich unter anderem ein Clubhouse von Rapha, ein Experience Center vor Specialized und ein Showroom von YT-Industries in Bentonville angesiedelt.

Für alle etwas dabei: In Bentonville gibt es eine große Auswahl an Trails mit verschiedenen Oberflächen und Schwierigkeitsgraden. Gemeinsam haben die Trails, dass sie durch hügelige Wälder führen und oft von Kunstwerken umgeben sind.

Zwischen Miteinander und Verdrängung

Was Bentonville besonders macht, ist, dass sich eine große Gemeinschaft um das Mountainbiken gebildet hat, ohne deren Akzeptanz und Mitarbeit der Erfolg der Stadt nicht möglich wäre. Neben gut erreichbaren Trails, vielen Grünflächen und über 140 öffentlichen Kunstwerken, die oft an Radstrecken liegen, kann man durch diese Community fast jedes Wochenende Mountainbike- oder Gravel-Rennen erleben. Die örtlichen Schulen haben Radfahrprogramme in ihre Lehrpläne integriert, um den Schülerinnen die Bedeutung des Radfahrens näherzubringen und eine aktive Lebensweise zu fördern. Das Community College hat vor Kurzem sogar zwei Lehrgänge eingeführt, die sich auf Trail-Planung und -konstruktion sowie Fahrrad-technik konzentrieren. Das ist in den USA einmalig. Diese starke Identifikation mit dem Radfahren hat aber auch Schattenseiten. Das rasante Wachstum der Mountainbiking-Szene in Bentonville hat zu kulturellen Spannungen zwischen langjährigen Bewohnerinnen und Neuzugängen geführt. Während die neue Welle von Mountainbiker*innen die Stadt bereichert und zur Entwicklung der lokalen Infrastruktur beiträgt, führt sie auch zu steigenden Immobilienpreisen und der allmählichen Gentrifizierung des Ortes. Weiterhin ist Mountainbiking vielerorts ein sehr weißer und männlich dominierter Sport, in den der Einstieg durch teure Ausrüstung und Kleidung erschwert wird. In Bentonville lässt sich zum Teil eine „Bro-Kultur” im Mountainbiken wiederfinden, in der es um Leistung statt Zugänglichkeit und Community-Aufbau geht. Allerdings gibt es hier auch eine große Gegenbewegung, die sich darum bemüht, allen Menschen den Einstieg ins Mountainbiken zu ermöglichen und Gleichgesinnte zu finden, denn in der Gruppe ist Radfahren besser als alleine. Zum einen gibt es Nonprofit-Organisationen wie unter anderem die Women of Oz, Latinas en Bici, Bike.POC und All Bodies on Bikes, die sich jeweils um die Inklusion von Frauen, Latinas, BIPoCs und Menschen verschiedener Körpertypen bemühen. Diese Organisationen bieten anfängerfreundliche Fahrten und Schulungen an, um Barrieren abzubauen, die potenzielle Interessierte sonst vom Sport abhalten könnten.

Fahrradfahren wird in Bentonville zunehmend auch als Mobilitätsform gesehen und nicht nur als Sport. Ein von Schüler*innen entworfenes Wandgemälde weist auf die verschiedenen Fahrradorganisationen in der Stadt hin.

Von Sport zu Mobilität?

Der Fokus auf das Mountainbiken hat die Entwicklung des Radfahrens als Fortbewegungsmittel in Bentonville etwas überschattet. Die Freizeit-Trails haben nicht automatisch zu einer breiten Akzeptanz des Radfahrens für den täglichen Arbeitsweg oder Besorgungen geführt. Obwohl der Anstieg des Freizeitradverkehrs in Bentonville die Existenz von Radfahrerinnen in und um die Stadt normalisiert, stellt das die bestehende autozentrische Stadtplanung kaum infrage. Radfahren ist bislang wenig politisiert. In den letzten Jahren hat sich Bentonville jedoch immer mehr an Infrastruktur für das Radfahren im Alltag herangetraut, was nicht nur auf die Bemühungen von Walmart, sondern auch auf die Radfahrgewohnheiten mancher Zugezogenen zurückzuführen ist. Vor vier Jahren wurde der Radverkehrsplan für Bentonville erneuert und seitdem der Fokus erhöht auch auf Fahrradinfrastruktur auf der Straße gesetzt. So wurden in den letzten Jahren mehrere Kilometer sichere Fahrradinfrastruktur errichtet. Dafür brauchte es unter anderem viel Engagement der örtlichen Planerinnen und Politikerinnen, aber auch der Bürgerinnen. Im Herbst 2024 wurde durch den Einsatz einiger involvierter Bürgerinnen ein Active Transportation Advisory Board gegründet. Dieses Gremium soll dafür sorgen, dass die Bentonviller Radverkehrsplanung mit den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinschaft übereinstimmt. Momentan werden die Stimmen zivilgesellschaftlich engagierter Ein-wohnerinnen von der Bentonville Moves Coalition zusammengebracht. Diese Koalition, die eng mit der Stadt zusammenarbeitet, um nachhaltige Mobilität zu fördern, bündelt die Interessen zivilgesellschaftlich engagierter Einwohnerinnen, um die politische Akzeptanz für das alltägliche Radfahren zu stärken. Dadurch wird es einzelnen Bürgerinnen erleichtert, sich in die lokale Verkehrspolitik einzubringen. Diese Bemühungen zielen darauf ab, eine breitere Fahrradkultur zu schaffen, die sowohl das Freizeit-Mountainbiken als auch das praktische Alltagsradfahren umfasst.
Mountainbiken hat die Stadt Bentonville verstanden. Wurde die Radverkehrsplanung anfangs vor allem durch die Vision und Finanzierung der Walton-Familie vorangetrieben, zeichnet sie sich heute durch Bemühungen von öffentlicher und privater Seite aus. Bentonville hat es geschafft, sich einen einzigartigen Radfahr-Charakter zu verschaffen, der sich durch die Konnektivität und Zugänglichkeit des Trail-Netzwerkes sowie den Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt rund ums Fahrradfahren auszeichnet. Es bleibt abzuwarten, inwiefern dieser Charakter langfristig auf das Mobilitätsverhalten in der Stadt abfärben kann.


Bilder: Visit Bentonville, Lilian Markfort