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Innovations-Treiber, Hightech-Anwender, Weltmarktführer: Die Spezialradschmiede Van Raam kann das auf sich vereinen. Beim Besuch im niederländischen Varsseveld präsentiert sich ein dynamisch getriebenes Unternehmen.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)


Jan Willem Boezel, einer der CEOs und Technical Director bei den Niederländer*innen, erklärt die Entwicklung des Unternehmens mit einem Satz: „Eigentlich sind wir keine Fahrradhersteller – wir sind schon lange Mechatroniker!“ Tatsächlich kommt man beim Rundgang durch das Unternehmen in den Hallen in Varsseveld nicht mehr aus dem Staunen heraus ob der vielen Hightech-Lösungen. Sie stecken in und an den Rädern wie auch in den Produktionsprozessen.

Van Raam steht als Spezialradhersteller für Mobilität für alle.

Eulen in Athen – Fietsen in Amsterdam

Angefangen hat es in Amsterdam: Namensgeber Henk van Raam gründete dort 1900 eine Schmiede, die sich wegen des Fahrrad-Trends der Jahrhundertwende auf Fahrradrahmen spezialisierte. Das Geschäft florierte schnell und über Jahrzehnte. Da auch immer mehr deutsche Hersteller die robusten Stahlrahmen von Van Raam kauften, zog das Unternehmen in den Siebzigerjahren Richtung deutsche Grenze, in die Gemeinde Varsseveld. Stahlbetriebe in der Nähe erleichterten diese Entscheidung. Doch als in den Siebziger- und Achtzigerjahren die günstige Rahmenproduktion in Asien für andere selbstverständlich wurde, kam das Unternehmen mit seinen 25 Mitarbeitern ins Schlingern. 1984 ging es faktisch pleite, wie Marnix Kwant, Director of Business Development, erzählt. Der Unternehmer Piet Boezel kaufte Van Raam. Durch einen Zufall – ein Bekannter des Chefs hatte einen Unfall und konnte kein normales Zweirad mehr fahren – entstand 1986 das erste Dreirad von Van Raam und zeichnete den zukünftigen Weg vor. Ab 1992 baute man nur noch eigene Räder. Mit anfangs aus der Not heraus entwickelten Tandems und Parallel-Tandems ging es ab Mitte der Neunzigerjahre weiter. Van Raam hatte seine Nische gefunden, und sie wuchs.

Portfolio: Let‘s all cycle!

Das Angebot reicht heute von reinen, bis ins letzte Detail individualisierten Reha-Bikes bis hin zu lifestylig auftretenden Dreirädern. Im Zweiradbereich ist der Tiefeinsteiger Balance geblieben, mit einer Sattelhöhe, bei der auch im Sitzen jederzeit der Boden mit beiden Füßen gut erreichbar ist. Dazu Tandems mit Steuerung von vorderer oder hinterer Sitzposition, Parallel-Tandems, Räder für den Transport erwachsener Personen, Räder, die einen Rollstuhl komplett aufnehmen können, und halbe Velos, die erst mit dem Rollstuhl zusammen ein Gefährt ergeben – ein breit angelegtes Portfolio in der Nische Spezialrad.
„Jedes einzelne Fahrrad, das wir verkaufen, ist individuell“, erklärt Kwant. Es wird erst mit der Bestellung über den Fachhandel beauftragt und gebaut. Customizing fängt mit der frei zu wählenden RAL-Farbe an und hört mit den gewünschten Sonderteilen wie verkürzbaren Kurbeln oder Beinablagen noch lange nicht auf. Das heißt auch, dass intensive Beratung nötig ist. „Wir haben 196 Händler in Deutschland, es sollen noch mehr werden, daran arbeiten wir momentan stark. Der Fachhandel kann Modelle, die er nicht auf Lager hat, kurzfristig für die Kundentestfahrt bestellen.“
Im Showroom, der die ganze Breite des luftig wirkenden Bürobaus in Varsseveld einnimmt, herrscht reger Betrieb: „50 Räder stehen bereit, von überallher kommen die Menschen zum Testfahren“, so Kwant. Das kann man auf einer eigens angelegten Teststrecke neben den Hallen. Hier gibt’s derbe Untergründe bis hin zu Schotter und Kopfsteinpflaster. Gekauft wird das Rad aber über den Fachhandel. Jedes wird erst nach Bestellung aufgebaut. Darüber waren die Händler in den letzten Jahren sehr froh: „Viele Händler sagen, ‚das Spezialrad hat uns nach Corona gerettet’“, erzählt der Business Development Director später stolz. Schließlich wurde von den Van-Raam-Rädern keine Lagerfläche beim Händler in Anspruch genommen.

In der Van-Raam-Zentrale wird nicht nur in attraktiven Räumlichkeiten, sondern auch nach modernsten Standards gearbeitet. Auf eigenen Prüfständen werden die Fahrzeuge auf Herz und Nieren und Belastbarkeit geprüft. In der Van-Raam-Produktion werden die Kund*innenwünsche sorgfältig umgesetzt. Aktuell werden jährlich rund 18.000 Fahrzeuge produziert.

Produktion in West und Ost

Aufgebaut werden die Räder unter anderem in vier Produktionslinien in Varsseveld. 2020 wurden in einem eigenen Werk in Polen identische Produktionslinien gebaut, nachdem klar geworden war, dass die Auftragsmenge während der Pandemie ohne Erweiterung nicht zu schaffen sein würde. Etwa ein Tag vergeht bis zur Fertigstellung des Fun2Go, ein sehr komplex aufgebautes E-Tandem, auf dem die beiden Fahrerinnen nebeneinandersitzen. Fünf bis sechs Rahmen wandern hintereinander durch die Linie. Die Komponenten dazu nehmen die Monteurinnen aus einem Trolley, fast wie ein Einkaufswagen, der mit allen Teilen für das jeweilige Rad ausgerüstet ist. Bestückt werden diese Karren halbautomatisch: Beim Kommissionieren eine Station vorher fahren etwa sechs Meter lange Regalböden aus dem Hochregal auf Arbeitshöhe herunter. Der Bildschirm der jeweiligen Station zeigt genau, in welchem der vielen Fächer auf dem Regalboden sich das gesuchte Teil für das Rad befindet. Der Kommissionierer legt das Teil auf den Wagen, hakt es im System ab. Der Regalboden fährt zurück, das System fährt den Regalboden mit dem nächsten benötigten Teil an. Durch die Bestätigung nach der Entnahme weiß das System, wie viele Teile entnommen werden, und kommuniziert mit dem Einkauf, wenn es Zeit wird, nachzubestellen. Oder nachzuproduzieren. Denn die Produktion vieler eigener Komponenten ist wesentlicher Baustein des Unternehmenserfolgs. Man ist stolz auf die Smartness und Modernität der Anlagen.

CNC-Fräsen für inhouse und extern

State of the Art ist auch die Abteilung Your CNC Solution in der großen Nebenhalle des Kontors. Dominic Tempels, Leiter der Abteilung, steht an den riesigen vollautomatischen Dreh- und Fräsmaschinen. „Etwa 50 Prozent der Produkte hier werden im Auftrag von Van Raam gebaut, der Rest für unterschiedliche Auftraggeber“, erklärt er. Da wird gerade eine etwa 40 Zentimeter lange Spezialachse für ein Tandem hergestellt. Fünf Minuten braucht die Maschine für das Teil. „Für die Programmierung habe ich hier Computerspezialist*innen. Das ist eine komplexe Sache, da zählt Perfektion extrem viel“, erklärt er mit Stolz auf seine Angestellten. Pedale, Fußschalen, Achsen, alles Mögliche lässt Raam hier von der Maschine produzieren. Es gibt aber auch ganz andere Produkte: Ein Zwiebelschneide-Messerblatt mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern kommt auch aus der Maschine, Auftragsarbeit für eine Großküche.
Die Qualitätskontrolle beim Fräsen wird mit einem Laser vorgenommen. Er misst bis in den My-Bereich, also den Mikrometer, ob die Maße passen. Jedes erste, fünfte und jedes letzte Teil einer Serie wird kontrolliert.

Drucken statt zukaufen

Drei 3D-Drucker gehören bei Van Raam inzwischen zum guten Ton. „Auch das hat uns während der Pandemie sehr viel geholfen“, so Kwant. „Als einige Standardteile nicht geliefert werden konnten, wurde der Drucker angeschmissen und produziert, was man sonst zukaufte.“ Ein einziges Teil kann schließlich die ganze Produktion blockieren. Der Schaukasten der Abteilung zeigt, was in Kunststoff, aber auch in Metall „druckfähig“ ist. Kurbeln, Vorbauten, Werkzeuge sowie ganz artfremde Produkte sieht man da. Fast unglaublich: Mehrteilige Artikel aus Kunststoff wie beispielsweise Greifzangen können in einem einzelnen Durchgang funktionsfertig gedruckt werden.

Rund 18.000 Fahrzeuge stellt Van Raam jährlich her. Darunter finden sich unter anderem Dreiräder, Parallel-Tandems, Rollstuhlfahrräder und Scooter-Dreiräder mit Gasgriff.

Laser für perfekte Rohrverbindungen

Van-Raam-Fahrradrahmen sind aus Stahl. „Das bündelt für unsere Zwecke die besten Eigenschaften“, erklärt Kwant, „und es lässt sich gut formen und bearbeiten.“ Spezialräder müssen einsatzbedingt außerdem nicht besonders leicht, sondern vor allem robust sein. „Die neueren Hydroforming-Rohre der neueren Easy-Rider-Modelle sind auch dank der freien Formbarkeit lifestylig angehaucht. Dazu kommt noch die freie Farbwahl.“ Die eindrucksvolle Wirkung mancher exklusiver Farben zeigt sich im Showroom. Geschnitten und bearbeitet werden die Rahmenrohre von vollautomatisch gesteuerten Laserschneidern, „die nicht nur die Arbeit mit einer Genauigkeit und Geschwindigkeit verrichten, die Menschen gar nicht könnten. Sie sparen auch 80 Prozent des Personals ein“, erklärt Kwant, als wir vor einem gerade einmal zwei Jahre alten Laser-Schneider stehen. Dieser ist groß wie ein Einfamilienhaus, vollautomatisch und wirkt, als ob er seine Arbeit lässig nebenher verrichtet. Gerade werden Formen aus dem Hauptrohr des Twinny-Plus-Rads geschnitten und Bohrlöcher ins Material gelasert. In wenigen Sekunden ist das Rohr fertig bearbeitet.
Wer durch diese Produktion geht, sieht schon, dass der Kurs Van Raams auf Wachstum gebürstet ist. Tatsächlich hat man 2023 mit der Mehrheitsbeteiligung der Investment Holding Armira, die ihren Sitz in München hat, einen der Grundsteine dafür gelegt, dass in den kommenden Jahren mit Investments noch mehr Wachstum erreicht werden kann.

Tüv-Testprüfstand inhouse

In den Glas-Pavillons in der Halle sitzen Ingenieurinnen und Einkäuferinnen. „So sind sie direkt am Ort des Geschehens, wo sie gebraucht werden.“ Ein Abstecher führt zum Tüv-Prüfstand, auf dem gerade ein Easy-Rider-Modell steht. „Eine einzelne Prüfung kostet uns 28.000 Euro“, so Kwant. „Um nicht wegen einer Kleinigkeit zweimal testen lassen zu müssen, haben wir hier einen identischen Prüfstand gebaut.“ Bevor die Prüfung beim Tüv durchgeführt wird, durchläuft das neue Modell also den heimischen Test. Bei Problemen kann man dann vor der eigentlichen Prüfung nachbessern.
Jan Willem Boezel kann noch einiges mehr über die Entwicklungen und Ziele von Van Raam erzählen. „Eigentlich wollen wir immer das komfortabelste Fahrrad überhaupt bauen“, sagt er. Und dann stellt der technikverliebte CEO einen Prototypen vor, der es in sich hat. Ein Sesselrad, das statt einer Federgabel eine selbst entwickelte Vorderradschwinge hat. Hinten stützen zwei sehr schräg von der Sitzmitte nach außen ausgestellte Federbeine die einzeln aufgehängten Räder ab. Erster Fahreindruck: „Liegt denn das Kopfsteinpflaster schon hinter mir?“ Tatsächlich schwebt man darauf wie in einer Limo dahin. Ob, wann und wie das Rad in Serie geht, ist noch unklar.
Klar ist hingegen, dass ein anderes wichtiges Stück Entwicklung jetzt zu haben ist: das Thuja. Zwei aufwendig gelenkte 20-Zoll-Räder vorn, dazwischen eine Art sehr schicker Einkaufskorb, hinten ein einzelnes 28er-Laufrad. So sieht das Thuja von der Seite fast aus wie ein Zweirad mit tiefem Einstieg. Und genau das ist es, was Van Raam damit erreichen will: den Reha-Beigeschmack der Radgattung Dreirad endgültig ausmerzen.

Ausgezeichnet: Die Entwickler

Tatsächlich erscheint das Velo wie ein neue Gattung. Ein sehr fahrstabil laufendes Fiets für Alltag und Besorgungen bis hin zum Wocheneinkauf. Unter dem Korb im abschließbaren Fach sitzt der Akku. Er sorgt hier für einen tiefen Schwerpunkt, Platz für Wertsachen und Ähnliches gibt es unter dem Korb auch noch. Auf der Eurobike 2025 bekam das Thuja postwendend einen Award, und bei den Pariser ProDays 2025 sahnte man den Preis für das beste Produktentwicklungs-Team ab.
Fast grundsätzlich werden die Van Raams mit Motor verkauft. „Spezialräder wie die Parallel-Tandems brauchen unter anderem einen Rückwärtsgang“, so Boezel. So setzt man schon Jahre auf einen eigenen Motor, der als Vorder- oder Hinterradantrieb fungiert, und die selbst entwickelte Software dazu. Die Akkus liefert BMZ. Van Raam lässt uns noch weiter in die Zukunft sehen. Gerade hat man zusammen mit einer Projektgruppe der Uni Bochum ein komplettes Chainless-System fertig entwickelt, das mit zwei Generatoren bestückt werden kann. Bei der Testfahrt im Parallel-Tandem fühlt sich das Rad deutlich mehr als die bisher bekannten Entwicklungen nach Kettenantrieb an, spart neben dem Antriebsstrang aber auch noch einiges an Gewicht und schafft Formfreiheit für die Designer*innen. In Zukunft treibt man auf jedem Sessel einen Generator an, der den Strom über den Umweg einer aufwendigen Software-Steuerung an die Hinterräder weitergibt. Man ist stets mit dem „gefühlt richtigen“ Gang unterwegs und braucht nicht zu schalten. Auch das ist Komfort!

Nachhaltigkeit über den Standard hinaus

Als Hersteller von Medizinprodukten, was Reha-Räder auch sind, hat man zusätzliche Normen zu erfüllen. Da gibt es die Pflicht, jährlich einen Report über die systematisch gesammelten Daten zur Sicherheit und Leistung der verkauften Produkte zu veröffentlichen (Post Market Surveillance, PMS). Gern weist man drauf hin, dass sämtliche Normen hier übertroffen werden. „Nachhaltigkeit ist hier ein unglaublich breites Thema“, erklärt Walter Smit, der QHSE-Manger bei Van Raam. CO2-Abdruck und Recycling-Ökonomie sind wichtig, auch in der Lieferkette. Alles wird mit Daten untermauert, mehr als es gesetzlich vorgeschrieben wäre. „Wir manchen damit über das Geforderte hinaus unsere Nachhaltigkeit messbar“, so Smit. So gab es 2024 zusätzlich eine Life Cycle Analysis (LCA), mit der die drei meistverkauften Modelle und die CO2-Spur all ihrer Teile dokumentiert wurden. Über die Jahre wird auch festgehalten, wie lange die Räder existieren, die Erfahrungen der Endverbraucher und der Händler fließen ein. Dass Van Raam im eigenen Haus rundum auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzt, sieht man auch an anderen Stellen. Der Hauptbau wird von fast 2000 Solarmodulen mit Energie beliefert, man hat die Kreislaufwirtschaft in der Produktion perfektioniert und die große, neue Lackiererei spart 30 Prozent an Gas gegenüber der alten. Nicht zuletzt lebt das Unternehmen, dessen Kund*innen auch viele Menschen mit Beeinträchtigungen sind, eine hohe soziale Verantwortung vor. Hier arbeiten laut Smit deutlich mehr Menschen mit Beeinträchtigungen als vorgeschrieben. Und sie werden früher aus der staatlichen Förderung genommen als anderswo und damit früher direkt beim Unternehmen angestellt. Das passe besser zu einem Unternehmen mit der Devise „Radfahren für alle“, findet auch Kwant. So oder so, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Unternehmens erwecken glaubhaft den Eindruck, für diese Idee zu brennen – jeder an seiner Stelle.


Bilder: Van Raam, Georg Bleicher

Mobilität bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit und Lebensqualität – und das nicht nur im Alter. Van Raam setzt genau hier an und bietet Lösungen, die weit über die traditionelle Zielgruppe der Senioren und Seniorinnen hinausgehen. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2024, Juni 2024)


Die demografische Entwicklung in Deutschland zeigt, dass Mobilität im Alter zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch nicht nur Senioren und Seniorinnen profitieren von den durchdachten Konzepten von Van Raam. Die Fahrräder der Marke richten sich an Menschen jeden Alters, die Wert auf Komfort, Sicherheit und innovative Technik legen. Besonders für Personen, die sich nach einer Verletzung oder Krankheit wieder an das Radfahren gewöhnen wollen, bieten die verschiedenen Modelle eine ideale Unterstützung.

Komfort und Sicherheit an erster Stelle

Bei der Entwicklung steht für den Hersteller aus den Niederlanden der Nutzer im Mittelpunkt. Jedes Modell ist darauf ausgelegt, maximalen Komfort und höchste Sicherheit zu bieten. Die speziell entwickelten Rahmenkon-struktionen ermöglichen einen einfachen Einstieg und eine stabile Fahrt.
Elektrische Unterstützungssysteme sorgen dafür, dass sich auch längere Strecken mühelos meistern lassen. Dabei sollen hochwertige Materialien und modernste Technik eine lange Lebensdauer und Zuverlässigkeit garantieren. Van Raam bietet eine breite Palette an Modellen, die individuell an die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer anpassbar sind. Das Sortiment reicht von Dreirädern über Tandems bis hin zu Rollstuhlfahrrädern.

Nachhaltigkeit im Fokus

Neben Komfort und Sicherheit legt Van Raam großen Wert auf Nachhaltigkeit. Die Fahrräder des Herstellers werden unter strengen ökologischen Standards produziert und tragen so zu einer umweltfreundlichen Mobilität bei. Mit einem Van-Raam-Fahrrad entscheiden sich die Endverbraucher für ein nachhaltiges Fortbewegungsmittel, das nicht nur ihre Mobilität verbessert, sondern auch einen positiven Beitrag zur Umwelt leistet.


Mehr Informationen: www.vanraam.com

Bilder: Van Raam

Das Fahrrad ist für die Verkehrswende unerlässlich. Und es ist inklusiv: Tatsächlich können auch viele Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten gut fahrradmobil sein. Wir stellen Beispiele und Entwicklungen vor und beleuchten Hintergründe. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2024, März 2024)


Unsicherheit, verlorene Balance-Fähigkeiten oder einfach mehr Komfort-Bedürfnis: Dreiräder sind oft ein Aha-Erlebnis.

Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten und Radfahren: Das ist eine überraschend gut funktionierende Kombi, einfacher, als viele heute noch denken. Grob kann man die technischen Möglichkeiten, die Radfahren zu einem inklusiven Erlebnis machen, zunächst in zwei Kategorien einteilen: Erstens gibt es Fahrräder für zwei Menschen, also verschiedene Arten von Tandems. Hier ist es möglich, dass ein Mensch ohne Einschränkung das Fahrrad steuert und ein Mensch mit Einschränkungen mitfährt. Je nach Fahrradtyp und persönlichen Fähigkeiten ist es dabei möglich, dass beide für den Vortrieb sorgen. Die andere, sehr große Kategorie: Fahrräder mit drei oder vier Rädern, die aufgrund ihrer Bauart durchaus für Menschen mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen und Bedürfnissen geeignet sind. Die Bandbreite ist riesig und geht, wie wir noch sehen werden, von Menschen, die einfach einen hohen Komfort- oder Sicherheitsanspruch ans Fahrrad haben, bis hin zu Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Querschnittslähmung ihre Beine nicht mehr bewegen können. Dabei handelt es sich mittlerweile bei diesen Therapie- oder Reha-Rädern meist um Fahrräder mit Motor-Unterstützung bis 25 Stundenkilometer, also Pedelecs. Besser wäre sicher eine allgemeine Bezeichnung wie Sicherheits- und Komforträder, da die Beweggründe, ein Dreirad zu fahren, sehr vielfältig sein können.

„Immer mehr Menschen fahren Fahrrad, und wenn sie das aus irgendwelchen Einschränkungen nicht mehr können oder sich nicht mehr trauen, steigen sie mittlerweile immer mehr aufs Spezialrad um.“

Zusammen unterwegs: Tandems in unterschiedlichsten Variationen sind auch für Menschen mit starken Einschränkungen eine Möglichkeit, zusammen mobil zu sein.

Inklusion on Bike

Das Pino von Hase Bikes ist schon ein moderner Klassiker und das beste Beispiel für die erste Kategorie. Das Rad ist ein sogenanntes Stufentandem. Der Sessel vorne thront über dem kleinen Vorderrad, der Hintermann sitzt aufrecht im Sattel und überblickt seinen Passagier. Er hat Steuer- und Bremshoheit. Der Mensch im Vordersitz kann in seinem eigenen Rhythmus mittreten und erlebt dabei großes Kino – sitzt er doch nicht versteckt hinter einem Rücken wie beim normalen Tandem, sondern im bequemen „Kinosessel“ mit Panoramablick. Dieses Rad gibt es in vielen Variationen und es ist vielfach an spezielle Bedürfnisse anpassbar. Bereits Kinder ab einem Meter Größe können hier mitfahren – und tatsächlich auch mitpedalieren.
„Der Reha-Bereich ist breit“, sagt Dario Valenti, Sprecher des Unternehmens Hase Bikes. „Das geht von Menschen mit Behinderungen bis hin zu solchen, die aus verschiedenen (Alters-)Gründen nicht mehr auf dem Normalrad fahren können oder wollen, aber auf das Radfahren nicht verzichten möchten.“
Wichtig ist immer: Mit Mobilität meint man nicht nur den Sonntagsausflug im Park, sondern auch die Alltagsstrecke. Neben dem Pino für zwei, das zusammengeschoben nur wenig größer als ein Normalrad ist und so auch gut transportiert werden kann, ist Hase Bikes auch Hersteller von Dreirädern mit und ohne Unterstützung, unter anderem von Rädern mit Handantrieb.
Bei Handbikes werden die Pedale durch Handkurbeln ersetzt, an denen wie am normalen Lenker die Brems- und Schaltgriffe montiert sind. Übrigens hat auch hier die elektrische Unterstützung Einzug gehalten, sodass diese Handbikes ohne große Anstrengung gefahren werden können.
Auch vielfältige Anpassungen wie spezielle Kurbeln oder Pedale oder sogar eine Schulterlenkung sind für viele verschiedene Räder von Hase verwendbar. Bei den Dreirädern gilt – nicht nur bei Hase: Die Breite ist mit knapp 80 Zentimetern türentauglich.

Kippsicher für den City-Verkehr

Eine weitere Variante des Dreirads ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden: Das Tadpole (englisch für Kaulquappe) mit zwei gelenkten Rädern vorne und einem hinten. Es kommt eigentlich aus dem sportlichen Bereich. Der Liegeradhersteller HP Velotechnik hat mit dem Scorpion eine technische Basis, die er mit vielen Details an die Bedürfnisse des Fahrers oder der Fahrerin anpassen kann. Dieses Rad hat nicht nur in seiner tiefen Grundversion, sondern auch mit höherem Komfortsitz dank breiter Spur gute Kippsicherheit. Aber nicht nur Geometriedetails zählen. „Das Thema Motor ist bei uns ein ganz wichtiges Segment geworden“, sagt Alexander Kraft, Pressesprecher des bei Frankfurt sitzenden Unternehmens. „Beim Delta TX stehen vier unterschiedliche Motorvarianten zur Auswahl“, erklärt er. Sogar solche mit Rückwärtsgang gibt es im Sortiment. Für Menschen mit Einschränkungen ist das einfache Rangieren besonders wichtig – schon beim Abholen aus der Parkanlage. Tatsächlich, so Kraft, sei die Tadpole-Variante des Dreirads – zwei Räder vorn – in der City für viele noch ungewohnt. Neben der aufgeräumteren Optik schätzen viele das einfachere Aufsteigen auf Delta-Dreiräder – seitlich auf den Sessel setzen und sich in Fahrtrichtung drehen. Das Bein wird dabei wie nebenher über den Rahmen gehoben. Das Delta TX kommt übrigens serienmäßig mit Motor. Und gerade diese Dreiräder bieten beste Möglichkeiten zum Gepäcktransport – vom großen Korb hinter dem Sitz über verschiedene Transportboxen und Taschen geht die Range bei den Herstellern. „Damit kommt man in der City genauso zurecht wie auf der Radtour über Land“, sagt Kraft. „Sieht man einmal von der falschen Infrastruktur ab, die dem Radfahrer unter anderem zu wenig Breite gewährt.“

Rotes Dreirad: Tadpole (englisch für Kaulquappe)heißt die Bauart des Dreirads mit zwei gelenkten Vorderrädern. Die Variante ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden.

Blaues Dreirad: Sogenannte Delta-Trikes sind nicht nur sehr einfach zu handhaben, sie vermitteln mit Federung und hochwertigen Sitzen auch Komfort, wie man ihn vom Auto kennt. Dabei kann man sie bestens an die Alltagspraxis anpassen.

Trikes sind vielfältig einsetzbar. Sie machen beim gemütlichen Dahinrollen durch die Natur genauso Spaß wie im Alltag in der City – vorausgesetzt, die Infrastruktur lässt das zu.

Dreirädrige Hollandräder

Ein Therapierad ist ein sehr individuelles Produkt, sagt Marnix Kwant, Directeur Business Development beim Hersteller Van Raam. „Wir haben kein einziges Rad fertig auf Lager“, so Kwant. Jedes Fahrrad ist eine Individualisierung. Und das ist wichtig. Verkauft wird – wie bei oben genannten Herstellern auch – grundsätzlich nur über einen Händler.
Das Unternehmen aus dem niederländischen Varssefeld ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Bereich Therapierad. Gemeint sind auch bei Van Raam für das urbane Segment vor allem Dreiräder – elf verschiedene Typen gibt es hier. Dabei gibt es auch die klassischen Variationen von Rädern, die wie Hollandräder wirken, aber zwei Hinterräder besitzen. Wer sich nicht mehr aufs normale Fahrrad traut, Angst vor Stürzen hat und Ähnliches, orientiert sich an solchen Rädern. Das ist oft der klassische Zugang zum Spezialrad. „Das können sich die Kunden und Kundinnen gut vorstellen, zu fahren“, sagt Kwant. Der Unterschied zum gewohnten, normalen Rad ist optisch gering. Beim ersten Ausprobieren aber merken sie oft, dass dieses Dreirad ganz anders funktioniert und in Kurven langsam gefahren werden muss. „Dann erst entdecken viele den Easy Rider, das Sesseldreirad von Van Raam, für sich. Den Komfort, auf einem Sitz mit Lehne zu sitzen und das trotz ungewohnter Optik einfache Handling. Als reines Stadtfahrzeug führt Van Raam das Modell Easy Rider Compact im Sortiment, das maximale Wendigkeit bieten soll. Spezialteile gibt es auch bei den Niederländern für alle möglichen Arten von Bedürfnissen bis hin zur kompletten Steuerung auf einer Lenkerseite oder Schulterlenker für Menschen ohne Arme. In der Produktion setzt Van Raam auch auf moderne Techniken wie Stahl oder Nylon aus dem 3-D-Drucker, um individuelle Spezialteile herzustellen.
„Der Markt in Deutschland für Spezialräder wächst sehr stark“, sagt Kwant. „Immer mehr Menschen fahren Fahrrad, und wenn sie das wegen irgendwelcher Einschränkungen nicht mehr können oder sich nicht mehr trauen, steigen sie mittlerweile immer mehr aufs Spezialrad um.“ Dabei sind die Bedürfnisse vielfältig: Neben Gleichgewichtsproblemen ist es der Wunsch, langsamer fahren zu können oder mehr Komfort auf dem Rad zu haben. „Was ist Behinderung, was nicht? Das ist egal, es geht um Bedürfnisse der Radfahrenden“, so Kwant.

Vom Behelfsrad zum Luxus-Trike

Die Wahrnehmung ändert sich: Wurden Reha- und Therapieräder noch vor wenigen Jahren als „Behindertenräder“ gebrandmarkt, können sie heute oft technisch wie optisch überzeugen. Der Rahmenbau ist teils dem klassischen Fahrrad sogar voraus, Komfort zeigt sich oft schon durch die Möglichkeit vieler ergonomischer Anpassungen oder in der Auswahl von unterschiedlichen Sitzen. Bei den genannten Herstellern gibt es beispielsweise Sessel mit unterschiedlich starker Polsterung, vielfältiger Einstellbarkeit und speziellen Ausstattungsdetails wie verstellbaren Kopfstützen. Unterstützungsmotoren sind fast immer an Bord. Automatische Getriebe sind stark im Vormarsch und Sicherheitsdetails wie Blinker ziehen gerade in das Segment ein. Alles wie geschaffen für eine neue Mobilität für alle – für die die Infrastruktur jetzt deutlich nachziehen sollte.

Herausforderungen für die

Fahrrad-Infrastruktur

Radwege haben in Deutschland heute eine offizielle „lichte Breite“ von mindestens 1,50 Metern – das ist schon zu wenig, wenn ein einspuriges Rad ein anderes überholen soll. Dreiräder brauchen nochmals deutlich mehr Platz. Schon heute sind also, auch durch den hohen Zuwachs an mehrspurigen Lastenrädern, die Radwege deutlich zu schmal. Zusätzliche Probleme, die nicht nur in der City die inklusive Fahrradmobilität weiter einschränken:

Umlaufgitter, wie sie unter anderem oft an Knotenpunkten von gemeinsamen Fuß- und Radwegen mit anderen Wegen platziert sind. Sie sind für Tandems, aber auch für Drei-räder nur sehr schwer oder gar nicht passierbar.

Dasselbe gilt für manchmal zu eng aufgestellte Sperrpfosten (Poller).

Seitlich schiefe Ebenen: Gerade bei straßenbegleitenden Radwegen auf Gehweg-Niveau gibt es oft ein starkes seitliches Gefälle, das dem Radfahrer, vor allem mit Mehrspurer, das Fahren schwierig macht. Letztere kommen hier stark in Schieflage und müssen sich gegen die Schräge stemmen. Für viele Menschen mit Behinderung nicht nur unbequem, sondern gefährlich.

Lichtsignalanlagen mit Anforderungstaster, sogenannte Bettelampeln, sind ein klares Symbol für die Unterordnung des Rad- und Fußverkehrs gegenüber dem Autoverkehr. Schlimmer noch: Ihre Tasten sind oft, und dann gerade für Menschen auf mehrspurigen Rädern, sehr schwierig zu erreichen.

Schon seit dem Zuwachs von Cargobikes im Gespräch: Abstellanlagen für Räder jenseits der klassischen Zweiradmaße. Therapieräder sind oft zu breit und/oder zu lang für die üblichen Maße, mit denen Anlehnbügel aufgestellt sind.

Die Infrastruktur in Bahnhöfen ist schon für Nutzer und Nutzerinnen normaler Fahr-räder ein Daueraufreger. Mit Blick auf Therapieräder multipliziert sich das: Aufzüge zu Bahn- und U-Bahnsteigen sind oft zu schmal für Mehrspurer und zu kurz für große Räder. Auf Bahnsteigen ist man mit dem Rad oft ein Störfaktor, weil Säulen oder andere Hindernisse gerade unter Zeitdruck umschoben werden müssen. Und auch das Schieben ist ein Problempunkt: Manche Menschen mit Einschränkungen können Fahrrad fahren, aber kaum gehen. Sie können, wenn sie nicht auf dem Bahnsteig in Schrittgeschwindigkeit rollen dürfen, keine kombinierte Nutzung von Bahn und Fahrrad realisieren.


Bilder: Hase Bikes, Van Raam, HP Velotechnik, stock.adobe.com – ARochau – Maryana