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Wenn sich vom 16. bis 19. Juni 2026 die internationale Fahrrad- und Mobilitätsbranche in Rimini trifft, kehrt der bedeutendste globale Kongress für Radverkehr erstmals seit 1991 wieder nach Italien zurück. Die Velo-City, veranstaltet von der European Cyclists’ Federation (ECF), gilt seit 1980 als wichtigstes globales Forum für aktive Mobilität sowie als Impulsgeber für Politik, Planung und Innovation im Bereich nachhaltiger urbaner Verkehrssysteme.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2026, März 2026)


Etwa 1600 Delegierte aus über 60 Ländern werden in Rimini erwartet – darunter politische Entscheidungsträgerinnen, Stadtplanerinnen, Wissenschaftlerinnen, Verbände und Vertreterinnen der Fahrradindustrie. In rund 80 Fachsessions mit über 400 Referent*innen werden Strategien, Best Practices und aktuelle Forschungsergebnisse zur Förderung des Radverkehrs diskutiert.
Die Velo-City versteht sich dabei als umfassende Plattform, die Städte und Regionen befähigt, Radverkehr als zentralen Bestandteil moderner Mobilitätssysteme zu entwickeln und die Transformation des öffentlichen Raums in die Praxis umzusetzen.

Die Lage des Veranstaltungsortes bildet den Kontrast zwischen historischer Altstadt und Strandleben in Rimini ab.

Urbane Träume sollen konkret werden

Das offizielle Jahresthema „Delivering the Urban Dream“ betont den Übergang von politischen Visionen zu konkreten Maßnahmen. Im Mittelpunkt stehen Strategien, die die Lebensqualität städtischer Räume steigern, Klimaanpassung fördern und Mobilität sozial gerechter machen – wobei Radverkehr als Schlüsselinstrument gilt. Der Kongress rückt dabei politische Führungsstärke, langfristige Planung, integrierte Mobilitätskonzepte und enge Bürgerbeteiligung in den Fokus.
Die Botschaft: Urbane Transformation gelingt nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern nur durch vernetzte Mobilitätsstrategien, strategische Governance und dauerhafte Investitionen.

Prominente Stimmen

Zu den bereits angekündigten Sprecher*innen gehören zahlreiche internationale Entscheidungsträgerinnen und Experten verschiedener Disziplinen. Genannt werden unter anderem Yoko Alender (ehemalige Klimaministerin Estlands), Francesca Racioppi (WHO), Laurianne Krid (ECF) sowie Britta Dürscheid (Google). Ihre Vielfalt steht stellvertretend für die Interdisziplinarität der Velo-City, die Mobilitätspolitik, Gesundheitsforschung, Technologie und Stadtplanung eng miteinander verzahnt.

Warum Rimini?

Rimini wurde von der ECF nicht zufällig ausgewählt. Die Stadt an der Emilia-Romagna-Küste hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen: von einer stark autoorientierten Tourismusstadt hin zu einem Modell nachhaltiger Stadtentwicklung (siehe auch Bericht Porträt Rimini). Die 15 Kilometer lange Uferpromenade wurde zu einem „Urban Sea Park“ umgestaltet und bietet heute neue Grünflächen, Rad- und Fußwege, Sportbereiche und öffentlichen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität. Parallel dazu hat Rimini sein Radwegenetz ausgebaut und verfolgt das Ziel, innerhalb eines Jahrzehnts 50 Prozent aller Wege über Rad, Fuß und öffentlichen Verkehr abzuwickeln.
Diese tiefgreifenden strukturellen Veränderungen machen Rimini zu einem Beispiel für erfolgreiche urbane Regeneration – und zu einem inspirierenden Gastgeber für diesen Weltkongress. Auch die Region Emilia Romagna hat in den vergangenen Jahren massiv in ihre Rolle als fahrradfreundliches Reiseziel investiert und unterstützt das Event als Teil einer langfristigen nachhaltigen Tourismusstrategie.

Themenvielfalt mit fachlicher Tiefe

Das vorläufige Programm umfasst mehr als 80 Sessions, die sich in thematische Stränge wie Infrastrukturplanung, Verkehrssicherheit, Mobilitätsmanagement, urbane Gesundheit, Tourismus, Daten & Digitalisierung sowie Kommunikation gliedern. Die hohe Zahl an eingereichten Abstracts zeigt, welchen Stellenwert die Velo-City als weltweit führende Wissensplattform einnimmt.
Besonders die italienischen Organisatoren, allen voran die federführende Federazione Italiana Ambiente e Bicicletta (FIAB), betonen den Anspruch, mit der Ausgabe 2026 eine Debatte zu stärken, die weit über Italien hinausreichen soll: Mobilität müsse als Grundrecht verstanden und flächendeckend in den Dienst gesünderer, sichererer und attraktiverer Städte gestellt werden.

Der fachliche Austausch in Podiumsdiskussionen und die begleitenden Ausstellungen, wie hier bei der letzten Veranstaltung in Gdansk, nehmen bei Velo-City einen prominenten Raum ein.

Erlebnisorientiertes Rahmenprogramm

Neben der fachlichen Arbeit setzt die Velo-City traditionell auf ein Rahmenprogramm, das die Themen des Kongresses erlebbar macht. Höhepunkt in Rimini ist eine Bike-Parade am Abend des 17. Juni, die Teilnehmende und Bürger*innen gemeinsam durch die Altstadt und entlang der Küste führt und ein sichtbares Symbol für die Verbindung von Konferenz und Stadtgesellschaft werden soll.
Ein Bike Village an der Piazzale Fellini, ein Networking Dinner in der Altstadt und eine Ausstellung mit über 100 internationalen Ausstellern runden das Programm ab und bieten Möglichkeiten für Austausch, Produktinnovationen und Kooperationen.

Impulsgeber für Italien und die Welt

Die Organisatorinnen verfolgen das Ziel, dass Velo-City 2026 zu einem Katalysator für weitreichende Veränderungen wird. Die FIAB spricht von einer möglichen „politischen Initialzündung“ für mutigere Entscheidungen in der italienischen Mobilitätspolitik – darunter der Ausbau sicherer Infrastruktur, Maßnahmen für Verkehrssicherheit, eine stärkere Rolle des Radverkehrs im Klimaschutz und die Aufwertung urbaner Räume. Gleichzeitig biete Velo-City europäischen Städten eine Plattform, voneinander zu lernen und die Umsetzung der Mobilitätswende grenzüberschreitend zu beschleunigen. Mit ihrer Kombination aus hochkarätigen Expertinnen, einem klaren thematischen Fokus und einer Stadt, die selbst einen tiefgreifenden Wandel demonstriert, hat die Velo-City auch in ihrem 47. Jahr einmal mehr das Potenzial, zu einem wegweisenden Ereignis zu werden. Sie will zeigen, wie Mobilitätswende nicht nur geplant, sondern konkret erlebbar gemacht werden kann – im urbanen Raum, in der politischen Debatte und in der alltäglichen Mobilitätskultur. Rimini bietet dafür nicht nur die passende Kulisse, sondern ein lebendiges Beispiel dafür, wie eine Stadt fahrradfreundliche Transformation aktiv gestalten kann.


Bilder: velo-city-conference.com

Die Velo-City-Konferenz steht für internationalen Austausch, prominent besetzte Vorträge und Diskussions-Panels sowie ein gut organisiertes Rahmenprogramm inklusive Ausstellung. Für viele Besucher*innen ist der Informationsgewinn aber nur ein positiver Aspekt, den das Event mit dem globalen Anspruch mit sich bringt.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2024, September 2024)


Auf der Velo-City kommen Menschen zusammen, die einander inspirieren und die aus dem Beisammensein der hoch motivierten Akteure aus vielen Ländern der Welt Kraft für ihre tägliche Arbeit schöpfen. Auch wenn die lokalen Gegebenheiten zum Teil kaum unterschiedlicher sein könnten, lassen sich Lehren ziehen aus Problemen und gelungene Best-Practice-Beispiele bewundern. So dürfte sich erklären lassen, warum die diesjährige Konferenz im belgischen Gent eine Rekordbeteiligung von 1600 Besucher*innen aus mehr als 60 Ländern zählen konnte.
Die Motivation, die sich auf der Velo-City auftanken lässt, ist gerade deshalb wichtig, weil Radverkehrsprojekte nicht selten auf Widerstand und Protest stoßen. Auch das Motto „Connecting through cycling“ der Velo-City Gent fand Belgiens stellvertretender Premierminister und Mobilitätsminister Georges Kilkinet in diesem Kontext sehr passend: „Das Motto der diesjährigen Konferenz spricht für sich selbst. Durch Radfahren verbinden, genau das macht der Radverkehr.“

Stilecht wurde das Programm auf der Hauptbühne im Velodrome „’t Kuipke“ mit einem Bahnrennen eröffnet.

Radverkehr überwindet Barrieren

Im belgischen Gent fand die Konferenz im Pavillon Floraliënhal im Citadelpark statt, einem zur Expo 1913 errichteten Gebäude voller industriellem Charme. Direkt angrenzend lag die Hauptbühne in Fahrradform im Velodrome „’t Kuipke“, wo die 1600 Besucher*innen mitunter auf den Fan-Rängen Platz fanden. Die Konferenz wurde stilecht mit einem Bahnradrennen eröffnet. Die Erfolgsstory von der Gastgeberstadt Gent war das erste Thema auf der Bühne, vorgetragen vom Bürgermeister der Stadt, Matthias de Clerq, gefolgt von inspirierenden Worten von Henk Swarttouw, Präsident der European Cyclists‘ Federation und Gents stellvertretendem Bürgermeister Filip Watteeuw. Radverkehr vermag es, Barrieren zu überwinden und Gemeinschaften zu verbinden, wenn er inklusiv organisiert ist, so das Resümee des anschließenden Podiums, auf dem auch Janette Sadik-Khan nach einer Keynote zu Wort kam. Die ehemalige Transport Commissioner von New York hat es geschafft, 400 Meilen Fahrradwege in der Stadt anzulegen. „Radfahren in New York hat sich von einer alternativen Art der Fortbewegung zu einer essenziellen gewandelt“, so Sadik-Khan.
Viel Aufmerksamkeit erhielt die European Declaration on Cycling, die die Europäische Kommission im April verabschieden konnte. Das Dokument nimmt in einem von acht Punkten auch Bezug auf rund zwei Millionen Jobs, die durch einen starken Support im Fahrradsektor entstehen könnten. Für Kevin Mayne, CEO von Cycling Industries Europe, ist es wichtig, dass im Grunde die gesamte Erklärung der Fahrradwirtschaft zugutekommen könnte. Die potenziellen neuen Jobs werden ihm zufolge zudem zu 85 Prozent lokal sein.

„Macht den öffentlichen Raum wirklich öffentlich!“

Simona Larghetti, Stadt Bologna

Kommunikation als Schlüssel

Viel Veränderungspotenzial, das bewiesen einige Veranstaltungen auf der Konferenz, liegt in der Art, wie über den Mobilitätswandel und die dadurch veränderten Städte gesprochen wird. Ein Beispiel einer vierspurigen Straße in Memphis, bei der die Hälfte für Rad- und Fußverkehr umgewidmet wurde, zeigt: Sogar, wenn die richtigen Daten vorliegen, die die Wirksamkeit einer Maßnahme beweisen, kann diese durch mangelnde Kommunikation noch immer scheitern. Der französische Autor Grant Ennis erklärte auf der Konferenz, dass die Tatsache, wie oft Menschen etwas zu hören bekommen, den Ausschlag dafür gibt, wie sie zu einer Überzeugung gelangen. In diese Kerbe schlagen Berichterstattungen zu Unfällen, in denen den Tätern in den Autos keine aktive Rolle zugeschrieben wird. Auch die Frage, wie sich Sicherheit im Radverkehr adressieren lässt, ohne Radfahren als inhärent gefährliche Aktivität darzustellen, ist eine kommunikative Herausforderung im gesellschaftlichen Diskurs um die Verkehrswende. Zum umgestalteten Oeder Weg in Frankfurt am Main ergab die Begleitforschung, dass von 117 Artikeln lediglich 13 positiv zu wertende Beiträge, aber 38 negative Beiträge waren. Das zieht die Bewertung der Öffentlichkeit für das städtebauliche Projekt deutlich ins Negative. Verstetigt wurde der Oeder Weg dennoch. Medien kommt eine wichtige Rolle zu, die Projektverantwortliche aktiver nutzen müssen, so das Resümee. Hilfreich kann es auch sein, Nicht-Regierungs-Organisationen oder lokale Unternehmen in die Kommunikation einzubinden.
Auch in Afrika beginnt der Wandel in den Köpfen, sagt Emmanuel John, Präsident der Africa Urban Cycling Organisation. Dort herrsche noch viel zu oft das Klischee vor, dass Fahrräder ein Mobilitätsmittel für arme Menschen sind.
Um am Ende ein positives Ergebnis zu erhalten, bedarf es einer Planung, die die Bedürfnisse der Menschen und keine rein technische Betrachtung in den Vordergrund stellt. „Macht den öffentlichen Raum wirklich öffentlich!“, fordert in diesem Zug Simona Larghetti von der italienischen Stadt Bologna. In italienischen Städten seien 80 Prozent der Fläche Autos gewidmet. Bei der Mobilität dürfe mangelndes Geld nicht der entscheidende Faktor sein, weshalb es günstige Angebote brauche. Neben dem Zuckerbrot braucht es manchmal aber auch eine Peitsche. In Utrecht benötigte die Verwaltung eine Parkverbotszone für Fahrräder, um die massenhafte Nutzung eines zentralen Fahrradparkhauses zu beschleunigen. In Singapur hingegen ist Autofahren sehr teuer, was sich als Push-Maßnahme für nachhaltige Mobilität auswirkt. Auch die Stadt Gent hat von der harten Push-Maßnahme, Parkraum für Autos zu reduzieren, profitiert.

Über 100 Aussteller, mehr als 80 inhaltliche Sessions und über 400 Vortragende erwarteten die Velo-Citizens in Gent. Vielleicht noch wichtiger: die Möglichkeiten, sich auszutauschen und zu vernetzen.

Öffentlichkeitswirksame Aktionen dürfen bei der Velo-City-Konferenz nicht fehlen. Zur Fahrradparade mit anschließender Party kamen 2600 Menschen.

Beteiligung aus Deutschland

Auch in Deutschland schlummert in dieser Hinsicht noch viel Potenzial, wie etwa ein Vortrag von Alexander Czeh vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zeigt. Die von Autos genutzte Fläche geht mit privaten Garagen, Reparaturwerkstätten und Autohändlern weit über die reine Verkehrsfläche hinaus. Durch einen Wandel zu nachhaltigeren Verkehrsmitteln könne in Berlin Wohnraum für 143.000 Menschen entstehen, resümiert Czeh. Ein Beispiel: Der umgewidmete Raum eines ehemaligen Autohändlers in Berlin bietet heute Wohnraum für 400 Menschen sowie Flächen für einen Kindergarten und Einzelhandel.
Als weiteren Programmpunkt aus Deutschland stellte Anke Schäffner vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) die German Cycling Embassy (Deutsche Radverkehrsbotschaft) vor. Ehemals vom ADFC gestartet, um vor allem Wissen im Bereich Radtourismus zu vermitteln, stellt sich das Bündnis jetzt neu auf, um als Expertiseplattform zu fungieren. In der Ausstellungsfläche der Velo-City zeigten sich die Projektpartner ADFC, Zukunft Fahrrad, ZIV, das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Digitales und Verkehr mit einem gemeinsamen Stand, an dem sich auch die Radverkehrsprofessoren Deutschlands und das Bike Nature Movement mit kleinen Empfängen präsentierten.

ECF-Awards verliehen

Das Rahmenprogramm ließ mit Austauschmöglichkeiten bei Kaffee und Buffet, einer abendlichen Party, einer Filmvorführung und der Fahrradparade quer durch Gent mit 2600 Menschen viel Raum für die Teilneh-mer*innen, um sich zu vernetzen. Zum dritten Mal wurden im Rahmen der Konferenz außerdem die ECF Awards von Henk Swarttouw und ECF-CEO Jill Warren verliehen. Unter den Gewinnern sind die Städte Gent, Bologna, Lyon und Qualimane sowie das Europäische Parlament. Am dritten Konferenztag wurde dann zudem mit dem Startup Locky der Gewinner des Smart Pedal Pitch gekürt. Am vierten Tag hieß es dann für die Velo-Citizens bis zur nächsten Ausgabe der Konferenz im polnischen Danzig „Auf Wiedersehen!“.


Bilder: Velo-City Conference, Sebastian Gengenbach

Auf der jährlichen Velo-City-Konferenz tauschen sich internationale Experten mit Vertretern von Kommunen und Verbänden aus und werfen einen Blick auf den internationalen Radverkehr. Über 1300 Teilnehmer waren diesen Sommer in Dublin dabei und diskutierten vor allem die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und werden. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2019, Dezember 2019)


Jahrelang, so der Eindruck, mühte man sich ab auf der Velo-City-Konferenz für mehr und besseren Radverkehr. Aber darum schien es in diesem Jahr gar nicht mehr hauptsächlich zu gehen. Angesichts der weltweiten Probleme in den Städten mit immer mehr und immer mehr älteren Einwohnern, akuten Platzproblemen und weiter zunehmenden Staus, höherer Luftverschmutzung, Bewegungsmangel und einer bedenklichen Zahl an Verletzten und Toten im Verkehr gehen die Gedanken viel weiter. Es geht nicht nur um Verkehr und Mobilität. Es geht auch nicht nur um den Klimawandel. Es geht darum, wieder lebenswerte Städte zu schaffen. Das Fahrrad kann hier ein wichtiger Teil der Lösung sein. Die vielfältigen Potenziale, so der Tenor vieler Speaker bei Velo-City, würden bislang aber noch viel zu wenig erkannt und genutzt.

Städte der Zukunft: Drohnen-Taxis oder eher grün?

In der Keynote zur Eröffnung des Kongresses stellte Philippe Crist, Berater für das International Transport Forum (ITF) bei der OECD, die Frage, wie die Anwesenden sich die Stadt der Zukunft in ihrer Kindheit vorgestellt hätten. Per App konnte sich das Publikum zwischen drei Alternativen entscheiden:
A) fliegende Autos, Roboter, Drohnen
B) keine Städte – die Menschen leben in Raumschiffen
C) shared spaces, grün und sicher
Jeder, der an Bücher und Science-Fiction-Filme aus der eigenen Kindheit und Jugend zurückdenkt, wird nicht erstaunt sein, dass Alternative A mit Abstand die meisten Stimmen (rund dreimal so viel wie C und achtmal so viel wie B) bekam. Die Reflektion der Frage zeigt, dass „modern und hochtechnisiert“ nicht grundsätzlich das wünschenswerteste Ergebnis liefert und sich unsere Vorstellung von einer zukunftsweisenden Stadt gerade in den letzten Jahren stark gewandelt hat. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen und den Entwicklungen und Herausforderungen formt sich gerade ein neues Bild. Ein Bild von Städten als urbane, lebenswerte Räume. Trotzdem bleibt das, was wir vor Jahrzehnten als wahrscheinlich und wünschenswert gesehen haben, immer noch in den Köpfen präsent. Kein Wunder also, wenn aus manchem Mund beim Thema Mobilität der Zukunft eher von neuen Antrieben, selbstfahrenden Autos oder High-Tech-Lösungen wie Hyperloops oder Flugtaxis die Rede ist, als vom über 200 Jahre alten Fahrrad.

Vorträge, Workshop-Formate und Austausch auf der Ausstellungsfläche, wo sich u.a. Lösungsanbieter und Dienstleister präsentierten.

Bestens angebunden: Blick aus dem Konferenzgebäude auf die Samuel Beckett Bridge, einer Schrägseilbrücke in Form einer Harfe.

Mit dabei bei der Bike-Parade durch Dublin: Die Gruppe „Freedom Machine“, die an Heldinnen der Dubliner Emanzipationsbewegung und die wichtige Rolle des Fahrrads erinnert.

Mobilitätsformen prägen das Zusammenleben

Das Ziel, wieder lebenswerte Städte zu schaffen, war quasi Dreh- und Angelpunkt einer kaum überschaubar wirkenden Menge an Informationen aus Vorträgen und Diskussionen bei Velo-City. Die zentrale Erkenntnis: So unterschiedlich die Mobilitätskulturen, regionalen und sozialen Gegebenheiten weltweit sind, Radfahren, Zufußgehen und ähnliche Mobilitätsformen haben nicht nur etwas zu tun mit Umwelt- und Klimaschutz, sondern ganz zentral mit den Menschen. Mit Gesundheit, Demokratie, sozialem Miteinander, Gleichberechtigung und sogar Kriminalitätsbekämpfung.
Städte und Gesellschaften verändern sich zum Negativen, wenn die Mehrheit isoliert hinter abgedunkelten Scheiben unterwegs ist, so eine weitere zentrale Erkenntnis, genau wie zum Positiven, wenn mehr Fußgänger und Radfahrer unterwegs sind, man kommuniziert, unterwegs Bekannte trifft oder Fremden freundlich zulächelt. Auch die Regierungen und Kommunen spielen dabei eine zentrale Rolle: Menschen nach dem Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“ in Eigenverantwortung zu belassen und damit die Stärkeren und Wohlhabenden zu fördern, habe genauso seine Wirkung, wie die bewusste Vorsorge und der Schutz der Schwächsten, also der Kinder und der Alten. Dazu Philippe Crist: „Es gibt eine Konstante in der Stadtentwicklung, die immer im Mittelpunkt der Diskussion stehen wird. Wir sind es. Es ist das, was wir als Menschen verkörpern.”

Mexico City:

Bis vor Kurzem brauchte man für den Führerschein
keine Qualifikation und Alkohol wird im Verkehr
ebenso geduldet wie grobe Verstöße gegen die Verkehrsregeln.

Südamerika: Radfahren vs. Autochaos und Kriminalität

Radfahren und Zufußgehen haben eine bedeutende soziale Komponente. Das wurde aus Vorträgen zur Millionen-Metropole Mexiko City und Queimados, einem Vorort von Rio de Janeiro, deutlich.
Hier werde sichtbar, was passiert, wenn der Staat auf wenig Regulation und weitgehende Selbstverantwortung setzt und sich aus der geregelten Verkehrsplanung und -überwachung zurückzieht. So sind in Mexico City nicht nur stundenlange Staus für wenige Kilometer Fahrtstrecke die Regel, die ein Familienleben neben der Arbeit oder einen Halbtagsjob in der Stadt praktisch unmöglich machen, sondern auch Laissez-faire und das Recht des Stärkeren Programm. Bis vor Kurzem brauchte man für den Führerschein keine Qualifikation und Alkohol wird im Verkehr ebenso geduldet wie grobe Verstöße gegen die Verkehrsregeln.
Das Fahrrad könnte in den dauerverstopften Straßen eine gute Alternative für Pendler sein. Aber es gibt zum einen keine Infrastruktur und zum anderen ist es für ungeschützte Verkehrsteilnehmer hier einfach lebensgefährlich. Laut Statistik entfällt auf Fußgänger, trotz geringem Anteil am Modal Split, rund die Hälfte der Verkehrstoten. Statistisch weniger Tote gibt es bei Radfahrern – aber nur deshalb, weil es kaum welche gibt. Daran und an der Sicherheit der Fußgänger arbeite man jetzt, wie die mexikanische Verkehrssicherheitsexpertin Clara Vadilio betonte.
Wie Radfahren auch zur Lösung sozialer Probleme beitragen kann, zeigt die brasilianische Stadt Queimados, nahe Rio de Janeiro – 2018 die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in Brasilien. Mit dem Projekt „Cycling for the future“ hat es sich die Stiftung „Pedal Queimados“ zum Ziel gesetzt, wieder soziale Perspektiven, zwischenmenschliche Kontakte und gemeinsame Ziele zu schaffen. Unter anderem mit Radtouren und Werkstätten, in denen Fahrräder repariert und Bambusräder neu gebaut werden. Die ersten Ergebnisse stimmen hoffnungsvoll: Mit der neugewonnenen Mobilität und neuen Aussichten gibt es laut Projektleiter Carlos Oliveira für viele Menschen einen Lichtblick und einen Weg heraus aus dem Kreislauf von Langeweile, Drogen und Bandenkriminalität.

Schweden: Sicherheit für Radfahrer an erster Stelle

Genau das Gegenteil von Laissez-faire verfolgt man in Schweden. Mit dem im Jahr 1997 verabschiedeten erfolgreichen Verkehrskonzept „Vision Zero“ haben die Schweden weltweit Maßstäbe gesetzt. Die aus dem Arbeitsschutz bekannte präventive Strategie folgt die Annahme, dass Menschen Fehler machen und Unfälle daher nicht gänzlich vermieden werden können. Es müsse jedoch dafür gesorgt und die Systeme so gestaltet werden, dass diese Fehler nicht zu ernsthaften Personenschäden führen. Ein Beispiel ist die Geschwindigkeitsreduktion und -überwachung gemäß der simplen Erkenntnis, dass die meisten Menschen, die von einem Fahrzeug mit 30 km/h angefahren werden, überleben, während es bei Tempo 50 dafür kaum eine Chance gibt. In der Öffentlichkeit vielfach unbeachtet blieb, dass die schwedische Regierung die erfolgreiche Strategie 2017 unter dem Motto „Moving Beyond Vision Zero“ deutlich erweitert und die Förderung von Gesundheit und Lebensqualität durch aktive Mobilität in den Mittelpunkt gerückt hat.

80 %

So viele Wege sollen in London
bis zum Jahr 2041 zu Fuß, mit dem Fahrrad
und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchgeführt werden.

London: Healthy Streets

Noch weiter geht die britische Hauptstadt London. Was Planern und Politikern in Deutschland noch als Zukunftsvision erscheinen mag, ist in London vielfach bereits Realität. Bereits 2014 wurde „Healthy Streets“ als Konzept in die städtische Planungspolitik aufgenommen. Das von Lucy Saunders entwickelte und auf der Konferenz vorgestellte Konzept verbindet die Gestaltung der Straßen mit Verkehrs- und Gesundheitsfragen, fördert die Akzeptanz von aktiver Mobilität und stellt das Wohlbefinden des Einzelnen und die positive Erfahrung mit der städtischen Umwelt in den Mittelpunkt der Stadtplanung. In der Konsequenz bedeutet das: Straßen sind nicht mehr primär für Fahrzeuge gedacht, sondern wieder für Menschen, wobei das grundlegende Element das tägliche Leben ist. Sie werden umgedeutet und umgestaltet zu Räumen, in denen die Londoner interagieren, in denen Kinder spielen, man entspannt einkaufen, verweilen, arbeiten und aktiv zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein kann.
Die damit verbundenen Ziele: die Luftqualität verbessern, Staus verringern und die Londoner Gemeinden grüner, gesünder und attraktiver machen. Das Konzept, das inzwischen in die langfristigen Zielsetzungen von Politik und Verwaltung Eingang gefunden hat, sieht unter anderem vor, dass 80 Prozent aller Wege in London bis zum Jahr 2041 zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchgeführt werden und alle Londoner pro Tag mindestens 20 Minuten aktive Mobilität leben.

Und Deutschland? Wortgewaltig beklagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork die Stagnation beim Radverkehr.

Und bei uns in Deutschland?

Offensichtlich bewegen wir uns hierzulande beim Radverkehr irgendwo im guten Mittelfeld. Aber als Vorbild taugt Deutschland bislang nur bedingt – auch wenn sich inzwischen einiges bewegt. Trotz gegenteiliger Bekenntnisse und einzelner Verbesserungsmaßnahmen sind wir bis heute weiter autozentriert und die Zuwächse beim Radverkehr bleiben in der Fläche überschaubar, wie ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork auf dem Podium betonte.
Zudem alarmierend: Entgegen dem sonstigen Trend steigt hierzulande seit Jahren die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer. Allein im ersten Halbjahr 2019 kamen 158 Radfahrer ums Leben, was einen Anstieg um 11,3 Prozent und 16 Tote mehr als im Vorjahreszeitraum bedeutet. Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2018 insgesamt 445 Fahrradfahrer bei Unfällen. Im Jahr 2017 waren es noch 382 Radfahrer. Eine deutliche Reduktion wäre auch in Deutschland problemlos möglich, aber bis vor Kurzem habe bei der Abwägung zwischen Sicherheit und flüssigem (Auto-)Verkehr politisch gewollt das Auto gewonnen.
Aber nicht nur beim politischen Willen, auch beim Personal, beim Know-how und der Infrastruktur sind wir noch weit von den Vorbildern in Dänemark, den Niederlanden, Schweden oder London entfernt, wie Verantwortliche aus Deutschland hinter vorgehaltener Hand zugaben. Hier könnten wir deutlich stärker als bislang von international erfahrenen Experten lernen. Institutionen wie Copenhagenize oder die Dutch Cycling Embassy und Personen wie Philippe Crist oder Lucy Saunders verfügen über reiche Erfahrung und bieten überall auf der Welt ihre Beratung an. Vielleicht ja auch (öfters) mal bei uns. Wie gesagt, es geht nicht nur um mehr und sicheres Radfahren, sondern vor allem um lebenswertere Städte. Und wer will die nicht?

Zum Vertiefen: Buchtipp

„Man sollte nicht Korridore, sondern Wohnzimmer planen“, schreibt der dänische Architekt und Städteplaner Jan Gehl in seinem Buch „Städte für Menschen“. Auf der anderen Seite gäbe es kein effizienteres Mittel, um das Leben in einer Stadt zu ersticken, als Autos und Hochhäuser.

Jan Gehl:
Städte für Menschen,
Jovis Verlag, Berlin, 2015


Bilder: Velo-City 2019, Reiner Kolberg, Ebony & Pearl Photography