Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens sind immens. Doch in der Interessensvertretung pro Fahrrad spielt dieser Blickwinkel oft nur eine abseitige Rolle. Die Hürden sind nachvollziehbar. Aber die Chancen sind riesig.
(erschienen in VELOPLAN, Nr. 02/2026, Juni 2026)
Wer Fahrrad fährt, tut seinem Kreislauf, seinen Gelenken und seinen Muskeln und auch der Psyche etwas Gutes. Auch zur Gesundheit Dritter trägt der Radverkehr positiv bei, etwa indem er Lärm- und Treibhausgasemissionen vermeidet. Noch indirekter reduziert Radfahren durch den letztgenannten Punkt sogar die mit der Klimakrise verbundenen gesundheitlichen Risiken, wie etwa belastende Hitzewellen.

Bei dem Projekt „Quartier in Bewegung“ stand Gesundheit schon vor einigen Jahren im Fokus der AGFS NRW.
Fragmentierte Zuständigkeiten
Aus gesundheitspolitischer Sicht spricht also alles dafür, das Fahrrad als Verkehrsmittel mit allen denkbaren Mitteln zu stärken. Die Fahrradlobby jedoch scheint das Thema Gesundheit nur am Rande inhaltlich zu behandeln oder als Argument für mehr Radverkehr hervorzubringen. Elena Laidler-Zettelmeyer, Leiterin Strategische Kooperationen beim Branchenverband Zukunft Fahrrad, hat eine These, woran das liegen könnte. „Die Fragmentierung von Politikbereichen und Zuständigkeiten ist ein Problem“, so Laidler-Zettelmeyer. Sie präzisiert: „Eigentlich sprechen alle Argumente für uns und für aktive Mobilität als Verkehrsmittel. Es ist aber schwierig, das in die Lobby-Arbeit zu integrieren. Bessere Infrastruktur oder leichterer Zugang zu Fahrrädern wird von anderen Politikbereichen entschieden als vom Gesundheitsbereich.“
Die Gesundheit ist eben nur ein Blickwinkel, aus dem sich das Thema Fahrrad sehen lässt. Wenn wirtschaftliche oder verkehrspolitische Argumente bei den entsprechenden Politikressorts mehr verfangen, macht es aus Sicht der Interessensvertretung Sinn, sich auf diese zu konzentrieren und dazu inhaltlich wie politisch mitzuwirken. Eigentlich sei es positiv, dass so viele Argumente für das Fahrrad sprechen, sagt Laidler-Zettelmeyer. Aber für die Interessenvertreter*innen ist dies herausfordernd: „Man hat viele Ansprechpartner, viele Partner und Allianzen, die man sich suchen muss und viele Themen, die man inhaltlich bearbeiten muss.“ Während der sieben Jahre junge Verband gute Kontakte in die Ministerien für Verkehr und Wirtschaft unterhält, gibt es bislang kaum Verbindungen ins Gesundheitsministerium. Was sich als Verband bewerkstelligen lässt und was nicht, hängt mitunter auch von den finanziellen und personellen Mitteln ab, die zur Verfügung stehen. Bei Zukunft Fahrrad werde die Gesundheit nicht ausgeblendet, aber eher am Rand bearbeitet und stelle keine Priorität dar. Das könne sich künftig auch ändern und ist sicher keine Absage an die Bedeutung des Themas. „Die Menschen müssen im Alltag dazu befähigt werden, aktiver zu leben“, sagt Laidler-Zettelmeyer. „Für Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Rückenleiden oder psychische Erkrankungen ist Radfahren hilfreich. Da ärgern wir uns, dass nicht mehr Fokus auf das Thema Prävention gelegt wird.“ Erschwerend komme hinzu, dass es bei den gesundheitlichen Vorteilen des Radfahrens kein Erkenntnisproblem, sondern eher ein Umsetzungsproblem gebe.
Von politischer Seite fordert Laidler-Zettelmeyer, sich ressortübergreifend besser zu vernetzen, um weniger fragmentiert zu handeln. Es gebe zu wenig Dialog zwischen den Fachbereichen, der dann wiederum zu selten in finanziell untermauerte Handlungen umgesetzt würde.
Beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub e.V. (ADFC) hält man Gesundheit ebenfalls für eine wichtige Perspektive auf den Radverkehr und attestiert ihr Ausbaupotenzial. Die politische Geschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann ordnet ein: „Gesundheit und Mobilität gehören untrennbar zusammen – werden politisch aber noch zu selten konsequent zusammengebracht und ermöglicht. Bewegungsmangel ist ein zentrales Gesundheitsrisiko und verursacht hohe Kosten, darauf weist die WHO seit Jahren hin. Gleichzeitig fördern Krankenkassen Bewegung gezielt, und immer mehr Unternehmen und Behörden lassen sich vom ADFC als fahrradfreundlich zertifizieren, weil sie von gesünderen, motivierteren Beschäftigten profitieren.“ Was fehle, sei ein sektorübergreifender Ansatz, der Städtebau, Mobilität und Gesundheit zusammenführt. Genau hier wolle der ADFC ansetzen: „Im Oktober bringen wir mit einem internationalen Symposium zu Gesundheit und Mobilität Expertinnen und Experten zusammen, um Impulse für ein aktives, gesundes Leben in bewegungsfördernden Städten und Gemeinden zu entwickeln.“
„Die Menschen müssen im Alltag dazu befähigt werden, aktiver zu leben.“
Elena Laidler-Zettelmeyer, Zukunft Fahrrad

E-Bikes waren zuletzt ein Treiberthema für den Radverkehr. Ist Gesundheit vielleicht das nächste?
Austauschen in der Arbeitsgruppe
Politischen Austausch mit Gesundheitsbezug und im großen Stil konnte die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V. (AGFS NRW) bereits Mitte der 2010er-Jahre umsetzen. In der Arbeitsgruppe „Bewegungsaktivierende Infrastruktur“ setzten sich damals Verantwortliche aus vier nordrhein-westfälischen Ministerien, der AGFS NRW, der Sporthochschule Köln und dem Landessportbund NRW zusammen. Aus der interministeriellen Arbeitsgruppe ging die Publikation „Städte in Bewegung“ hervor, die laut Christine Fuchs, der geschäftsführenden Vorständin der AGFS NRW, noch heute hochaktuell sei. Die Besetzung der Arbeitsgruppe sei strategisch so aufgebaut gewesen, dass sich auf kommunaler Ebene die gleichen Handlungsfelder wiederfänden und so miteinander vernetzen ließen, so die Idee. „Wenn die Gesellschaft unter Bewegungsmangel leidet, sind es vor allem die Kommunen, die dem mit positiven Angeboten begegnen können“, erklärt Christine Fuchs.
Besonders auf der Ebene des Quartiers ließe sich in dieser Hinsicht einiges bewegen, so Fuchs. Zwei Pilotprojekte „Quartier in Bewegung“ folgten auch im Nachgang der interministeriellen Arbeitsgruppe in Oberhausen und Hamm auf Grundlage eines Aktionsplans des Landes. Dann schlug die Covid-19-Pandemie zu und veränderte den Fokus hin zu schnellen Umsetzungen und Lückenschlüssen im Hauptnetz.
Dennoch gelte laut Fuchs: „Gesundheit spielt in unserem Zielbild eine große Rolle. Wir verstehen Städte und Regionen als Lebens- und Bewegungsraum.“ Anfangs auf die fahrradfreundliche Stadt fokussiert, habe die AGFS heute alle aktiven Mobilitätsformen im Blick, da sich deren Interessen oft überschneiden. Sich für mehr Bewegung einzusetzen, ist ein drängendes Problem und hat Fuchs zufolge viel Potenzial als Argument für den Radverkehr.
Zuletzt hätten die veränderten Aktionsradien durch die zunehmend verbreiteten E-Bikes wichtige Impulse für den Radverkehr gesetzt. Fuchs sagt zudem: „Eine Zeit lang war Klima das Treiberthema für den Radverkehr. Das ist aber jetzt nicht mehr da.“
Nun könnte stattdessen der Bewegungsmangel dem Radfahren in die Karten spielen. Fuchs erläutert: „Wenn wir uns die Megatrends der Zukunft ansehen, ist das Klima ein wichtiges Thema. Wir sehen aber auch die Themen Gesundheit und Bewegung als Treiberthemen für uns.“ Aktive Mobilität schafft Aufenthaltsqualität, ist Fuchs überzeugt. Es sei sehr sinnvoll, Bewegung und Sport in den Alltag zu integrieren. So könnten aktive Bewegungsarten am effektivsten einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten.
„Wir haben den gesetzlichen Auftrag, Gesundheitsförderung für Betriebe anzubieten.“
Joshua Pfeiffer, IKK Classic

Im Rahmen von IKK Handkwerksrad ermöglicht die IKK Classic Betrieben, sechs Wochen lang E-Cargobikes zu testen. Für die Krankenkasse dreht sich das Vorhaben um Gesundheit, für die Betriebe sind auch andere Faktoren entscheidend.
Prävention per Lastenrad
Prävention und Radverkehr verbindet ein Projekt von Cargobike.jetzt und der IKK Classic bereits in der Praxis. Die Krankenkasse ermöglicht es Betrieben im Rahmen von „IKK Handwerksrad“, an einem Aktionstag und in einem anschließenden sechswöchigen Zeitraum E-Lastenräder im Betrieb zu testen. Maximal 21 Betriebe können jedes Jahr über einen mehrjährigen Zeitraum teilnehmen. Das Projekt wurde im vergangenen Jahr ins Rollen gebracht. Die Gesundheits-Manager der IKK Classic bauen den Kontakt zu den teilnehmenden Unternehmen auf. Cargobike.jetzt übernimmt die praktische Umsetzung vor Ort.
Wie die Krankenkasse dazu kommt, sich mit Lastenrädern in der betrieblichen Mobilität auseinanderzusetzen, erklärt Joshua Pfeiffer von der IKK Classic: „Betriebliche Gesundheitsförderungsmaßnahmen sind für uns wie für alle gesetzlichen Krankenkassen im Leitfaden Prävention festgeschrieben. Wir haben den gesetzlichen Auftrag, Gesundheitsförderung für Betriebe anzubieten.“ Der Leitfaden bestimmt, welche Art der Gesundheitsförderung die Krankenkassen betreiben sollen. In der letzten Aktualisierung kam hinzu, dass die Maßnahmen der Krankenkassen sich auch positiv auf den Klimaschutz auswirken sollen. „Genau an diese Anforderung knüpft das Projekt Handwerksrad an“, erläutert Pfeiffer.
Für die Krankenkasse ist der Projektfokus eindeutig, wie Pfeiffer sagt: „Die Gesundheit steht bei dem Projekt an erster Stelle.“ In den Betrieben sind es oft auch andere Argumente, mit denen die Cargobikes verfangen können. Pfeiffer: „Ich glaube, dass das Thema Gesundheit in den Betrieben eine Rolle spielt. Aus Sicht des Unternehmens sind aber andere Dinge wichtiger, zum Beispiel, Mitarbeiter ohne Führerschein besser einsetzen zu können.“ Lastenräder überzeugen also nicht nur, weil sie Mitarbeiter*innen in Bewegung und damit gesund halten, sondern weil sie flexibler und effizienter sind. Auch die Bedingungen vor Ort sind bedeutsam. „Das Thema Infrastruktur spielt eine supergroße Rolle und kann für Betriebe die Hürde runtersetzen, sich E-Bikes anzuschaffen“, appelliert Pfeiffer an die kommunalen Verantwortlichen.
Gesamtgesellschaftlich schätzt Pfeiffer, dass das Interesse an Gesundheit in den vergangenen Jahren eher gestiegen ist. „Ich habe das Gefühl, dass das Thema Gesundheit immer präsenter wird“, meint er. Und weiter. „Trotzdem ist es in manchen Betrieben schwierig, da Veränderungen anzustoßen.“ Das E-Bike-Projekt könne hier mitunter als Türöffner dienen und den betrieblichen Blick auf Gesundheitsthemen lenken.
Um sich positiv auf die Belegschaft auszuwirken, sei eine gute Einweisung wichtig. Im Kontakt mit den Betrieben sei zudem Feingefühl gefordert. Jedes Unternehmen stehe vor seinen eigenen Herausforderungen, denen es individuell zu begegnen gelte. Jeder und jede müsse finden können, was für sie oder ihn umsetzbar ist, so Pfeiffer.

Viele Gründe sprechen für den Radverkehr. Gesundheitliche Aspekte stehen bei der Fahrradlobby meist an zweiter Stelle.
Kommunikative Hürden
Im Themenfeld Gesundheit findet Pfeiffer zudem wichtig, richtig zu kommunizieren. Er sagt: „Es ist wichtig, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen und nicht von oben herab. Man muss wirklich positiv an das Thema herangehen und nicht mit dem Finger zeigen, sondern versuchen, mit Spaß an der Bewegung zu überzeugen.“
Elena Laidler-Zettelmeyer von Zukunft Fahrrad identifiziert ebenfalls kommunikative Herausforderungen beim Thema Gesundheit: „Meistens kommt es nicht so gut an, wenn man Menschen erzählen will, dass sie gesünder leben sollen.“ Gerade den erhobenen Zeigefinger gelte es zu vermeiden: „Das kann eine Abwehrreaktion hervorrufen.“
Ohnehin gilt für Laidler-Zettelmeyer, dass Verhältnisprävention Verhaltensprävention schlage, es also wichtiger sei, strukturelle Rahmenbedingungen anzupassen als an das persönliche Verhalten zu appellieren. Die wirksamste Förderung von Gesundheit sei es, den öffentlichen Raum umzugestalten.
Christine Fuchs plädiert ihrerseits dafür, Angebote zu schaffen, die echte Wahlfreiheit ermöglichen. Die Menschen müssen sich kommunikativ eingeladen, aber nicht gedrängt fühlen. Als Fürsprecherin des Radverkehrs hält sie es für vielversprechend, dabei auf das teils ungenutzte Potenzial gesundheitlicher Aspekte zu setzen. Vor allem sei es aber wichtig, die verschiedenen Vorteile der aktiven Mobilität miteinander zu verschneiden und so gesunde Verhältnisse in der Infrastruktur zu schaffen. „In dem Moment, wo man die Dimensionen begreift, die das Ganze hat, ist es ein Muss, in den Radverkehr zu investieren“, meint Fuchs. Wer sich für den Radverkehr einsetzt, ist also gut beraten, die Multidimensionalität des Radverkehrs weniger als Herausforderung, sondern auch als Chance zu begreifen. So ließen sich neue Mehrheiten schaffen und dem Thema Nachdruck verleihen, sagt Christine Fuchs. Einen konkreten Hebel im Gesundheitssektor haben sowohl Fuchs als auch Laidler-Zettelmeyer identifiziert. Das Präventionsgesetz im Sozialgesetzbuch ließe sich theoretisch nutzen, um Infrastruktur für die aktive Mobilität zu finanzieren. Ob sich hierfür die passenden Mehrheiten finden, können die diversen Fürsprecherinnen des Fahrrads sicher mitbeeinflussen. Ob sich die gesundheitlichen Vorzüge des Radfahrens dabei als Treiberthema erweisen werden, wird die Zeit zeigen.
Bilder: www.orbea.com – pd-f, AGFS NRW, IKK classic – Rüterbories Sicherheitsanlagen GmbH, www.winora.com – pd-f, www.isy.de – pd-f

www.orbea.com – pd-f
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Henri Lesewitz



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