Beiträge

von Kerstin Finkelstein

„Der innerstädtische Raum ist aufgeteilt; keine deutsche Stadt klagt über zu wenig Verkehr und zu viel ungenutzte Fläche. Für eine Verkehrswende hieße es also, den bereits aufgeteilten Platz neu zu vergeben.“ In ihrem Buch Verkehrswende geht Kerstin Finkelstein auf analytisch-sachliche Spurensuche. Ohne reißerisch zu werden, macht sie den Leser*innen Lust auf Veränderung.

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2025, Dezember 2025)


Kerstin Finkelstein ist passionierte Radfahrerin und ausgewiesene Verkehrsexpertin. Und als solche sieht sie auf dem Weg der Verkehrswende sehr spezielle Umstände und ein deutliches Verbesserungspotenzial in Deutschland. Ausgehend von einer Momentaufnahme der aktuellen Verhältnisse blickt die ehemalige Chefredakteurin des ADFC-Magazins Radzeit in ihrem Buch „Verkehrswende“ auf die Knackpunkte ebendieser. Dabei vermag es die Autorin, für Aha-Momente zu sorgen, die bei den Leser*innen hängen bleiben. Finkelsteins Buch ist kein trockenes Sachbuch, sondern analysiert, warum es so schwer ist, den bereits aufgeteilten Platz in unseren Städten neu zu vergeben. Passend zum kompakten Format der 100-Seiten-Reihe aus dem Reclam-Verlag leitet sie die für sie wesentlichen Erkenntnisse in Bezug auf die Kosten der Verkehrswende, die rechtliche Lage, besondere Herausforderungen des Landlebens und mögliche Vorbilder (aus der DACH-Region) schlüssig her. Nicht alle Verkehrsarten werden rechtlich gleichbehandelt, sagt Finkelstein. Mitunter scheitert sicherer und komfortabler Radverkehr etwa daran, dass die Gesetzeslage nicht gut genug bekannt ist oder Verstöße nicht geahndet werden. Zum Ende des Buches bringt Finkelstein ihre Schlüsse konstruktiv zusammen und zeigt, wie die Verkehrswende mithilfe einer starken und organisierten Zivilgesellschaft doch noch gelingen kann.

Kerstin Finkelstein ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie schreibt als Kolumnistin für die Zeitung Taz über das Thema Verkehr und war lange Zeit als Chefredakteurin des ADFC-Magazins Radzeit tätig.


Verkehrswende | von Kerstin Finkelstein | Philipp Reclam jun. Verlag GmbH | 1. Auflage 2025 | ca. 100 Seiten (farbig, bebildert), Softcover | ISBN: 978-3-15-020784-0 | 12,00 Euro


Bilder: Reclam, Kerstin Finkelstein

Geschichte und Geheimnis des Fahrrads

von Jody Rosen

Viele Erfindungen aus dem 19. Jahrhundert sind inzwischen aus der Zeit gefallen, zigfach überholt oder zur Randerscheinung geworden. Anders ist es beim Fahrrad. In seiner Liebeserklärung an das Verkehrsmittel erzählt der New-York-Times-Magazine-Autor Jody Rosen von der Geschichte und Gegenwart dieses für ihn genialen Fortbewegungsmittels. Er statuiert: „Wir leben auf einem Fahrradplaneten.“

(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2025, Juni 2025)


Das Fahrrad hat als Verkehrsmittel eine bewegte Historie. Jody Rosen hat ausführlich recherchiert und kennt sie deshalb genau. Der Autor erzählt in „Zwei Reifen, eine Welt“, wie sich der Blick auf Fahrräder und ihre gesellschaftliche Rolle mit der Zeit gewandelt haben. Die Entwicklung begann bei jungen Aristokraten auf Drahteseln. Dann spielte das Zweirad auch für Frauen eine entscheidende emanzipatorische Rolle. Sie fuhren buchstäblich ihren Männern davon, die daraufhin das Fahrradfahren für Frauen gesetzlich verboten. Als weitere Stationen in der Geschichte des Fahrrads wirft Jody Rosen einen Blick auf Fahrradfriedhöfe und die Rolle des Fahrrads in den Black-lives-matter-Protesten. Dass der Fahrradkurier und Autor Rosen selbst außerordentlich fahrradverliebt ist, können die Leserinnen nicht nur zwischen den Zeilen spüren. Selbst ähnlich eingefleischte Liebhaberinnen dürften bei der Lektüre noch einige ebenso wichtige wie kuriose Details lernen. Wussten Sie, dass Fahrräder zu ihren Anfängen häufig im Weltall illustriert wurden? Dass ein späterer Tennis-Champion wohl als Letzter eines der zwei Standfahrräder auf der Titanic nutzte? Dass es doppelt so viele Fahrräder wie Autos auf der Welt gibt?
Das Fahrrad, so zeigt Jody Rosen, war stets politisch. Es hat die Welt verändert – und wird das vermutlich weiter tun.
Die deutsche Erstausgabe von „Zwei Reifen, eine Welt“ erschien im vergangenen Jahr. Das Original ging ein Jahr früher in den Druck unter dem Titel „Two Wheels Good. The History and Mystery of the Bicycle.

Jody Rosen wurde 1969 in New York City geboren und arbeitet als Journalist und Autor. Er schreibt hauptsächlich für das New York Times Magazine. Die Texte des US-Amerikaners mit Hintergrund als Radkurier handeln vornehmlich von Kultur und Fortbewegungsmitteln. Rosen lebt gemeinsam mit seiner Familie in Brooklyn.


Zwei Reifen, eine Welt: Geschichte und Geheimnis des Fahrrads | von Jody Rosen | Hoffmann und Campe Verlag | 1. Auflage 2023 (Deutsche Erstausgabe) | ca. 460 Seiten, Hardcover | ISBN: 978-3-455-01574-4 | 26,00 Euro


Bilder: Hoffmann und Campe, Whitney Chandler

Rein in die Mobilität von morgen

von Katja Diehl

Für die Bestseller-Autorin („Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“) Katja Diehl klafft eine große Kluft auf zwischen den Bedürfnissen nach einer barrierefreien, klimagerechten und für alle erschwinglichen Mobilität und dem, was auf dieser Ebene geschieht. In ihrem neuen Buch analysiert sie rostige Stellschrauben und die Rolle der Wissenschaft, der Medien und der Industrie. Mit ihrem Buch will sie dazu beitragen, die identifizierte Kluft zu schließen. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2024, Dezember 2024)


Spezifische Missstände gibt es laut Katja Diehl viele. In „Raus aus der Autokratie: Rein in die Mobilität von morgen“ begegnet sie diesen in drei Akten. Im ersten Teil widmet Diehl sich den Problemzonen des aktuellen Verkehrssystems in Deutschland. Im zweiten Teil geht sie den Ursachen des Stillstands auf den Grund und analysiert den Status quo, rechtliche Hemmnisse, Planungsfehler, Lobbyismus und Politik. Dabei bleibt sie konkret, wagt aber auch Systeme infrage zu stellen und reflektiert über Macht, Freiheit und die Rolle der Medien.
Vor Ort zeigt sich die Mobilitätswende doch oft in einem anderen Bild, als sie sich in großen politischen oder gesellschaftlichen Prozessen darstellt. Wichtige Erkenntnisse im dritten, konstruktiv orientierten Teil des Buchs zog Diehl auch aus den Gesprächen, die sie mit wichtigen Handlungsträgern in einigen deutschen Städten führte, darunter Berlin, Hannover, München und Hamburg.
Über 100 Expertinnen und Gestalterinnen hat Diehl für „Raus aus der Autokratie“ zum Interview getroffen. Von diesen Menschen lässt sich in Diehls Buch nicht nur Inhaltliches mitnehmen. Man begegnet ihnen mitunter auch in privater und biografischer Hinsicht. Obwohl so viele Menschen dazu beigetragen haben, ist „Raus aus der Autokratie“ auch ein persönliches Buch. Für die Autorin ist es die richtige Antwort auf die Hetze und den Hass, der ihr als kritische, in der Öffentlichkeit stehende Frau entgegenschlägt.

Katja Diehl hat selbst lange beruflich in der Mobilitäts- und Logistikbranche gearbeitet. Die Bestsellerautorin des Buches „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“ ist Trägerin des Leserpreises des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2022 und des Deutschen Mobilitätspreises in der Kategorie Menschen. Sie berät Politiker*innen und hostet seit fünf Jahren den Podcast „SheDrivesMobility“.


Raus aus der Autokratie: Rein in die Mobilität von morgen | von Katja Diehl | S. Fischer Verlag | Auflage 2024 | ca. 340 Seiten, Softcover | ISBN: 978-3-10-397577-2 | 20,00 Euro


Bilder: S.Fischer Verlage

Wie wir unsere Straßen, Städte und unser Leben lebenswerter machen können

von Thalia Verkade und Marco Te Brömmelstroet

Thalia Verkade und Marco te Brömmelstroet stellen Fragen, die sich viele Menschen, die regelmäßig mit Mobilität zu tun haben, wohl auch schon mal gestellt haben. Um sie zu beantworten, ist mitunter eine detaillierte Analyse nötig. In „Gesellschaft in Bewegung“ gehen der Autor und die Autorin den Fehltritten der Vergangenheit (und Gegenwart) auf den Grund. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 03/2024, September 2024)


Öffentlicher Lebensraum ist eine wertvolle Ressource. Für die Journalistin Thalia Verkade und den Professor Marco te Brömmelstroet ist sie zu wertvoll, um Ungerechtigkeiten im Verkehr einfach so hinzunehmen. Das niederländische Duo geht in seinem bereits 2020 in der Originalversion veröffentlichten Buch der Frage nach, wie Straßen unsere Städte, unser Leben unsere Gesellschaft prägen und wie sich unsere Bewegungsgewohnheiten historisch entwickelt haben. Wer hat die wichtigen Entscheidungen über sie getroffen? Sie stellen fest, dass es nicht hilft, bei den Problemen im Handlungsfeld Mobilität und Gesellschaft zu klein zu denken. „Wir brauchen daher keine Verkehrswende – wir brauchen eine Gesellschaftswende“, ordnet te Brömmelstroet ihre Erkenntnisse ein. Passend dazu liefert das Buch, welches ab dem vierten Oktober erstmals auf Deutsch in den Handel kommt, nicht nur Fragen, sondern auch Antworten, wie sich alte Denkmuster überdenken, verändern und verbessern lassen, um eine menschengerechte und entschleunigte Stadtplanung zu verwirklichen. Dabei lassen sich von neuen Betrachtungsweisen bis hin zu praktischen städtebaulichen Tipps einige Erkenntnisse mitnehmen. In dieser aktualisierten deutschsprachigen Fassung nehmen die Autorin und der Autor mitunter explizit Bezug auf die deutschen Gegebenheiten. Vorbestellungen für „Gesellschaft in Bewegung“ sind schon vor dem Veröffentlichungstermin möglich.

Thalia Verkade hat als Journalistin schon viele Stationen hinter sich. Sie arbeitete bis 2021 bei der niederländischen Nachrichtenwebsite De Correspondent und schrieb auch dort zum Thema Mobilität. Zuvor war sie Russland-Korrespondentin für eine belgische Tageszeitung und berichtete für die NGO Amnesty International über russische Gefängnisse.

Marco te Brömmelstroet ist Professor für Urban Mobility Futures an der Universität Amsterdam. Im Netz bekannt als „Fietsprofessor“, konzentriert er sich auf die Schnittstelle zwischen Stadtplanung, Verkehr und gesellschaftlichen Veränderungen. Seine Stimme und Analysen finden weltweite Beachtung, sowohl auf relevanten Konferenzen als auch in den sozialen Netzwerken und auf Linked-in.


Gesellschaft in Bewegung: Wie wir unsere Straßen, Städte und unser Leben lebenswerter machen können | von Thalia Verkade und Marco te Brömmelstroet | Marmota Maps | 1. Auflage 2024 in deutscher Sprache | ca. 279 Seiten (farbig), | ISBN: 978-3-946719-49-6 | 22,00 Euro


Bilder: Marmota Maps, Lotte Stekelenburg, Guido Benschop

Bikepacking extrem – Mein Jahr als digitaler Lastenradnomade

von Gunnar Fehlau

Workpacking geht als Wortschöpfung auf Work and Travel und Bikepacking zurück. Velopreneur Gunnar Fehlau hat neben dem passenden Begriff einen ganz eigenen Lebensstil auf dem Lastenrad erschaffen. Im gleichnamigen Buch erzählt er die Geschichte eines einmaligen Arbeits- und Lebensjahres. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2024, Juni 2024)


Am 2. Januar 2023 hat Gunnar Fehlau seinen gesamten Hausstand auf ein E-Cargobike verladen und damit ein besonderes Projekt begonnen. Für knapp ein Jahr war er auf dem Fahrrad quer durch Deutschland und seine Nachbarländer unterwegs. Die Tour war allerdings nicht als Sabbatjahr geplant. Stattdessen hat Fehlau den Begriff des Mobile Office wörtlich genommen.
Auf den ersten Blick ist das Buch Workpacking eine kurzweilige Lektüre, in der der Autor in einem bildreichen Tagebuchformat anekdotisch von seinen Erlebnissen und Erkenntnissen in den drei As – Alltag, Arbeit, Abenteuer – berichtet. Schon dabei erhält man tiefe Einblicke in das Leben eines Abenteurers und Unternehmers und viele hilfreiche Life-, Bike- und Outdoor-Hacks.
Auf den zweiten Blick dienen die Erfahrungen und erfahrenen Kilometer als Plattform, auf welcher der Autor eine kritische Bestandsaufnahme vornimmt zum digitalen Fortschritt in Deutschland, der Infrastruktur für Radfahrer und Camper und der Akzeptanz von neuen Formen des Arbeitens.
Fehlau ist nicht erst seitdem ihm der Titel „Fahrradpersönlichkeit des Jahres 2023“ von der BikeBild verliehen wurde, in der Fahrradszene gut bekannt und vernetzt. Die Arbeit in der Fahrradbranche prägt deshalb die mehr als 12.000 Kilometer lange Route, die er gefahren ist, und viele kleine Erlebnisse und große Events, die er mit der Strecke verband.

Gunnar Fehlau nennt sich selbst einen Velopreneur. Mit drei wirtschaftlichen Standbeinen in der Fahrradbranche und um sie herum hat er auch jedes Recht dazu. Fehlau steckt hinter dem Pressedienst Fahrrad, der Content-Agentur Velonauten und dem Bootcamp.Bike, das branchenfremde Fachkräfte mit Fachwissen fit für die Fahrradwirtschaft macht.


Workpacking. Bikepacking extrem – Mein Jahr als digitaler Lastenradnomade | von Gunnar Fehlau | Paul Pietsch Verlage | 1. Auflage 2024 | 256 Seiten, 300 Bilder| ISBN: 978-3-613-50967-2 | 29,90 Euro


Bilder: www.pd-f.de

Miteinander den Kulturkampf beenden

von Heinrich Strößenreuther, Michael Bukowski und Justus Hagel

Über Verkehr reden zu können, ohne dass es kracht, so lässt sich das Ziel des Buchs „Die Verkehrswesen“ zusammenfassen. Strößenreuther, Bukowski und Hagel plädieren für einen pragmatischen Blick auf die notwendigen Veränderungen im Verkehrssystem, der es ermöglichen soll, miteinander im Gespräch zu bleiben. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2024, Juni 2024)


Rolf und Wendy heißen die fiktiven Hauptdarsteller, die den Leserinnen von „Die Verkehrswesen“ immer wieder begegnen. (Verkehrs-)Wendy und der Autofan Rolf verkörpern Gegenpole eines gesellschaftlichen Konflikts vom Auto gegen den Rest. Den beiden fiktiven Menschen und natürlich auch den Leserinnen wollen die Autoren einen pragmatischen Blick vermitteln, indem sie die Diskussion über die Verkehrswende versachlichen und gleichzeitig analysieren, wieso der Diskurs an vielen Stellen so kämpferisch ausgetragen wird. „Die Verkehrswesen“ analysiert die Vorteile und Grenzen einzelner Verkehrsmittel sowie die Ursachen von gegenseitigen Ärgernissen und Missverständnissen. Das Buch soll Mut machen, sich weiterhin im Diskurs miteinander an einer gemeinsamen Lösung zu beteiligen. Für die Autoren ist klar, dass es besser ist, stetig an kleinen Stellschrauben zu drehen, als sich in große zu verbeißen.
Die vielen Expertinnen-Statements, die die Autoren von „Die Verkehrswesen“ gesammelt haben, lassen sich in jedem Fall als Indiz dafür werten, dass sie diesen „Kulturkampf“ nicht als einzige leid sind. Neben dem ADFC-Bundesvorsitzenden Frank Masurat, Zukunft-Fahrrad-Geschäftsführer Wasilis von Rauch oder der VCD-Bundesvorsitzenden Kerstin Herrmann kommen Vertreter von einigen Kommunen und Verbänden aus der Verkehrs-, Auto- und Bahnsphäre in dem Buch zu Wort. Gemeinsam mit diesen zeigen Strößenreuther, Bukowski und Hagel blinde Flecken auf. Gleichzeitig reden sie Klartext, bieten Empathie und nicht zuletzt Unterhaltung für die Leserinnen.

Heinrich Strößenreuther ist laut der Zeitung taz „Deutschlands erfolgreichster Verkehrslobbyist“. Der CDU-Politiker ist zudem versierter Bus- und Bahn-Manager und hat unter anderem Changing Cities, GermanZero und die KlimaUnion mitgegründet. Strößenreuther hat neben dem Berliner Mobilitätsgesetz zu 50 Radentscheiden und 20.000 Bike+Ride-Stellplätzen beigetragen.

Michael Bukowski ist als freier Texter, Autor und Ghostwriter auf gesellschaftliche Großkonflikte spezialisiert. Er ist seit 2018 Mitglied des Ensembles vollehalle.de und als Speaker unterwegs.

Justus Hagel trat 2016 schon in jungen Jahren in die CDU ein. Er ist nach eigenen Angaben autosozialisiert aufgewachsen. Der angehende Jurist ist Vorsitzender des Landesverbandes Berlin der KlimaUnion.


Die Verkehrswesen. Miteinander den Kulturkampf beenden | von Heinrich Strößenreuther, Michael Bukowski und Justus Hagel | Tremonia Media |1. Auflage 2023 | ca. 140 Seiten (farbig), Softcover | ISBN: 978-3-00-077274-0 | 9,90 Euro


Bilder: Tremonia Media

Ein umfassender Werkzeugkasten für Städte und Gemeinden

von Thiemo Graf

Eine Lösung gegen Hilflosigkeit ist das Buch „Fahrradstadt“ von Thiemo Graf. Der Autor möchte Radwege in jeder Stadt und Gemeinde als „gebaute Einladungen“ verstehen können. Und er ist überzeugt, dass jede Kommune das Potenzial besitzt, Fahrradstadt zu werden. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 01/2023, März 2023)


Adressiert ist das Buch explizit an Bürgermeisterinnen, Landräte und kommunale Führungskräfte. Diesen stellt Graf auf jeder Doppelseite ein Werkzeug für Fahrradstädte vor, textlich prägnant erklärt und bildlich veranschaulicht. Damit verfolgt er das Ziel, die Entscheiderinnen zu überzeugen, Radverkehr zur Priorität zu machen. Aus Verhindern soll Ermöglichen werden. Seine Definition einer Fahrradstadt bezeichnet der Autor selbst als unspektakulär und baut damit vielleicht innere Hürden ab, die den Wandel abbremsen könnten. „In einer Fahrradstadt sitzt der Querschnitt der Bevölkerung im Sattel“, sagt er. 12-Jährige und 80-Jährige sollen gleichsam entspannt und selbstverständlich mit dem Fahrrad unterwegs sein können.
Das Buch eignet sich zum Lesen oder Durchblättern. Es soll wirkungsvoll informieren und die Entscheidungsträger zum Handeln inspirieren. Bevor es an die Maßnahmen geht, bricht der Autor den Erfolg vorbildhafter Fahrradstädte auf vier Faktoren herunter. Er ermutigt die Leserinnen und zeigt, dass auch die großen Sterne am Radverkehrshimmel früher einmal Autostädte waren. Der Autor unterscheidet in seinem Werkzeugkasten zwischen strategischen und operativen Maßnahmen. Laut Graf handelt es sich sicher nicht um alle, aber um die wichtigsten Handlungsempfehlungen. Zu den strategischen Maßnahmen zählt etwa, dass Verwaltungen konkrete Ziele formulieren oder den Faktor Reisegeschwindigkeit mitdenken sollen. Sie perforieren also die Herangehensweise auf dem Weg zur Fahrradstadt. Die operativen Maßnahmen, also die tatsächlichen Eingriffe in den Raum und die Stadtkultur, sind unterteilt entlang der „Vier Säulen der Radverkehrsförderung“, Infrastruktur, Information, Service und Kommunikation. Ein paar Minuten auf einer Doppelseite reichen aus, um zu verstehen, welchen Effekt Ampeltrittbretter haben oder warum die richtige Beleuchtung von Fahrradwegen essenziell ist. Wer also als Radverkehrsplanerin in der eigenen Kommune einen schweren Stand hat, könnte dieses Buch sehr interessant finden. Auch Bürgermeister*innen haben schließlich mal Geburtstag.

Thiemo Graf hat das Hygge-Modell für Radwege entwickelt und das i.n.s. – Institut für innovative Städte gegründet. Er berät und begleitet Kommunen, Ministerien und Behörden bei allem, was mit dem Radverkehr zu tun hat. Graf moderiert auch Fachveranstaltungen und hält Vorträge. Seit 2016 hat er mehrere Fachbücher geschrieben und mit dem Thiemo Graf Verlag verlegt.


Fahrradstadt. Ein umfassender Werkzeugkasten für Städte und Gemeinden | von Thiemo Graf | Herausgeber i.n.s. – Institut für innovative Städte | Thiemo Graf Verlag | 1. Auflage 2020 | ca. 200 Seiten | ISBN: 978-3-940217-31-8 | 25 Euro


Bilder: Thiemo Graf

Planungsideen für den urbanen Alltag

von David Sim

Hygge für die Stadt, so lässt sich David Sims Vision vielleicht zusammenfassen. Das dänische Wort hat denselben Wortstamm wie to hug, der englische Begriff fürs Umarmen. Eine sanfte Stadt ist also eine, die umarmt und sich den menschlichen Bedürfnissen unterordnet. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2022, Dezember 2022)


Stadtplanung sollte das Leben erleichtern und auf verschiedenen Ebenen sanfter werden lassen. Langsam, kleinteilig und leise soll die Stadt sein, dann entsteht das gute Leben in den Nachbarschaften. David Sim wendet sich von einer funktionalistischen Quartierseinteilung ab und fordert stattdessen ein Gleichgewicht zwischen Dichte und Vielfalt. Stattdessen geht es in seinem Stadtkonzept darum, dass Bürger*innen sich begegnen und vernetzen können. Das Konzept mag zunächst allgemein wirken und schwer zu fassen sein. Das große Ganze zu betrachten ist aber sehr wichtig, da sich spezifische Planungsfelder der Stadtentwicklung nur sehr begrenzt voneinander trennen lassen.
Wie müssen Häuser, Innenhöfe, Straßen und Plätze gestaltet sein, um den menschlichen Alltagsbedürfnissen gerecht zu werden? Die Lösung sieht der Autor darin, Städte kleinteiliger und dichter zu organisieren. Außerdem braucht es Nähe und Vielfalt von Gebäudetypen und Nutzungen.
Das erlaubt dann eine gemischte Nutzung, die komfortabel ist, Kosten spart, Ruhe und Einladendes ausstrahlt. „Es geht um Leichtigkeit, Komfort und Fürsorge im täglichen Leben“, sagt David Sim selbst. Auch Mobilität sieht der Autor durch diese Brille und widmet sich ihr in einem großen Kapitel. Sie beginnt für ihn nicht erst auf der Straße, sondern schon auf dem Weg vom Wohnzimmer zum Balkon oder von der Wohnungstür zur Straße. Mobilität muss die alltäglichen Situationen nahtlos miteinander verbinden können und entsprechend kleinteilig eingeplant sein. Das erklärt Sim anhand von Beispielen aus Australien, der Schweiz oder Dänemark. Das Fahrrad spielt neben dem Zufußgehen und dem ÖPNV eine wichtige Rolle.
Zwischen den Zeilen voller praktischer Planungsansätze lässt sich viel über Städtebau im Allgemeinen und die Sicht des ehemaligen Kreativdirektors auf Design und Gestaltung lernen. Inspiration gibt es aber schon beim Durchblättern. Die Seiten sind gespickt mit hilfreichen Illustrationen und unzähligen Fotos, die reale Beispiele für David Sims Vision zeigen.

Mit 19 Jahren hörte David Sim in Schottland zum ersten Mal Vorlesungen von dem Architekten und Bestseller-Autor Jan Gehl (Städte für Menschen). Es ist also nicht verwunderlich, dass er auch sein Konzept der Sanften Stadt nach dem menschlichen Maßstab entworfen hat. Zu verstecken braucht er sich hinter Gehl aber nicht, Sims Buch wurde bereits in 20 Sprachen übersetzt, weitere fremdsprachige Versionen befinden sich in der Mache. Er arbeitete rund zwei Jahrzehnte im global agierenden Architekt*innenteam Gehls und hat inzwischen ein eigenes Büro eröffnet.


Sanfte Stadt Planungsideen für den urbanen Alltag | von David Sim | Jovis Verlag | 1. Auflage 2022 | 256 Seiten, farbige Abbildungen | ISBN: 978-3-86859-747-9 | 42 Euro


Wie wir nachhaltig in die Gänge kommen: Ein Rad-Geber

von Alexandra Hildebrandt & Claudia Silber

Mikromobilität ist als Sammelbecken für verschiedene Fortbewegungsmittel ein sehr breiter Begriff. Gemein ist vielen dieser Verkehrsmittel, vor allem aber verschiedenen Fahrradsegmenten, dass sie gerade einen Boom erleben. Und dass sie viele Vorteile gegenüber Pkws mitbringen. Die Herausgeberinnen von Zukunft Mikromobilität nehmen den Status quo auf und zeigen gemeinsam mit zahlreichen Autor*innen aktuelle Trends auf. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 04/2022, Dezember 2022)


E-Bikes, Lastenräder oder E-Scooter sind, zumindest nach Auffassung von Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt, den Herausgeberinnen dieses Buchs, die Zukunft der urbanen Fortbewegung. Auf dem Weg zu dieser wichtigen Rolle hat die Mikromobilität in den vergangenen Jahren einiges in Bewegung gesetzt – und wird das auch in der nahen Zukunft tun.
Zukunft Mikromobilität enthält Beiträge aus der Mobilitätsforschung und der Wirtschaft. Die verschiedenen Autorinnen sind reich an Expertise und besetzen in diesen Bereichen und der Verbandsarbeit teils führende Positionen. Konkret erklären sie verschiedene Fahrradtypen und die Historie des Verkehrsmittels, entwickeln eine Cradle-to-Cradle-Vision der Fahrradindustrie und beleuchten die Rolle der E-Scooter. Nicht alle Beiträge besitzen inhaltliche Schwere, die Autorinnen erzählen auch anekdotisch oder geben praktische Tipps. Die Bandbreite ist so groß wie die Klammer der Mikromobilität. Es geht um die die Mobilität von Mitarbeiter*innen, nachhaltigen Tourismus oder Radlogistik.
Auch wenn wohl niemand, der in der Mobilitätsbranche oder Stadtentwicklung arbeitet, in diesem Buch nur Neues lesen wird, so ist es trotzdem ein Stück Verkehrswende im Taschenbuchformat. Und es vermag vielleicht, die verschiedenen Akteure in diesem Feld ein Stückchen näher zusammenzubringen. Ein gutes Beispiel sind die Kapitel am Ende des Buches. Auf zehn Thesen, wie der Verkehr der Zukunft aussehen wird, folgt ein Glossar, das Netzwerke für eine nachhaltige Verkehrswende vorstellt. Dazu zählen Industrieverbände, Kampagnen-Bündnisse und Thinktanks. Die Botschaft, die vermutlich dahinter steht, lautet: „Verkehrswende geht nur zusammen. Vernetzt und unterstützt euch!“

Claudia Silber leitet die Unternehmenskommunikation beim Versandhändler Memo AG und ist an deren Nachhaltigkeitsberichten beteiligt. Sie ist studierte Germanistin.

Dr. Alexandra Hildebrandt studierte Psychologie sowie Literatur- und Buchwissenschaft und hatte Führungspositionen in der Wirtschaft inne. Sie gibt als freie Publizistin Bücher zu Themen wie unternehmerischer Verantwortung, Digitalisierung und der Energiewirtschaft heraus.


Zukunft Mikromobilität Wie wir nachhaltig in die Gänge kommen: Ein Rad-Geber | von Alexandra Hildebrandt & Claudia Silber (Hg.) | Büchner Verlag | 1. Auflage 2022 | ca. 300 Seiten | ISBN: 978-3-96317-313-4 | 25 Euro


Bilder: Carina Koch, Nicole Simon

Ein Plädoyer für mehr Verkehrsgerechtigkeit

von Peter Hennicke, Thorsten Koska, Jana Rasch et al.

Die Zeit ist reif für mehr Klimaschutz und dieses Buch kommt damit genau richtig. Die neue Veröffentlichung des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie bringt alles mit, was es für ein grundsätzliches Neudenken im Verkehr braucht. Die fast 400 Textseiten sind dicht mit wertvollen Informationen gespickt. Zielgerichtet und handlungsorientiert wird hier gezeigt, warum die Mobilitätswende kommen muss, und noch wichtiger: wie der Wandel vonstattengehen kann. (erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2021, Juni 2021)


Es erstaunt zu sehen, wie einfach faktenbasiertes Handeln sein kann. Das vielschichtige Thema Verkehrsgerechtigkeit, das alle Lebensbereiche buchstäblich miteinander verbindet, wird von den Autorinnen erläutert und konstruktiv angegangen. Dabei werden zahlreiche wichtige Fragen nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand beantwortet. Welche Rolle spielt beispielsweise der kommunale Strukturwandel bei der Verkehrswende? Welche politischen Entscheidungen sind wirkungsvoll und welche haben schwerwiegende Schlupflöcher? „Die Grenzen des Verkehrswachstums sind erreicht. Klimaschutz und Lebensqualität sind wichtiger als hochgerüstete Autoflotten, die für Millionen Menschen ohne Auto Belastungen und Mobilitätsnachteile bedeuten. Notwendig ist eine radikale sozial-ökologische Transformation des Verkehrssystems: Ausbau und Förderung des Umweltverbundes aus ÖPNV, Schiene, Sharing-Systemen, Rad- und Fußverkehr – das sind bekannte Strategieelemente, die aber durch die herrschende Privilegierung des Autos ausgebremst werden.“ Das Buch liefert Kritik an historischen und aktuellen Entwicklungen. In „Nachhaltige Mobilität für alle“ ist diese nicht oberflächlich und plakativ, sondern wird mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und genauen Beobachtungen und Analysen unterfüttert. Mit Blick auf die Zukunft sind die Autorinnen zwiegespalten: „Ob diese Zeit all jene schon vor der Corona-Pandemie wirkenden multiplen Krisen auf die Spitze treibt oder ob Einsichten in allen Ländern gewachsen sind und weltweite Aktionsprogramme für eine wirkliche Wende zur Nachhaltigkeit aufgelegt werden, wird sich in wenigen Jahren zeigen.“ Wir bleiben ebenso gespannt, ob und wie sich die Wende entwickeln wird, und empfehlen bis dahin die Lektüre des Buches, die Probleme, Lösungsansätze und Entwicklungspfade aufzeigt.

Peter Hennicke war Präsident des Wuppertal Instituts. Er ist Träger des deutschen Umweltpreises und Mitglied des Club of Rome. Er gilt als einer der Vordenker der deutschen Energiewende.


Nachhaltige Mobilität für alle Ein Plädoyer für mehr Verkehrsgerechtigkeit | Oekom Verlag | 1. Auflage, Mai 2021 | 432 Seiten (farbig), Softcover/E-Book | ISBN: 978-3-96238-279-7 | 28,00 Euro


Bilder: Wuppertal Institut, VisLab, Sabine Michaelis